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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Zauberwürfel
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Sehring M801

Was tun wir nicht alles, um die schönste, beste, perfekt auf die eigenen Bedürfnisse passende Hifi-Komponente zu finden. Kabel aus Kanada, Kopfhörer aus Taiwan, Verstärker aus Neuseeland und Lautsprecher aus den USA – im globalen Zeitalter ist die Logistik ausgereift und der Transport zumindest finanziell tragbar. Lassen Sie uns jetzt nicht von den Kollateralkosten sprechen. Dabei liegen die wahren Schätze manchmal in unmittelbarer Nähe – man muss sie nur finden.

Sehring M801 auf Ständern

Die Sehring M801 samt optionaler Lautsprecherständer

Wie zum Beispiel die Lautsprechermanufaktur Sehring (https://sehring-audio.com). Im Berliner Südosten versteckt sich eine schmucklose Produktionsstätte für feinste und meines Wissens einzigartig modulare Lautsprecher. Noch nicht mal ein Firmenschild am Gebäude oder an der Straße weist auf die Existenz des Betriebes hin. Doch das wird weniger der Grund sein, warum viele Hifi-Fans Sehring noch nicht auf dem Schirm haben. Vielmehr dürften die Hauptgründe woanders liegen: Zum einen konzentriert sich ein Teil der Geschäftsaktivitäten eher auf den professionellen Studiobereich, in dem Sehring seit jeher aktiv ist. Zum anderen widmet sich Inhaber und Entwickler Stefan Sehring mit ganzer Konzentration der technischen Entwicklung und Erweiterung seines Portfolios, dem Messen, Feilen an Details und immer wieder und wieder Hören. Und wenn er nicht gerade Lautsprecher entwirft und perfektioniert, ist da noch das selbst umgebaute Wohnmobil oder die stattliche Sammlung von Zweirädern, die vor dem Firmengebäude Spalier stehen. Lange Rede, kurzer Sinn: Bei all diesen Aktivitäten bleibt einfach nicht mehr so viel Zeit, um die ganz große Marketingtrommel zu rühren. Zumal Sehring sich als Gründer und Inhaber in wirklich alle Aspekte der Entwicklung seines „Babys“ aktiv und voller Elan und Begeisterung einbringt.

Die Sehring’schen Hörgemächer

Zum Hören und Messen sowie Vorführen der Sehring-Lautsprecher weist die Fertigungsstätte in Neukölln ein großzügiges Industrieloft samt hochwertiger Espressomaschine auf, in dem sich die Kreationen von Stefan Sehring an diverser Elektronik vom Rotel-Amp (modifiziert) bis hin zur Bryston-Endstufe (auch modifiziert) unter guten raumakustischen Bedingungen austoben können. Bei einem Besuch im Vorfeld dieser Besprechung konnte ich mich von der Qualität der Hörumgebung wie auch des Espressos überzeugen. Kudos: Selten nimmt sich ein Entwickler oder Inhaber so viel Zeit für eine Einführung, fürs Hören, fürs Reden, und strahlt so viel Selbstvertrauen und Entwicklerstolz aus wie Stefan Sehring: Gute drei Stunden hörten, verglichen und palaverten wir beim Genuss von Bohnenheißgetränken und kamen zu dem Schluss, dass es die kleinsten Modelle des Sehring-Portfolios, sprich die kompakten Zwei-Wege-Kompaktboxen Sehring M801 (ab 1.980 Euro) für mich, meinen Hörraum und diesen Bericht sein sollen.

