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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Kraft + Ruhe
  2. 2 McIntosh MA8900 AC: Klangtest & Vergleiche

Frage: Woran merkt man, dass man(n) alt wird? A: Es wachsen Haare aus den Ohren. B: Frühmorgendliches Erwachen (senile Bettflucht). Oder C: Man wünscht sich einen Gabelstapler, um einen 34-Kilo-Vollverstärker auf die höchste Ebene des Racks zu wuchten. Alle Antworten sind richtig. Bleiben wir bei Antwort C, schließlich geht es hier nicht um Wechseljahre, sondern um HiFi. Schweres HiFi. Die Bandscheibe knirscht, als der McIntosh MA8900 AC (9.780 Euro | https://www.audio-components.de) endlich im Rack steht. Ach was: thront!

McIntosh-Verstärker sind die Harley Davidsons der High-End-Welt – massiv, amerikanisch, nicht zu übersehen. Nicht jeder mag sie, aber viele lieben sie. Das fängt schon bei den traditionell hellblauen Augen und dem leuchtend grünen McIntosh-Schriftzug an, sobald der MA8900 an der Steckdose nuckelt. Nicht nur im dunklen Raum versprüht das unheimlichen Charme. Der deutsche Vertrieb – Applaus! – legt dem Vollverstärker ein Shunyata-Netzkabel bei, schließlich trinkt man Whisky ja auch nicht aus Babyfläschchen. Das „AC“ in der Typenbezeichnung steht übrigens für Audio Components, den deutschen Vertrieb. Er gewährt auf McIntosh-Produkte, die bei deutschen Händlern gekauft wurden, fünf Jahre Sondergarantie.

McIntosh MA8900 AC von Audio Components

Das „AC“ steht Audio Components: Der deutsche Vertrieb gewährt fünf Jahre Garantie

Lange galt der McIntosh MA8900 AC (Preisschild: 9.780 Euro) hinter dem MA9000 AC (locker fünfstellig: 12.980 Euro) als zweitgrößter Vollverstärker der Amis, doch mittlerweile hat der Traditionshersteller aus Binghamton, New York, eine noch stärkere Kiste auf den Markt gewuchtet: den MA12000 AC für kleinwagenverdächtige 17.950 Euro. Letzterer wiegt dann 49 Kilogramm. Eine Sache haben sie alle gemeinsam: Sie sind riesig und brauchen ein entsprechend stabiles und großes Rack. Der MA8900 AC kommt auf Abmessungen von 44,5 cm (Breite) x 19,4 cm (Höhe) und 47,6 cm (Tiefe). Vor allem der letzte Wert bringt viele Racks in Bedrängnis, zumal die Tiefe mit angeschlossenen Kabeln noch mal deutlich zulegt. Klar: Rennpferde und Sportwagen brauchen halt viel Auslauf.

Ausstattung de luxe

McIntosh MA8900 AC Vollverstärker vor Display

Die Verarbeitung des Boliden ist makellos und erfreut Auge und Tastsinn. Das Ganze wirkt so massiv und solide, dass man meint, dieser Verstärker könnte auch einen Atomkrieg oder eine Helene-Fischer-CD überleben. Die Schalter und Drehknöpfe laufen rund und klacken fein, wenn man sie bedient – das war früher bei den McIntosh-Drehknöpfen nicht immer der Fall, die gerne mal eierten. In puncto Leistung hat der MA8900 AC gegenüber seinen größeren Brüdern mit seinen 200 Watt an zwei, vier und acht Ohm das Nachsehen. Aber was heißt schon Nachsehen: Der Verstärker besitzt die für McIntosh typischen Autoformer, die seit über 60 Jahren eine perfekte Anpassung an die komplexen Lasten der Lautsprecher ermöglichen. Die Autoformer bei Transistor-Verstärkern zählen zu den Eigenarten von Mcintosh, da diese normalerweise nur bei Röhren-Amps zum Einsatz kommen. Sie befinden sich zwischen Lautsprecher und Endstufen-Transistoren, was dazu führt, dass Letztere von der Boxenlast entkoppelt werden.

