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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Klassisches aus Kanada
  2. 2 Moon 641: Hörtest und Vergleiche

Vollverstärker oder Vor-End-Kombi? Diese Diskussion wurde und wird in HiFi-Kreisen immer wieder geführt. Lange Zeit war es vor allem eine Frage des Geldes. Ab einer gewissen Grenze wurde das Angebot an Vollverstärkern dünner und das an Vor- und Endverstärkern größer. Mittlerweile bewegen sich die Top-Vollverstärker der Premiummarken aber in Regionen, in denen man auch eine Vorstufe und eine Stereo-Endstufe – oder sogar Monos – bekommt. Das gilt auch für den Vollverstärker Moon 641 aus der North Collection des kanadischen Unternehmens Simaudio, für den der deutsche Vertrieb Dynaudio Germany 12.500 Euro verlangt (Web: https://simaudio.com/de/).

Die „North Collection“ ist die neue Spitzenserie der Kanadier und der Moon 641 stellt aktuell die günstigste Komponente dieser Linie dar. Für etwa das gleiche Geld bekommt man bei Moon alternativ die Endstufe 400M und den Netzwerk-Player/Vorverstärker 390 der „normalen“ Serie. Selbstverständlich bietet Moon auch in der North Collection eine solche Kombination an – für die zusammen dann aber schnell mal 40.000 Euro fällig werden können.

Der Vollverstärker Moon 641 aus der „North Collection“

Der aus der neuen Top-Linie „North Collection“ der Kanadier stammende Moon 641 ist ein klassisch aufgebauter Hochpegel-Vollverstärker. Das bedeutet natürlich auch: Digitale Signale und Phono bleiben außen vor

Auch wenn es mir in den Fingern juckt, gehe ich hier nicht weiter auf die Diskussion Vollverstärker vs. Vorstufe/Endstufe ein. Letzten Endes sollte vor allem der Klang und nicht die Technik den Ausschlag geben, für was man sich entscheidet. Daneben spielen natürlich noch die Ausstattung und die Aufstellmöglichkeiten beziehungsweise der vorhandene Platz eine Rolle. Meine persönliche HiFi-Geschichte ist hinsichtlich Vollverstärker und Vor-End-Kombinationen sehr wechselhaft. Ich hatte Integrierte, Vor-End-Kombis und auch mal einen Vorverstärker und Mono-Endstufen. Zuletzt habe ich eine Vor-End-Kombination (EAR Yoshino 868L/Bryston 4B³) wieder gegen einen Vollverstärker, den Audio Analogue ABsolute S getauscht.

Doch zurück zum Thema. Bei der Beschäftigung mit dem Moon 641 ist mir aufgefallen, dass wir hier bei fairaudio schon eine ganze Reihe von Moon-Verstärkern getestet haben. Zu nennen sind zum Beispiel der Moon 700i v2 oder der Moon Neo 240i, der Moon Neo ACE (ein „All-In-One“ Gerät: Vollverstärker mit Phono-Pre, Streaming-DAC und Kopfhörerverstärker) oder die Vor-End-Kombi Moon Evolution 740P und 760A. Offenbar haben die Kanadier ihre Produktpalette mit der Einführung der North Collection aber ein wenig gestrafft – der Vollverstärker 700i v2 sowie die Vor-End-Kombi Evolution 740P und 760A finden sich auf der Moon-Webseite jedenfalls nicht mehr.

Drehregler des Moon 641 zur Navigation im Systemmenü und zur Lautstärkeregelung

Der Drehregler des Moon 641 dient zur Navigation im Systemmenü und natürlich zur Lautstärkeregelung

Wie mittlerweile weit verbreitet, erfolgt die komplette Steuerung des 641 Mikroprozessor-kontrolliert, zur Bedienung stehen ein Display (4,3-Zoll-OLED) und einige Tasten sowie ein Drehknopf zur Verfügung. So sehr ich mich über den klassischen Drehregler zur Lautstärkesteuerung beziehungsweise zum Navigieren in den Einstellungsmenüs freue – was die Haptik angeht, könnte Moon durchaus noch etwas von einem Hersteller wie AVM lernen, der schon mit dem Ovation 6.2 zeigte, wie man mit schweren, aus dem Vollen gedrehten Knöpfen, die auf kugelgelagerten Achsen sitzen, für ein sehr wertiges Anfassgefühl sorgt. Aber gut, das ist wahrscheinlich mein ganz persönlicher Fetisch.