Flexibel hoch drei

Sehring M801 von unten

Die Sehring M801 von unten

Die sind nämlich schon aufgrund ihrer Größe für meinen recht bassstarken Raum prädestiniert. Darüber hinaus kann die Tieftonwiedergabe – wie bei Sehring-Lautsprechern üblich – angepasst werden. Die Sehring M801 können als Bassreflex– oder quasi-geschlossenes System arbeiten, das nochmals straffer im Bass spielen sollte. Quasi-geschlossen? Ja, denn eigentlich sind die nach unten feuernden Bassreflexrohre (die M801 sollten auf etwa 1,5 Zentimeter hohen Füßchen an den Untergrund angekoppelt werden) nur mit einem langfaserigen Polyestervlies „verschlossen“, das hier als akustischer Fließwiderstand fungiert, eine gezielte Undichtigkeit verursacht und so das Gehäuse „virtuell vergrößert“. Zudem soll der Fließwiderstand Verzerrungen durch stehende Wellen, Mitteltonanteile und Strömungsgeräusche verhindern. Sehring nennt diesen Kniff VBR (Ventilated Bass Reflex) – der ein oder andere Leser wird sich an Dynaudios „Variovent“ erinnert fühlen: eine Technologie, die die Dänen im Zusammenhang mit Chassis einsetzten, die im gegebenen geschlossenen Gehäusevolumen sonst auf eine zu hohe Gesamtgüte gekommen wären. Beide Ansätze erhöhen die mechanische Dämpfung des Gesamtsystems und reduzieren dadurch die Gesamtgüte, was der Basslinearität und der Impulsantwort zugutekommt.

Nimmt man das Polyestervlies heraus, erhält man ein etwas basskräftigeres, voll ventiliertes System. Doch Obacht: Als Variovent-System reicht der Bass der Sehring M801 laut Hersteller bis 49 Hertz bei -3 dB und bis 38 Hertz bei -6 dB hinab – das ist aller Ehren wert für so eine kleine Box. Im Bassreflex-Modus verschiebt sich der -3-dB-Punkt um 2 Hertz nach unten auf 47 Hertz, allerdings steigt der -6-dB-Punkt um 4 Hertz auf 42 Hertz an. Stefan Sehring empfiehlt den Bassreflexbetrieb nur in wirklich großen Räumen und wenn man Wert auf viel Bumms legt.

Sehring M801 - Stellfläche

Die Sehring M801 sollten auf etwa 1,5 Zentimeter hohen Füßchen an den Untergrund angekoppelt werden

Damit sind die Beiträge der M801 zum Thema Wandelbarkeit noch nicht erschöpft: Sie sind schon aufgrund ihrer kompakten Abmessungen wie gemacht für den Einsatz als Nahfeldmonitore. Und die stehen, wie der Name schon sagt, nah am Hörer und strahlen diesen auf Achse an. Das ist im normalen Wohnraum allerdings anders, und deshalb tunt Stefan Sehring den Frequenzgang nicht axial auf die perfekte Linearität, sondern abaxial, also unter Winkel. Damit der Profi in seinem Nahfeldsetting (oder der Liebhaber dieser Abhörkonstellation) ebenfalls in den Genuss der bestmöglichen Frequenzgangs kommt, setzt Sehring auf einen ebenso einfachen wie effektiven Kniff: In einer Spule der Frequenzweiche sitzt ein mit einer dünnen Lage Schaumstoff umhüllter Ferritkern, der sich dank eines Zipfels aus Schrumpfschlauch herausziehen lässt.

Dazu muss man nur kurz „Selbst ist der Mann / die Frau“ spielen und die hintere Abdeckung der Gehäusewand entfernen: Man öffnet dazu die zentrale Hohlschraube, die im Innern in einen Schraubdorn greift. Letzterer verleiht auch dem Konustreiber im Gehäuse bombenfeste Stabilität und stützt das innovative Verstrebungssystem des Gehäuses. Sodann entfernt man die gesamte Rückplatte mitsamt der darauf montierten Frequenzweiche. Ist der Ferritkern entnommen, steigt der Pegel im Bereich zwischen 1.000 Hertz und 4.000 Hertz um 1,7 Dezibel an, um die veränderte Abstrahlcharakteristik der Lautsprecher auf Achse zu kompensieren. Dieses clevere Feature ist Teil der „Flexible Sound Adjustment“-Technologie (FSA) von Sehring, mit der dem Hörer effektive Werkzeuge zur individuellen Beeinflussung des Klangs – nach Geschmack oder akustischer Umgebung – an die Hand gegeben werden.

Sehring M801 - Klangeinstellung mit Spulenkern

Nahfeld oder Nichtnahfeld? …

Sehring M801 - Klangeinstellung mit Spulenkern

Ist der Ferritkern entnommen, steigt der Pegel der Sehring M801 im Bereich zwischen 1.000 Hertz und 4.000 Hertz um 2 Dezibel an

Ein Wort noch zu den Verstrebungen: Das Kürzel SRD (Stress Resonance Damping) begegnet uns bei Sehring des Öfteren. Es handelt sich um eine dem Brückenbau entlehnte Technologie, bei der die Einzelkomponenten der Sehring’schen Gehäusekorpusse auf spezielle Weise miteinander verspannt werden. „Ich nutze diese Technik, um das Resonanzverhalten der Lautsprechergehäuse verzerrungsärmer zu gestalten“, so Stefan Sehring.

