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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Tower mit Power
  2. 2 Lyravox Karlsson Tower: Hörtest und Vergleiche

Erinnern Sie sich noch? Den „Kopf“ unseres aktuellen Probanden hatten wir schon einmal im Test. Vor gut anderthalb Jahren berichtete Kollege Martin Mertens über die Lyravox Karlsson und war ob der Fähigkeiten des kleinen Zweiwege-Monitors so begeistert, dass der schlussendlich einen fairaudio‘s-favourite-Award einheimsen konnte. Präzision und Klarheit der Wiedergabe seien enorm, und sogar dynamisch werde deutlich mehr geboten, als man einer derart kompakten Box zutraue – wenn, ja wenn der Hörraum nicht zu groß wird.

Räume bis circa 20 qm seien für den Karlsson Monolith – so der Vor- und Zuname des kleinen Aktivlings im Querformat – das natürliche Habitat. Somit dürfte es auf meinen 40 qm wohl etwas schwierig mit ihm werden, zumindest bei gewissen Pegel-, Dynamik- und Bass-Anforderungen. Da es nicht nur mir, sondern vielen so gehen dürfte, hat man bei Lyravox (https://lyravox.com/) eine Basserweiterung ersonnen, mit der größere Areale bespielt werden und mehr Menschen in den Genuss des „Studio-Sounds aus Hamburg“ kommen können. Die Basserweiterung nennt sich „Karlsson Sub“, kostet 24.990 Euro/Paar und im Verbund mit dem „Köpfchen“ ergibt das den Standlautsprecher Lyravox Karlsson Tower, der bei 41.980 Euro liegt – und Gegenstand dieses Testberichts ist.

Das Köpfchen

Ich möchte nicht alles wiederholen, was der Kollege zum Karlsson-Monitor geschrieben hat, aber ein kurzes Update kann nicht schaden.

Der Lyravox Karlsson Tower besteht aus dem kompakten Zweiwegemonitor Karlsson Monolith - hier im Bild - und der Basserweiterung Karlsson Sub

Der Lyravox Karlsson Tower besteht aus dem kompakten Zweiwegemonitor Karlsson Monolith – hier im Bild – und der Basserweiterung Karlsson Sub

Der Lyravox Karlsson Monolith ist ein aktiver Zweiwegemonitor mit passiv eingeschliffenem AMT-Supertweeter, der ab circa 6000 Hertz zuarbeitet und auf der Oberseite der Box platziert wurde, damit er – Richtung Hörraumdecke strahlend – das Diffusschallfeld im Obertonbereich unterstützt.

Der AMT-Superhochtöner auf der Oberseite des Karlsson

Der AMT-Superhochtöner auf der Oberseite des Karlsson soll das Diffusschallfeld komplettieren

Die auffälligsten Besonderheiten des Karlsson sind das Gehäusematerial und der Tiefmitteltöner. Für das Gehäuse wird epoxidgebundenes Aluminiumoxid verwendet – einfacher gesagt: Kunststein. Das Material besitze eine 30-mal höhere Schalldurchgangsdämpfung als Beton, so Lyravox-Entwickler Jens Wietschorke, und habe damit im Vergleich zu den üblichen Holzwerkstoffen erst recht riesige Vorteile. Holzmaterial schwinge nicht nur deutlicher, sondern auch deutlich länger aus, was letztlich für den berühmt-berüchtigten „Kistenklang“ verantwortlich sei, den man zwar bekämpfen könne, aber nie ganz los werde. Mit diesem Kunststein sei‘s damit vorbei.

Das Material wird nicht nur in Form harter, 21 mm starker Platten bezogen, sondern auch in flüssiger: Letztere dient dazu, die Platten miteinander zu verkleben. Ist das geschehen, haben wir es mit einem homogenen, nur aus einer „Gesteinsart“ bestehenden Objekt zu tun – deshalb auch der Name Karlsson Monolith. Das Kunststeinmaterial sei nicht nur kostspieliger als übliche Holzwerkstoffe, die Verarbeitung sei auch deutlich anspruchsvoller, so Wietschorke. So seien die auf Gehrung geschnittenen Platten an den Kanten so scharf wie Keramikmesser und für den Verklebeprozess habe man nur wenige Sekunden Zeit – was dann nicht perfekt sitzt, gehört zum Ausschuss. Ein solches Gehäuse zu bauen sei eine echte Herausforderung.

