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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Klare Botschaft
  2. 2 Wilson Benesch Precision P1.0: Hörtest und Vergleiche

Die trauen sich was, die Briten: Statt in mehrheitsfähiger schwarzer, weißer oder schick furnierter Ausführung erreichen uns die Testmuster der kompakten Zweiwegelautsprecher Wilson Benesch Precision P1.0 (Preis: 7.990 Euro; Web: www.wilson-benesch.de) mit giftig-grünen Seitenwänden. Mission „Aufmerksamkeitsstiftung“ gelungen, würde ich sagen. Aber das soll nicht die einzige Überraschung dieses Testberichts bleiben.

Wilson Benesch kann auf eine interessante und im HiFi-Bereich eher seltene Geschichte zurückblicken. Die Wurzeln der Firma mit Sitz in Sheffield, South Yorkshire, konnten sich nämlich auch deshalb so tief und fest in der Szene und im Markt verankern, weil ihr die britische Regierung im Gründungsjahr 1989 mit einer Förderung für ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt unter die Arme gegriffen hat. Das Resultat war der Wilson-Benesch-Plattenspieler – mit dem weltweit ersten Subchassis aus Kohlefaserverbundwerkstoff – samt A.C.T.-One-Tonarm, dem ersten hyperbolischen Arm aus Kohlefaser.

Die kompakte Wilson Benesch Precision P1.0 in Weiß

Die kompakte Wilson Benesch Precision P1.0 ist in verschiedenen Ausführungen zu haben – so auch in Weiß

Karbon war damals in der HiFi-Industrie noch kein wirkliches Thema, und dass man es heute relativ weit verbreitet ebenda findet, ist auch ein Verdienst von Wilson Benesch und liegt unter anderem am ersten Lautsprechermodell der Marke, das 1994 auf der damals noch in Frankfurt stattfindenden High End seine Weltpremiere feierte. Die ebenfalls A.C.T. One benannten Schallwandler brachen als eine der ersten Konstruktionen mit dem bis dahin fast unumgänglichen rechtwinkligen Boxen-Design und brachten eine Weltneuheit mit: Eine gekrümmte Karbonfaserverbundplatte prägte das sich nach hinten verjüngende Gehäuse.

Low-Carb(on)

Auch heute bleibt Karbon ein essenzieller Bestandteil in den Konstruktionen von Wilson Benesch. In den Precision P1.0 – den kleinsten und günstigsten Lautsprechern der Marke – kommt es jedoch nur an sehr ausgewählter Stelle und nicht beim Gehäuse selbst zum Einsatz. Stattdessen nutzt Wilson Benesch hier ein sogenanntes „hybridised structural design“, also eine Hybrid-Struktur aus Birkensperrholz (für die Seitenwände) und Aluminium (für die Boden- und Deckenplatte sowie die Vorder- und Rückseite des Korpus). So kommen laut Wilson Benesch die Vorteile von zwei oder mehr Materialien mit unterschiedlichen Festigkeits-, Steifigkeits- und Dämpfungseigenschaften zusammen. Anders gesagt will Wilson Benesch die Energie von den eher zur Resonanz neigenden harten Aluminiumstrukturen in das weichere Birkensperrholz leiten, wo sie in Wärme gewandelt und somit gedämpft werden soll. Das Konzept nennt Wilson Benesch „Mutual Self Damping“, also „gegenseitige Selbstdämpfung“. In gewisser Weise bleibt man damit der Idee von Kohlefaserwerkstoffen treu, denn dort bilden ja die steifen Karbonfasern und ein dämpfendes Polymer wie Epoxidharz den Verbund-Werkstoff – mit den genannten Vorteilen.