Am Scheideweg: die handverdrahtete Frequenzweiche

Wenn wir gerade schon mal bei der Frequenzweiche sind: Die ist, wie man auf den Fotos eindrucksvoll erkennen kann, nicht gerade von der Stange: „Unsere Manually Twisted Crossovers (MTC) sind handverdrahtet aufgebaut. Statt Printplatten verwenden wir einen Aufbau mit Reinkupferkabeln, die hinsichtlich des Querschnitts und des Widerstands konventionellen Leiterbahnen klar überlegen sind. Dieser Mehraufwand macht sich akustisch deutlich bemerkbar, selbst wenn die messtechnischen Unterschiede gegenüber einer Printplatte nur gering sind. Die mittige Befestigung der Frequenzweiche führen wir übrigens auch in SRD-Technologie aus“, erläutert Stefan Sehring.

Sehring M801 - Frequenzweiche

Die Frequenzweiche der Sehring M801

Die offensichtlich sehr hochwertigen Komponenten der Weiche (zum Beispiel Öl-Papier-Kondensatoren) verteilen sich sehr aufgeräumt über die gesamte Fläche der Rückplatte. Die Weiche trennt die beiden Treiber bei 2800 Hertz mit einer Flankensteilheit von 12 dB pro Oktave. Von höheren Flankensteilheiten hält Stefan Sehring nicht viel, denn sie verursachten zu viele Probleme in Sachen Phasenkohärenz – und die ist ihm besonders wichtig. Der angeschlossene Verstärker sieht eine freundliche Nennimpedanz von ungewöhnlich hohen 12 Ohm und ein Minimum von 7,8 Ohm bei 145 Hertz, muss sich aber auch mit einem knapp unterdurchschnittlichen Wirkungsgrad von 85 dB/W/m zufriedengeben. Stefan Sehring verzichtet laut eigener Aussage lieber auf das eine oder andere Dezibel an Wirkungsgrad, um auch einfacheren Verstärkern die Arbeit möglichst leicht zu machen. „Kleinere Amps klingen an so einigen bekannten Lautsprechermodellen trotz deren hohen Wirkungsgrads oft eher müde und langweilig. Das ist jedoch nicht der Fehler der Verstärker, sondern liegt an der Konzentration auf den Wirkungsgrad statt auf beste Arbeitsbedingungen für den angeschlossenen Verstärker.“

Über das Treiben der Treiber

Dass fast der gesamte Mittenbereich von einem einzigen Treiber übernommen werden kann, ist unter anderem der Beschichtung des 180-Millimeter-Tiefmitteltöners von Wavecor zu verdanken. Dessen glasfaserverstärkte Papiermembran wäre solch relativ hohen Frequenzen normalerweise weniger gut gewachsen, würde akustisch früher „aufbrechen“. Doch wie wir bereits gelernt haben, ist Stefan Sehring keiner, der Dinge einfach so beim Status quo belässt. Also tränkt er die Membranen unter Zufuhr von Hitze mit einer selbst entwickelten Flüssigkeit, was sie ungleich steifer werden lässt, ohne viel Gewicht hinzuzufügen. Mit Erfolg: Mein Versuch, die Membran mit dem Finger zu verbiegen, scheitert. Die Steifigkeit tut aber auch Not, denn mit einer linearen Auslenkung von 11 Millimetern und einer mechanischen Auslenkung von 20 Millimetern muss die Membran ganz schön widerstandsfähig sein, um nicht einfach „verbogen“ zu werden.

Sehring M801 - Konustreiber

Der 180-Millimeter-Tiefmitteltöner von Wavecor kommt mit spezieller Beschichtung

Der Hochtöner ist ein Ringradiator mit einem Durchmesser von 26 Millimeter. Er sitzt in einem Hornfortsatz (Waveguide Ring Radiator Design, WRD), der den Phasengang und die Effizienz des Ringradiators im Übernahmebereich optimieren soll. Die mechanische Verbindung von Ringradiator und Waveguide ist ebenfalls nach den Prinzipien der RDC-Technik gestaltet, um Verzerrungen zu minimieren.

