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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Märchenhaft realistisch
  2. 2 Grimm LS1be & SB1: Hörtest und Vergleiche

Es gibt Lautsprecher, die länger am Markt sind, keine Frage, aber man darf die LS1 von Grimm Audio (Vertrieb: www.hoerzone.de) wohl trotzdem als „Klassiker“ bezeichnen, was vor allem an ihrem besonderen Design liegen dürfte. So breitbeinig kommt selten eine Box ins Hörzimmer hineingestelzt, und dass ihr die Subs zu Füßen liegen, sieht man auch nicht allerorten. Dieser Look bleibt hängen, was sich nicht von allen Lautsprechern behaupten lässt. Wir haben den Klassiker nun in der aktuellsten und höchsten Ausbaustufe im Test – nämlich die Grimm LS1be plus Subwoofer SB1 –, was einen circa 38.000 Euro zu stehen kommt.

Keine Bange, es geht auch günstiger: Grimm Audio bietet drei Versionen der LS1 sowie zwei Subwoofer-Modelle an. Wer in einem nicht allzu großen Raum Musik genießt und/oder auf höhere Full-Range-Pegel verzichten kann, schafft den Einstieg in die Grimm’sche Welt mit der LS1a für 14.750 Euro das Paar. Unser Proband ist halt das Top-of-the-line-Setup – das grundsätzliche akustische Design ist bei allen Modellen gleich.

Die Grimm LS1be mit Subwoofer SB1 in Bambusfurnier-Ausführung

Die Grimm LS1be mit Subwoofer SB1 ist ein Aktivlautsprecher-System, das digital wie analog angesteuert werden kann. Die ungewöhnliche Formgebung folgt akustischen Prinzipien

Apropos, falls es noch nicht klar sein sollte: Es handelt sich um vollaktive Lautsprecher inklusive DAC. In einem so minimalistischen wie realistischen Szenario stellt man den Grimm-Speakern noch eine Streaming Bridge zur Seite, fertig ist die Anlage. Das kann, muss aber nicht der Grimm MU1 sein. Mit einem Laptop oder so funktioniert es auch.

Grundsätzliches Konzept

Kurz vorab: Es gibt ein bisschen was zur Technik zu erzählen, wen das nicht weiter interessiert – hier geht‘s direkt zum Hörtest.

Auf den ersten Blick sieht es vielleicht nicht so aus, aber die Grimm LS1be sind im Grunde Kompaktlautsprecher. Normale Entwickler hätten wahrscheinlich eine schmale Schallwand favorisiert und das Volumen durch die Tiefe der Box realisiert. Eelco Grimm macht’s aus guten Gründen genau umgekehrt – was dann natürlich ganz schön breit rüberkommt, aber auch nix am (übrigens geschlossenen) Volumen ändert: 14 Liter. Ist doch eher kompakt, oder? Und dass der Lautsprecherständer hier nicht unterm „Hintern“ des Monitors sitzt, sondern als Stelzendoppel an den Seiten angebracht wird, macht die Geschichte ebenfalls nicht zu einem „echten“ Standlautsprecher. Mit Subwoofern wird die LS1 zu einem ausgewachsenen Dreiwegesystem, geht dann aber eher als so etwas wie ein Satelliten-Subwoofer-Konzept durch. Freilich mit Stereo-Subs.

Grimm LS1be auch in Weiß

Neben furnierten Ausführungen gibt es die Grimm LS1be auch in Weiß – Sub und Beine sind freilich immer in Schwarz gehalten

Wenn Sie „form follows function“ hören, winken Sie müde ab, denn zu oft schon wurde das ‘rausgehauen? Geht mir ähnlich, aber hier passt es nun mal wie die Faust aufs Auge:

