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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Grenzgänger
  2. 2 Klangeindruck NAD M32

Meine letzte Begegnung mit einem Vollverstärker von NAD (www.nad.de) fand 2013 statt – ich testete seinerzeit den volldigitalen C 390DD. Was mich damals überraschte, war, wie kultiviert und feinsinnig dieser Amp aufspielte: ganz ohne Härten und dynamisch gar nicht so draufgängerisch, wie ich Integrierte aus dem Hause NAD von früher noch in Erinnerung hatte.

Unser aktueller Proband, NADs Vollverstärker-Flaggschiff M32, ist hinsichtlich der Verstärkertechnologie konzeptionell ähnlich wie der C390DD – und doch konnte er mich erneut überraschen, denn er schlägt klanglich recht deutlich in eine andere Richtung aus. Was – soviel sei vorab gesagt – ihm keinesfalls zum Nachteil gereicht. Ganz im Gegenteil.

Die Front des NAD M32

Die Front des NAD M32

Beim NAD M32 handelt es sich um ein modulares System: Auf der Rückseite des Geräts befinden sich vier Slots für Erweiterungsmodule, so wie man sie auch von handelsüblichen PCs kennt. Ab Werk ist ein Slot bereits belegt – und zwar mit einem Digitaleingangsmodul, das fünf Schnittstellen bietet: einmal AES/EBU sowie je zwei koaxiale und optische S/PDIF-Eingänge. Jenseits der Slots, quasi im unerweiterten Zustand des Amps, finden wir einen Phono-MM-Eingang, zwei Cinch-Hochpegeleingänge und eine USB-B-Schnittstelle, die den NAD M32 zur „externen Soundkarte“ macht.

NAD M32 Rückseite

Blick auf die Rückseite des NAD M32

Derzeit bietet NAD für den M32 noch drei weitere Module an: Eines kommt mit zusätzlichen analogen Hochpegeleingängen sowie einem Phono-MC-Input (300 Euro), das zweite (315 Euro) verfügt über vier HDMI-Schnittstellen – und das dritte (knapp 500 Euro) wurde mir per separater Post zugeschickt: Es nennt sich „DD BluOS“ und macht den M32 zu einem Netzwerkspieler, der wahlweise per LAN (RJ45-Buchse), WLAN oder Bluetooth aptX „beliefert“ werden kann. Als WLAN-Empfänger fungiert ein mitgelieferter kleiner USB-Stecker, der auf den zugehörigen USB-A-Port aufgesteckt wird. Dieser Port hat übrigens eine Doppelfunktion: Alternativ zur WLAN-Antenne können auch Speichermedien wie Sticks oder Festplatten „angehängt“ und die darauf befindlichen Dateien abgespielt werden. Der Einbau eines solchen Erweiterungsmoduls ist übrigens sehr einfach: Netzstecker ziehen, Deckelschrauben lösen, den oberen Deckel öffnen, Modul vorsichtig einsetzen und rückseitig verschrauben – fertig. Das schaffen auch Grobmotoriker in weniger als einer Viertelstunde. Alle Module werden vom Betriebssystem des NAD M32 automatisch erkannt, weitere Konfigurationsarbeiten sind nicht erforderlich.

Die MDC-Module lassen sich leicht einsetzen

Die MDC-Module lassen sich leicht einsetzen

Ähnlich wie der oben erwähnte C390DD ist auch der NAD M32 ein Verstärker, der konsequent auf eine digitale Architektur setzt. Eingehende Analogsignale werden umgehend A/D-gewandelt – mit dem PCM1804 von Texas Instruments – und sodann, ebenso wie eingehende Digitalsignale, in ein pulsweitenmoduliertes Signal konvertiert und verstärkt. Erst direkt vor den Lautsprecherklemmen erfolgt, so NAD, die Wandlung in ein analoges Signal – und per Tiefpass ein Herausfiltern der Trägerfrequenz.

Dieser Tiefpass, der die 844-kHz-Trägerfrequenz herausfiltert, besitzt natürlich – klassisches Problem bei Class-D-Konzepten – eine gewisse Abhängigkeit von der Lautsprecherimpedanz, was den Amplitudengang bei höheren Frequenzen beeinflussen kann. Genau aus diesem Grund bietet der NAD M32 eine DSP-Impedanzanpassung an: Je nach anliegender Impedanz wird ein entsprechendes DSP-Setting abgerufen, sodass der Effekt des Tiefpassfilters in Echtzeit wieder „herausgerechnet“ wird. Hierzu wählt der Nutzer einfach aus dem Bedienmenü des NAD M32 die entsprechende Nominalimpedanz des Lautsprechers aus – wobei NAD empfiehlt, gegebenenfalls auch einmal die direkt darüber- oder darunterliegenden Werte auszuprobieren und sich so gewissermaßen an den optimalen Klang heranzutasten. Kurz erwähnt: Die dem M32 innewohnende DSP-Rechenpower gestattet auch noch einige andere Spielereien wie Phasenumkehr, Stereo/Mono-Umschaltung, das Vertauschen der beiden Stereokanäle per Fingerzeig oder auch einen komfortablen EQ zur Anpassung des Klangbildes an den Hörraum oder den persönlichen Geschmack.