Im Lyravox Karlsson Monolith spielen zwei Inverskalotten von Accuton

Im Lyravox Karlsson Monolith spielen zwei Inverskalotten von Accuton

Die zweite Besonderheit des Karlsson dürfte der Tiefmitteltöner sein. Die Hamburger setzten auf das Accuton-Modell C168-890, einen 7-Zoll-Treiber mit Inverskalotte aus Keramik und wahrhaft üppiger 114-mm-Schwingspule. Kalotte – das meint nicht nur die charakteristische Kugelausschnitt-Form, sondern auch, dass die Schwingspule am äußeren Rand der Membran ansetzt und nicht konzentrisch weiter innen. Der größte Vorteil dabei sei, dass die Membran einer geringeren Gefahr der Verformung (bei Impulsen) ausgesetzt werde und somit als Ganzes homogener angetrieben werden könne.

Ab circa 2000 Hertz übernimmt eine zweite Inverskalotte das Geschäft, die Accuton C25 mit – nomen est omen – 25 mm durchmessender Membran, ebenfalls aus Keramik. Zumindest im Standardmodell; wer den üppigen Aufpreis von 8.890 Euro nicht scheut, kann die Karlsson-Variante mit Volldiamant-Tweeter (Accuton Cell BD25 Diamant) ordern, der in den oberen Lagen das letzte bisschen herausholen soll. Wir haben das Standardmodell getestet.

Das Anschlussfeld auf der Rückseite des Lyravox Karlsson Monolith

Das Anschlussfeld auf der Rückseite des Lyravox Karlsson Monolith

Der Korpus

Der Lyravox Karlsson Sub macht aus dem kompakten Zweiwegler ein Dreiwege-Standmodell – dank des Keils auf der Oberseite der Basserweiterung sitzt der Monitor parallel zum Boden, während die Gesamterscheinung einen charakteristischen Knick macht, den man so oder so ähnlich auch schon bei anderen Lautsprechern (zum Beispiel bei Focal) gesehen hat. Gleichzeitig bleibt‘s aber doch erkennbar Lyravox, auch wenn der Karlsson Tower etwas weniger breit, dafür tiefer als die anderen Modelle der Hamburger Manufaktur ausfällt.

Aktivlautsprecher Lyravox Karlsson Tower - das Bassabteil ist angewinkelt

Aktivlautsprecher Lyravox Karlsson Tower – das Bassabteil ist angewinkelt

Natürlich kommt beim „Körper“ das gleiche Gehäusematerial wie schon beim „Kopf“ zum Einsatz, nur dürfte es hier seine Vorteile noch deutlicher ausspielen, denn das Gehäuse ist wesentlich größer und in ihm herrschen höhere Drücke, was Resonanzen noch stärker anregt.

Accuton-AS190-Woofer mit 19-cm-Aluminium-Waben-Sandwich-Membran

Zwei Accuton-AS190-Woofer mit 19-cm-Aluminium-Waben-Sandwich-Membran arbeiten pro Kanal im Lyravox Karlsson Tower

Beim Chassismaterial greift man wieder auf den Hersteller Accuton zurück, zumindest für die aktiven Treiber auf der Front: Zwei AS190-Woofer mit einer 19-cm-Aluminium-Waben-Sandwich-Membran betreuen den Bereich zwischen circa 22 und 150 Hertz. Dass sich die Membranen nach vorne wölben, habe laut Accuton den Vorteil, dass die akustischen Zentren besser zu denen der Tiefmitteltönern des Hauses passen.