Wilson Benesch P1.0 mit vormontierten Stands

Eine Einheit: Bei der Wilson Benesch P1.0 sind die Stands fest vormontiert

Die Gehäuse sind übrigens ab Werk fest auf Ständern aus Metall mit soliden Bodenplatten montiert – das erklärt die Verpackungen im Standlautsprecher-Format. Hochwertige Vollmetallspikes sitzen ebenfalls bereits in den Bodenplatten. Nur um geeignete Unterlegscheiben muss sich der Besitzer also noch selbst kümmern. Der Vorteil: Die P1.0 stehen garantiert optimal hoch und stabil – und niemand kommt auf die Idee, die Boxen auf ein Sideboard oder in ein Regal zu verbannen (das wäre auch ein schlechter Einfall, denn der Reflexkanal weist nach unten). Zudem spart man sich die meistens nicht unerheblichen Kosten für ordentliche Stands, das sollte man bei der Preisbeurteilung der Wilson Benesch P1.0 und beim Vergleich mit dem Wettbewerb berücksichtigen.

Stahlhart dämpfen

Die Materialauswahl ist für Wilson Benesch allerdings nur der erste Schritt, denn der Teufel liegt, wie so oft, im Detail, also in den Feinheiten der Konstruktion. Man müsse die Eigenschaften der verwendeten Materialien nämlich überhaupt erst mal optimal nutzen können, so Wilson Benesch. Zu diesem Zweck befinden sich bei allen aneinander angrenzenden Komponenten des Gehäuses viskoelastische Membranen. Diese Membranen haben, so Wilson Benesch, zwei Funktionen: Erstens sorgen sie dafür, dass das Gehäuse mit Ausnahme der nach unten abstrahlenden Bassreflexöffnungen vollständig luftdicht ist. Zweitens besitze die viskoelastische Membran, wie der Name schon sagt, elastische Eigenschaften, sodass eine zusätzliche Energie absorbierende „Schwelle“ entstehe.

Eine weitere wichtige Optimierung der Precision-Series-Gehäusekonstruktion sei die Verwendung von hochfesten, röhrenförmigen Stahlstreben, die in der horizontalen wie der vertikalen Achse des Lautsprechergehäuses als „strukturelle Stützen“ dienen. Wilson Benesch verschraubt die Gewindestangen mit den Aluminiumkomponenten des Gehäuses, sowohl in der Horizontalen zwischen der vorderen und hinteren Schallwand als auch in der Vertikalen zwischen dem Fuß und der Oberseite des Lautsprechergehäuses. Dann werden sie nochmals untereinander verspannt – so will man eine für den Schalldruck quasi unüberwindbare Spannkraft im Gehäuse erzeugen. Auch stünden die hölzernen Gehäuseflächen unter einer hohen Spannung, was – so Wilson Benesch – für zusätzliche Festigkeit und Steifigkeit sorge, und gleichzeitig verbessere man die Dämpfungseigenschaften des Gehäuses. Ich muss sagen: Da stecken ganz schön viel Material und Aufwand in dieser kompakten Box.

Der Bassreflexkanal auf der Unterseite der Wilson Benesch Precision P1.0

Der Bassreflexkanal der Wilson Benesch weist nach unten

Treibende Kraft

Die selbst entwickelten Tactic-2.0-Tief-Mitteltontreiber der Precision P1.0 fertigt Wilson Benesch im eigenen Haus von Hand. Wer jetzt aufhorcht: Ja, es gibt schon eine Tactic-3.0-Generation, doch die bleibt dem Flaggschiff des Unternehmens, der Wilson Benesch Eminence (189.000 Euro), vorbehalten. Der originale Tactic Drive aus dem Jahr 2001 war laut Wilson Benesch der erste Treiber, der NdFeB (Neodym-Eisen-Bor) als Magnetmaterial nutzte. Magnete aus NdFeB sind so ziemlich das Leistungsstärkste, was man in der Antriebseinheit verwenden kann, doch wegen der hohen Materialkosten ist es noch nicht mal im Highend-Bereich zum Standard geworden.