Die Moon-Fernbedienung BRM-1 auf der Sofalehne

Fernbedienung einmal anders: Der BRM-1 genannte Geber verbindet sich via Bluetooth mit dem Moon 641 – und erlaubt die Pegelregelung über seinen äußeren Drehring

Quasi zum Ausgleich legt Moon dem 641 die BRM-1 genannte Fernbedienung bei, die über einen schönen Drehring zur Lautstärkeregelung und ein eigenes Display verfügt und die ganz nebenbei noch die Grundfunktionen eines Steamers (Start/Stopp, Titelsprung) steuern kann. Dank „MOONLink“ können nämlich auch Quellgeräte, etwa der Netzwerkspieler und DAC Moon 681, mit dem schicken Geber fernbedient werden, ein MOONLink-Verbindungskabel liegt dem 641 deshalb gleich bei. Den Drehring zur Lautstärkeregelung empfinde ich als viel angenehmer als die verbreiteten „+“ und „-“ Tasten. Das gute Stück verbindet sich übrigens per Bluetooth mit dem Verstärker und wird per USB-Ladekabel geladen. So geht Fernbedienung heute.

Die Fernbedienung BRM-1 von Moon

Die Fernbedienung BRM-1 ermöglicht auch die Steuerung eines Moon-Streamers

Die elektronische Steuerung des Moon 641 lässt diverse individuelle Anpassungen zu. So finde ich, dass der Sprung von „0“ (stumm) auf „1“ (leiseste Stufe) der Lautstärkeregelung recht groß ist. Da ich auch gerne leise höre, fände ich eine feinfühligere Abstufung im unteren Regelbereich gut. Kein Problem, in den Tiefen des Systemmenüs lässt sich der Offset für jeden Eingang einzeln regeln. So kann man nicht nur unterschiedliche Quellen auf den gleichen Pegel bringen, sondern das Lautstärkeniveau so weit absenken, dass die erste Stufe kleiner ausfällt. Die Standard-Lautstärke beim Einschalten des Amps ist auf „30“ voreingestellt. Das empfinde ich als vergleichsweise laut. Und auch hier kann man im Menüpunkt „power on volume” einen individuellen Wert einstellen.

Blick ins Innere des Moon 641

Der Moon 641 besitzt einen klassischen Doppelmonoaufbau und so auch kanalgetrennte Ringkerntrafos

Die eigentliche Verstärkerschaltung, hier MDCA – MOON Distortion-Cancelling Amplifier – genannt, beruht auf dem klassischen Class-AB-Prinzip. Das Ganze ist in Doppelmono aufgebaut und für 125 Watt an 8 Ohm und 250 Watt an 4 Ohm gut. Dass sich die Leistung bei halber Impedanz verdoppelt, gilt im Allgemeinen als Hinweis auf eine sehr stabile, strompotente Auslegung des Verstärkers. Für „aufregend“ und „neueste Technik“ hätte ich allerdings eher ein modernes, stromsparendes Class-D-Konzept oder Ähnliches gehalten. So bleibt es bei einem konventionellen AB-Design. Ok, das schreibt ein Autor, der sich kürzlich einen Class-A-Boliden gekauft hat, also einen Verstärker mit einer „uralten“ Schaltung, die den kontinuierlich an den Transistoren anliegenden Strom hauptsächlich in Wärme umwandelt. Und meine Erfahrung mit kanadischen Verstärkern – etwa der Stereoendstufe Bryston 4B³, mit der ich lange Musik gehört habe oder dem Vollverstärker Magnum Dynalab MD-301A, der mich seinerzeit im Test extrem begeistert hat – sagt mir, dass vermeintlich konventionelle Technik hervorragende Ergebnisse erzielen kann.

Die Siebkondensatoren im Moon 641

Blick auf die Siebkondensatoren im Moon 641

Doch zurück zum Moon 641. Das Thema Anschlüsse ist schnell erledigt, denn der Moon ist ein reinrassiger Hochpegel-Verstärker: Es geht viermal asymmetrisch per Cinch und einmal symmetrisch per XLR hinein, hinaus führen Anschlüsse für ein Paar Lautsprecher sowie einmal Line-Out per Cinch; man kann per Setup wählen, ob das Signal auf Line-Level ausgeben wird, etwa um einen Kopfhörerverstärker oder ein Aufnahmegerät anzuschließen, oder lautstärkegeregelt, was beispielsweise zum Ansteuern eines aktiven Subwoofers sinnvoll ist. Ansonsten finden sich auf der Rückseite noch die Anschlüsse für die erwähnte MOONLink-Schnittstelle, der Netzanschluss und der Netzschalter.