Seitlicher Blick auf den Accuton-AS190-Woofer

Hier ein seitlicher Blick auf den Accuton-AS190-Woofer

Auf der Rückseite der Basserweiterung findet sich ein „fetter“ 12-Zöller von Seas mit daumendicker Sicke. Dabei handelt es sich allerdings um eine Passivmembran, die die gemeinhin üblicheren Bassreflexkanäle ersetzt. Apropos: Das „Köpfchen“ besitzt solch einen Reflexkanal, doch der wird im Rahmen des Karlsson-Tower-Konzepts basstechnisch arbeitslos, denn die Trennfrequenz liegt bei 150 Hertz und damit höher als die Resonanzfrequenz des Bassreflexabstimmung. Trotzdem sei dieser Kanal nützlich, so Wietschorke, denn ein offenes Gehäuse verhalte sich bei Mitteltonimpulsen nun einmal besser – insbesondere bei einem so kleinen Volumen (13 l), das, wäre es geschlossen, durch die relativ starke Luftfederung Transienten ausbremsen könnte.

Eine 12-Zoll-Passivmembran von Seas unterstützt den Bassbereich des Lyravox Karlsson Tower

Eine 12-Zoll-Passivmembran von Seas unterstützt den Bassbereich des Lyravox Karlsson Tower

Antrieb & Anschlüsse

Angetrieben werden die beiden Basschassis von zwei Hypex-NCore-Modulen mit je 500 Watt Leistung. Für den Tiefmitteltöner stehen noch mal 400 Watt, für den Hochtöner 100 zur Verfügung, gleichfalls bereitgestellt von Hypex-Class-D-Endstufen. Die Gesamtleistung der Lyravox Karlsson Tower summiert sich damit auf 2 x 1500 Watt. Schon ganz ordentlich für so einen noch überschaubar großen (1,1 m hohen) Lautsprecher.

Anschlussseitig werden fünf Eingänge vorgehalten, drei digitale (AES/EBU, S/PDIF Coax, Toslink) und zwei analoge (XLR, Cinch). Analogsignale werden umgehend digitalisiert, denn die Aufteilung der Frequenzen, Entzerrung und optionale Raumeinmessung erfolgen via DSP. Steuert man den Karlsson Tower digital an, so erfolgt das im Master-Slave-Modus, es ist also noch eine Digitalverbindung zwischen den Lautsprechern von Nöten. Etwas unpraktisch finde ich, dass pro Box zwei Netzkabel gebraucht werden: eines für den Bassbereich, ein weiteres fürs Köpfchen. Aus Sicht des Hardcore-Audiophilen ist es natürlich nur konsequent und lobenswert. Wie auch immer, betreibt man den Lyravox Karlsson Tower digital und analog, wie ich es im Test gemacht habe, ist hinter den Boxen strippentechnisch einiges los.

Der Lyravox Karlsson Tower ist keine Wireless-Box...

Der Lyravox Karlsson Tower ist keine Wireless-Box…

Optionen

Kurz zu den möglichen Ausführungen: Standardmäßig liegt dieser Aktiv-Lautsprecher bei 41.980 Euro, wählt man die Ausführung mit Diamant-Hochtönern, bei 50.870 Euro. Es lassen sich aber auch 2.000 Euro sparen, indem die sogenannte „Analogvariante“ geordert wird, bei der die Digitaleingänge nicht mit an Bord sind – dann kommen wir auf 39.980 Euro (Keramik-Tweeter-Version). Auf jeden Fall würde ich zur Systemeinmessung seitens Lyravox raten, die kostet zwar weitere 990 Euro, aber das macht den Kohl dann auch nicht mehr fett und ist klanglich ein extremer Vorteil. Last, but not least: Diese Lyravox lässt sich auch im schwarzen Kunststeingehäuse ordern, Aufpreis dafür: 2.080 Euro.

Lyravox Karlsson Tower: Hörtest und Vergleiche

Lautsprecher dieser Liga sind in der Regel Allrounder, echte „Leerstellen“ kann sich ein Hersteller in dem Preissegment wirklich nicht leisten. Trotzdem haben viele einen bestimmten „Hook“, eine Klangeigenschaft, die herausragt, während andere „nur“ standesgemäß sind. Einfaches Beispiel: Die Horn-Lautsprecher von Blumenhofer Acoustics – die machen einen natürlich durch die besondere Dynamik an. Ausgeglichene Tonalität, Raumdarstellung, Feinzeichnung, das alles ist auch vorhanden – ich weiß, wovon ich rede, ich habe zwei Blumenhofer-Lautsprecher über Jahre besessen –, aber das dürften kaum die Gründe sein, warum Hörer auf diese Hörner anspringen. Sondern Nebenbedingungen, die eben auch stimmen müssen.