Der Verstärker bietet auf der Rückseite folglich verschiedene Buchsen für Lautsprecherkabel: Während nur je ein Massepol bereitsteht, wählt der Besitzer beim heißen Pol zwischen der Zwei-, Vier- oder Acht-Ohm-Anzapfung. Acht-Ohm-Exemplare erhalten die nötige Spannung, Vier-Ohm-Modelle genügend Strom, während selbst Zwei-Ohm-Boxen ohne Einknicken des Amps laufen. In der Praxis ist bei jedem Schallwandler Ausprobieren gefragt, im Fall der Martin Logan Impression ESL 11A klingt die Acht-Ohm-Variante am besten, auch wenn manche Händler hier eher die Vier-Ohm-Anzapfung empfehlen.

McIntosh MA8900 AC: 2-, 4- und 8-Ohm-Abgriff

Der McIntosh MA8900 AC besitzt Zwei-, Vier- und Acht-Ohm-Abgriffe für den Lautsprecheranschluss

Zur Ausstattung: Der Amerikaner verfügt über einen integrierten D/A-Wandler, der zwei optische, zwei koaxiale und eine USB-B-Schnittstelle für den Anschluss von Notebooks/Desktop-PCs besitzt. Hinzu kommt noch die firmeneigene MCT-Buchse für hochaufgelöste Digitalsignale von McIntosh-Laufwerken. Auch sein Vorgänger, der MA7900 AC, besaß eine eingebaute Wandlersektion – mit dem Unterschied, dass diese fest eingebaut war. Denn der McIntosh MA8900 AC bietet die Möglichkeit, das Digitalmodul auf der Rückseite vom Händler austauschen zu lassen, falls beispielsweise ein Defekt vorliegt oder ein neues, fortschrittlicheres Digitalmodul verfügbar ist. Letzteres geschah tatsächlich vor einem Jahr: McIntosh bietet seitdem ein überarbeitetes Modul namens DA2 an, das sich Besitzer des Vollverstärkers nachträglich oder auch schon beim Kauf für einen Preis von 1.275 Euro einbauen lassen können. Im Vergleich zum DA1 verfügt es über eine HDMI-Schnittstelle mit Audio Return Channel (ARC), was TV- und Heimkino-Fans freut. Auch bei der DSD-Wiedergabe tut sich was: Statt „nur“ DSD256 sind jetzt DSD512 drin. Dumm nur, dass es immer noch so wenig DSD-Material zu kaufen gibt.

Insgesamt, so der deutsche Vertrieb Audio Components, soll der neue Wandler-Chip weniger harmonische Verzerrungen und einen höheren Dynamikumfang produzieren. Serienmäßig besitzt der McIntosh MA8900 AC ab Werk immer das DA1-Modul. Das DA2-Upgrade kostet also noch mal extra und muss von einem autorisierten McIntosh-Händler oder einer McIntosh-Serviceagentur installiert werden. Auch die Vollverstärker MA9000, MA7200 und MA5300 können auf diese Weise hochgerüstet werden, während die beiden McIntosh-Vorverstärker C53 und C2700 das Upgrade bereits ab Werk besitzen.

McIntosh MA8900 AC Regler auf der Front

Die fünf Klangregler auf der Vorderseite McIntosh MA8900 AC sind deaktivierbar

Beim Anblick der fünf Klangregler auf der Vorderseite, die bei 30, 125, 500, 2000 und 10000 Hertz ansetzen, müssen High-End-Puristen stark sein: Klangbeeinflussung, igitt! Wer jedoch beispielsweise oft alte, grell und fast bassfrei aufgenommene Rockmusik hört, freut sich über die Möglichkeiten, den Klang zu beeinflussen und schlecht aufgenommene, blutleere Musik ein klein wenig erträglicher zu machen. Und darum geht es ja: Um Freude an der Musik und am Tüfteln – und nicht um eine starre Weltanschauung. Ach ja: Die Klangregelung lässt sich mithilfe der „Equalizer“-Taste auch komplett aus dem Signalweg nehmen. Neben sechs analogen Cinch-Eingängen besitzt der Whopper auch noch eine XLR-Option sowie zwei Phono-Andockmöglichkeiten (MC und MM).

