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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Musik, Magie & Magri
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Grandinote Shinai

Eine Vorführung von Grandinote auf der Münchener „High End“ vor einigen Jahren hatte mir richtig, richtig gut gefallen und schon damals mein reges Interesse am Hersteller geweckt. Und jetzt sehe ich da diesen recht kompakt wirkenden, wunderschönen Vollverstärker Grandinote Shinai (11.400 Euro) auf der Homepage des deutschen Vertriebs, dem Klangloft in München (www.klangloft.de). Eine willkommene, rückenschonende Test-Abwechslung, die sich da anbahnt, denke ich – nach Schwergewichten wie dem ASR Emitter I oder dem Avantgarde Paris X-i1100.

Grandinote Shinai Verstärker - Font seitlich mit Display

Schwerer, als er aussieht: Der mit Übertragern bewehrte, dennoch rein transistorisierte Vollverstärker Grandinote Shinai wiegt 40 Kilogramm

Tja, hätte ich mal aufmerksamer gelesen. Der junge Mann von der Spedition warnt mich nämlich bei der Anlieferung des Grandinote Shinai mit der Sackkarre schon mal vorsorglich: „Das ist schwer!“ Na, denke ich, wird schon gehen. Ging es auch. Und zwar mit für mein noch nicht ganz so fortgeschrittenes Alter viel zu langen Pausen auf jeder halben Treppe in den vierten Stock. Denn statt eines schnuckeligen Lifestyle-Produkts habe ich mir einen richtigen Verstärker-Trumm eingefangen: Erstens ist der Grandinote Shinai nicht ganz so kompakt wie erwartet, sondern mit einer Tiefe von gut 47 Zentimeter doch recht ausgewachsen – auch wenn die Front nur knapp 32 Zentimeter in der Breite und knapp 20 Zentimeter in der Höhe misst. Und zweitens bringt er netto satte 40 Kilogramm auf die Waage. Im stabilen Hartschalentransportkoffer sind es gar knapp 50 Kilo.

Raumeffizienz auf italienisch

Grandinote Shinai Verstärker - Deckelblech

Blick durch den mit Luftschlitzen versehenen Deckel des Grandinote Shinai

Der Deckel des Grandinote Shinai besteht aus einem perfekt polierten Stahlgitterblech, das einen leider eingeschränkten Blick auf den anscheinend gut ausgenutzten Innenraum des Vollverstärkers erlaubt. Die Seitenteile des Gehäuses bestehen aus einem an den Kanten elegant gerundeten, schwarzen Stranggussprofil. Die Bodenplatte und die Rückseite bestehen, wie der Deckel, ebenfalls aus poliertem Stahl und sind teilweise reichlich mit Lüftungsschlitzen versehen. Das alles ist äußerst hochwertig montiert, fühlt sich unglaublich solide und vollkommen wackel- und vibrationsfrei an. Die nicht versenkten Schraubenköpfe verleihen dem Shinai den nötigen Industriedesign-Touch, um ihn nicht zum optischen Weichling werden zu lassen. So stelle ich mir beste italienische Handarbeit vor. Vielleicht kommt das nicht von ungefähr, denn Grandinote sitzt in der Lombardei, nicht weit weg von weiteren Positivbeispielen in Sachen Technologie und Handwerksqualität wie etwa Norma Audio, Diapason oder Sonus faber. Genau so macht man die beste Werbung für einen Standort.

