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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Kompaktklasse mit Limousinenfeeling
  2. 2 Hörtest und Vergleiche: Raidho X1.6

Schaut man sich die Modelle der großen TD-Serie des dänischen Lautsprecherherstellers Raidho an, kann man sich schon fragen: Ist das noch Hifi oder schon Kunsthandwerk? Klar zugunsten des handelsüblichen HiFi hingegen ist diese Frage bereits nach der ersten optischen Inspektion der kompakten Modelle der preisgünstigeren X-Serie beantwortet – wie etwa den Raidho X1.6 (ab 7.300 Euro | https://www.raidho.dk/).

Und das ist gut so. Denn wer in der vielfältigen und daher umkämpften Preisklasse zwischen 5.000 und 10.000 Euro klanglich überzeugen will, tut gut daran, das Entwicklungsbudget vorrangig in die klangrelevante Technik statt ins Design zu investieren. Was nicht bedeutet, dass die Raidho X1.6 unansehnlich wäre, doch ihr Gehäuse gibt sich deutlich klassischer – nämlich rechtwinklig und geradlinig gestaltet – als das der teureren Geschwister. Das Standlautsprechermodell Raidho X2t darf dagegen mit seinem hinten schlank gerundeten Design schon einen Schritt in Richtung großer TD-Serie machen, was sich dann auch im Paarpreis von 14.000 Euro niederschlägt.

Form meets Function

Raidho X1.6 Lautsprecher von vorne

Die aufgesetzten Aluminium-Schallwände sorgen auch für eine gewisse mechanische Trennung der Treiber der Raidho X1.6

Freilich haben die Designer auch den X1.6 einen optischen Kniff mitgegeben, der die Lautsprecher als Raidhos kenntlich macht und – form meets function – bestimmt auch klangliche Vorteile bietet: Pro Box zwei aufgesetzte, nach außen hin dünner werdende und an den Kantenverläufen abgerundete dunkelgraue Schallwände aus Aluminium dürften die Stabilität und das Resonanzverhalten verbessern – zumal beide Treiber eine gewisse mechanische Trennung erfahren – sowie die Kantendiffraktion reduzieren.

Die Gehäuse selbst bestehen aus mitteldichter Faser (MDF) und besitzen interne Versteifungen aus demselben Material. Die Dämpfungsmaßnahmen im Inneren sind relativ moderat ausgefallen, denn laut Morten Kim Nielsen von DANTAX Radio A/S, dem Mutterkonzern von Raidho, solle die von den Treibern abgestrahlte Energie nicht so stark unterdrückt werden, dass es „die Musik tötet“.

Verstärkung der Schallwand der Raidho X1.6

Während das Einstiegsmodell der X-Serie, der nur acht Kilo schwere Mini-Monitor Raidho X1t (5.800 Euro), mit einem 13-Zentimeter-Tiefmitteltöner mit tantalbeschichteter Alu/Keramik-Membran aufwarten kann, arbeitet im Tiefmitteltonbereich der knapp 12 Kilo auf die Waage bringenden Raidho X1.6 ein 16,5-Zentimeter-Chassis, das aus Kostengründen ohne die Beschichtung mit dem seltenen Übergangsmetall auskommen muss. Hier wie da übernimmt der bekannte und fast schon legendäre Raidho-Folien-Magnetostat die Wiedergabe des Hochtonbereichs ab 3,5 kHz. Schauen wir doch mal genauer auf die Treiber.

Magnetostaten für den Hochton

Folie des Raidho-Hochtöners

Seine bekannten magnetostatischen Hochtöner stellt Raidho selbst her

Der proprietäre planar-magnetische Hochtöner wird in Dänemark entwickelt und ebendort von Hand hergestellt. Die mit Leiterbahnen bedruckte Folie (im Gegensatz zu einem „echten“ Bändchen daher ohne Übertrager auskommend) ist nur elf Mikrometer dick und besitzt im Vergleich zu einem herkömmlichen Kalottenhochtöner fünfzigmal weniger bewegte Masse, so Raidho. Das liegt einerseits am extrem geringen Gewicht der Folie selbst von nur 20 Milligramm und andererseits daran, dass bei dieser Bauform keine Schwingspule nötig ist – die Leiterbahnen übernehmen diesen Job. Das Ergebnis sei, dass es weit weniger Resonanzen oder Verzerrungen gebe, sofern man das entsprechende Know-how für die Fertigung besäße, wie Raidho betont. Zudem ende der lineare Übertragungsbereich erst bei 82 Kilohertz, einem für uns nur scheinbar irrelevanten Wert – denn tatsächlich können die Auswirkungen für den hörbaren Bereich relevant sein, man braucht bloß mal mit externen Superhochtönern experimentieren oder denke an die oft besonders seidige und feine Hochtontextur bei Verstärkern mit extrem hoher Bandbreite.