Darüber hinaus sitzt noch eine mehr als brauchbare 6,35-mm-Kopfhörerklinkenbuchse auf der Vorderseite mit „Headphone Crossfeed Director“-Schaltung (HDX). Diese soll bewirken, dass die Wiedergabe über Kopfhörer mehr an Lautsprecher erinnert, also mehr Räumlichkeit und Tiefenstaffelung bietet. Bei aktivierter HDX-Funktion klingt es tatsächlich etwas distanzierter und leiser, der Sound kommt eher von vorne als von der Seite, wirkt aber auch leicht dumpfer als bei der klassischen Kopfhörerwiedergabe. Geschmackssache also, hilfreich ist aber auf jeden Fall die Möglichkeit, die Wiedergabe im Handumdrehen durch den Fünf-Band-Equalizer beeinflussen zu können. Insgesamt klingt die Kopfhörersektion des McIntosh MA8900 AC überraschend gut und druckvoll – wer nicht jeden Tag superteure Kopfhörer auf dem edlen Haupt trägt, kann sich die Anschaffung eines zusätzlichen Kopfhörerverstärkers also sparen.

McIntosh MA8900 AC Rückseite mit Anschlüssen

Die Rückseite des McIntosh MA8900 AC

Taucht man etwas tiefer ins Menü des MA8900 AC ein, stechen viele tolle Einstellparameter ins Auge. Zum Beispiel die Option, den Eingangspegel jedes Anschlusses separat leiser oder lauter zu justieren. So lassen sich krasse Pegelunterschiede bei unterschiedlichen Quellen wie zum Beispiel Plattenspieler und CD-Player verhindern. Zudem kann der stolze Besitzer die Namen der Eingänge, die im Display angezeigt werden, beliebig verändern. Auch die ikonischen blauen Augen lassen sich auf Wunsch ausschalten, während sich das Display heller oder dunkler schalten lässt. Nur der grüne Schriftzug lässt sich nicht deaktivieren.

Ein paar Worte noch zur Fernbedienung: McIntosh hat die pummelige, mit ihrem weichen Gummi immer leicht klebrig wirkende Fernbedienung, die noch dem Vorgängermodell und anderen Geräten beilag, endlich, endlich in Rente geschickt. Die neue, schön schlanke Fernbedienung verdient diesen Namen schon eher, liegt gut in der Hand und sieht mit ihrem Rahmen aus Chrom edel aus.

Die Fernbedienung des McIntosh MA8900 AC

Die Fernbedienung des McIntosh MA8900 AC fällt im Vergleich zum Vorgängermodell hochwertiger aus

Und noch etwas: Neubesitzer sollten unbedingt die kurzen Brücken zwischen der Vor- und Endstufen-Sektion durch kurze, hochwertige Cinch-Jumper ersetzen – das verbessert den Klang teilweise deutlich. Kann losgehen.

McIntosh MA8900 AC: Klangtest & Vergleiche

Gentlemen, start you engines!

Rival Sons Feral RootsKramen wir mal in der Musiksammlung auf dem Musikserver (NAD M50.2), der per koaxialer Digitalstrippe am Wandler des Verstärkers andockt. Lassen wir die Stromgitarren ran, zum Beispiel beim überragenden Rival-Sons-Album Feral Roots (2019) (auf Amazon anhören), das vom sechsfachen Grammy-Award-Gewinner Dave Cobb auch noch extrem gut produziert wurde. Die Eröffnungsnummer „Do Your Worst“ entwickelt mit ihrem massiven Schlagzeug einen Monstergroove, dem sich höchstens Verstorbene entziehen können. Ein schlaffer oder zurückhaltend abgestimmter Verstärker nimmt dem Stück den Drive, ein guter schwappt den Groove hingegen authentisch in den Hörraum. Und ja, der Mcintosh hat’s drauf: Die Füße wippen mit, und selbst die Frau Gemahlin ein Stockwerk weiter unten nickt anerkennend mit. Man sieht die Band breitbeinig in Rock-’n’-Roll-Posen vor sich auf der Bühne stehen, während Schweiß von der Decke tropft. Gleich mal ein Quercheck, um die analogen Eingänge mit den digitalen zu vergleichen. Das gleiche Stück über den McIntosh-CD-Player MCD301: Gibt es Unterschiede? Ja, kleine. Per Disc klingt es minimal heller und energischer, über den Server und den Wandler des Verstärkers etwas runder und flüssiger. Geschmackssache.