Warum hat die LS1be diese inklusive „Ständerstelzen“ 52 Zentimeter breite Schallwand? Etwa weil’s cool aussieht? Tut es, wenn Sie mich fragen. Doch der Grund ist ein akustischer: Es geht um den Baffle Step, also den Zusammenhang zwischen Schallwandbreite (eigentlich natürlich auch -höhe, doch die Breite ist meist der relevante Engpass) und Wellenlänge der wiederzugebenden Frequenz. Fällt die Wellenlänge in Relation zur Schallwand klein aus, erfolgt die Abstrahlung halbkugelförmig nach vorne, fällt sie groß aus, geht’s Richtung kugelförmige Abstrahlung, was einen Pegelabfall um 6 dB zur Folge hat. Dergleichen lässt sich natürlich korrigieren, zum Beispiel in der Weiche. Was meist aber bleibt, ist die Änderung des Abstrahlverhaltens und damit des Verhältnisses von direktem zu indirektem Schall – darum geht es Eelco Grimm vor allem.

Bei den üblichen schlanken Schallwänden sei das Problem, dass der Baffle Step im kritischen Stimmbereich beziehungsweise in einer Frequenzrange liege, die für die Lokalisation von Schallquellen wichtig sei. Durch die Breite der Grimm LS1 gelinge es, den Baffle Step in die Region unter 300-250 Hertz zu drücken, also in einen Bereich, in dem psychoakustische Untersuchungen gezeigt hätten, dass das Unterscheidungsvermögen zwischen Direkt- und Indirektschall gering ausgeprägt sei. Deshalb also ist die LS1 so breit wie sie ist.

Dass sie auf halbrunden und nicht auf viereckigen Stelzen steht, ist natürlich auch kein Zufall. Die seitliche Montage trägt zur Vergrößerung der effektiven Schallwandbreite bei, die Rundungen zur Reduzierung von Kantendiffraktionen, vulgo: der Entstehung von Phantomschallquellen an den Gehäusekanten und deren klangschädlichen Auswirkungen. Deshalb befindet sich eine Handbreit unter dem Hochtöner ein weiteres Rundprofil. Klar, man hätte den Tweeter auch „klassisch“ über dem Tiefmitteltöner platzieren können, aber so ein rundes Ding auf der Oberseite sähe vielleicht doch etwas putzig aus, zudem kommt der Hochtöner so mehr auf Ohrhöhe. Das passt auch gut für Auf-dem-Loungesofa-Herumfletzer: Er befindet sich circa 85 Zentimeter über dem Boden. Sie sehen – die Form der LS1be folgt den akustischen Funktionen.

Der Grimm-SB1-Subwoofer besitzt einen 10-Zoll-Treiber mit kräftiger Sicke

Der Grimm-SB1-Subwoofer besitzt einen 10-Zoll-Treiber mit kräftiger Sicke, der von einem 700-Watt-Class-D-Verstärker im geschlossenen Gehäuse angetrieben wird

Die lassen sich auch für die Positionierung der Subwoofer auf dem Boden anführen. Dort gewinnt nämlich die Schallausbeute, da die Grenzfläche – sprich: der Boden – nah ist, so Eelco Grimm, zudem sei von Vorteil, dass die Schallabstrahlung nach oben erfolgt: Die kräftigen Bewegungen der Treiber und die damit verbundene mechanische Energie wird nicht ins „System Lautsprecher“ eingebracht, wie bei normaler Chassis-Ausrichtung nach vorne der Fall, sondern zum Boden abgeleitet. Last, but not least gewinnt man durch die Subs die Freiheit, sie dort im Raum aufzustellen, wo es basstechnisch am besten passt, während die Hauptlautsprecher nach anderen Gesichtspunkten wie einer präzisen Raumabbildung positioniert werden können.

Je 700 Watt bringt so ein Grimm-SB1-Sub mit, für den 8-Zoll-Tiefmitteltöner und den Hochtöner der LS1be stehen pro Kanal jeweils 180 Watt bereit. Zum Einsatz kommen Hypex-NCore-Class-D-Module, deren Charme nicht zuletzt darin bestehe, dass das Ausgangsfilter Bestandteil der Gegenkopplungsschleife sei, was es weniger impedanzkritisch ausfallen lasse. Es ist kein Wunder, dass man auf Hypex-Module setzt, schließlich ist deren umtriebiger Schöpfer, Bruno Putzeys, Mitentwickler der Grimm LS1.