Aluminiumoxidkeramik für die Tiefmitteltontreiber

Auch die 16,5-Zentimeter-Antriebseinheit für den Tief-Mitteltonbereich stellt Raidho selbst in Dänemark her, und selbstverständlich kommt hier die hauseigene Ceramix-Technologie zum Zuge. Als Ausgangsmaterial für die Raidho-Membran dient ein dünner Aluminiumkonus, an den Raidho für eine definierte Dauer eine extrem hohe Spannung anlegt. Dieses Verfahren verwandelt die Oberfläche des Metalls nach und nach in Aluminiumoxidkeramik. Die fertige Membran stellt ein homogenes, quasi übergangsfreies Materialsandwich dar, mit dünnen, extrem steifen „Häuten“ auf beiden Seiten des weicheren Aluminiumkerns. So sei die Struktur sogar rigider als bei einer reinen Keramikmembran und weise dennoch eine hervorragende Eigendämpfung auf. Partialschwingungen treten erst bei 12,5 Kilohertz zutage, so Raidho.

Bassmitteltöner der Raidho X1.6

Die Membranen der Konustreiber der Raidho X1.6 bestehen im Kern aus Aluminium, die Oberflächen aus Aluminiumoxidkeramik

Der Antrieb der Membran bedient sich eines starken Neodym-Magneten, der in einer offen konstruierten Baugruppe sitzt, was eine effiziente Belüftung und Kühlung der thermisch hoch belastbaren Titan-Schwingspule ermögliche. So will Raidho „Mechanismen eliminieren, die zu Verzerrungen führen.“

Unterstützt wird der Basstreiber von einem nach hinten ventilierenden Bassreflexsystem, das den Raidho X1.6 auf dem Papier eine untere Grenzfrequenz von 45 Hertz beschert. Gefühlt, so viel vorab, geht’s im realen Hörraum noch etwas tiefer runter.

Rückseite des Bassmitteltöners der Raidho X1.6

Auch die Rückseite des Bassmitteltöners der Raidho X1.6 zeugt von Hochwertigkeit

Die Frequenzweiche

Getrennt werden die beiden Schallwandler bei relativ hohen 3500 Hertz, aber immer noch fast zwei Oktaven unterhalb der für das Keramik-Alu-Sandwich kritischen 12 Kilohertz. Da kann man sich die Low-Pass-Flankensteilheit von nur 6 dB pro Oktave ohne Bedenken erlauben. Und bei solch hohen Frequenzen kommt die im Vergleich zu Kalotten eh schon mit hoher Membranfläche (gut für den Wirkungsgrad) ausgestattete Folie weniger ins Schwitzen. Dennoch setzt Raidho hier auf ein High-Pass-Filter zweiter Ordnung, also mit einer Steilheit von 12 dB pro Oktave.

Bei alledem muss der treibende Amp kein muskulöser Kraftprotz sein, denn da die Impedanz nie unter 5,8 Ohm sinkt und der Wirkungsgrad von 87 dB an 2,83 Volt bei einem Meter Messabstand eher durchschnittlich ausfällt, geben sich die Däninnen hinreichend gutmütig und allürenfrei. Ach ja: Das Lautsprecherterminal bietet mit soliden Schraubklemmen aus hauseigener Produktion Zugang für Single-Wring-Kabel mit Bananensteckern oder Gabelschuhen.

Hörtest und Vergleiche: Raidho X1.6

Die schicken Däninnen nehmen über mein Lautsprecherkabel Ortofon Reference SPK Black Kontakt zum Leistungsverstärker Norma Audio REVO PA-150 auf. Raidho empfiehlt, die X1.6 satte 250 Stunden lang einzuspielen. Zum Glück waren die Test-Modelle bereits zuvor im Einsatz und mussten nur ihre Reisesteifigkeit ablegen – nach nur 30 Stunden Spielzeit zeigte das Ensemble bereits ein gefestigtes Klangbild.