Großzügiges Bühnenbild

McIntosh MA8900 AC Vorderseite von oben

Dabei fällt die enorme Bühnenbreite des Amerikaners auf, die sich – abhängig von der jeweiligen Aufnahme – auch mal links und rechts über die Schallwandler hinaus erstrecken kann. Die einzelnen Instrumente sind klar voneinander abgegrenzt, wie man es in der 10.000-Euro-Klasse erwarten kann. Sie stechen aber nicht unangenehm aus dem Klangbild hervor, wie es mitunter bei sehr analytischen Verstärkerkollegen vorkommen kann. Der McIntosh MA8900 AC behält immer das Große und Ganze im Blick und versteht sich als Vermittler – und nicht als Scharfmacher. Seine Tiefenstaffelung hat allerdings noch Raum nach hinten. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich bei ihm das Geschehen immer ein Stückchen vor der Lautsprecherbasislinie abspielt. Das fördert einerseits den direkten In-your-Face-Klangeindruck und vermittelt Nähe, erweckt andererseits aber auch den Eindruck von etwas wenig Bühnentiefe.

Mit Blues-, Classic- und Hard-Rock kommt der McIntosh MA8900 AC sehr gut klar, wie wir bei den Rivals Sons gesehen haben. Aber wie sieht es mit komplett anderer Musik aus? Da kommt das brandneue London-Grammar-Album Californian Soil gerade recht. Die Briten fanden bereits bei ihrem Debüt „If You Wait“ (2013) ihre Nische mit dem sparsam instrumentiertem Indie-Pop und der elfenhaften Stimme von Hannah Reid, die stets im Mittelpunkt steht. Bei „Missing“, einem neuen Stück, steht Reids Organ greifbar und kristallklar im Raum, sie schwebt förmlich im Raum, und das gilt auch für das folgende „Lose Your Head“. Wenn es die Aufnahme erlaubt, bildet unser Testkandidat das Geschehen herrlich dreidimensional und greifbar ab – alles hat seinen Platz, alles lässt sich orten. Das fällt bei krawalliger Rockmusik naturgemäß schwerer, sofern wir nicht von den Prog-Rockern Tool und ihren exzellent produzierten Alben sprechen.

McIntosh MA8900 AC im Rack von oben

Versuchen wir’s noch mit etwas Reduziertem, etwa von Johnny Cash. Dessen bis heute nachhallende, bis auf die Knochen reduzierte Coverversion der Nine-Inch-Nails-Hymne „Hurt“ sorgt noch immer für einen Kloß im Hals. Hier stehen die brüchige Stimme von Cash und seine ächzende Akustikgitarre samt Umgreifgeräuschen unmittelbar im Raum – es wirkt fast so, als würde der alte Herr dem Hörer die Geschichte direkt ins Gesicht klagen. Das liegt natürlich auch an den Martin Logan Impression ESL 11A, die für ihre ausgeprägte Räumlichkeit und Direktheit bekannt sind. Aber auch der Mcintosh MA8900 AC hat seinen Anteil an dieser enormen Plastizität.

Erbsen zählen?

Ein paar Worte zur Detailauflösung: Es gibt in der 10.000-Euro-Liga Boliden, die noch stärker ins Detail gehen, ja. Das merkt man zum Beispiel beim angesprochenen „Hurt“, bei dem die Giarrensaiten auch mal schnalzen und knarzen, wenn sich Cash leicht vertan hat. Ein Detail wie dieses arbeitet beispielsweise ein Devialet 400, der längere Zeit im Hörraum des Autors stand, noch einen Hauch deutlicher heraus. Mangelt es dem Amerikaner deshalb an Auflösung? Nein, sie entspricht dem, was man in dieser Preisklasse erwarten darf – freilich mit ein bisschen Luft nach oben. Aber vergessen wir nicht: Dieser Verstärker ist ein Teamplayer, der zusammenführen und nicht spalten möchte. Anders ausgedrückt: Nüchterne Chefanalytiker mit Hang zum extremen Erbsenzählen schauen sich lieber bei anderen Marken um.

Voll da im Oberstübchen

McIntosh MA8900 AC mit aktivierten Displays

Womit wir auch schon beim Hochton angekommen sind: Die Höhen sind voll da, ohne zu aufdringlich zu wirken. Man könnte auch sagen: Dieser Vollverstärker präsentiert sich im Hochton einen Hauch gnädiger als manche Konkurrenzen in seiner Preisklasse, ohne jede Spur von Schärfe. Andererseits hat man nie das Gefühl, dass etwas fehlen könnte. Von Muffigkeit oder Passivität obenrum kann keine Rede sein, erst recht nicht bei Stimmen.