Auf der Rückseite der Sehring M801 fällt neben dem für einen Aufpreis von 60 Euro pro Lautsprecher erhältlichen Reinkupfer-Single-Wiring-Terminal von Mundorf (normalerweise sitzen hier zwei „Multicontact“-Buchsen für Bananenstecker) noch ein Kippschalter auf. Der ist ebenfalls Teil der FSA-Technologie und erlaubt es, den Hochtöner im Pegel zu erhöhen – und zwar um 1 Dezibel (Stellung „+“) für normal bedämpfte und 2 Dezibel (Stellung „++“ ) für stark bedämpfte Hörräume. In Nullstellung sollen die Sehring M801 nämlich auch in kargeren Designer-Wohnungen mit vielen schallharten Flächen nicht nerven, weshalb der Hochtöner grundsätzlich leicht defensiv abgestimmt wurde.

Sehring M801 - Mundorf-Terminal

Das optionale Mundorf-Terminal

Modularer Bau

Sehring bietet sein gesamtes Programm in Modulbauweise – von Sehring MSS (Modular Speaker System) getauft – an. Das bedeutet, dass man die Möglichkeit hat, das erworbene Modell Schritt für Schritt, oder besser, Modul für Modul weiter aufzuwerten. Übrigens immer zum Differenzpreis plus Upgradepauschale – es entstehen also nur geringe Nachteile durch eine spätere Aufrüstung im Vergleich zum direkten Kauf eines größeren Lautsprechers. Ein erstes Upgrade für die Sehring M801 ist das Bassreflexmodul (Paar für 1.120 Euro Aufpreis), mit dem das Volumen, auf das der Treiber spielt, vergrößert wird und das aus den M801 die M802 macht. Als nächstes benachbartes Upgrade steht ein geschlossener Würfel mit einem 22,3-Zentimeter-Passivradiator bereit – dieser verwandelt die Sehring M801 in die M803. Das Paar-Set kostet 2.320 Euro mehr, wir kommen also bei 4.300 Euro Gesamtpreis raus.

Und wer sich jetzt fragt, warum diese Aufpreise in Relation zum Grundmodell einigermaßen heftig ausfallen, sollte sich bewusst sein, dass die M801 von Sehring als „subventionierte Einstiegsdroge“ angeboten wird, um den ersten finanziellen Anschaffungswiderstand möglichst gering zu halten. Meines Erachtens sinnvoll und ein feiner Zug für Fans mit einem Budget, das über die Zeit gestreckt werden will. Die weiteren Optionen zum Upgrade beinhalten zwei unterschiedliche Bassreflexsäulen, mit denen man Standlautsprecher schafft: Die Sehring S801 (3.300 Euro) wirken noch ein wenig wie Zwitter, die bassreflexbewehrten Säulen Sehring S802 (4.200 Euro) und S803 (5.600 Euro) mit Passivradiatoren sind eindeutige klassische Standmodelle.

Maßarbeit

Sehring M801 von oben

Die Sehring M801 von oben

Um die Zusatzmodule mit dem Hauptmodul zu verbinden, löst man wie oben beschrieben die Rückseite des würfelförmigen Gehäuses. Dann entnimmt man vorsichtig das im Inneren des Gehäuses leicht oval zulaufende, mit flexiblem Dichtband in die Gehäuseaussparung eingesetzte Bassreflexrohr, das Polyestervlies und die innen verschraubte Abdeckplatte für die zusätzlichen Ventilierungsöffnungen. Sobald die Rückwand wieder auf ihrem Platz und verschraubt ist, setzt man den Lautsprecher einfach auf das für den Aufsatz vorbereitete untere Modul auf – fertig. Übrigens ist das modulare Sehring‘sche Lautsprechersystem aus der Idee entstanden, die Einzelkomponenten der Lautsprecher mechanisch bestmöglich voneinander zu entkoppeln, um – Sie ahnen es –wechselseitige Störeinflüsse und damit Verzerrungen zu minimieren. Eine weitere Konsequenz des modularen Systems ist MCS (Multi Chambers System), bei dem das akustische Volumen des Lautsprechers auf mehrere Gehäuse verteilt wird. So werde „die rückwärtige Energie der Konus-Membranen sehr viel besser bedämpft als nur durch ein Gehäuse“, sagt Stefan Sehring.