Grandinote Shinai von hinten: zwei Netzanschlüsse

Die Rückseite des Grandinote Shinai zieren gleich zwei Netzanschlüsse

Was bei genauerer Betrachtung der Anschlüsse des Grandinote Shinai sofort ins Auge springt, sind die beiden Kaltgeräte-Netzbuchsen und die horizontal und vertikal gespiegelten Hochpegeleingänge. Hier haben wir einen Dual-Mono-Aufbau vor uns, der mit zwei separaten Netzteilen und deshalb ganz konsequent auch mit zwei Netzbuchsen operiert. Ganz konsequent? Da war doch noch was …. Ach ja, der Grandinote Prestigio. Dieser Vollverstärker setzt noch einen drauf und besteht gleich aus zwei getrennten Gehäusen für den linken beziehungsweise rechten Kanal. Der Shinai übernimmt die grundlegenden Schaltungen des Grandinote Prestigio und bringt sie mit einer etwas geringeren Ausgangsleistung von 37 Watt an 4 und 8 Ohm je Kanal statt der ursprünglichen je 60 Watt in ein einzelnes Gehäuse. Wer sich jetzt fragt, wo denn bei dem ganzen Materialaufwand die Leistung abgeblieben ist, findet die Antwort in der Betriebsart Class-A – und zwar zu 100 %. Im Grandinote Shinai und seinen Geschwistern gibt es keine Umschaltung auf Class-AB bei einer Leistungsabfrage ab einem gewissen Schwellenwert. Das erklärt dann auch die von mir ermittelten durchaus happigen 200 Watt Stromverbrauch im Leerlauf (Grandinote gibt 270 Watt Leistungsaufnahme ohne genauere Erläuterung an).

Grandinote Shinai Verstärker in Verpackung/Koffer

Der Grandinote Shinai wird in einem stabilen Hartschalenkoffer geliefert

Schaltet man den Grandinote Shinai über den fetten, satt rastenden Druckknopf in der Mitte der attraktiv gestalteten Frontplatte ein, so zeigt das Display meiner Tsakiridis Super Athina (der Shinai hängt natürlich an den ungefilterten Ausgängen des griechischen Netzfilters) noch moderate 35 bis 40 Watt an. Doch dann beginnt der Countdown: Der Grandinote Shinai zählt 99 Sekunden lang rückwärts, und in jeder Sekunde zeigt der Tsakiridis ein oder zwei Watt mehr an. Ist der Countdown des Shinai beendet und seine Ausgänge freigeschaltet, steigt die Anzeige noch um etwa 30 Watt mehr an.

Die Magnetosolid-Technologie

Grandinote Shinai Verstärker - Magnetosolid-Technologie

Übertrager + Transistor = Magnetosolid, lautet die Magri’sche Formel

Der 1973 geborene Elektroingenieur Massimiliano Magri ist der Inhaber und Chef-Entwickler von Grandinote. Er konstruierte schon 1996 seinen ersten Verstärker: Einen Röhren-Amp mit selbst ent- und gewickelten Trafos, denn: „Es ist sehr einfach, mit Röhren einen relativ guten Klang zu erzielen.“ Wie sein lombardischer Kollege Enrico Rossi von Norma Audio kam Magri zu dem Schluss, dass echte Exzellenz mit Röhren jedoch kaum machbar sei. Allerdings: „Ich fragte mich: Warum klingen Röhren dennoch fast immer voller, musikalisch befriedigender als Transistorverstärker?“, so Magri. „Ich kenne die Physik von Röhren und Transistoren sehr gut, und bald wurde mir klar, dass die Antwort auf meine Frage in den jeweils angewandten Schaltkreisen und eben nicht in den Bauteilen an sich liegen musste. Meine Studien und früheren Erfahrungen mit Ausgangstransformatoren bildeten dann die Grundlage für die Magnetosolid-Technologie.“

Magnetosolid ist die Zusammensetzung von „Magnet“ (mit Bezug auf die ferromagnetischen Komponenten, also die Ausgangsübertrager) und „solid“ wie in „Solid State“. Magri entwirft typische Röhrenverstärker-Layouts – nur eben ohne Röhren. Stattdessen setzt er Transistoren ein. Im Resultat, so Magri, habe er Verstärker geschaffen, die die „reiche“ Klangsignatur von Röhren besitzen, aber einen deutlich erweiterten Frequenzgang und eine wesentlich niedrigere Ausgangsimpedanz und damit einen höheren Dämpfungsfaktor aufwiesen. Dieses Schema habe er dann konsequent und permanent weiterentwickelt. So setze er heute Kapazitäten nur noch vor den beiden Ausgangstransistoren, nicht mehr aber zwischen den Verstärkerstufen ein, und Gegenkopplung müsse gänzlich draußen bleiben. Ein Resultat dieser Bemühungen ist eine überdurchschnittliche Bandbreite von 2 Hertz bis 240 Kilohertz (!).