Und wo steckt die Elektronik der Grimm LS1be, zu der neben den Verstärkern noch DSP, Clock und DAC gehören? Smarterweise nicht im Gehäuse des Lautsprechers, sondern fern der schwankenden Schwingspulen-Magnetfelder und dem akustischen Tumult – und damit Mikrofonie-geschützter – in einem der Beine. Logisch, warum den vorhandenen Hohlraum nicht sinnvoll nutzen? Apropos Hohlraum: Der der Beine ist mit Dämmmaterial gefüllt. Das hätte man nach meinem Dafürhalten auch ruhig mit dem unteren Rundprofil machen dürfen. Und wo ich schon dabei bin: Die oberen Abdeckplatten der Beine scheinen mir nicht das letzte Wort in Sachen Resonanzoptimierung zu sein.

Das Anschlussfeld der Grimm LS1be und des Subwoofers SB1

Die Elektronik der LS1be steckt in einem der Beine, das Anschlussfeld bietet neben je einem symmetrischen analogen und digitalen Eingang noch zwei RJ45-Buchsen (Control-In & -Out) sowie den Link zum optionalen Subwoofer

Das Grimm LS1be-SB1-System ist, wie gesagt, ein Dreiwegekonzept, die Trennfrequenzen liegen bei 70 und 1550 Hertz, das Ganze erfolgt 4. Ordnung nach Linkwitz-Riley, da so perfekte Phasenkohärenz im Übergangsbereich gewährleistet werden könne. Die Frequenzbandaufteilung geschieht über digitale Filter via DSP – und, logisch, man nutzt das Digitale Signal Processing für weitere Korrekturen. Eine interessante Lektüre in diesem Zusammenhang ist das White Paper zur LS1 auf der Grimm-Website: Dort wird zunächst seitenlang in recht amüsantem Tonfall dargestellt, was man mit DSPs alles versaubeuteln kann, um sodann ein paar Regeln abzuleiten:

  • Akustische Problemstellungen geht man besser – wenn irgend möglich – auch mit akustischen Maßnahmen an, nicht gleich mit „digitalen“.
  • Man sollte keine linearphasigen Filter verwenden, denn die erzeugen Pre-Ringing – Grimm Audio setzt auf minimalphasige IIR-Filter.
  • Nicht alles, was einem der Messschrieb als Abweichung zeigt, sollte auch korrigiert werden – denn auch, wenn sich auf Achse gemessen ein zufriedenstellendes Ergebnis einstellt, es kann außerhalb dieser viel, viel schlimmer als im unkorrigierten Zustand werden.

Aus all diesen Gründen sollte das mächtige Tool DSP möglichst sanft und maximal nebenwirkungsarm eingesetzt werden, ist man bei Grimm Audio überzeugt. Tatsächlich habe man zu diesem Zweck eigens eine Software entwickelt, die den sogenannten „Computer Aided Calibration“-Prozess bewerkstellige: Dieser sorgt computergestützt dafür, dass die nötigen Korrekturen – jeder Grimm-Lautsprecher wird individuell auf eine interne Referenz kalibriert – mit maximal eingriffsarmen Filter-Einstellungen erfolgen.

Spezielle Ausführung

Von den drei Modellen der Grimm LS1 dürfte die LS1v2 (circa 18.700 Euro) als Standardvariante durchgehen, jedenfalls ist’s das mittlere Modell. Die oben schon erwähnte, günstigere LS1a ist hier und da etwas einfacher gebaut und besitzt vor allem keinen Tiefmitteltöner mit Magnesiummembran. Unser Proband kommt hingegen mit diesem 8 Zoll großen Seas-Excel-Woofer mit der charakteristisch grauen Membran und der kupfernen Nase, sprich: Phase-plug. „A classic, but still a great performer“, wie Eelco Grimm überzeugt ist.