Rückseite des Tactic-2.0-Tief-Mitteltontreibers

Die Rückseite des Tactic-2.0-Tief-Mitteltontreibers

Um die Kraft des Magneten so effizient wie möglich zu nutzen, hat Wilson Benesch sich mit der University of Sheffield zusammengetan und Flussanalysen der Antriebseinheit durchgeführt. Als Resultat dieser Untersuchungen konnte Wilson Benesch die an den Magneten angrenzenden Vorder- und Rückplatten aus Stahl so optimieren, dass sie wertvolles Magnetmaterial ohne Performance-Einbußen einsparen konnten. Im Gegenteil: Man will die Leistungsfähigkeit des Antriebs damit sogar erhöht und zusätzlich mehr Kontrolle über die Bewegung der Schwingspulen erzielt haben.

Explosionszeichnung des Tactic-2.0-Treibers

Explosionszeichnung des Tactic-2.0-Treibers

Die Membran der Tactic-2.0-Treiber besteht aus „isotaktischem Polypropylen“. Erfunden hat dieses Material ein gewisser Professor Ward von der Universität Leeds, und in den Wilson-Benesch-Treibern findet es seine erste kommerzielle Anwendung. Laut Wilson Benesch machen die Eigenschaften des Materials es zur idealen Wahl für die Membran. Es sei relativ steif, gleichzeitig weise es eine hervorragende Dämpfung auf. So sei es in der Lage, auch unter hohen Belastungen seine Form beizubehalten – wichtig für einen breiten Frequenzgang – und dennoch Energie aufgrund seiner Struktur in Wärme zu wandeln, statt in Resonanzen aufzubrechen.

Leonardo²: Fibonacci grüßt Da Vinci

Irgendwann muss das Thema Textilkalotte doch mal ausgereizt sein – sollte man denken. Doch auch hier hat sich Wilson Benesch etwas Besonderes einfallen lassen. Nicht bei der Membran selbst, die besteht wie in den meisten anderen Konstruktionen aus Seide, sondern in ihrem Arbeitsumfeld.

Der Leonardo-Hochtöner der Precision-Serie ist ein naher Verwandter des Fibonacci-Hochtöners, der im Flaggschiff-Lautsprecher Wilson Benesch Eminence zum Einsatz kommt. Beide besitzen ein „entkoppeltes Design“ (Aufklärung gleich) und eine geometrisch optimierte „Waveguide-Faceplate“. Gerade die Struktur dieser Faceplate dürfte dem Betrachter bei der ersten Begegnung mit den Precision P1.0 als „Designelement“ ins Auge fallen, dabei dient sie allein der Frequenzganglinearisierung.

Waveguide-Faceplate der Wilson Benesch P1.0

Die sogenannte Waveguide-Faceplate der Wilson Benesch P1.0 soll Interferenzerscheinungen im Hochton minimieren

Denn der von der Hochtonkalotte eines Lautsprechers emittierte Schall interagiert mit den angrenzenden Flächen, die den Schall reflektieren und teilweise auslöschen. Die auf die Schallwellenlänge des Übertragungsbereichs der Leonardo- und Fibonacci-Hochtöner abgestimmte Struktur der Faceplate – entwickelt in Zusammenarbeit mit der Universität Sheffield und dem Advanced Manufacturing Research Centre (AMRC) – soll sowohl diese Auslöschungen als auch mögliche additive Effekte (siehe Interferenz) minimieren, und das Resultat sei ein besonders ausgewogener Frequenzgang, so Wilson Benesch. Die Faceplate stellt Wilson Benesch im 3D-Druck-Verfahren im eigenen Hause her. Seit 2017 habe man entsprechende Fertigungskapazitäten geschaffen, so die Briten.

Die Struktur mit unterschiedlichen Öffnungsgrößen besteht – Überraschung – aus einem hybriden Material: Das kohlenstoffverstärkte (hier hätten wir dann das erwähnte Karbon) Polymer weise eine äußerst geringe Masse und eine extrem hohe Dämpfung auf. Dieser sichtbare Teil der Faceplate wird durch eine Substruktur, von der man durch das Gitter hindurch einen Blick erhaschen kann, vollständig von der Hauptschallwand entkoppelt, so Wilson Benesch. Womit wir auch das „entkoppelte Design“ geklärt hätten.