VIP-Amps: Magnetosolid-VHP

Grandinote Shinai - Display deaktiviert

Der Grandinote Shinai ist mit über 11.000 Euro Listenpreis ja nicht gerade in der Einstiegsklasse angesiedelt. Doch mit dem Grandinote Essenza (19.800 Euro) haben die Italiener eine, ich sag mal, erste Eskalationsstufe im Programm. Der ansonsten identisch bestückte Essenza besitzt eine andere Ausgangsstufe mit der „Magnetosolid-VHP“-Technologie. Dabei setzt Grandinote einen nach eigener Aussage exzeptionellen Super-Ausgangstransformator ein. Laut Magri besitze dieser ein „spezielles Material“, aus dem die magnetischen Kerne hergestellt werden. Die Kosten für diese speziellen Kerne seien sehr hoch, doch das Ergebnis sei es wert, so Magri: „Mit der identischen Drahtgeometrie ist die Primärinduktivität mit diesem Kern mehr als zehnmal so hoch wie bei einem normalen Kern. Der Dämpfungsfaktor ist noch höher, der Frequenzgang erweitert sich.“ Seine Lösung: Jeder Nicht-VHP-Amp hat einen VHP-Counterpart und kann auch zum VHP-Modell aufgerüstet werden. Magri gibt sich an dieser Stelle selbstbewusst: „90 % der Kunden, die einen Shinai gekauft haben, wollen ihn irgendwann durch ein größeres Grandinote-Modell ersetzen – und nicht durch irgendetwas anderes.“ Damit aber nicht genug: Die Magnetosolid-VHP-Modelle werden noch getoppt von wiederum ansonsten baugleichen Geräten mit einer noch avancierteren Eingangsstufe. So wird aus dem Grandinote Essenza der Grandinote Supremo (24.000 Euro). Ein nachträgliches Upgrade des Essenza an dieser Stelle ist allerdings nicht möglich, da der Supremo eine komplett andere Eingangsstufe besitzt.

Konzentriert aufs Wesentliche

Wenig überraschend angesichts des „Trennungswillens“ von Grandinote ist, dass weder ein Phonoteil noch ein D/A-Wandler oder Streamer im Shinai stecken, auch nicht optional. Die gibt es ausschließlich als zusätzliche Geräte. Auch einen Kopfhöreranschluss sucht man vergeblich. Der Vollverstärker konzentriert sich auf seinen ureigensten Job und bietet genau das, was er dazu braucht, mehr nicht. Zum Beispiel eine Metall-Fernbedienung (schön klein und mit massiver Haptik) für die Bedienung der Grundfunktionen Lautstärke, Stummschaltung und Eingangswahl. Bei den Eingängen hat der Nutzer die Wahl zwischen jeweils zwei unsymmetrischen Cinch- und symmetrischen XLR-Eingängen. Intern geschieht die Signalverarbeitung – wie wäre es anders zu erwarten – komplett symmetrisch. Grandinote-Kopf Massimo Magri sagt dazu: „Alles in unserer Elektronik ist symmetrisch. Ein für mich unverzichtbares Dogma ist die Symmetrie der Schaltkreise. Das einzige unsymmetrische Grandinote-Produkt ist der Celio (Anm. d. Red.: Phono-Vorverstärker), aber wenn man zwei Stück in Mono-Konfiguration verwendet, arbeiten sie jeweils symmetrisch – für meine Seelenruhe.“