Der Tiefmitteltöner der Grimm LS1be stammt aus Seas' Excel-Serie und besitzt eine Membran aus Magnesium sowie einen kupfernen Phase-plug

Der Tiefmitteltöner der Grimm LS1be stammt aus Seas‘ Excel-Serie und besitzt eine Membran aus Magnesium sowie einen kupfernen Phase-plug

Der offensichtlichste Unterschied zu den beiden anderen Modellen ist aber, dass die Grimm LS1be mit einem exklusiven, in Zusammenarbeit mit Seas entwickelten Tweeter ausgestattet wurde, der einen Waveguide besitzt und eine Berylliummembran. Dieser Hochtöner sei zwar sehr kostspielig, doch unterm Strich habe sich so das Verzerrungslevel noch einmal um 9 dB senken lassen, so die Niederländer. Zudem besitzt die LS1be strenger selektierte, hochwertigere Bauteile, eine aufgebohrte Stromversorgung inklusive Silberverkabelung und eine verbesserte Clock – deren Schaltung übrigens die der sehr gut beleumundeten Masterclock Grimm CC1 gleicht.

Der Hochtöner der Grimm LS1be besitzt eine Berylliummembran und einen Waveguide

Der Hochtöner der Grimm besitzt eine Berylliummembran und einen Waveguide

Und dann sind da ja noch die optionalen Subwoofer Grimm SB1, in denen 10-Zöller von Dayton mit rechtschaffen feister Sicke, die ordentliche Membranhübe ermöglicht, im geschlossenen, erstaunlich kompakten 26-Liter-Volumen ihrer Arbeit nachgehen. Der eigentliche Clou der SB1 ist das Digital Motional Feedback (DMF): An der Membran des Woofers steckt ein Beschleunigungssensor, dessen Signal einer Art Gegenkopplungsschaltung zugeführt wird, soll heißen: Abweichungen vom Soll werden a) festgestellt und b) korrigiert. Wer in die Tiefen der Tieftontechnik eintauchen möchte – auf dieser Seite finden Sie gleich sechs White Paper von Rob Munnig Schmidt, dem Entwickler der Technik. Das Ergebnis von „DMF“: ein um 30 dB geringeres Verzerrungsniveau, was die unteren Lagen extrem sauber halte und damit eine „völlig neue Wiedergabequalität“ ermögliche. An Selbstbewusstsein mangelt‘s den Niederländern schon mal nicht.

Professionell eigenwillig

An den Anschlussoptionen der Grimm LS1 erkennt man die Studioherkunft dieses Lautsprechers – und das heißt: Nicht alle Consumerwünsche sind ohne Umwege machbar. Wenn Sie Bluetooth, HDMI ARC, Toslink oder S/PDIF koaxial suchen, werden Sie hier nicht fündig. An der LS1be gibt’s einen analogen XLR-Eingang, einen AES/EBU-Input und je eine Control-RJ45-Eingangs- wie Ausgangsbuchse, daneben noch den Link zum optionalen Subwoofer, einen Kippschalter, der den Kanal (links/rechts) festlegt, sowie den Netzschalter. Das war‘s.

Die erste Amtshandlung: Den Control-Thru-Ausgang des einen Lautsprechers mit dem Control-In-Eingang des anderen verbinden, denn so bekommt der seine Steuerbefehle und Digitalsignale. Sodann schließt man das beiliegende USB-auf-Ethernet-Kabel an Masterbox und Computer an, und schon kann’s losgehen: Alles, was Sie jetzt als Audiostream ansteuern, wird über die Grimm LS1be ausgegeben. Prima.