Farbenfroh

Alle Teile der standardmäßig in Weiß kommenden Sehring-Lautsprecher sind auch in neun anderen Ausführungen erhältlich: Frontmodul, Grundmodul sowie das etwaige Bassmodul beziehungsweise die Säulen. Je nach Modul unterschiedliche Farbgebungen sind dabei ebenfalls möglich. Und auf Nachfrage lassen sich noch weitere Finishes realisieren.

Sehring M801 - Farbvarianten

Fett farbig – auch bei der Sehring M801 ist farblich fast alles möglich

Klangtest und Vergleiche: Sehring M801

Den Sehring M801 gelingt vom Fleck weg etwas, das nur wenige Lautsprecher – zumal in dieser Preisklasse – draufhaben: Sie klingen echt, in sich schlüssig. Das ist nicht zu verwechseln mit „perfekt“. Vielmehr zeigen die Sehring M801 keine tonalen Auffälligkeiten, und auch dynamisch sind kaum Limitierungen zu erkennen. Zumindest im Rahmen des aufgrund ihrer Größe Erwartbaren nicht – aber auch ein ganzes Stück darüber hinaus verschieben die kleinen Quader diese Erwartungshaltung nach oben.

Ich habe die Sehring M801 in meinem gut bedämpften Hörraum mit der Tweeter-Einstellung „+“ und hauptsächlich mit eingesetztem Fließwiderstand gehört. Als Verstärker agieren die DAC-Vorstufe Norma Audio Revo SC-2 (7.400 Euro) und die Stereo-Endstufe Linnenberg Liszt (4.500 Euro). Letztere ist mit 60 Watt an 8 Ohm je Kanal nicht unbedingt in der Endstufen-Schwergewichtsliga beheimatet, hat aber mit den Sehring M801 bis hin zu gerade noch vernünftigen Lautstärken keinerlei Probleme.

Holo-Deck 1, bitte!

Sehring M801 im Hörraum

Sehring M801 und ATC SCM19

Die Sehring M801 sind Präzisionsinstrumente – sowohl was ihre Konstruktion als auch was ihre Ansprüche an die Aufstellung angeht. Wer das Optimum nicht nur in Sachen räumlicher Darstellung, sondern auch tonal aus den kleinen Kisten herausholen möchte – und das lohnt sich – sollte mit der Positionierung experimentieren und selbst kleinen Details viel Aufmerksamkeit schenken. Stehen die Lautsprecher wackelfrei und im Lot auf ihren Ständern? Ist der Winkel beider Lautsprecher zum Hörplatz exakt derselbe? Befinden sich die Hochtöner mindestens auf Ohrhöhe? All diese Dinge sind bei der Sehring M801 gefühlt noch ein bisschen wichtiger als bei den meisten anderen Lautsprechern und legen Zeugnis davon ab, wie ernst Stefan Sehring selbst seine Kleinsten nimmt und wie penibel er sie abstimmt.

Demnächst wird es auch eine Wandhalterung für die M801 geben, doch für diesen Test kommen die stabilen Metallstative von Liedtke zum Einsatz, die über den Webshop von Liedtke-Metalldesign geordert werden können. Mit ihrer Höhe von 72 Zentimetern heben sie die Sehring M801 genau auf das richtige Level. Und schon wenn die Sehring M801 im klassischen Stereodreieck mit etwas erhöhter Basisbreite leicht eingewinkelt und genau 70 cm von der Rückwand entfernt stehen, machen sie recht schnell klar, dass sie ihre Konkurrenz in einer anderen, höheren Preisliga als ihrer eigenen suchen und finden. Und wenn man dann noch den Ferritkern aus der Spule entfernt – also den Abhörmonitor-Modus fährt – und die Hochtöner direkt auf die Ohren des Hörers ausrichtet, dann rastet das eh schon plastisch modellierte Klangbild endgültig auf eine Art und Weise ein, wie ich es nur von deutlich teureren Lautsprechern kenne.