Blick ins Innere des NAD M32

Blick ins Innere des NAD M32

Die Frontseite ist angenehm aufgeräumt, es gibt neben einem Kopfhöreranschluss nur zwei Bedienelemente: ein Multifunktions-Wheel, das standardmäßig der Lautstärkeregelung dient sowie ein großes, hochauflösendes Touchpanel, das man aufgrund seiner Abmessungen und Brillianz fast schon als kleinen Bildschirm bezeichnen könnte. Buchstäblich alle Funktionen des Amps lassen sich hier per Fingerzeig abrufen – ebenso ist dies natürlich über die mitgelieferte Systemfernbedienung möglich, die allerdings sagenhaft groß und schwer ist.

Fernbedienung des NAD M32

Die Fernbedienung des NAD M32

Wer das Streamingmodul benutzt, wird aber wohl öfter sein Smartphone bzw. Tablet zur Hand nehmen als diesen „Brocken“. Denn mit dem BluOS Controller liefert NAD eine flinke, ausgereifte und kostenlose App für Android und MacOS, die eine sehr komfortable Steuerung der Netzwerkfunktionen gestattet und sogar Multiroom-Szenarien ermöglicht. Das BlueOS-Modul unterstützt zwar kein UPnP (es basiert auf Samba), aber das macht es im Alltag nicht weniger bequem in der Nutzung. Online-Streamingdienste lassen sich so leicht einbinden wie Musikdateien aus dem lokalen Netzwerk. Das Modul beherrscht übrigens den noch recht jungen MQA-Standard und lässt die Steuerung über Roon zu.

Screenshots von der BluOS-Controller-App

Screenshots von der BluOS-Controller-App

Klangeindruck NAD M32

Der NAD M32 kommt mit einem rückseitigen, harten Netzschalter und kann entweder per Fernbedienung aus dem Stand-by-Dornröschenschlaf geweckt werden – oder durch die sanfte Berührung einer metallenen Schaltfläche, die sich an der Oberkante der Frontplatte befindet. Das nun Folgende ist höchst erfreulich, denn was der M32 abliefert, ist in so mancher Hinsicht bemerkenswert, ja, teilweise sogar sensationell. Und es erinnert mich witzigerweise sehr stark an meinen letzten Probanden, den Hegel H90, denn auch der NAD M32 punktet mit einer geradezu frappierenden Klarheit und Feinauflösung, mit Detailgenauigkeit und Spielfreude, mit Dynamik und Autorität.

Netzteil des NAD M32

Netzteil des NAD M32

Tonalität & Dynamik

Aus tonaler Sicht geht der NAD M32, über die Analogeingänge beschickt, als echtes Studiogerät durch. Die in HiFi-Rezensionen gerne gewählte Dreiteilung aus Tiefen, Mitten und Höhen ist hier im Grunde irrelevant: Dieser Amp zeichnet von ganz unten nach ganz oben völlig geradlinig durch – ohne irgendwie geartete Betonungen, Dellen oder Höckerchen. Hier gilt: Was rein geht, geht raus.

cd-dinosaur-jrIn Sachen Grobdynamik schöpft der NAD-Verstärker aus dem Vollen. Eine Haudraufnummer wie Dinosaur Jr’s „Freak Scene“ (Album: Bug, auf Amazon hören) lässt den Hörraum freudig erzittern! Schon im Intro bratzen verzerrte Gitarren munter und unverschleppt los. Nach der ersten Strophe folgt eine Bridge, in der J Mascis eine weitere brutale Fuzz-Gitarrenspur draufschichtet. Völlig entspannt legt der NAD M32 hier einfach einen Holzscheit nach – und der Hörer denkt: „Wow, viel mehr kann da jetzt eigentlich nicht mehr kommen.“ Doch weit gefehlt: Nach der zweiten Strophe gibt’s obendrauf ein dermaßen entfesseltes und heftiges Gitarrensolo, dass man dem Song diese neuerliche dynamische Steigerung eigentlich schon gar nicht mehr zugetraut hätte. Auch an dieser Stelle knickt der M32, selbst bei hoher Anfangslautstärke, überhaupt nicht ein. Er liefert einfach nur mehr, mehr, mehr. Das macht Spaß – und dieser Spaß speist sich nicht nur aus der Leistungsfähigkeit dieses Verstärkers, sondern auch aus der Disziplin, mit der er zu Werke geht. Es mag ja Menschen geben, denen eine ordentliche Lautstärke per se schon Vergnügen vermittelt. Der NAD M32 „kann“ aber nicht nur „laut“, er spielt auch bei sehr hohen Lautstärken präzise, unkomprimiert und anscheinend vollständig frei von jedweden hörbaren Verzerrungen.