Sibilanten, also Zischlaute, die in den mittleren und oberen Höhen gerne mal vorkommen, nimmt das menschliche Gehör als besonders unangenehm und stechend wahr. Verstärker, die hier über das Ziel hinausschießen, werden als schrill und ermüdend empfunden – die Langzeittauglichkeit leidet, die Hörsession findet früher ihr Ende. Mit dem McIntosh MA8900 AC kann das nicht passieren: Die Seidig- und Geschmeidigkeit dieses Geräts lädt zum Verweilen ein, gerne auch mal bis nach Mitternacht mit einem Bierchen oder Glas Wein in der Hand. Okay, am nach Bierbüchse und Schrottplatz klingenden Metallica-Album St. Anger (2003) kann auch dieser Verstärker nichts retten, denn hier war es offensichtlich Absicht, dass Blut aus den Ohren fließt. Handelt es sich hingegen um einigermaßen konventionell produzierte Musik mit etwas viel Hochtonenergie, nimmt der Amp etwas Schärfe raus – auf Wunsch auch zusätzlich mithilfe des Equalizers. In Kombination mit der Martin Logan Impression 11A stellt sich im Hochton eine herrliche Luftig- und Leichtigkeit ein, die jeder HiFi-Fan mal erlebt haben sollte. Das gilt auch für extreme Pegel: Selbst bei Konzertlautstärke wirkt der McIntosh MA8900 AC mit seinem großen Hubraum niemals dünn, spitz oder gepresst.

Die goldene(n) Mitte(n)

McIntosh MA8900 AC von der Seite im Rack

Das liegt auch an der Darstellung der Mitten, die in ihrer Gesamtheit organisch und schön fett rüberkommen. Das Adjektiv „erdig“ trifft es vermutlich am besten. Anders formuliert: Dieser Verstärker legt einen Hauch mehr Wert auf die Mitten als auf die Höhen. Gerade die unteren Mitten, also der Bereich zwischen 150 und 400 Hertz, spielen eine entscheidende Rolle, ob der Klang als eher füllig und warm wahrgenommen wird oder nicht. Und hier langt der Prachtkerl aus den Staaten kräftig zu: Die melodischen Punkrock-Attacken des neuen The-Offspring-Albums Let The Bad Times Roll (erstes Lebenszeichen seit dem 2012er-Werk Days Go By) wirken voll, satt und irgendwie völlig richtig. Wie ein Harley-Auspuff, der dir angenehm blubbernd die Waden massiert, um im eingangs gewählten Bild zu bleiben. Man könnte auch sagen: Während die mittleren und oberen Mitten eher neutral rüberkommen, legt der McIntosh MA8900 AC im unteren Bereich eine Schippe drauf.

Finster wie die Nacht

Anna von Hausswolff CeremonyWomit wir auch schon beim Bass sind: Was macht der Dicke beispielsweise mit Orgelmusik, die richtig tief in den Frequenzkeller steigt? Hervorragend dafür geeignet: Anna von Hausswolff. Die Schwedin erfreut sich vor allem in der Gothic-Szene großer Beliebtheit, lotet sie doch mit ihrem sakralen Doom-Folk-Pop, der oft von düsteren Orgelkängen dominiert wird, und ihren Texten die dunkelsten Ecken der menschlichen Existenz aus. Dabei treten oft lange, tiefe Töne auf, auch Drones genannt, bei denen Stereoanlagen gerne mal die Contenance verlieren. Nicht so unser Testkandidat, der bei „Deathbed“ vom 2013er-Album Ceremony (auf Amazon anhören) tiefe Abgründe voluminös, aber dennoch felsenfest in den Raum hämmert, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Der Kontrast zur hellen Frauenstimme sorgt für einen weiteren Aha-Effekt. Dabei beeindruckt auch wieder die Bühnenbreite des Verstärkers, der gerade in Kombination mit einem fast mannshohen Martin-Logan-Elektrostaten eine riesige Klagkathedrale aufzieht und den Hörer in eine andere Welt versetzt: Es riecht leicht modrig im Kirchenbau, irgendwo wabert noch eine Prise abgestandener Weihrauch vorbei, während nebenan jemand leise betet, dass diese teuflisch gute Musik doch bitte schnell wieder im Erdboden versinken möge.