Nine Inch Nails - With TeethSelbst die Akteure im atmosphärisch und akustisch äußerst dichten „Right Where It Belongs“ von den Nine Inch Nails (Album: With Teeth; auf Amazon anhören) erscheinen zum Drumherumgehen plastisch. Die Bühne erstreckt sich tief in den Raum, die sich zielgerichtet nach hinten oben bewegenden Synthiesounds in Yellos „Way Down“ entfalten sich in erstaunlichen Dimensionen. So schlägt die Abbildungsleistung der Sehring auch ganz locker die bereits erstaunliche dreidimensionale Plastizität der Canton A 45 BS (1.300 Euro). Das konnten auch die gerade wieder meinen Hörraum verlassenden Dynaudio Contour 30i nicht besser. Im Gegenteil – die mehr als dreimal so teuren Däninnen projizieren das Geschehen flächig-größer und weniger skulptural definiert. Erst die Holografie-Projektoren Qln Prestige Three (7.890 Euro) zeigen, dass es gerade mit großformatigen Klangcollagen noch einen Hauch dramatisch-raumgreifender, einen Tick realistischer und körperhafter gehen kann.

Von wegen Luftikus

Sehring M801 - Ringstrahler für den Hochton

Der Ringradiator der Sehring M801

Cassandra Wilson - LoverlyZum Glück wollen die Sehring M801 den Hörer nicht mit extrovertierter Hochtonenergie verführen, die dann irgendwann vielleicht nervt. Stattdessen spielen sie sauberer und aufgeräumter, langzeittauglicher und am Ende des Tages nach ganz, ganz oben hin auch etwas linearer als die ATC SCM19 (2.980 Euro), die spätestens ab etwa 15 Kilohertz ein wenig abdunkeln – aber auch einen Hauch weniger seidig-feinstofflich als die Scan Speak Revelator der Qln Prestige Three oder die neuen Esotar 2i der Dynaudio Contour 30i. Details sind in Hülle und Fülle einfach da, ohne artifizielle Glanzlichter, ohne Zurückhaltung bei harten Transienten wie der akustischen Gitarre in RM Hubberts „Car Song“, und immer mit ausreichend Luft zum Beispiel um die strahlenden Schlagzeugbleche und glasklaren Glöckchen in Cassandra Wilsons „Arere“ (Album: Loverly; auf Amazon anhören) herum. Der Ringradiator der M801 bleibt übrigens auch bei hohen Pegeln gelassen, wird erst bei sehr hohen Lautstärken minimalst schärfer – was aber auch an der nicht allzu üppigen Leistung der Linnenberg-Endstufe (erste Anzeichen von Clipping) liegen mag.

Saubermann

Linear und nicht aufdringlich direkt präsentieren die Sehring M801 die Stimmen von Jacintha in „Danny Boy“ oder Tom Waits in „I hope that I don’t fall in Love with You“. Weder Brust noch Kopf betonen die Sehring M801. Das passt einfach und gefällt mit zunehmender Spieldauer immer besser, man gewöhnt sich sehr schnell an diese unspektakuläre Wahrheit. Hier sind die Berlinerinnen Schwestern im Geiste der ATC SCM19 – auch wenn sie deren exzeptionelle Mittelton-Transparenz nicht ganz erreichen. Die Britinnen reproduzieren Anne Sofie von Otters intim-nahe Performance von „Baby Fools Around“ unheimlich detailliert und fast schon magisch durchhörbar – aber auch ein wenig schlanker, ätherischer. Die Sehring M801 hingegen zaubern zum Beispiel Bruce Springsteen in „Terry’s Song“ (Album: Magic) einen sympathischen Klecks Klangfarben auf die Zunge und geben auch den pfeilschnellen und megapräzisen Mittelton-Impulsen in „Arere“ einen etwas bronzeneren, geerdeteren Glanz mit auf den Weg – wohlgemerkt aber nicht genug, um von einem warmen Mittelton zu sprechen.

Sehring M801 mit ATC-Lautsprecher

Tiefgänger

Nine Inch Nails - With TeethDie Sehring M801 sind im Bass sehr linear und recht präzise abgestimmt. Auch wenn mir Adjektive wie „schlank“ und „sehnig“ nicht als allererstes einfallen mögen, so stehen sie der Realität doch näher als „fett“ oder „warm“. Aber eigentlich ist das Wort, das hier am besten passt, wiederum „echt“. Die geschlossenen und mit einem in etwa gleichgroßen Tief-/Mitteltöner ausgestatteten ATC SCM19 ziehen Bassimpulse wie die Elektro-Drum in Trentemøllers „Take Me Into Your Skin“ (Album: The Last Resort; auf Amazon anhören) etwas federnder, leichtgewichtiger durch. Die voluminöseren Canton A 45 BS wiederum geben sich markant basskräftiger, druckvoller, agieren dabei aber weniger kontrolliert und nuanciert als die physisch kleineren Sehring M801. Die finden hier einen guten Mittelweg und schießen die Bass-Drum von Rage Against The Machine in „Bombtrack“ straff, präzise und dennoch körperhaft spürbar in den Hörraum.