Lyravox Karlsson Tower im Hörraum

Der Lyravox Karlsson Tower besitzt ebenfalls einen „Hook“: das Auflösungsvermögen. An die anderen Klangkriterien lässt sich ein Haken machen, logisch, aber der besondere Kick rührt her von den tiefen, tiefen Einblicken in die jeweilige Aufnahme, die dieser Monitor gewährt. Wer es „gar nicht so genau wissen will“, für den gibt‘s andere Angebote. Wer aber auf Tuchfühlung mit dem Sound respektive der Produktion gehen möchte, der oder die ist hier goldrichtig.

Die Frage ist da natürlich: Was fällt eigentlich alles unter „Auflösung“?

Details, Farben, Texturen

Boccherini: La musica notturna delle strade di Madrid vom Cuarteto CasalsZunächst einmal sicherlich der schiere Detailreichtum einer Musikproduktion, der eben mehr oder weniger durchgelassen werden kann. Da spielen auch „Nebengeräusche“ beim Musizieren eine Rolle, das berühmte Stuhlknarren im Orchester etwa oder das Geräuschhafte einer Klaviermechanik beim Anschlag. So etwas in der Art habe mit dem Lyravox Karlsson Tower beim Album Boccherini: La musica notturna delle strade di Madrid vom Cuarteto Casals entdecken können: Beim „String Quintet in C major G.324, Op.30 No.6“ gibt’s ein Streichersolo als Auftakt, bis sich dann jemand in Sekunde 58 aufrichtet und einatmet, um den Mitmusikern den Einsatz zu bedeuten, die infolge das charakteristische Thema zum Besten geben. Sehr schön, dieses Einatmen! Ja, ich weiß, musikalisch ist es komplett irrelevant, hätte man auch herausretuschieren können. Aber so echt, unforciert und doch deutlich, wie’s der Karlsson Tower rüberbringt, meint man fast noch ein kleines Kopfnicken des Musikers sehen zu können … Solche scheinbar nebensächlichen Details vermitteln viel vom „Live-Gefühl“, und wenn das derart unmittelbar in den Hörraum projiziert wird, dann ist das schon genial.

Lyravox Karlsson Tower - Paar von vorne-links

duoW - EntrendreKlangfarben und Textur der Instrumente profitieren ebenfalls deutlich von der hochauflösenden Gangart. Was das „Farbliche“ angeht, meine ich damit keinesfalls eine Tönung ins Hellere oder Wärmere; logisch, das ließe sich schon erreichen, wenn bei der Einmessung des Karlsson Tower darauf abgestellt würde – was ich aus naheliegenden Gründen aber nicht getan habe. Nein, umgekehrt, die besondere Farbechtheit zeigt sich durch eine sehr differenzierte Palette an möglichen Tönungen, also die Freiheit von „Filtern“. Faszinierend, wie strahlend, brillant und, ja, durchdringend die Violine des duoW auf dem Album Entendre (auf Amazon anhören) erklingen kann. Ganz recht, das muss auch mal beißen, denn so ist’s auf der Produktion festgehalten worden. Der Karlsson Tower duckt sich da kein Stück weg, charmiert nicht, sondern berichtet. Härten werden nicht ins Klangbild getragen – aber durchgelassen, wenn sie zur Musik gehören. Nicht jeder wird das so hören wollen, ich aber finde es klasse. Komplettiert wird das durchs minutiöse Nachzeichnen der „holzigen Texturen“ des Cellos, das wirkt so klar und deutlich, als würde auf den Korpus gezoomt. Nein, falsches Bild: Näher dran bin ich nicht, die normale Distanz wird gewahrt. Hm, wenn schon Foto-Metapher, dann vielleicht „lichtstärkeres Objektiv“? Denn hier wird schlicht und ergreifen mehr vom „Objekt“ durchgelassen.