cd-new-orderTrotzdem ist der M32 kein reiner Kraftmeier – er lässt auch bei hochdynamischem Material feine Zwischentöne zu, gut zu hören bei New Order‘s „Hey Now What You Doing“ (Album: Waiting for the Siren’s Call, auf Amazon hören). Diese Powerpopnummer hat alles, was der Fan bei New Order so schätzt: eine stabile und „singende“ Basslinie, auf deren Grundlage man Häuser errichten könnte, verzerrte Gitarren, knallige Drums auf der einen Seite – und auf der anderen melancholischen Gesang und milde Keyboardflächen, die für das nötige Maß an Bittersüße sorgen. Der NAD knallt die Snaredrums in den Raum, bei jedem Öffnen der Hi-Hat scheinen die Lautsprecher richtig Luft ins Zimmer zu schaufeln – gleichzeitig sind aber die vollflächigen Keyboards und die nachgeschalteten Effekte wie Chorus oder Flanger fein und klar zu vernehmen. Das alles wirkt wie eine echte Frischzellenkur, als hätte man seine Stereoanlage einfach mal komplett zerlegt, alle Kontakte gereinigt und neu verkabelt.

Raumtalent

cd-radioheadDas eigentliche Sahnestück beim NAD M32 ist aber die Raumdarstellung. Ganz ehrlich: Was der Verstärker hier leistet, das kennt man üblicherweise nur von sehr, sehr teuren Röhren-Amps. Er gestattet nicht nur, tief in die Aufnahme hineinzuhören, er wartet auch mit einer ausladend breiten Bühne auf und mit der gerne zitierten völligen Loslösung des Klangs von den Lautsprechern. Als ich Radioheads „No surprises“ (auf Amazon anhören) auflegte, war ich schlicht und einfach überwältigt: Das Stück beginnt mit einer cleanen E-Gitarrenmelodie halblinks, zu der sich später irisierende Solina-Streichersounds, dann eine weitere Gitarre und ein Glockenspiel zur Rechten gesellen. Die Gitarren und die Glockenspieltöne schienen wirklich komplett frei im Raum zu stehen und sich dreidimensional zu manifestieren. Als dann noch Thom Yorkes Gesangseinsatz dazu kam, fühlte es sich wirklich an, als würde die gesamte Band im Wohnzimmer aufspielen.

cd-philip-boaWichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen: Der NAD M32 ist kein Blender, der jedwedes Musikstück auf einen breiten und/oder tiefen Rahmen „spannt“. Er scheint jedoch diesbezüglich alles Vorhandene aus einer Aufnahme herauszuholen. So manche Tracks sind ja bewusst auf Breiten- und Tiefenwirkung hin optimiert, beispielsweise „Galerie der Fälschungen“ von Philip Boa & The Voodooclub (Album: Helios, auf Amazon anhören): Hier gibt’s neben einem treibenden Schlagzeug und knallharten, verzerrten Gitarrensprenkseln auch allerlei knarrende Schranktüren, frei flottierende Synthesizereinwürfe und wilde Tierschreie frei Haus. Wer das Stück nicht kennt, sollte es nach Möglichkeit nicht zum ersten Mal in seinem Leben nach Einbruch der Dunkelheit über den NAD M32 hören – es könnte ihm etwas unheimlich zumute werden. Musik, die hingegen in Sachen Stereo-Basisbreite eher klaustrophobisch produziert wurde – beispielsweise das Album „12“ von The Notwist (auf Amazon anhören) – bekommt über den NAD M32 dann eben auch nur die Größe eines Proberaums zugewiesen.

Analoge Eingänge des NAD M32

Die analogen Standardeingänge des NAD M32. Weitere, inklusive Phono-MC, bekommt man mit dem entsprechenden MDC-Modul

Grundsätzlich und allgemein lässt sich über den Raum sagen: Er beginnt deutlich vor der Lautsprechergrundlinie und geht – je nach Produktion – auch merklich über die horizontalen Lautsprecherpositionen hinaus. Natürliche Aufnahmen mit Laufzeitstereophonie wirken dabei stets authentisch und nicht künstlich verbreitert – während Produktionen mit Effekten wie Phasendrehungen durchaus auch „spukhafte“ Wirkungen erzeugen können. Starke Sache.