Zudem marschieren die Sehring M801 in „Kiss the Cloud“ von Yello tiefer in den Basskeller als beide Mitbewerber. Nein, die allertiefsten Frequenzen in „Money Greedy“ von Tricky (Album: Angels With Dirty Faces) kommen auch mit den Sehring M801 nicht mehr zur Gänze rüber, doch der Ansatz nach ganz unten gelingt ihnen überzeugend, sogar beim leisen Hören – und immer wieder sauber und verzerrungsfrei auch bei hohen Pegeln. Vor allem aber wirkt der Bass nie als Anhängsel, nie erzwungen, sondern als integraler Bestandteil eines Ganzen. Kein Boom, kein Dröhnen, keine Timing-Unpässlichkeiten. Sehr geil! Ein Wort zum Bassreflex-Modus: Der eignet sich in der Tat eher nur in Spezialfällen (sehr großer Raum, Hip-Hop- oder Techno-Fan). Frei ventiliert erzeugen die Sehring M801 zwar etwas mehr Druck im Mittelbass, erzeugen aber gefühlt etwas weniger Tiefbass und – am wichtigsten – verlieren ein klitzekleines bisschen von der absolut natürlichen Integration des Bassbereichs. Also flugs wieder rein mit dem Vlies für den Fließwiderstand.

Hau-ruck!

Sehring M801 - schräg von unten, seitlich

Auch grobdynamisch und in Sachen Pegelfestigkeit setzen die Sehring M801 ein Ausrufezeichen. Die Sehring M801 spielen große Orchester wie das Columbia Symphony Orchestra unter Leonard Bernstein bei Gershwins „Rhapsody in Blue“ schlichtweg unkomprimiert laut, ohne zu verzerren, bis hin zu geradezu erstaunlichen Pegeln. Krass, was aus diesen kleinen Kisten noch bei Pegelstellungen sauber rauskommt, mit denen ich gerade erst die Grenzen der fünfmal voluminöseren Dynaudio Contour 30i ausgetestet hatte! Zudem sprinten sie vollkommen ansatz- und mühelos von Null auf Maximalpegel, und sie stoppen auch die sehr heftigen Bassimpulse in „Variations“ des Submotion Orchestra (Album: Kites) noch minimal präziser als die Treiber der ATC SCM19, die zudem bei sehr hohen Lautstärken früher in die Bassverzerrungen laufen.

Auf Zack

Feindynamisch differenzieren die Sehring M801 die zart und behutsam angeschlagenen Schlagzeugbleche in Max Roachs „Lonesome Lover“ (Album: It’s Time) oder die elektronischen Mitteltonspielereien in Yellos „Kiss the Cloud“ auf dem hohen Niveau der ATC SCM19 – perlend, subtil changierend. Lassen wir diesbezüglich zum Abschluss den Produzenten und Toningenieur Guy Sternberg vom Berliner LowSwing Studio zu Wort kommen. Er ist ein ausgewiesener Klang- und Analogspezialist und besucht mich ab und zu, um sich die gerade vorhandenen Testgeräte anzuhören. Dabei kommt stets seine geniale, rein analoge Aufnahme der Tromsøer Combo Port Almond (Album: Port Almond) zum Einsatz. Selten habe ich ihn so überrascht erlebt wie beim Abhören über die Sehring M801: „Wow. Die Teile lassen aber wirklich gar keinen Zweifel daran, welches Material die Gitarrensaiten haben und wie der Gitarrist sie intoniert – erstaunlich. Die Dinger machen richtig Spaß!“

Sehring M801 - Rückseite mit Lautsprecherkabel

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Teufel Weihnachtsfeier 2020

Test: Sehring M801 | Kompaktlautsprecher

  1. 1 Zauberwürfel
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Sehring M801

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