Konsequenter Minimalismus

Die Entwickler der Wilson Benesch Precision P1.0 gehen bei der Frequenzweiche einen eher ungewöhnlichen Weg – und lassen sie gleich ganz weg. Nur zwei direkt miteinander verlötete Filterkomponenten (ein Kondensator und ein Widerstand) liegen vor den Hochtönern im Signalweg und schützen sie als Filter zweiter Ordnung vor allzu tiefen Frequenzen. Luke Milnes, Marketing Manager bei Wilson Benesch, sagt dazu: „Die direkte Verbindung vom Verstärker zu den Tiefmitteltönern ermöglicht es dem Hörer, wirklich genau das zu hören, was der Verstärker kann. Das gibt ihm das Gefühl, dass er das Beste aus seiner Elektronik herausholt und nicht einfach nur die Lautsprecher aufrüstet. Diese Konstruktion ist allerdings nur möglich, weil wir nicht nur die Treiber entwickeln und alle Komponenten darin spezifizieren, sondern auch das gesamte Gehäuse. Wir stellen derzeit mehr als 25 verschiedene Versionen der Tactic-Treiber her, die sich je nach ihrer Funktion leicht unterscheiden. Es handelt sich um eine in sich geschlossene Designphilosophie, bei der Entwicklung und Herstellung unter einem Dach stattfinden. Dies mit der Antriebseinheit eines großen OEM-Herstellers zu erreichen, wäre extrem teuer und zeitaufwendig in der Entwicklung – und möglicherweise unerschwinglich in Bezug auf die Kapazitäten und die Logistik eines OEM-Lieferanten.“

So. Das hört sich alles nach ziemlich viel Technik und Innovation an – und ich bin gespannt, auf welche Weise sich dieses Streben nach Kontrolle aller Parameter klanglich auswirkt.

Wilson Benesch Precision P1.0: Hörtest und Vergleiche

Ich höre mir Testgeräte gerne eine Zeit lang an, ohne in irgendeine Recherche über das jeweilige Teil eingestiegen zu sein. So kann ich unvorbelastet einen ersten Eindruck gewinnen. Im Falle der Wilson Benesch P1.0 zum Beispiel wusste ich nichts vom offiziellen Paarpreis, hatte aber aus irgendeinem Grund im Hinterkopf, dass sie im selben Preisrahmen lägen wie die Wilson Audio TuneTot – also bei satten 12.000 Euro. Wenn man mit dieser Prämisse in die Bewertung von Zweiwegekompaktlautsprechern startet, hängen die Erwartungen sehr, sehr hoch. Wenn sie dennoch – Spoiler! – in Teilen übertroffen werden und die Lautsprecher tatsächlich „nur“ zwei Drittel des angenommenen Preises kosten, kann man von einer Überraschung sprechen. Aber eins nach dem anderen.

Wilson Benesch Precision P1.0 im Hörraum

Analysewerkzeug

Nach einer etwa hundertstündigen Einspielzeit machen die Wilson Benesch P1.0 recht unmissverständlich klar, wes Geistes Kind sie sind. Sie sind akustische Messwerkzeuge und Lupen, sie zoomen geradezu in das Klanggeschehen hinein. Und wir reden hier von einem echten, nicht von einem „digitalen“ Zoom. Bei letzterem sieht der Betrachter nur einen Ausschnitt des eigentlichen Bildes – näher, aber ohne echte, zusätzliche Details. Die Wilson Benesch Precision P1.0 hingegen liefern eine erstaunliche Menge an Information so feingranular am Ohr des Hörers ab, dass die akustische Brennweite (Auflösung) über den gesamten Übertragungsbereich von den untersten noch reproduzierten Basstönen bis zu den höchsten Frequenzen fast unendlich scheint: Die P1.0 definieren selbst winzigste Schallereignisse absolut scharf. Bis auf die ATC SCM50PSL (14.580 Euro) mit ihrem eher seidigen, qualitativ aber konkurrenzfähigen Hochtoncharakter und die Revel Performa F328Be (18.000 Euro) sehe ich kaum Lautsprecher, die in meinem Raum tiefere Analysen ohne zu grelle Scheinwerfer (Überbetonungen) zugelassen hätten – auch die an sich fantastisch fein auflösenden Scansonic MB3.5B (5.000 Euro) nicht.