Die optionale, kabelgebundene Grimm-Fernbedienung LS1r besitzt einen Dreh-/Drückknopf zur Eingangswahl und Pegelanpassung

Die optionale, kabelgebundene Grimm-Fernbedienung LS1r besitzt einen Dreh-/Drückknopf zur Eingangswahl und Pegelanpassung

Allerdings empfiehlt es sich, vorher die Grimm LS1 Remote Software zu installieren. Mit der lässt sich so einiges an den Lautsprechern einstellen, Details finden Sie in der Bedienungsanleitung, dafür ist hier nicht der Platz – aber zwei Dinge seien noch erwähnt: Über die Software lassen sich auch die Eingänge schalten und der Pegel einstellen, Letzteres geschieht auf digitaler Ebene im DSP der LS1be. So weit, so schön. Kleine Zusatzinfo: Es geht nur auf diesem Weg. Nicht am Lautsprecher selbst, und es liegt auch keine Funkfernbedienung bei. So weit, so seltsam. Nicht, dass die Niederländer damit alleine wären, Genelec beispielsweise ist in der Hinsicht ähnlich unterwegs, worüber ich schon seit zig Jahren den Kopf schüttele, was in Finnland freilich niemanden interessiert … Deshalb ein kurzer, allgemeiner Hinweis an alle Audiomarken aus dem Studioumfeld, scheint sich ja noch nicht herumgesprochen zu haben: Funkfernbedienungen konnten sich im Laufe des 21. Jahrhunderts durchsetzen.

Kurz zusammengefasst: Wenn Sie ohne Aufpreis die Eingänge wechseln möchten, geht das ausschließlich über die Grimm-Software. Hierüber lässt sich, wie gesagt, auch die Lautstärke regeln. Bei digitaler Zuspielung geht das natürlich ebenfalls über Ihre Player-Lösung, etwa via Roon, aber dergleichen geschieht dann dort und nicht im Grimm-Lautsprecher. Weitere Optionen: Sie erwerben die LS1r Remote, eine kabelgebundene (!) Fernbedienung für 1.600 Euro, oder – das machen angeblich die meisten, so Reinhard Weidinger vom deutschen Grimm-Vertrieb – gar den Player/Server Grimm MU1. Das ist natürlich die eleganteste, hochwertigste und integrierteste Lösung und kostet ja auch nur 12.500 Euro. Dat is een koopje!

Screenshot der Grimm-Software (EQ-Settings)

Die Grimm-Software ermöglicht einigen Anpassungen bei der LS1be, so auch eine Frequenzgang-Justage

Nun, der stand mir diesmal nicht zur Verfügung, ich habe im Test die LS1r Remote benutzt, analog wie digital zugespielt – und innerhalb der Software eine kleine Frequenzgangjustage im Bassbereich vorgenommen. Warum? Weil die LS1be neutral ausgeliefert wird und das in meinem Raum, der sich im „Powerbereich“ zwischen 80 und 120 Hertz eher schlank als üppig gibt, zu karg wirkt. Bis zu 6 dB kann man über die EQ-Einstellungen draufsatteln, dann klingt‘s recht süffig, aber weder trifft das meinen Geschmack, noch denke ich, dass es im Sinne des Erfinders ist. Ich habe mich schließlich für + 2,5 dB entschieden. So, und jetzt mal ab zu den Höreindrücken.

Grimm LS1be & SB1: Hörtest und Vergleiche

Starten wir doch gleich von unten, wo der Bass schon Thema war. Ein ziemlich ungewöhnliches Thema ist das mit der Grimm, muss ich sagen.

Grimm Audio LS1be + SB1 im Hörraum

Absolutaussagen zu einem Frequenzbereich, der sich um +/- 6 dB regeln lässt, sind naturgemäß schwierig. Und trotzdem, eines lässt sich doch festhalten: Die Grimm LS1be + SB1 gehören nicht zu der Sorte Lautsprecher, die Sie allein wegen der potenziell abrufbaren Bassmenge kaufen. Natürlich werden Sie die „Menge“ in einem Mehrparteienhaus sowieso nie dauerhaft entfesseln wollen, es sei denn, Sie hassen Ihre Nachbarn. Andererseits: In einem frei stehenden Haus können Sie sich fürs Geld schon noch kräftiger verhauen lassen.