Solar Fake Enjoy DystopiaApropos Elektrostaten: Aufmerksame Leser fragen sich jetzt vielleicht, wie man mit den teilaktiven Logans (der Bass ist aktiv, der Rest passiv) den Bass beurteilen kann. Zwei Antworten darauf, erstens: Vorher standen ein Pärchen Focal Sopra 2 hier, die der Autor dieser Zeilen noch gut im Gedächtnis hat. Zweitens: Zum Gegencheck die älteren Elac FS 189 aus dem Heimkinoraum geschleppt und angeschlossen. Verweilen wir noch eine Weile in der Dunkelheit: Wie gut, dass das neue Solar-Fake-Album Enjoy Dystopia (auf Amazon anhören) bereits auf dem Musikserver liegt. Das Berliner Electro-Dark-Wave-Projekt von Sven Friedrich veröffentlichte Anfang 2021 sein bisher erfolgreichstes Werk, das Platz vier der deutschen Albumcharts erreichte. Auch bei rein elektronischer Musik strahlt der McIntosh MA8900 AC Autorität und Gelassenheit aus. Der Bass reicht sehr tief hinunter, ohne aufzuweichen oder schwammig zu wirken. Er zählt nicht zur Sorte staubtrocken, versumpft aber auch nicht im Boden. Hier gibt es nicht das Geringste auszusetzen.

Muskelprotz

McIntosh MA8900 AC eingeschaltet

Die tiefe, stets leicht melancholische Stimme von Sven Friedrich klingt dabei immer seidig und natürlich. Was nicht heißen soll, dass der Amerikaner in puncto Fein- und Grobdynamik eine Schlaftablette ist: Wenn im eingängigen „I Despise You“ plötzlich die Beatmaschine loslegt, bröckelt dem Grufti die Schminke aus dem Gesicht, so brachial wirkt der Wechsel. Elektronische Musik geht mit dem McIntosh-Brocken also immer – egal, ob Kalkbrenner, Depeche Mode oder Front 242.

Es könnte allerdings noch eine Spur zackiger und dynamischer gehen, hier packen vergleichbare Vollverstärker-Größen aus seiner Preisliga noch vehementer zu. Der McIntosh MA8900 AC ist kein Softie, aber einen gewissen Hang zur Gemütlichkeit kann er – typisch für diese Kultmarke – nicht verleugnen. Bildhaft gesprochen: Er erinnert an einen muskulösen Bodybuilder oder Schwergewichtsboxer, der zwar stets die Szenerie im Ring beherrscht, aber nicht der Allerschnellste und Agilste ist. Seine Grob- und Feindynamik steckt die meisten Konkurrenten unterhalb seiner Preisklasse in die Tasche, aber gleich teure Verstärker tönen häufig noch zackiger. Deshalb passen zu ihm eher schnelle Lautsprecher. Das müssen nicht zwangsläufig Boxen mit einem fünfstelligen Preisschild sein. Mit der per Einmessung an den Raum anpassbaren Martin Logan Impression ESL 11A bildet der Verstärker ein Dream-Team, das keine Wünsche offenlässt. Nur mit eher gemütlich, dunkler abgestimmten Boxen sollte man den MA8900 AC lieber nicht betreiben, da hier das Temperament und die Spritzigkeit auf der Strecke bleiben könnten. Wie so oft gilt: Probieren geht über Studieren. Verstärker und Lautsprecher müssen zusammenpassen, erst dann stellt sich Zufriedenheit ein. Die teuersten Komponenten bringen nicht viel, wenn sie nicht harmonieren oder lieblos aufgestellt sind. Dabei immer auch testen, wie es mit den Zwei-, Vier- und Acht-Ohm-Abgriffen des McIntoshs klingt. Dann stören auch die Haare in den Ohren nicht mehr – und für die senile Bettflucht findet Mann jetzt auch einen guten Grund …

McIntosh MA8900 AC von oben

Billboard
Unison Research Triode 25

Test: McIntosh MA8900 AC | Vollverstärker

  1. 1 Kraft + Ruhe
  2. 2 McIntosh MA8900 AC: Klangtest & Vergleiche

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