British Racing G(re)en?

Mit den italienischen Quasi-Breitbändern plus Superhochtöner Grandinote Mach 2R (ab 6.600 Euro) haben die Wilson Benesch Precision P1.0 nicht nur die nicht vorhandene Frequenzweiche gemein. Sie spielen (deshalb?) ähnlich schnell, schleudern Transienten von feiner Elektronik-Mucke wie Felix Laband oder Yello, von akustischen Gitarren und Glockenspielen geradezu schwerelos und absolut auf den Punkt akzentuiert aus den Treibern. Noch eher als die Grandinote jedoch beleuchten die Wilson Benesch den Impuls wie die Ausschwingvorgänge und Obertöne, die daraus resultieren, und lassen so eine ungewohnt realistische Nachvollziehbarkeit des Instrumentencharakters zu. Dies ist für mich – mit Ausnahme der Revel Performa F328Be mit ihrem Beryllium-Hochtöner – ein neuer Level an Feindynamik, der nur durch absolute Freiheit von störenden Einflüssen wie Resonanzen oder Verzerrungen erklärbar ist. Der Antrieb des Leonardo-Hochtöners muss wahre Wunder vollbringen, denn diese freie, ungebremste Schnelligkeit erspielt der Tweeter nicht mit einer Überbetonung oder anderen psychoakustischen Tricks.

Wilson Benesch Precision P1.0 in Schwarz

Ein, zwei, drei Oktaven tiefer setzen sich die enorme Reaktionsgeschwindigkeit und die Fähigkeit, selbst subtilste feindynamische Strukturen aufzudröseln, nahtlos fort. Den Hand- oder Trommelanschlag auf Congas und Snaredrums schleudern die Wilson Benesch P1.0 so ansatzlos und präzise auf den Hörer, dass mir immer wieder ein Lächeln übers Gesicht huscht. Man meint, dass weder Tactic- noch Leonardo-Membran irgendeine Masse besitzen – was sich, um die Euphorie ein klein wenig zu dämpfen, ein kleines bisschen auf die wahrgenommene akustische Schwere gerade von Trommeln auswirkt. Die wirken nämlich immer etwas kleiner und straffer gespannt als über andere (auch kompakte) Lautsprecher, wie zum Beispiel die Wilson Audio TuneTot oder die hORNS Atmosphere MK2 (6.000 Euro).

Sportlich schlank

Dass man die Sprintfähigkeiten der Wilson Benesch Precision P1.0 als so herausragend wahrnimmt, liegt auch daran, dass sich der Frequenzbereich zwischen Grundton und Tiefbass zurückhält. Mit einem je nach Raumgröße – über 30 Quadratmeter würde ich nicht empfehlen, ab 10 Quadratmeter geht’s los – sinnvoll gewählten Wandabstand lässt sich zwar die Gesamtbalance innerhalb tolerierbarer Grenzen wahren, doch mächtig oder gar fett agieren die Wilson Benesch Precision P1.0 nie. Sie sind tendenziell schlank abgestimmt.

Brendan Perry ArkDabei können sie körperlich zwar durchaus spürbar aufspielen. Sie produzieren mit der Bassdrum in „This Boy“ von Brendan Perry (Album: Ark; auf Amazon anhören) statt wabbeliger heißer Luft einen konzentriert energiehaltigen Bass, der zumindest bei höheren Lautstärken im Sofa spürbar ist – allerdings verschieben die Wilson Audio Tune Tot, in etwa dasselbe Volumenkaliber wie die Wilson Benesch P1.0, schon etwas mehr Luft. Sie lesen es heraus: Ihre durchaus beachtlichen dynamischen Fähigkeiten leben die Wilson Benesch P1.0 vor allem durch schnelle, bestens abgestufte und weit gespreizte Lautstärkesprünge in den mittleren und oberen Gefilden mit Stimmen, Flöten, Percussion aus – nicht mit Bass-Oooomph und Schalldruckhaken in die Magengrube.