Zur Einordnung: Eine Lyravox Karlsson Tower (circa 42.000 Euro) schätze ich, was die maximal mögliche Tiefton-Power angeht, als normal ein, die Grimm ist demgegenüber schlanker unterwegs. Aber eigentlich ist das auch gar keine Frage des Geldes, sondern des Konzepts: Die günstigeren, gleichfalls aktiven Abacus Oscara 212 (circa 15.000 Euro) oder Ascendo Live 15 (circa 27.000 Euro) sind ebenfalls in der Lage, mehr Bassmasse in die Waagschale zu werfen. Ob man das braucht, ist eine andere Frage.

Tieftöner des Subwoofers Grimm SB1

Woher soll’s auch kommen, die 2 x 26 Liter der Subs sind eben nicht die Welt, denke ich noch, kurble den Pegel hoch und tippe auf die „bösen Tracks“ der Playlist, um gleich mal die Pegelgrenzen auszuloten … ui! Was für Grenzen? Mit einer Irrsinnslautstärke performen James Blake, The Prodigy (Yeah!) und Burnt Friedman vor mir, inklusive all der fiesen Bassloops und Tiefschläge. Da ist eine Härte und Trockenheit in der Bassregion, die ich so allenfalls von der erwähnten Ascendo kenne, nicht von der Abacus, auch nicht von der Lyravox. Nein, deren Substanz hält die Grimm nicht in der Hinterhand, aber diese Kantigkeit, dieser absolute Durchgriff bis ganz untenhin, das ist schon ähnlich. Erstaunlicherweise. Und auch bei diesen ungesund lauten Pegeln macht die LS1be/SB1 das locker und anstrengungslos mit, als wäre es nichts. Sie geht das Spiel eher von der straff-schlanken Seite aus an, im Bass und ganz allgemein, richtig. Aber trotzdem: Diese Dynamik- und Pegelreserven hätte ich ihr nicht zugetraut, ist sie doch eher Mittelformat als Riesenbox.

Soap&Skin Lovetune for VacuumFast noch überraschender ist das andere Extrem, das ich erlebe, nachdem ich runtergedreht habe – deutlich unter Zimmerlautstärke -, um mich vom Krawall zuvor zu erholen und ein paar Notizen zu machen. Soap&Skin läuft nebenher, „The Sun“ vom Debütalbum der Österreicherin. Ich weiß, da sind tiefe Bässe drauf, dito bei „DDMMYYYY“ – aber das hört man ja eh nicht bei diesen Flüsterpegeln. Nun, mit der Grimm LS1bse+SB1 dann offenbar doch: Absolut erstaunlich, ich habe noch keinen anderen Lautsprecher erlebt, der bei so geringen Pegeln derart transparent bis ganz unten hin durchzieht, der den Bassbereich so sauber nachvollziehbar gestaltet, ohne dafür eine Loudnessanhebung nötig zu haben. Ob das an diesem Beschleunigungssensor liegt, dieser „DMF“-Technik der Subwoofer? Mag sein oder auch nicht – jedenfalls ist diese Qualität etwas ganz Seltenes, und diejenigen von Ihnen, die öfter leise hören (müssen oder wollen), werden sie besonders schätzen. Mit Mitternachtspegel Klaviermusik oder dem Kontrabassisten eines Jazztrios vollumfänglich lauschen können, das schaffen wirklich nicht alle Lautsprecher.