Der Moon 641 besitzt fünf Hochpegeleingängen (Cinch und XLR)

Der Moon 641 ist mit fünf Hochpegeleingängen ausgestattet, viermal Cinch, einmal XLR

Moon 641: Hörtest und Vergleiche

Klanglich habe ich jede Menge Spaß mit dem Moon 641. Der fängt – wo sonst? – im Bass an, denn hier gibt der Kanadier den absoluten Musterknaben. Er klingt extrem straff und kontrolliert. Die Kombination mit meinen Lautsprechern Divine Acoustics Bellatrix, die erstaunlich tief und bei entsprechender Ansteuerung auch hervorragend kontrolliert spielen können, passt perfekt.

Untere Lagen

Alison Goldfrapp Black CherryDie unteren Lagen in Alison Goldfrapps „Crystaline Green“ (vom Album Black Cherry) kommen markant zum Tragen, nicht zuletzt, weil sich in den unteren Mitten vergleichsweise wenig abspielt. Was die Synthies hier veranstalten, ist ziemlich cool. Das ganze Stück wirkt aber auch nur, wenn es seinen mächtigen, tiefen Beat voll ausspielen kann – und das klappt über den Moon 641 perfekt. Selbst das tiefe Grollen, das sich unter die Beats mischt, kommt absolut auf den Punkt. Es wirkt böse und mächtig, von undifferenziertem Grummeln ist da keine Spur und die knackigeren Beats bleiben davon völlig unberührt. Das trennt der 641 nämlich sehr, sehr sauber.

Patricia Barber Companion„Black Magic Woman“ in der Interpretation von Patricia Barber (Album: Companion) ist jetzt nicht das übliche Hörbeispiel für ultratiefe Bässe. Den überwiegenden Teil des Stückes dominiert die Stimme Barbers sowie ihr Spiel auf Klavier oder – wie ich finde noch spannender – auf der Hammond B3. Bass und Schlagzeug drängen sich selten in den Vordergrund, haben aber ihre Solo-Passagen. Wobei ich die Soli, so beeindruckend sie sind, weniger interessant finde als die Tatsache, wie die Instrumente im Hintergrund agieren: Wenn man den Fokus beim Hören darauf ausrichtet, ist es einfach nur faszinierend, wie perfekt das Zusammenspiel funktioniert.

Blick auf den Mon 61 von rechts-oben

Das Logo trägt der Moon 641 auf dem Gehäusedeckel

Selbst wenn ich sämtliche Verstärker, die ich bis dato hören durfte, Revue passieren lasse, muss ich ganz klar sagen, dass der 641 in Sachen Bass eine Ausnahmestellung einnimmt. Diese Kontrolle hatte weder meine Stereoendstufe Bryston 4B³ (seinerzeit um 6.600 Euro), noch der Vollverstärker AVM Ovation A 6.2 (aktuell: A 6.3, 11.490 Euro), der in ganz vielen Punkten den Musterknaben gegeben hat. Der Endverstärker SPL Perfomer S1200 (6.499 Euro) liegt vielleicht auf einem ähnlichen Niveau und schiebt ein ganz kleines bisschen mehr. Leistungsmäßig macht der Moon 641, zumindest unter meinen Hörbedingungen, nie den Eindruck, an irgendwelche Grenzen zu stoßen.

Spannend ist der Vergleich mit meinem doppelt so teuren Audio Analogue ABsolute, denn der Moon 641 zeigt sich in Sachen Tieftonwiedergabe ebenbürtig – so lange der Italiener im Class-AB-Modus läuft. Im stromfressenden Class-A-Betrieb legt der ABsolute allerdings noch mal einen drauf. Ohne kräftiger – im Sinne von tonal lauter – zu wirken, scheinen tiefe Töne doch mehr Energie zu haben. Gleichzeitig klingt der Bassbereich noch etwas selbstverständlicher, griffiger. Aber gut, es wäre auch fragwürdig, wenn sich das Mehr an Geld und Stromverbrauch nicht in einem Mehr an Klang niederschlagen würde. Doch wenn ich dieses Mehr, das der ABsolute bietet, nicht kennen würde – ich wäre mit dem Moon 641 in Sachen Bass auf der Insel der Glückseligen angelangt.

