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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Holländischer Hottie
  2. 2 PrimaLuna EVO 300: Klangtest & Vergleiche

fairaudio's favourite AwardDer niederländische Röhrenspezialist PrimaLuna hat mit der Besser Distribution GmbH einen kompetenten Vertriebspartner im DACH-Raum gefunden. Und der gibt nun Vollgas, indem er zum Beispiel dem Autor dieser Zeilen den zweitgrößten Vollverstärker des Portfolios ins Rack stellt: den PrimaLuna EVO 300 Tube Integrated Amplifier (www.primaluna.nl  | 4.890 Euro). 31 Kilogramm Klangkraft, die den Hörraum gleich in mehrfacher Hinsicht zum Glühen brachten …

Manchmal denke ich über einen Treppenlift nach. Nicht, weil ich keine Treppen mehr steigen kann, sondern weil mein Hörraum im ersten Stock des Hauses liegt. Einen Streamer oder CD-Player hochtragen, selbst vollgefressen oder hochprozentig betankt: Kleinigkeit! Bei Standlautsprechern wird es dann schon schwer. Oder bei Röhrenverstärkern, die 31 und mit Verpackung 35 Kilogramm wiegen. Heute habe ich Glück: Mein Treppenlift heißt Michael Stolz, arbeitet beim deutschen Prima-Luna-Vertrieb und schleppt für mich das Ding hoch. Guter Mann! Aber was heißt Prima-Luna-Vertrieb, genau gesagt arbeitet er für die Besser Distribution GmbH, die hierzulande seit Anfang 2022 auch den Vertrieb für den britischen Lautsprecherhersteller PMC besorgt. Hinter der Besser Distribution GmbH steckt Udo Besser, bekannt als Besitzer von AVM. Der Mann ist sehr umtriebig und weiß offenbar genau, was er tut.

Optischer Leckerhappen

Der PrimaLuna EVO 300 im Rack

Edles und wertiges Erscheinungsbild: der PrimaLuna EVO 300 wird in Fernost gefertigt, die Entwicklung erfolgt am Stammsitz in den Niederlanden

Als wir den nagelneuen Boliden aus den Niederlanden ausgepackt, aufgestellt und an meine Sonus Faber Olympica Nova 3 angeschlossen haben, klingen schon die ersten Takte vielversprechend. Michael Stolz empfiehlt eine Einspielzeit von gut hundert Stunden, um sich ein richtiges Urteil bilden zu können. Lassen wir den Blick in der Zwischenzeit also erst mal über das Gerät wandern und widmen uns der Technik. Optisch wirkt der Röhren-Vollverstärker äußerst edel und wertig. Die silberne Metallfront bildet einen schönen Kontrast zum dunkelgrau bis leicht bläulich lackierten, schweren, voll belüfteten Stahlchassis. Und wenn die Röhren dann erst mal glimmen, sieht es noch stimmungsvoller aus. Die Geräte entstehen in Handarbeit, das Stahlchassis weist eine Fünffachlackierung auf, wobei jede Schicht von Hand geschliffen und poliert wird. Der abnehmbare Käfig, der als Schutz der Röhren und vor allem der menschlichen Haut oder einer Hundenase dient, reiht sich verarbeitungsseitig nahtlos ein – vor allem das Glas an den Seiten begeistert. Optisch also ein Leckerhappen, aber auch was die Ausstattung betrifft, kann sich der PrimaLuna EVO 300 mehr als sehen lassen. Nur eine Bedienungsanleitung im Karton vermisse ich, die gibt es derzeit nur online in englischer Sprache zum Runterladen.

Blitzschnelles Umschalten

Die massive Fernbedienung aus Metall erinnert mich ein bisschen an die vom Krell-Vollverstärker K-300i (ab 12.700 Euro), wenngleich die des Amerikaners noch größer und beachtlicher wirkt. Die silbernen Tasten klackern vertrauenserweckend und erlauben das Durchschalten der Eingänge, das Regulieren der Lautstärke sowie das Stummschalten. Der Clou aber ist die Taste mit der Bezeichnung „TR/UL“ ganz oben in der Mitte, die Abkürzungen stehen für Triode und Ultralinear. Sprich: Man kann im laufenden Betrieb in Sekundenbruchteilen zwischen Trioden- und Ultralinear-Betrieb umschalten und sofort exakt die klanglichen Unterschiede beurteilen – ein grandioses Feature! Mehr dazu später im Klangteil, nur kurz vorab: Die Unterschiede sind sehr deutlich hörbar.