Grandinote Shinai - Cinch und XLR-Anschlüsse

Ausschließlich analog: der Grandinote Shinai bietet eintreffenden Musiksignalen per XLR oder Cinch Einlass

Das Single-Wiring-Lautsprecherterminal des Grandinote Shinai ist mit soliden WBT-Schraubklemmen ausgeführt, die natürlich auch 4-Millimeter-Bananas aufnehmen. Die 40 Kilogramm des Shinai ruhen auf vier äußerst solide wirkenden Metall-Halbkugeln statt normaler Wald-und-Wiesen-Füße oder Spikes. Magri dazu: „Ursprünglich wollte ich eine Alternative zu Spikes: Spikes sind gut, weil die Ankopplung nur in einem Punkt erfolgt, aber sie zerkratzen die Möbel. Eine Halbkugel ist eine gute Alternative, und ich benutze diese Lösung seit 2003. Unsere „Laterale“-Verstärker-Ständer haben Aussparungen, die für diese Halbkugeln entworfen wurden: Die Halbkugeln innerhalb der Aussparungen sind wie Gelenke aus Stahl. Das ist auch gut für den Klang.“

Das Ganze wirkt auf mich wie ein Supersportwagen aus einer Manufaktur: Schön anzusehen, hochwertig und im Detail liebevoll verarbeitet, kompromisslos auf Performance (nicht jedoch reine Leistung!) ausgelegt, ohne Schnickschnack. Und damit hätte ich auch meinen einmal im Jahr erlaubten Autovergleich hinter mir …

Klangtest und Vergleiche: Grandinote Shinai

Grandinote Shinai Verstärker mit aktiviertem Display

Alle Hörtests finden mit dem Plattenspieler J. Sikora Initial Max mit Kuzma Stogi S12 VTA (ca. 11.000 Euro), dem MC-Tonabnehmer Transrotor Figaro (2.500 Euro) und der Linnenberg Bizet-Phonovorstufe (6.000 Euro) als analogem Frontend, der Streaming-Bridge Waversa Wstreamer (750 Euro) und dem integrierten D/A-Wandler der Vorstufe Norma Audio Revo SC-2 (zusammen 7.400 Euro) auf der Digitalseite, sowie den Lautsprechern Qln Prestige Three (7.850 Euro) und ATC SCM11 (1.800 Euro) statt. Meine ständige Verstärkerabhöre besteht aus der Kombination aus besagter Norma Audio SC-2 (5.400 Euro, ohne DAC) und dem Endverstärker Linnenberg Liszt Stereo (zusammen 9.900 Euro).

Bass

Dominique Fils-Aimé - NamelessIm Bass wird wahrscheinlich am eindrucksvollsten deutlich, welchen Einfluss die Magnetosolid-Technologie auf den Klang nimmt. Tatsächlich habe ich in meiner eigenen Anlage noch keinen Vollverstärker gehört, der im Bass vergleichbar klingt, der wandelbares, farbenfrohes Chamäleon und solide, zuverlässige Bank zugleich sein kann. Satt, druckvoll, farbstark und relaxt-unaufgeregt spielt der Grandinote Shinai den Funk-Bass in „The Lay Down“ von DRAM (Single) und den Kontrabass in „Birds“ von Dominique Fils-Aimé (Album: Nameless; auf Amazon anhören).

Die sanfte Nachdrücklichkeit dieser Präsentation des Shinai ist der des ASR Emitter I (6.800 Euro) nicht unähnlich. Der ungleich kraftvollere deutsche Amp schafft noch einen Tick mehr Souveränität und „Hubraum“ (ah, doch wieder eine Auto-Metapher!) als der Grandinote Shinai, muss jedoch passen, wenn es um Transparenz, Detailfreude und gnadenlos auf den Punkt getimte „Schnelligkeit“ im Bass geht. Der Balanced Audio Technology VK-3000 SE (9.500 Euro zum Testzeitpunkt) wiederum kann beim Thema Impulsantritt mit dem Italiener mithalten, wirkt jedoch wiederum weniger transparent und durchhörbar (wir sind immer noch beim Bass).