Wilson Benesch P1.0 mit grünen Seitenteilen im Hörraum

Ehrlich währt am längsten

Leonard Cohen You Want it DarkerAuch Stimmen besitzen aufgrund der Zurückhaltung im unteren Bereich eine klare, prägnante und eher kopf- als brustlastige Charakteristik. Bei guter Aufstellung bleibt auch diese Tendenz im Rahmen und trägt zu der für meinen Geschmack faszinierenden Fähigkeit bei, unglaublich tiefe Einblicke in Aspiration, Artikulation und Phrasierung einzelner Stimmen und ganzer Chöre zu gewähren, dass mir bei „Et Misericordia“ von Magnificat wohlige Schauer über den Rücken laufen. Und man vermeint geradezu zu sehen, wie physisch ausgezehrt Leonard Cohen bei der Aufnahme von „You Want it Darker“ (Album: You Want it Darker; auf Amazon anhören) gewesen sein muss. Die Wilson Benesch P1.0 porträtieren seine Performance unglaublich intensiv, direkt, trocken und holzig. Und bis auf einige fast doppelt bis zweieinhalbfach teurere Modelle wie die bereits mehrfach genannten ATC SCM50PSL (etwas offener) oder die Revel Performa F328Be (etwas strahlender) haben in meinem Hörraum noch keine Lautsprecher die Feinheiten der Vocoder-Stimmmanipulationen in „Get Lucky“ von Daft Punk und Pharrell Williams mit einer solch unprätentiösen Selbstverständlichkeit und objektiven Klarsicht abgeliefert – auch nicht die diesbezüglich hochbegabten Grandinote Mach 2R. Der Wahnsinn.

Freigeist

Als Kirsche auf dem Kuchen geht die räumliche Darstellung der Wilson Benesch P1.0 durch. Eine Begrenzung der virtuellen Bühne kann ich nicht ausmachen, die P1.0 verschwinden tatsächlich akustisch vollständig aus dem Bild. Schallereignisse manifestieren sich beliebig in meinem Hörraum – mal zwischen, mal neben den Lautsprechern – dabei selten vor, sondern meistens ab der Basisebene beliebig tief im Raum dahinter. Bei Q-Sound-Effekten bin ich mehr als einmal regelrecht erschrocken, als seitlich neben oder gar schräg hinter mir Rasseln schellten oder Hunde bellten.

Nahaufnahme der Membran des Tiefmitteltöners der der Wilson Benesch Precision P1.0

Die oben genannten Stimmen von Jacintha und Brendan Perry projizieren die Wilson Benesch P1.0 sehr umrissscharf. Die Akteure wirken dabei ein wenig kleiner als mit den meisten anderen Lautsprechern. Das mag am schlanken Bass liegen, lässt sich aber mit Sicherheit ebenso auf die Präzision und Homogenität zurückführen, mit der die Treiber der Britinnen agieren: Die Abwesenheit zeitlicher Verschmierungen macht es dem Ohr eben leicht, Schallereignisse sehr konkret zu orten. Auch elektronisches Geflirre wie bei Felix Laband oder Nicolas Jaar fliegt, rennt, sprintet durch den Raum und bleibt dabei stets genau definierbar in Umriss und Position. Phasenschweinereien würde ich den Wilson Benesch vollkommen absprechen.

Billboard
Teufel

Test: Wilson Benesch Precision P1.0 | Kompaktlautsprecher

  1. 1 Klare Botschaft
  2. 2 Wilson Benesch Precision P1.0: Hörtest und Vergleiche

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