Grimm LS1be mit SB1 - ohne/mit Abdeckung

Der Grimm-Subwoofer SB1 kommt mit Abdeckung – die legt man die nur lose auf, eine Fixierung gibt es nicht. Hält aber auch so

Mitten/Hochton

Nach wie vor eine echte Nagelprobe für Lautsprecher aller Art ist die Wiedergabe von Streichinstrumenten, von Violinen insbesondere. Werden Härten ins Klangbild getragen, wirkt es schnell künstlich, unangenehm, lästig – man mag dem dann nicht lange zuhören. Noch häufiger scheint mir allerdings eine Abstimmung zu sein, mit der sich Lautsprecher quasi schon mal prophylaktisch wegducken, denn so eine kleine Delle in den Präsenzen ist doch viel höflicher, schon tut es nicht mehr weh … Sie wissen, was ich meine? Und zweifellos ist das auch der klügere Kompromiss: das, was man nicht so gut beherrscht, besser charmant umspielen und dafür andere Stärken ausspielen. Mein einziges Problem damit: Klingt ja nett, klingt bisweilen aber auch ein wenig langweilig. Geigen brauchen etwas Biss, sonst wird’s zur Soundtapete.

duoW EntrendreAuftritt Grimm: Wegducken iss nicht. Mitten und Hochton sind die Definition von „straight“, der Präsenzbereich macht keine Ausnahme. Klar „beißt“ das schon mal beim duoW-Album Entrendre – das „Duo for Violin & Cello, Op. 7“ des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály wurde unverstellt-direkt eingefangen, das muss so sein. Und hier merkt man dann auch, warum die Grimm so teuer ist: Auflösung, Auflösung, Auflösung. Weil sie es kann, muss sie sich nicht wegducken, die „Härte“ ist echt, nicht hinzugefügt.

Wunderbar, diese holzige Textur des Cellos, faszinierend, wie minutiös der „knarzige“ Start einer frisch angespielten Geigensaite aufgedröselt werden kann. Das Klangbild ist derart komplett und vollständig, dass die Illusion, die beiden Streicherinnen ständen im Zimmer, mit Leichtigkeit gelingt. Jedes „technische Flair“ ist weggewischt – und das ist auch der subtile Unterschied zur ebenfalls famos auflösenden, dreimal günstigeren Genelec 1237A. Bei allem Detailreichtum, die die Finnin bietet – es geht eben doch noch etwas mehr, und die niederländische Kollegin überschreitet die Schwelle, bei der Auflösung den analytischen Touch verliert und zur Natürlichkeit beiträgt.

Freilich bleibt das eine Form von „Natürlichkeit“, die eher der Profi im Studio sucht und nicht unbedingt jeder Highender daheim. Diese Lautsprecher versuchen es nicht mit gefälligem Charme, der Ansatz ist: „Hier ist die Wahrheit, gewöhne dich dran.“ Nicht bei jeder Aufnahme fällt das leicht, das sollte Ihnen klar sein. Dieser Duktus erinnert mich sehr an die Lyravox Karlsson Tower, die im Hochton vielleicht noch etwas mehr Details herausschürft und klangfarblich minimal differenzierter wirkt, aber eben ein Monitor wie aus dem Lehrbuch ist. So wie die Grimm.

Seitliche Perspektive auf die Grimm LS1be/SB1

Seitliche Perspektive auf die Grimm LS1be/SB1

Zwischenfazit und Dynamik

Was haben wir bisher? Tonale Neutralität mit einem für viele Hörgewohnheiten eher schlanker wirkenden Bassdepartment – wenn man denn nicht mittels EQ-Einstellungen anderes vorgibt. Erstklassiges Auflösungsvermögen über das gesamte Spektrum. Der Tiefton besitzt eine famose Durchzeichnung bis ganz unten hin, erstaunlicherweise auch bei leisen Pegeln. Laut geht auch. Richtig laut. Das ruft angesichts der Preisklasse wohl eher ein Achselzucken hervor – sollte man ja erwarten dürfen –, in Anbetracht der überschaubaren Größe erstaunen die sauberen Diskopegel trotzdem. Dass es auch makrodynamisch richtig zur Sache gehen kann, klang ebenfalls schon an.