Der Lyravox Karlsson Tower im Hörraum

Nun steht Lyravox ja sowieso für hohe Auflösung, Aktivtechnik im Verbund mit Accuton-Treibermaterial macht‘s möglich. Aber weder von der Karlina (19.500 Euro) noch der größere Karlotta (28.900 Euro) erinnere ich eine derartige Durchlässigkeit, wie der Karlsson Tower sie bietet. Das ist noch einmal eine andere Liga. Dito was die Festigkeit und Bestimmtheit angeht, mit der Instrumente in den Raum projiziert werden – da ist nichts Durchscheinendes, Aquarelliges dabei, es wirkt ausnehmend deckkräftig. Auch das erinnere ich so nicht von den (preislich) „kleineren“ Hamburgerinnen.

Sondern eher vom Gespann, das ich vor dem Test des Lyravox Karlsson Tower hören durfte: der Acapella High BassoNobile MKII im Verbund mit der 5er-Verstärkerkombi von Soulution. Das freilich bewies, dass da immer noch ein wenig mehr geht. Nicht nur „Drama“, potenziell abrufbare Basssubstanz und grobdynamisches Feuer sind zu nennen, auch im ureigensten Feld des Karlsson Tower – der Auflösung – scheint mir das Soulution/Acapella-Duo ein Eckchen mehr zu bieten. Worüber man sich freilich schnell hinwegtröstet, wenn man nachrechnet und feststellt, dass der Hamburger Monitor weniger als die Hälfte (!) kostet.

Dynamik

Das Leitthema Auflösung tangiert auch den dynamischen Bereich, zumindest den mikrodynamischen, denn wenn minimale Lautstärkedifferenzen „vernuschelt“ werden, wirkt’s nun mal weniger detailreich und dynamisch. Kein Problem mit dem Karlsson Tower, wie Sie sich denken können: Stimmartikulation, Gitarrenpicking, das „Ausrauschen“ eines Sizzle-Beckens – alles das ist eine ziemlich Show mit diesem Lautsprecher.

Rückseite des Lyravox Karlsson Tower

Rückseite des Lyravox Karlsson Tower

Was nun die Grobdynamik angeht, muss ich das erste Mal „standesgemäß“ schreiben – was bei einem Preisstand jenseits der 40 kEuro heißt: Zieht euch warm an! Doch andere Lautsprecher können das auch, und wenn es nur um den schieren dynamischen Impact im Bass geht, sehe ich nicht mal, dass die fast dreimal günstigere Abacus Oscara 212 hinterherhinken würde, und die Ascendo Live 15 (circa 27.000 Euro) hat, zumindest was Härte und finalen Schub von Synthie-Bassattacken angeht, die Nase vorn. Genannte Lautsprecher sehen gegenüber dem Karlsson Tower bei den audiophilen Tugenden im Mitten- und Hochtonband die Rücklichter – aber was Bassdynamik angeht, müssen sie nicht zurückstecken.

Dialog: Ich und Du; The Wrath of God; The Light of the End (Sofia Gubaidulina, Gewandhausorchester Leipzig)Transienten und Impulse im Mitten-/Hochtonband kommen mit dem Lyravox explosiv rüber, das geht fast ins Horn-mäßige, und so wirkt beispielsweise alles, was Schlagzeug enthält, ganz erstaunlich echt. Nicht nur bei Klassik fällt‘s mir auf – etwa bei Pauken, Gong und allerlei anderem auf dem Album Dialog: Ich und Du; The Wrath of God; The Light of the End (Sofia Gubaidulina, Gewandhausorchester Leipzig; auf Amazon anhören) –, sondern auch, immer wieder cool, bei „VW Jetta“ von LaBrassBanda (Album: Übersee; auf Amazon anhören): Die Drumschläge wirken so unverzuckert-hart, dass man unwillkürlich zusammenzuckt, der Bass grummelt sündig aus den Treibern, dann ein paar scharfe Bläsereinsätze plus die einsame Kuhglocke – so muss das sein.

Bühnenbau

Auch bei der Raumdarstellung bietet der Karlsson Tower mehr als seine kleineren Schwestern Karlina/Karlotta. Zunächst einmal: Hier wird kein Raum gemacht, sondern durchgelassen. Die Aufnahme bestimmt, wie groß, breit, tief die Bühne erscheint – und wo sie startet. Da hat dieser Monitor keine bestimmte Präferenz, sondern reproduziert kommentarlos das, was reinkommt.