Die Fernbedienung des PrimaLuna EVO 300

Mit dem aus dieser Perspektive linken Schalter auf der Fernbedienung des PrimaLuna EVO 300 lässt sich bequem zwischen Trioden- und Ultralinear-Modus wechseln

In der Mitte der Frontplatte befinden sich zwei farbige LEDs, die anzeigen, in welchem Modus der Verstärker gerade arbeitet: Rot steht für Ultralinear, Grün für Triode. Laut Hersteller kommt der 300er auf 42 Watt Ausgangsleistung pro Kanal im Ultralinear-Betrieb und auf 2 x 24 Watt im Trioden-Modus mit den vier verwendeten EL34-Röhren, die als besonders musikalisch gelten. Sollte einmal eine den Geist aufgeben, was bei Röhren ja nicht ganz unwahrscheinlich ist, zeigt je ein rotes Lämpchen vor den vier Pentoden an, um welche es sich handelt. In der Vorstufensektion sitzen sechs kleine 12AU7-Röhren, die diese Anzeigeoption nicht bieten.

Die Dreingaben: Phono, Kopfhörer & Co.

Auch sonst bietet der PrimaLuna EVO 300 eine Menge Feintuning-Optionen, etwa den Vier- oder Acht-Ohm-Abgriff für die Lautsprecher. Hier sollten Besitzer experimentieren und zum Beispiel auch mal die Acht-Ohm-Variante ausprobieren, selbst wenn auf dem Papier Vier-Ohm-Lautsprecher angeschlossen sind. Auf der Rückseite des Amps stehen fünf RCA-Pärchen für CD-Player oder D/A-Wandler bereit; wer möchte, kann den Vollverstärker auch optional mit MM-Phono-Board (Aufpreis: 165 Euro) bestellen. Diese kleine Box wird unten an der Bodenplatte befestigt und ist von der Rückseite des Verstärkers zugänglich. Die zusätzlich abgeschirmte Umgebung sorge laut Hersteller für weniger Brummen und Rauschen.

Die 4- und 8-Ohm-Lautsprecherabgriffe des PrimaLuna EVO 300

Einfach mal experimentieren: die 4- und 8-Ohm-Lautsprecherabgriffe des PrimaLuna EVO 300

Ebenfalls erwähnenswert: Die serienmäßige Heimkino-Pass-Through-Schaltung, die das Einschleifen in ein Heimkino-Set-up ermöglicht, sowie der Subwoofer-Ausgang für mehr Basspower. Auch ein Tape-Out-Ausgang steht ganz klassisch bereit.

Auf der Vorderseite befindet sich eine 6,35-mm-Kopfhörer-Buchse. Wobei PrimaLuna betont, dass es sich hierbei nicht nur um Beiwerk handelt. Vielmehr bekommen wir es laut Hersteller mit einem vollwertigen Röhren-Kopfhörerverstärker auf Weltklasseniveau zu tun, zumal jeder Teil des Hauptschaltkreises und jede Vakuumröhre den angeschlossenen Kopfhörer antreibt. Auf der Seite gibt es dazu einen Schalter, mit dem man zwischen Lautsprecher- und Kopfhörerbetrieb umschaltet. Habe ich natürlich ausprobiert, mehr dazu später.

Der PrimaLuna EVO 300 von vorne und ohne Schutzkäfig

Der PrimaLuna EVO 300 bietet auf der Front Kopfhörern Anschluss (6,35-mm-Klinke), mittels seitlichen Schalters lässt sich zwischen Lautsprecher- und Kopfhörerbetrieb wechseln

Ach ja: Die Niederländer kennzeichnen die Kaltgerätebuchse auf der Rückseite mit zwei verschiedenfarbigen Schrauben (silber und schwarz), um dem Besitzer so den phasenrichtigen Netzanschluss anzuzeigen.