Und bei digitaler Zuspielung?

Alles Gesagte gilt übrigens zu 100 Prozent auch dann, wenn der M32 – kabellos wie kabelgebunden – aus dem Netzwerk streamt. Qualitätsunterschiede zwischen analoger und Netzwerk-Zuspielung sind nicht auszumachen.

NAD M32

Etwas anders sieht es hingegen aus, wenn wir die anderen Digitaleingänge benutzen: Der Koaxialeingang und auch der USB-Input klingen am oberen Rand des Frequenzbands nicht ganz so luftig-offen wie der analoge – zumindest im Verbund mit meinem CEC CD5 CD-Spieler, dessen verbauter Sabre-Chipsatz ja im Ruf steht, gerade im Hochton sehr fein aufzulösen. Zwar würde ich den Klang nicht als wirklich „dunkler“ bezeichnen, aber er hat ein gewisses warmes Timbre. Scharfe Hi-Hats oder Rimshots werden über den koaxialen Eingang etwas weicher und weniger gleißend dargeboten. Tonal ähnlich zeigt sich auch der optische Digitaleingang, er spielt obenrum ebenfalls einen Hauch milder – und hier kommt noch hinzu, dass die empfundene Bühnenbreite etwas zusammenrückt; nicht dramatisch, aber ein Stückchen. Auch dynamisch fällt der optische Eingang ein wenig gegenüber den anderen Eingängen ab: Gerade blitzartig einsetzende Geräusche wie Snares oder auch hart gegriffene E-Gitarrenseiten kommen etwas verrundet, weniger spektakulär-unmittelbar als über die Analog-Inputs bzw. übers Netzwerk.

Ein Bolide?

Eine weitere Besonderheit fiel mir auf: Die angegebene Sinusleistung von 2 x 180 Watt an 8 Ohm liest sich zunächst so, als könne man mit dem NAD M32 grundsätzlich auch eine ausgedehnte Wohnzimmerparty beschallen. Das würde ich so allerdings nicht für jede Hardware-Software-Kombination unterschreiben, will heißen: Wenn Sie einen eher leistungshungrigen Lautsprecher wie meine Harbeth 30.1 mit einem Wirkungsgrad von 85 dB/W/m anleinen, damit einen 40-qm-Raum beschallen möchten und möglicherweise zusätzlich noch „leise“ gemasterte Musik – z. B. Jethro Tulls Album Aqualung (auf Amazon anhören) – hören, könnte es über den M32 in Sachen Grenzschalldruck eng werden. Da gibt es schon Vertreter der Zunft, die aus vergleichbaren oder sogar geringeren Datenblatt-Leistungen mehr Pegel abrufen können. Mein Abacus Ampollo beispielsweise liefert laut Specs „nur“ 2 x 105 Watt an 8 Ohm und ermöglicht trotzdem eine höhere Maximallautstärke als der M32.

Quervergleiche

Noch ein paar Worte zur Einsortierung. Mit einem Straßenpreis von 4.500 Euro ist der NAD M32 kein billiger Verstärker. Aber er ist sein Geld mehr als wert, denn er schafft den seltenen Spagat zwischen den Meriten, die man üblicherweise Transistor- und Röhrenverstärkern zuschreibt: Er bietet Kontrolle, Grobdynamik, Autorität – aber auch einen Feinsinn, eine Klarheit und Räumlichkeit, die man sonst in dieser Art teuren und zugleich puristischen Triodenkonzepten attestieren würde.

NAD M32 Logo

Tonal und in Sachen Auflösung spielt er mit einer dem eingangs erwähnten Hegel H90 (1.695 Euro) sehr ähnlichen Klarheit, ja „Reinheit“ und Feinzeichnung, bringt aber neben merklich mehr Wattpower auch noch die bereits beschriebene dreidimensional-holografische Raumwirkung mit, die der Norweger so nicht in petto hat. Gegenüber dem Abacus Ampollo (2.900 Euro) liefert der NAD M32 dagegen merklich mehr Feinauflösung über das gesamte Frequenzband und – ja, auch hier – eine überzeugendere Raumdarstellung. Und vom teureren (6.500 Euro) Accustic Arts Power I MK3 kann er sich ebenfalls durch sein „Raumtalent“ positiv absetzen – reicht ihm jedoch, was die absolute erzielbare Lautstärke angeht, nicht das Wasser.

Test: NAD M32 | Vollverstärker

  1. 1 Grenzgänger
  2. 2 Klangeindruck NAD M32
Billboard
AVM

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