Oben links: Audio Analogue ABsolute - recht daneben: Moon 641

Der Audio Analogue ABsolute (links oben) baut dann doch noch mal um einiges größer als der Moon 641

Mittelton & Auflösung

Von ganz unten kommend Richtung Mitten fällt auf, dass der Moon 641 auch hier keinerlei Sperenzchen veranstaltet. Ein kleines Oberbassbäuchlein, damit Kickbässe besonders knackig knallen? Nein. Ein Schuss Grundtonwärme, damit Stimmen schöner klingen? Fehlanzeige. Der Kanadier gibt sich tonal extrem sauber und aufgeräumt. Was alles andere als langweilig ist, weil er diese Neutralität mit einer exzellenten Auflösung und einem spitzenmäßigen feindynamischen Differenzierungsvermögen verbindet. Was der Moon 641 einem über die Musik, die Instrumente, die Einzelheiten jeder Stimme vermittelt, ist so spannend und aufregend, dass es keine tonalen Tricks braucht, um die Musik künstlich zu inszenierten – obwohl die strenge Neutralität gepaart mit den hohen Analysefähigkeiten durchaus schon mal kühl/nüchtern wirken kann. Doch die klare Auflösung sorgt auf einer anderen Ebene auch für Nähe: Beim Hören bin ich ungewöhnlich dicht am Geschehen – das meine ich jetzt nicht in räumlicher Hinsicht, sondern in dem Sinne, dass ich einfach alle Details präsentiert bekomme. Das schafft eine ganz eigene Intimität.

Kandace Springs The Women Who Raise MeZum Chillen höre ich gerne mal smoothen Jazz. Das Ganze darf aber bitte nicht langweilig oder weichgespült klingen. Damit ich entspannt in Musik versinken kann, möchte ich schon etwas geboten bekommen. Gerne höre ich die Stimme einer guten Sängerin. In diesem Fall Kandace Springs und ihr Album The Women Who Raise Me – eine Reminiszenz an große Vorbilder, die sie beeinflusst haben: Carmen McRae, Roberta Flack, Sade oder Lauryn Hill. Dieses Album ist wie gemacht, um darin zu versinken. Ganz klassisch und konventionell komponiert und instrumentiert, nutzt Frau Springs ihre beachtlichen stimmlichen Ausdruckmöglichkeiten, um den interpretatorischen Spielraum zu gestalten. Der Moon 641 lässt mich die feinsten Details hören, lässt eine intime Stimmung aufkommen, vermittelt, dass Frau Springs alles gibt, um ihren großen Vorbildern gerecht zu werden und zu beweisen, dass sie gelernt hat, dass sie mit ihnen in einer Liga spielt. Das funktioniert über den Moon richtig, richtig gut.

Die Divine Acoustics Bellatrix (rechts im Bild) und der Moon 641 (links auf dem Rack)

Die Divine Acoustics Bellatrix (rechts im Bild) harmonierte sehr gut mit dem Moon 641

Hochton

Es ist kaum verwunderlich, dass der Moon 641 diese Kombination aus tonaler Neutralität und extrem guter Auflösung auch im Hochton fortsetzt. Und ja, bei schlechten Aufnahmen klingt das zuweilen ungemütlich, in den allermeisten Fällen aber vor allem eines: richtig. Klangfarben bildet der kanadische Amp präzise ab, „bunt ausmalen“ tut er aber nichts. Mein Audio Analogue gibt sich da im Class-A-Modus einen Hauch romantischer, was ich durchaus goutiere. Ich bin aber auch ein Hörer, der sich gerne mal ein wenig von Röhrensound verwöhnen lässt, so lange dabei nichts von der musikalischen Aussage verfälscht wird. Der 641 hingegen ist der perfekte Verstärker für Realisten, weniger für Romantiker.

Moon 641 von links-oben

Bühnenbau

Was die räumliche Abbildung betrifft, bildet der Moon 641 für mein Hörempfinden eine Nuance größer als Normalnull ab. Das ist absolut ok, weil ich den Eindruck habe, dass einfach die ganze Bühne ein wenig nach vorne kommt. Sie beginnt ein Stück, vielleicht einen halben bis ganzen Meter, vor der Grundlinie der Lautsprecher. Die Musik löst sich vollkommen von den Lautsprechern, das akustische Geschehen wird scharf und sehr konkret abgebildet – genau so ist das richtig. Wobei mein (zur Wiederholung: deutlich teurerer) Audio Analogue es schafft, noch eine Nuance plastischer abzubilden. Was die wahre Lehre ist beziehungsweise ob der ABsolute sich selbst noch ein Stück einbringt, vermag ich nicht ganz genau zu beurteilen. Ein wenig kommt es auch auf die Aufnahme an. Einzelne Stimmen wirken über den Italiener etwas konkreter, bei großem Orchester gefällt mir das klar strukturierte Panorama, das der Moon vor mir ausbreitet, ein wenig besser.

Billboard
Stack Audio

Test: Moon 641 | Vollverstärker

  1. 1 Klassisches aus Kanada
  2. 2 Moon 641: Hörtest und Vergleiche

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