Im Winter kann man den PrimaLuna EVO 300 als Ersatzheizung einsetzen, so warm wird er nach einer Weile. Bei über 30 Grad im Sommer ist das hingegen eher suboptimal, wie ich mehrfach feststellen musste. Die Leerlaufleistungsaufnahme mit EL34-Röhen liegt laut Hersteller bei üppigen 290 Watt. PrimaLUna rühmt sich damit, keine billigen Standardbauteile zu verwenden, so kommt zum Beispiel – okay, das ist eher solide denn besonders – ein motorisierter ALPS-Lautstärkeregler zum Einsatz, während im Inneren eine – und das ist wirklich highendig – Punkt-zu-Punkt-Verkabelung mit Schweizer Silberdrähten für Wohlklang sorgen soll.

Adaptive-Auto-Bias-Schaltung

Die „Kopfhörer/Lautsprecher“-Betriebsumschaltung sowie die Vorspannungseinstellung für verschiedene Röhrentypen am PrimaLuna EVO 300

Die „Kopfhörer/Lautsprecher“-Betriebsumschaltung sowie die Vorspannungseinstellung für verschiedene Röhrentypen am PrimaLuna EVO 300

Eine zentrale Rolle spielt die Adaptive-Auto-Bias-Schaltung, die PrimaLuna und mithin Firmengründer Herman van den Dungen bekannt gemacht haben. Die Schaltung befindet sich außerhalb des Signalweges und überwacht und passt die Röhrenvorspannung kontinuierlich und unverzüglich an. Das reduziert nicht nur den Wartungsaufwand, sondern erhöht auch die Leistung bei starker Reduzierung der Verzerrungen. Die vier Vollverstärker der EVO-Reihe (der PrimaLuna EVO 300 ist hinter dem EVO 400 der zweitgrößte und -stärkste) verfügen über eine Schutzschaltung für die Ausgangsstufe mit einem Relais, das die Ausgangstransformatoren, Widerstände und das Hochspannungsnetzteil im Falle eines Röhrenausfalls schützt. Das Ding ist idiotensicher, also genau das Richtige für mich.

Wobei mir anfangs eine Kleinigkeit dann doch nicht ganz klar war: der Bias-Switch-Schalter auf der Seite des Amps. Mit ihm stellt man die optimale Vorspannungseinstellung der Röhren ein: Low Bias für die hier eingesetzten EL34-Leistungspentoden oder High Bias für KT88s, KT120s oder KT150s (oder gleichwertige Röhren). Das erspart das lästige Hantieren mit Schraubenziehern und Messgeräten. Anfangs stand der Schalter auf High Bias, was zu einem zu starken Bass und giftigen Höhen führte. Als ich den Fehler bemerke und den Schalter umlege, rastet das Klangbild regelrecht ein. Womit wir auch schon beim Hörtest sind.

PrimaLuna EVO 300: Klangtest & Vergleiche

Der PrimaLuna EVO 300 im Betrieb mit leuchtenden Röhren

Jetzt sticht der Bass nicht mehr so dominant aus dem Klangbild hervor, das fällt sofort am stärksten ins Ohr. Im Laufe der Einspielzeit fügt er sich dann noch harmonischer ins Geschehen ein, wobei wir hier nicht von einem weichen, eher zurückhaltenden Bass reden, den manche vielleicht mit Röhrenverstärkern assoziieren. Nein, der Bass des PrimaLuna EVO 300 Tube Integrated Amplifiers ist im Zusammenspiel mit meinen Sonus Faber Olympica Nova 3 alles andere als soft, sondern zupackend, sehr tief, kontrolliert und – einen Tick übers strenge Eichmaß der Neutralität hinaus – voluminös. Es fehlt vielleicht das allerletzte Fünkchen Durchzeichnung, das manche Boliden der Highend-Liga bieten, aber der ausgeprägte, wuchtige Tiefgang hat mich angesichts der EL34-Röhren, die als eher sanfter gelten, dann doch etwas überrascht.

Daughter Stereo Mind GameSo bewegt sich der pumpende, schön tiefe Bass bei der Indierock-Hymne „Party“ von Daughter (aktuelles Album: Stereo Mind Game) in puncto Tiefgang auf dem Niveau meines rund doppelt so teuren Transistor-Vollverstärkers McIntosh MA8900 AC. Letzterer bietet lediglich minimal mehr Durchzeichnung im Bass. Selbst bei hohen, bereits ohrenfeindlichen Lautstärken habe ich nie das Gefühl, dass dem PrimaLuna EVO 300 im Frequenzkeller in irgendeiner Hinsicht die Luft ausgehen könnte. Ich bin baff, das geht über meine Erwartungen und die Preisklasse hinaus!