Was aber die „Schwärze“ beziehungsweise Ruhe des Hintergrunds angeht, die mögliche Raumtiefe und vor allem die Abbildungspräzision und -plastizität, spielt der Karlsson Tower doch noch mal eine Klasse besser. Es steht zu vermuten, dass es nicht allein an diesem sehr aufwendigen Tiefmitteltöner liegt, sondern wesentlich auch am Gehäuse aus Kunststein. Es zeigt sich regelmäßig, das Boxen mit „toten“ Gehäusen – man denke an Magico oder Wilson Audio –, eine besonders überzeugende virtuelle Bühne erschaffen können. Der große Karlsson ist da keine Ausnahme. Das zeigt sich auch darin, wie hervorragend Raumrückwürfe, Hallfahnen und das Verklingen von Instrumenten – alles sehr leise Signalanteile – aufgelöst werden, was viel vom Aufnahmeraum ins Wohnzimmer transportiert. Da haben wir wieder unser Leitthema.

Die Basserweiterung Karlsson Sub hat oben eine Aufnahme für den Karlsson Monolith

Die Basserweiterung Karlsson Sub besitzt oben eine Aufnahme für den Karlsson Monolith

Tonale Gesamtlage

Zur tonalen Ausrichtung der Lyravox habe ich bisher noch nichts gesagt. Das hat seine Gründe: Zum einen können Sie diese Lautsprecher so abstimmen lassen, wie Sie möchten, die Tonalität ist also nicht festgelegt, weswegen ich sie nicht aufwendig als „feststehendes Faktum“ beschreiben muss. Zum anderen handelt es sich hier ja um den Test eines Monitor-Lautsprechers – weshalb er bei mir sinnigerweise ausgeglichen/neutral eingemessen wurde. Entsprechend tönt er: unauffällig und gefühlt linear.

Ich will aber noch auf die Breitbandigkeit hinweisen und vor allem darauf, dass es fundamental tief in den Basskeller hinuntergeht. Okay, das können Aktivlautsprecher ja meistens gut, aber man kann so viel Geld ja auch in eine DAC-Verstärker-Passivlautsprecher-Kombi stecken, und ob die dann derart tief hinunterlangt wie der Karlsson Tower, ist alles andere als sicher. Dafür liebe ich die Aktivtechnik ja. Schön zudem, dass die Basswiedergabe weder so trocken ist, dass aus Kontrabässen Dörrobst wird, noch so lässig-swingend, dass Tiefbasseskapaden elektronischer Musik wirklich verwischt würden, auch wenn hier durchaus noch mehr Grip möglich wäre. Sprich: Das Ganze wirkt konturiert, aber nicht überkontrolliert oder starr.

Lyravox Karlsson Tower - Übergang von der Baserweiterung zum Zweiwegemonitor

Analog?

Der Lyravox Karlsson Tower besitzt zwei Analogeingänge – unsymmetrische und symmetrische –, und via XLR habe ich meine BMC-Phonovorstufe an ihn angeschlossen. Die „heiligen analogen Signale“ werden direkt hinterm Eingang digitalisiert. Das kann doch nix werden, oder?

Ben Harper Welcome to the cruel WorldDas Schöne an Streamingdiensten besteht auch darin, dass da so gut wie alles zu finden ist, und so war es ein Leichtes, verschiedene LPs im Direktvergleich zum Stream aus der Cloud zu hören. So zum Beispiel Ben Harpers Album Welcome to the cruel World (auf Amazon anhören). Erkenntnis eins: Klanglich würde ich nach wie vor den analogen Weg vorziehen, nicht nur aus tonalen Gründen, sondern weil mir das Mittenband schlussendlich doch noch etwas geschmeidiger/aufgelöster vorkommt. Erkenntnis zwei: Die Unterschiede zwischen dem digitalen und analogen Weg sind gering, und ja, mir kommt es so vor, als seien sie geringer als über meine Standard-Anlage, bei der der analoge Pfad zwischendurch nicht digitalisiert wird. Gut, das kann auch an tausend anderen Dingen liegen, aber der Vollständigkeit halber sei es erwähnt.

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Lyravox Karlos

Test: Lyravox Karlsson Tower | Aktivlautsprecher

  1. 1 Tower mit Power
  2. 2 Lyravox Karlsson Tower: Hörtest und Vergleiche