Submotion Orchestra - KitesStrukturiert und körperhaft wuchtet der Grandinote Shinai die ultratief rollenden Bässe in Nicolas Jaars „Colomb“ vom Album Space Is Only Noise oder den dicht gewebten Bass-Waberteppich im berüchtigten „Teardrop“ von Massive Attacks Jahrhundertwerk Mezzanine aus den Qln Prestige Three. Locker, substanziell schiebend, ansatzlos und absolut schlackenfrei breitet er auch die Basslandschaft von „Variations“ des Submotion Orchestra (Album: Kites; auf Amazon anhören) aus. Auch wenn es mich in dieser Deutlichkeit ein wenig schmerzt: Meine Norma/Linnenberg-Combo gerät hier einigermaßen deutlich ins Hintertreffen, wirkt vor allem im Oberbass vergleichsweise ungelenk, geradezu dicklich gegenüber der perfekt ausbalancierten und mühelos wirkenden Energieverteilung des Shinai. Gleichzeitig kontrolliert der Shinai die knackigen Bassdrum- und Slapbass-Impulse in Rage Against The Machines „Take the Power Back“ vom selbstbetitelten Debüt-Album zwar nicht unbedingt wüstenstaub-, aber doch schranktrocken – und immer druckvoll sowie realistischer (ausgewogener!) als alle genannten Geräte. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, können sogar die Norma-Monos-PA 160 MR (14.000 Euro) nicht ganz die fluide Eleganz des Shinai liefern, produzieren dann aber doch noch mehr Druck aus größeren Trafo-Töpfen und üben dank der geregelten Netzteile eine noch unbeirrbarere Basskontrolle gerade ganz, ganz tief untenrum aus.

Grandinote Shinai Verstärker - Rückseite, Anschlüsse verkabelt

Trotz aller Durchsichtigkeit und Agilität im Bass würde ich den Shinai charakterlich als tendenziell auf der leicht satten und klangfarbenkräftigen Seite des Spektrums ansiedeln. Seine unangestrengt wirkende Kontrolle des Tieftongeschehens, die ungeahnte strukturelle Transparenz von Obertönen und Farbschattierungen sowie die Abwesenheit von Dröhnen, Wabern oder Nachschwingen auch bei noch so fett produziertem Musikmaterial relativieren diese Aussage umgehend. Ich finde, sie fordern lange gehegtes audiophiles Schubladen- und Ausschlussdenken nicht nur zum Diskurs, sondern zum Disput heraus: Hier treffen oft als unvereinbar wahrgenommene Charakterzüge wie Wärme, Straffheit, Druck, Kontrolle, Substanz, Lockerheit, Wucht, Impulsschnelle, Solidität und Transparenz aufeinander, ohne sich gegenseitig Konkurrenz zu machen.

Grund- und Mittelton

Grandinote Shinai Verstärker mit Lautsprecher

Ab etwa 150 Hz kommt der Grandinote Shinai dem tradierten Hifi-Ideal des absolut neutralen Verstärkers noch näher. In Hinsicht auf die Tonalität lässt sich nichts, aber auch so gar keine Eigenart herausstellen, die auf irgendwelche, irgendwie geartete Verfärbungen hindeuten könnte. Stimmen klingen auf unaufdringliche Art natürlich. Meine Norma/Linnenberg-Kombi stellt gerade Frauenstimmen im Vergleich etwas belegter, weniger offen als der Shinai dar – aber das wäre mir ohne den direkten Vergleich wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Der Grund dafür ist allerdings keine Tendenz des Grandinote zur Überhöhung des oberen Mitteltons oder Präsenzbereichs, sondern schlicht und einfach wiederum die herausragende Transparenz mit freiem Blick auf Mikroinformationen, mit der er selbst kleinste Details in der Artikulation von Sängern offenbart.