Vehement sprunghaft – die Grobdynamik

Paradise Lost ObsidianDasselbe lässt sich auch über die Grobdynamik sagen, denn die Vehemenz und Schnelligkeit, mit der der Niederländer dem Hörer größere Pegelsprünge ohne Kompressionseffekte um die Ohren haut, überrascht sehr! Von wegen „röhrenweichgespült“, genau das Gegenteil ist im Ultralinear-Betrieb der Fall – das Ding ballert, was das Zeug hält, auch bei doomigen Gothic-Metal à la Paradise Lost. Bei „Ghosts“ (vom aktuellen Album Obsidian), das auch von seinen Laut-leise-Gegensätzen lebt, fällt mir angesichts der fulminanten Dynamik fast der Unterkiefer herunter. Der Wunsch nach anderen Leistungsröhren, zum Beispiel den als zackiger geltenden KT88, kam bei mir nie auf. Bei aller Dynamik mangelt es der Darstellung übrigens nicht an Fluss. Klar, der ultrastabile Transistorverstärker Krell K-300i (ab 12.700 Euro), den ich vor einer Weile testen durfte, bietet noch mehr zangenartige Kontrolle über die Lautsprecher. Aber er kostet auch weit über das Doppelte, klingt dabei gleichwohl nicht flüssiger. Und der PrimaLuna kann richtig laut: Die 2 x 42 Watt im Ultralinear-Betrieb reichen locker für Ärger mit der Nachbarschaft oder Gehörschäden. Zumindest an meinen Sonus Faber Olympica Nova 3 mit ihrem Wirkungsgrad von 90 dB an 2.83V/1 m.

Unterschiede zwischen Trioden- und Ultralinear-Betrieb

Die EL34- und 12AU7-Röhren des PrimaLuna EVO 300

An dieser Stelle ist es angebracht, über die Unterschiede zwischen Trioden- und Ultralinear-Betrieb zu sprechen, die sich ja in Sekundenbruchteilen mithilfe der Fernbedienung beurteilen lassen. Sie sind jederzeit klar und deutlich hörbar, unabhängig von der gerade gewählten Musik. Beim Umschalten auf Triode lässt die Lautstärke nicht dramatisch, aber doch klar nach, außerdem wirkt das gesamte Klangbild lieblicher, softer, intimer, entspannter und minimal detailärmer. Der Bassdruck nimmt ab, die Höhen kommen zurückgenommener rüber, die Bühnenbreite verringert sich.

Das kann sich zum Beispiel bei zu hell oder aggressiv aufgenommener Musik als Vorteil erweisen, aber auch nachts oder bei empfindlichen Nachbarn eignet sich der Trioden-Betrieb besser zum Runterkommen und Relaxen. Bei mir läuft der PrimaLuna EVO 300 zu 95 Prozent im Ultralinear-Betrieb, weil mir die kraftvollere, direktere Gangart mit großem Anmachfaktor sowie einer größeren Bühne mehr zusagt. Aber jederzeit die Wahlmöglichkeit ohne Fummelei zu haben, empfinde ich als großartige Sache, die den Spieltrieb im Mann weckt. Die bereits beschriebenen und auch die folgenden Klanganalysen beziehen sich immer auf den Ultralinear-Modus.

Fein abgestuft

Die LEDs auf der Frontplatte des PrimaLuna EVO 300

An den LEDs lässt sich ablesen, in welcher Betriebsart der PrimaLuna EVO 300 aktuell arbeitet – rot steht für Ultralinear, grün für Triode

In puncto Feindynamik, also der Fähigkeit subtilere Lautstärkeabstufungen differenziert wiederzugeben, präsentiert sich der Vollverstärker hellwach und agil. So stellt er beispielsweise die kleinen Lautstärkenuancen in Simon Bonneys zarter Ballade „Annabelle Lee“ außergewöhnlich präzise und leicht nachvollziehbar dar. Selbst bei niedrigen Pegeln ist der PrimaLuna EVO 300 „voll da“ und unterschlägt rein gar nichts, mitunter finde ich ihn hier sogar eine Spur spritziger als meinen McIntosh MA8900 AC, der es in dieser Hinsicht allerdings generell nicht übermäßig zackig angehen lässt. Lediglich die Lautstärkeregelung fällt mir negativ auf, da der Pegelsteller weder am Gerät noch in Verbindung mit der Fernbedienung besonders feinfühlig agiert. Manchmal tue ich mich schwer damit, auf Anhieb die gewünschte Lautstärke zu finden, weil ich dabei unbeabsichtigt übers Ziel hinausschieße oder auch mal versehentlich zu leise stelle.