Single-Wire-Terminal der Raidho X1.6 Lautsprecher

Erstaunlich erwachsen: Bass und Grobdynamik

Yello ToyDie Raidho X1.6 beeindrucken direkt mit einem ausnehmend druckvollen, in meinem 25-Quadratmeter-Raum bei wandnaher Aufstellung (unter 50 Zentimeter Abstand von der Rückwand) fast schon zu fülligen Bass, der die Abmessungen der Gehäuse Lügen straft. Mit knapp 80 Zentimetern Luft im Rücken passt es besser. Die Bassdrum in „This Boy“ von Brendan Perry hat dann immer noch Wucht und physisch erfahrbaren Impact – und die elektronischen Bässe in Yellos „Kiss the Cloud“ (Album: Toy; auf Amazon anhören) ziehen weiterhin kraftvoll durch. Doch selbst bei einer so freien Aufstellung erfahren Bässe noch eine minimale „Substanzanreicherung“, die mit einer leicht weichen Qualität einhergeht. Der berühmte „Bass im Schraubstock“ ist hier also weniger angezeigt.

Tief runter geht es dennoch: Erst die allerunterste Oktave der großen Orgel auf dem Album Cantate Domino will nicht mehr wirklich hör- und spürbar aus den X1.6 kommen. Eine erstaunlich erwachsene Leistung, die nicht viele Kompaktlautsprecher so schaffen. Der Trade-off: In Sachen Kontrolle und Struktur drücken die Raidho X1.6 früher mal ein Auge zu als zum Beispiel die deutlich teureren Magico A1 (12.000 Euro), die ähnlich kräftige und nochmals tiefere Bässe auf die Strecke schicken, ihnen aber festere Leitplanken mitgeben.

Raidho X1.6 in Schwarz

Die Raidho X1.6 gibt es auch in Schwarz. Hier mit den optional erhältlichen Ständern

Diese Charakteristik führt dazu, dass die Raidho X1.6 gefühlt eher den Korpus, das Sustain eines Instruments betonen, insbesondere, wenn es einen hohen Bassanteil besitzt (zum Beispiel Basstrommel oder Kontrabass), und den Anschlagsimpuls ein wenig abrunden. Die Impulsantwort im Bass gerät durchaus schnell und präzise, wirkt dennoch sanfter oder je nach Gusto positiver ausgedrückt: härtefreier als ich es über andere Kompakte wie die Wilson Benesch Precision P1.0 (7.999 Euro) oder die Grandinote Mach 2R (ab 6.600 Euro) vernahm. Die gerade getesteten ATC SCM20PSL (5.500 Euro) sortieren sich diesbezüglich irgendwo in der Mitte ein. Grobdynamisch anspruchsvolle Pegelsprünge fühlen sich mit den Raidho daher kraftvoll und mächtig sowie gleichzeitig ein wenig milder an – bei erstaunlichen Pegelfähigkeiten.

Bling-Bling-freie Höhen

Wie nicht anders zu erwarten, zählt der Hochton zu den besonderen Highlights der Raidho X1.6. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Raidho-Entwickler die Folie außerordentlich gekonnt an den Tief-Mittelton-Konus ankoppeln: in der Gesamtbalance minimal zurückgenommen gegenüber dem Rest des Übertragungsbereiches, „in sich“ aber vollkommen linear von der Trennfrequenz an bis in den Superhochton hinein. Übergänge oder gar Brüche zwischen den beiden so unterschiedlichen Treibern kann ich nicht feststellen. Das Piano von Chilly Gonzalez auf dem Album Room 29 klingt über seinen gesamten Frequenzumfang homogen – das Klangbild vermittelt nie den Eindruck, als wolle Raidho einen vordergründigen Fokus auf den Hochtonbereich der X1.6 als „USP“ (Unique Selling Point) legen – trotz der grandiosen Fähigkeiten dieses Treibers.

Der Hochtöner der Raidho X1.6 in der Nahaufnahme

Ebenso hochpräzise wie unaufdringlich: der Hochton der Raidho X1.6

Die werden mehr als klar, wenn wir das Ohrenmerk auf Feindynamik und Transiententreue richten. Hören Sie sich mal „Théatre des Singes“ des Hadouk Trios über die Däninnen an: Mir fällt auf Anhieb kein Lautsprecher unter 10.000 Euro ein, der die Metall-Percussion so locker flockig und feindynamisch differenziert aus den Treibern schnalzt. Was für ein Sinnesfest, und zwar egal, ob man sehr laut oder leise hört! Diese seltene Qualität fördern die Raidho X1.6 so beiläufig und nonchalant zutage, dass die analytischen Fähigkeiten erst beim genauen Hinhören auffallen, obwohl ich die Auflösung preisklassenbezogen als quasi konkurrenzlos empfinde.