SBTRKT - SBTRKTDie Friktion (das Geräusch, das die Verwirbelung von Luft im Vokaltrakt an Engstellen erzeugen kann) im Rachenbereich von Jacinthas Stimme in „Danny Boy“ habe ich so deutlich zum ersten Mal wahrgenommen. Gleiches gilt für die subtilen Geräusche, die eine feuchte Zunge im Mund eben macht. In SBTRKTs „Wildfire“ (Album: SBTRKT; auf Amazon anhören) durchleuchtet der Shinai die dicht miteinander verwobenen Stimmen in der zweiten Hälfte des Stücks geradezu wie mit dem Röntgengerät. Diese Detailfreudigkeit geht einen Schritt über fast alles hinaus, was ich in meiner Kette bisher erleben durfte. Allein die mit 29.400 Euro mehr als zweieinhalbfach teurere Kombi aus Balanced Audio Technology VK-53SE und VK-76SE konnte diese vollkommen natürlich wirkende Detailflut im Mitten- und Präsenzbereich noch übertreffen. Das alles wirkt zum Glück nie ätherisch, denn Substanz und Körper haben Grund- und Mittelton auch. Schön knarzig kommt das Saxophon in Pink Floyds „Money“ rüber und angenehm griffig schnurrt sich der Fretless Bass von Jaco Pastorius aus den Membranen der Lautsprecher.

Hochton

Grandinote Shinai - Transistor-Vollverstärker auf Rackebene platziert

Ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster: Der Grandinote Shinai besitzt den über alles betrachtet qualitativ hochwertigsten Hochton, den ich in der Preisklasse bis gut 15.000 Euro kenne. First things first: Der Grandinote Shinai klingt weder hell, spitz, kristallin oder hart noch gülden-kuschelig oder romantisierend. Er reproduziert einfach überwältigend detailreich und luftig. Egal, ob ich Yellos flirrende Elektro-Spielereien vom Album Toy auf den Sikora Initial auflege oder den feinen Hochtongespinsten der Schlagzeugbleche in Max Roachs „Lonesome Lover“ über Qobuz lausche – ich kann kaum glauben, wie viele Mikroinformationen der Grandinote Shinai offenlegt. Diese Offenheit gelingt dem Shinai mit einer angenehm feinseidigen Textur, eher locker als hart, und vollkommen stressfrei. Beim ersten oberflächlichen Hören kann abhängig von der gehörten Musik unter Umständen der Eindruck entstehen, dass man vielleicht schon mal einen minimal saubereren Hochton vor einem schwärzeren Hintergrund gehört hat – doch weit gefehlt: Der Grandinote Shinai zeigt einfach jedes auch noch so kleine Detail zum Beispiel beim Ausklingen von Schlagzeugbecken auf, bis hinein in Gefilde, die man gemeinhin schon mit dem Rauschteppich assoziiert. Faszinierend!

Dynamik und Impulse

Es fühlt sich so an, als ob ich von der Pflicht zur Kür voranschreite. Denn auch wenn sich meine bisherigen Ausführungen des Grandinote Shinai bereits lobhudelig lesen mögen – jetzt wird’s noch besser. Ein ums andere Mal ertappe ich mich dabei, ein ungläubiges und von einem Lächeln begleitetes „Ha!“ auszurufen, sobald der italienische Vollverstärker dynamisches, impuls- und transientenreiches Musikmaterial reproduziert.