Frischer und informativer als gedacht

Apropos Lautstärke: Bei sehr hohen Pegeln, die der PrimaLuna EVO 300 im Ultralinear-Betrieb in Kombination mit meinen Sonus Faber Olympica Nova 3 locker schafft, fiel mir anfangs auf, dass der Hochton bisweilen etwas schrill wirkte. Johnny Cashs legendäre Nine-Inch-Nails-Coversion „Hurt“ musste ich beispielsweise runterregeln, weil es zu anstrengend wurde für die Ohren. So erging es mir bei einigen Stücken quer durch alle Genres, doch diese Tendenz verschwand im Laufe der Zeit weitgehend. Insgesamt wirken die Höhen aber doch frischer und informativer, als ich das bei einem Röhrenverstärker vermutet hätte – das geht schon ein Stückchen über die Einstufung „neutral“ hinaus. Sie ragen in puncto Lautstärke jedoch nicht merklich heraus, sonst würde die Langzeittauglichkeit leiden. Im Trioden-Modus klingen die höchsten Frequenzen hingegen eher zurückgenommen und rund.

Die rückseitig verkabelten Schnittstellen des PrimaLuna EVO 300

Nick Cave GhosteenWomit wir auch schon bei der Auflösung angekommen sind: Wie gut werden Details herausgearbeitet? Die Detaildarstellung gelingt dem PrimaLuna EVO 300 genauso gut wie zum Beispiel dem preislich vergleichbaren Lindemann Musicbook Combo (4.490 Euro), den ich vor einem Jahr zu Gast hatte und dem ich als Streaming-Vollverstärker seinerzeit eine „über die Preisklasse hinausreichende Feindynamik und Auflösung“ attestierte. Damals hatte ich die Feinauflösung auch mithilfe des Nick-Cave-Stücks „Waiting For You“ vom melancholischen Meisterwerk Ghosteen beurteilt. Der rumpelige Drumsounds zu Beginn des Stücks, der nach und nach ausgeblendet wird, um dem Klavier Platz zu machen, geht bei manchen Verstärkern gegen Ende hin gerne mal unter. Nicht so bei unserem Testkandidaten, der auch noch den letzten kleinen Nachhall in Richtung Trommelfell schickt. Das schafft auch mein McIntosh-Vollverstärker nicht besser, der in puncto Auflösung jedoch auch leicht hinter seiner Preisklasse zurückbleibt, dafür aber andere Stärken hat – zum Beispiel seine extrem breite Bühne und seine jederzeit erdig-bärige und absolut souveräne Gesamtdarstellung.

Zwischen den Zeilen

Die Röhren des PrimaLuna EVO 300 in der Nahaufnahme mit einem CD-Regal im Hintergrund

Im Gegensatz zum Lindemann Musicbook Combo oder auch der All-in-one-Lösung AVM Inspiration CS 2.3 (mittlerweile 5.790 Euro) verfolgt der PrimaLuna EVO 300 in puncto Gesamttonalität trotz seiner etwas frischeren Höhen keineswegs eine sachlich-nüchterne oder gar helle Linie. Im Trioden-Modus wird er dem Klischee des warmen, wolligen, runden Röhrenverstärkers gerecht. Auch im Ultralinear-Modus spielt er noch leicht auf der wärmeren Seite, was in erster Linie an seinem voluminösen Bass und der Mittendarstellung liegt. Die Mitten weisen genau die kräftigen Klangfarben auf, die Röhrenverstärkern gerne nachgesagt und die mit Wörtchen wie „Schmelz“ und „Samtigkeit“ zusammengebracht werden. Der PrimaLuna EVO 300 verleiht der ohnehin schon umwerfend kräftigen Stimme von Brendan Perry (Dead Can Dance, Album: Anastasis) noch etwas mehr Grundton, ohne das etwas überproportional aus dem Klangbild herausstäche. „All In Good Time“ musste ich mehrmals anhören, so hoch war der Suchtfaktor. Die leicht smoothen, samtigen, aber dennoch transparenten unteren und mittleren Mitten sind – zusammen mit dem Bass – ein Sahnestück dieses Verstärkers. Sie verleihen Stimmen und Instrumenten Kraft, Ausdrucksstärke und Volumen.