Freilich ist die Grimm nicht die Sorte Box, die mit maximalem Oooomph von sich reden macht. Mag sein, dass Orchestertutti, 16-Fuß-Orgeln und Metalbreitseiten „eigentlich“ gar nicht so schwer und basssatt klingen, die „reine Lehre“ also eine leichtfüßigere Spielweise vorgibt. Nur – was soll das den interessieren, der Bock drauf hat? Es gibt jedenfalls einige Lautsprecher, die in solchen Fällen den Raum voluminöser bespielen.

Die Rückseite der Grimm LS1be/SB1

Transienten, Impulse, Feindynamisches wirken mit der Grimm freilich sehr, sehr unmittelbar. Okay, der Lautsprecher ist aktiv und nicht ganz umsonst, da sollte es nicht überraschen. Trotzdem – das ist toll und sorgt für ein intensives, lebendiges Klangbild. Insbesondere Stimmen kommen mit der Grimm sehr eindringlich rüber.

Raumdarstellung

Dass es bei aller Studioaffinität nicht akademisch wird, dafür sorgt neben der lebendig-dynamischen Gangart auch die besondere Art der Raumdarstellung. Ich empfinde sie weniger als „reine Lehre“, eher als charmant involvierend. Was soll das heißen?

Nun, während etwa der Lyravox Karlsson Tower den Startpunkt der Bühnenshow im Grunde ganz der Aufnahme überlässt und sich somit „vorlagentreu“ verhält, habe ich bei der Grimm LS1 schon eher das Gefühl, dass sie eine Präferenz entwickelt: nämlich eine für ‘nen Schritt nach vorn. Weit entfernt von „frontaler“ Gangart wie mit manchen Hörnern, ergibt sich so doch eine angenehm offene und einladende Musikpräsentation.

Die wirkt aber nicht nur näher, sondern auch etwas breiter als man es sonst oft hört, das Panorama wirkt auch üppiger als es die Lyravox von sich aus macht (die überlässt nämlich auch das der Aufnahme), dafür nicht ganz so tief. Letzteres ist kein Problem, auch mit der Grimm gelingt eine saubere Orchesterstaffelung, doch der Karlsson Tower blickt noch tiefer ins Geschehen. Und dem Hamburger Lautsprecher lässt sich auch eine klassisch-präzise, randschärfere Abbildung attestieren.

Frontale Perspektive auf die Grimm LS1be/SB1

Ob das natürlicher wirkt, sei aber mal dahingestellt, man kann auch ein organisch-runder gezeichnetes, freier und lässiger aufgezogenes Bühnenbild präferieren, und hier spielt die Niederländerin ihre Trümpfe aus. Tatsächlich erinnert mich die Grimm LS1be da ein wenig an die Gangart von Paradigm-Lautsprechern wie etwa die Persona 3F, denn auch der Grimm gelingt die Illusion von Präsenz der Musiker im Raum nicht allein mit einer super-plastisch-präzisen Randeinfassung einzelner Klänge – sondern vor allem durch die absolute Freiheit der Bühnendarstellung von den Lautsprechern. Stimmen und Instrumente wirken „offener“, weicher gezeichnet, aber trotzdem „da“. Mit der Grimm hat man nie den Eindruck, dass das akustische Ereignis vor einem etwas mit dem Lautsprecher im Raum zu tun hat. Das „center fill“ ist erstklassig, und besagtes Gefühl von Präsenz wird an den Rändern des virtuellen Raums nicht schwächer, verblasst nicht. Die Grimm verdient ein Kompliment dafür, dass sie die Musik nicht „einsperrt“, sondern frei und lebendig ins Zimmer stellt.

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Test: Grimm LS1be + SB1 | Aktivlautsprecher

  1. 1 Märchenhaft realistisch
  2. 2 Grimm LS1be & SB1: Hörtest und Vergleiche

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