Sylvain Luc JokoAuch wenn es mir fast schon schwerfällt, das zu schreiben: Wenn es um schiere überwältigende Informationsdichte bei minimalem Stressfaktor geht, müssen selbst die Beryllium-Hochtöner der Magico A1 (12.000 Euro) zugeben, dass sie von den planar-magnetischen Tweetern der Raidho X1.6 noch was lernen können. Zum Beispiel, wie man die feinen Texturen der Synthies in „This Never Happened Befopre“ von Sylvain Luc (Album: Joko; auf Amazon anhören) derart seidig, duftig und klar und homogen aufbereitet, dass einem gestandenen Tester die Kinnlade herunterfällt. Wie offen, frei und luftig die Folien der Raidho X1.6 die Metallglöckchen in Erika de Casiers „Polite“ durch den Raum schwirren lassen, ist ebenfalls beeindruckend. So leichtfüßig und schwerelos gelingt das kaum einem anderen mir bekannten Tweeter, und mit Sicherheit keinem in der relevanten Preisklasse.

Smoothe Vorstellung: die Mitten

Inwieweit diese perfektionierte Unauffälligkeit mit einer minimalen tonalen Zurückhaltung der Raidho X1.6 im Präsenzbereich zu tun hat? Nun, ich denke, dass diese einerseits auf die weiter oben erwähnte sanftere Attacke bei grobdynamisch anspruchsvollen Impulsen einzahlt und so eine minimale Verrundung etwa der Snare Drum und des geslappten Basses in Stanley Clarkes „Hot Fun“ befördert. Andererseits kommen die fein aufgelösten Blechbläsersätze in diesem Song richtig satt und ohne jede Schärfe rüber – letzteres tritt oft auf, wenn der obere Mittelton und die Präsenzregion überbetont werden.

Raidho X1.6 in Weiß auf Ständern

Stimmen? Auch hier liefern die X1.6 eine ausgesprochen „smoothe“ Vorstellung ab. Egal ob Jacintha, Erika de Casier oder Bruce Springsteen – Gesangsstimmen siedeln die Raidho X1.6 einen Hauch auf der fülligen, körperhaften Seite an. Anders ausgedrückt: Nie wirkt es so, als ob die Raidho eine Stimme richtig unangenehm harsch reproduzieren oder Sibilanten überbetonen könnten. Zum Glück geht diese Gutmütigkeit in keiner Weise zu Lasten der beschriebenen hervorragenden Durchsichtigkeit, sondern befördert schlichtweg eine sich sehr störungsfrei anfühlende Wiedergabe. Nur im direkten Vergleich mit Stimmspezialisten wie den ATC SCM20PSL fällt auf, dass in Sachen Offenheit der Stimmwiedergabe eventuell doch noch ein Tick mehr gehen kann, wenn die Aufnahme es hergibt.

Raumdarstellung

Rückseite der Raidho X1.6 mit Bassreflexöffnung

Die Bühnendarstellung der Raidho X1.6 bleibt – ebenso wie ihre tonale Balance – unabhängig von der Sitzposition des Zuhörers weitgehend konstant. Die Bühne platzieren sie grundsätzlich nicht so weit in die Tiefe des Raumes hinter den Lautsprechern wie omnidirektional abstrahlende Lautsprecher, packen sie aber auch nicht direkt vor die Nase des Zuhörers wie so manches Horn. Je nach Aufnahme erklingen Instrumente und Stimmen also auf und eher in der Nähe der Lautsprecherbasis. Die Breite der Bühne reicht deutlich über die Lautsprecher selbst hinaus – selbst wenn es sich nicht um eine Q-Sound-Aufnahme handelt –, und nach oben hin scheint sie ebenfalls kaum Grenzen zu kennen.

Loreena McKennitts The Book of SecretsDoch das besondere Talent der X1.6 ist es, komplexe Schallereignisse wie die vielen einzelnen Chorstimmen in Loreena McKennitts „Dante’s Prayer“ (Album: The Book of Secrets; auf Amazon anhören) vollkommen unbeeinflusst vom Rest des Geschehens darstellen zu können und sie geradezu phänomenal dreidimensional, greifbar und präzise auf der Bühne zu staffeln. Mit geschlossenen Augen glaubt man fast die Hand nach den Sängern und Sängerinnen ausstrecken und sie berühren zu können. Diese Fähigkeit macht die Raidho X1.6 zu Traumobjekten für Räumlichkeits-Fans.

Billboard
Kimber Kable

Test: Raidho X1.6 | Kompaktlautsprecher

  1. 1 Kompaktklasse mit Limousinenfeeling
  2. 2 Hörtest und Vergleiche: Raidho X1.6

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