Darüber hinaus hat der EVO 300 etwas, das ich in Ermangelung besserer Begriffe als Seele bezeichnen würde. Etwas schwer Greifbares und Schwebendes, das mich immer wieder berührt hat, sozusagen die richtigen Knöpfe drückt. So habe ich zum Beispiel den „Soul Song“ von Grey Daze (Vorgängerband von Linkin Park mit Chester Bennington am Mikro) noch nie so berührend wie hier gehört. Die Art und Weise, wie er hier „Freedom rain, god has come, the rivers of blood pushed back in my veins“ intoniert, wirkt noch intensiver und zugespitzter als sonst. Insgesamt ist der EVO 300 eher etwas für Genusshörer wie mich, denen die Vermittlung von Emotion zuallererst wichtig ist, und weniger für Erbsenzähler – obwohl auch die aufgrund der guten Auflösung auf ihre Kosten kommen sollten. Ich würde ihn mit einem exzellenten, erfahrenen Vorleser vergleichen, der an den wichtigen Stellen gekonnt betont, den Zuhörer an die Hand nimmt und diesen auch gleichsam zwischen den Zeilen Verborgenes imaginieren lässt.

Ab nach vorne – die Bühne

Die rückseitigen Schnittstellen des PrimaLuna EVO 300

Die Räumlichkeit des Klangbilds kann sich ebenfalls hören lassen. Die Bühne dehnt sich im Ultralinear-Betrieb seitlich leicht über die Lautsprecher aus, im Trioden-Modus reicht sie hingegen nicht darüber hinaus und erstreckt sich auch nicht besonders weit nach vorne. Ganz anders im Ultralinear-Betrieb: Hier ergibt sich eine schöne Tiefenstaffelung mit weit nach vorne ausladender Bühne und dreidimensional, präzise verteilten, greifbaren Instrumenten. Die Abbildung beginnt dabei auf Höhe der Lautsprecherbasislinie, dehnt sich also nicht nach hinten aus.

Kopfhörer-Eindrücke

Eines bin ich Ihnen noch schuldig: die Qualität des PrimaLuna EVO 300 als Kopfhörerverstärker. Dazu nutze ich den Focal Clear MG (1.500 Euro) und den Hifiman Arya Stealth (1.800 Euro) – im Dunkeln in einer nicht ganz so heißen Sommernacht, nur das Glimmen der Röhren erhellt den Raum leicht. Beim Stöbern durch die Musiksammlung blieb ich bei Kiasmos hängen, einem isländischen Minimal-Techno-Projekt. Das bisher einzige Album des Duos aus dem Jahr 2014 setzt auf sanfte Bässe, viel Atmosphäre und lädt zum Träumen und Genießen ein. Als Kopfhörerverstärker hinterlässt der heiße Holländer eine ebenso erstklassige Figur, wobei er mir in Kombination mit dem etwas luftigeren Hifiman Ayra Stealth eine Spur besser gefällt. Beim Kiasmos-Stück „Held“ war die Räumlichkeit derart verblüffend, dass ich den Hifiman kurz vom Kopf zog, weil ich mir nicht sicher war, ob meine Sonus Faber mitliefen. Taten sie aber nicht.

Die Röhren des PrimaLuna EVO 300 unter dem Schutzkäfig

Mein Referenz-Kopfhörerverstärker, der McIntosh MHA100, der mit seinen 2 x 50 Watt an 8 Ohm ebenfalls Lautsprecher antreiben kann, bietet einen noch schwärzeren Hintergrund und viel mehr Einstellmöglichkeiten (zum Beispiel eine Bass-Boost-Funktion, die ich gerne nutze). Er kommt nicht ganz an die Räumlichkeit des PrimaLuna heran, eignet sich aber aufgrund der sanfteren Höhen für noch längere Hörsessions, sofern man es mit der Lautstärke nicht übertreibt. Wer den PrimaLuna EVO 300 besitzt, wird das Thema „externer Kopfhörerverstärker“ dennoch meist zu den Akten legen, denke ich, sofern kein 4-Pin-XLR-Anschluss benötigt wird: Der schwere Holländer bietet nur die 6,35-mm-Klinke.

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Test: PrimaLuna EVO 300 | Vollverstärker

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