The Floozies - Do Your ThingEgal ob es sich dabei um die präsent und etwas effektvoll aufgenommene Gitarre von Al Di Meola oder den ungleich natürlicher (stumpfer) eingefangenen Sechssaiter von Bruce Springsteen handelt: Der Shinai macht erstens die Unterschiede der Produktionen sehr deutlich, und zweitens tut er dies immer mit einer ungemein schwere-, aber nicht körperlosen Attacke, die er feindynamisch maximal „wendig“ ausgestaltet: Jedes Millinewton mehr oder weniger bei der Tastenbehandlung durch Leonard Bernstein in George Gershwins „Rhapsody in Blue“ vermeint man wahrnehmen zu können. Und wenn das Grand Piano und das Columbia Symphony Orchestra in die Vollen gehen, verhilft seine Schnelligkeit dem Grandinote auch zu einer überzeugenden Grobdynamik mit Substanz und hinreichend Wucht. Der ASR Emitter I mag einen noch schwereren Hammer niederkommen lassen, wirkt aber nicht so agil, was dem Grandinote bei hohen Dynamikanforderungen im Mittel- und Hochton (Gitarren in „Alhambra“ von Yellos Album Flag) einen Vorteil einbringt. Vollkommen ansatzlos und pfeilschnell reproduziert der Shinai auch die elektronischen Impulse von Yello auf dem Album Toy und von The Floozies in „Fnktrp“ (Album: Do Your Thing; auf Amazon anhören). Oder Congas und kleine Schlagzeugtrommeln – wenn die Aufnahme es hergibt: Übertreibung ist dabei nicht sein Ding, dynamisch flache Aufnahmen bleiben flach.

Grandinote Shinai mit QLN-Lautsprecher

Grandinote Shinai mit Lautsprecher Qln Prestige Three

Raumabbildung

Das gilt uneingeschränkt auch für die räumliche Abbildung. Gibt eine Aufnahme keine echte Tiefenstaffelung her, projiziert der Grandinote Shinai das Geschehen recht genau auf die Lautsprecherebene. Passiert aber in den räumlichen Dimensionen etwas, tendiert der Shinai bei aller Impulsivität und ungefilterten Schnelligkeit generell nicht zur ungestümen Offensive in Richtung Hörplatz. Weder mit den etwas direkter abgestimmten ATC SCM11 und schon gar nicht mit den tiefenentspannten Qln Prestige Three. Stattdessen zieht er einen in der Tiefe hinter den Lautsprechern unbegrenzt wirkenden Raum auf, der in etwa auf der Lautsprechereben beginnt und sich horizontal deutlich über die Basisbreite sowie hoch in die Vertikale ausdehnt. Mein Norma/Linnenberg-Gespann und die obengenannten Vollverstärker wirken insbesondere bei der Tiefenstaffelung limitierter.

So vereint der Shinai auch hier wieder gerne kolportierte, scheinbare Gegensätze: Ansatzlose Unmittelbarkeit in der Impulswiedergabe und eine freie, weit in die Tiefe des Raums wirkende Projektion. Gemeinhin assoziiert man Ersteres ja mit einer nach vorne, zum Hörer hin gerichteten Ansprache – der Grandinote Shinai schert sich abermals nicht um geistige Schubladen. Zudem zieht er eine Dreidimensionalität auf, die dem hohen Niveau des BAT VK-3000 SE mit seiner kantenscharfen Trennung nicht nachsteht – und sogar noch mehr Raum zwischen den Instrumenten und Stimmen auf der Bühne entstehen lässt. Tipp: Legen Sie als erste Hörerfahrung mit dem Grandinote Shinai eine Klassik- oder Jazz-Live-Aufnahme wie Jazz at the Pawnshop auf. Ich garantiere Ihnen, dass Sie sich räumlich und atmosphärisch in den Aufnahmeraum versetzt fühlen werden – wenn denn der Rest der Kette mitzuspielen vermag.

Ein Hinweis: Man sollte dem Grandinote Shinai nach jedem Einschalten mindestens 30 Minuten, noch besser eine knappe Stunde Zeit zum Warmwerden geben. Kalt – insbesondere, wenn er eine Weile komplett vom Stromnetz getrennt war – kommen seine Fähigkeiten nur eingeschränkt zur Geltung. Auch in dieser Hinsicht ist er eben ganz italienischer Vollblutsportwagen.

Grandinote Shinai im Rack

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Bellevue Audio Cyrus

Test: Grandinote Shinai | Vollverstärker

  1. 1 Musik, Magie & Magri
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Grandinote Shinai

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