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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Süßes aus dem Sauerland
  2. 2 Joachim Gerhard Collection Nano – Klangeindruck

Zu den schönen Seiten des Daseins als HiFi-Journalist gehört es, wenn man Einblicke bekommt und Bekanntschaften schließt, die einem als „Normalsterblicher“ verwehrt bleiben. So war es bei unserem heutigen Probanden der Fall, dem Lautsprecher „Nano“ aus der Joachim Gerhard Collection (Preis: 4.600 Euro; Web: https://joachim-gerhard-collection.com/). Ich gehörte zu den Ersten, die diesen Lautsprecher überhaupt hören durften – und Joachim Gerhard brachte ihn persönlich im Sommer bei mir vorbei, weil das Produkt seinerzeit noch so neu war, dass das dazu passende Verpackungsmaterial samt Kartonage noch gar nicht existierte.

„Viel Spaß am Gerät!“

Gerhard kann guten Gewissens als einer der Grandseigneurs des deutschen Lautsprecherbaus bezeichnet werden. Er hat schon mit seinem ersten Unternehmen Audio Physic Geschichte geschrieben und in rund 20 Jahren viele, teils legendäre Lautsprecher auf den Markt gebracht. Inzwischen verantwortet er gleich zwei „Hausmarken“: Suesskind Audio und die Joachim Gerhard Collection, ein Joint Venture zwischen Gerhard und einer sauerländischen Möbelmanufaktur. Außerdem entwickelt Gerhard mit großer Leidenschaft an Phonovorstufen – Langeweile scheint der Mann nicht zu kennen, aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Entwickler gelten ja schon mal als etwas kauzig und anspruchsvoll. Also saugt und putzt man den Hörraum und hat vielleicht auch ein wenig Sorge, ob die zur Verfügung stehende Elektronik dem feinen Herrn wohl schmeckt. Völlig umsonst, wie sich herausstellte: Gerhard kam, klatschte in die Hände (die Raumakustik!), sah, stellte auf, schloss an, hörte kurz rein – und meinte dann nur: „Ist doch alles hervorragend, viel Spaß am Gerät.“ Der Rest des Besuchs ging mit gemütlichem Kaffeetrinken im Garten drauf.

Joachim Gerhard Collection Nano – das Konzept

Und hier erzählte mir Joachim dann auch ein bisschen mehr über den Lautsprecher, die Joachim Gerhard Collection Nano. Ziel der Entwicklung dieses schmalen Standlautsprechers war es, einen Schallwandler zu bauen, der optisch nicht dick im Raum aufträgt, durch Verarbeitung und Design auch partner(innen)-kompatibel ist – und trotzdem klanglich groß aufspielt. Außerdem im Pflichtenheft: tonal neutrale Abstimmung, hohes Auflösungsvermögen und plastische Abbildung mit punktgenauer Ortung. Bevor wir genauer hinsehen, ob und wie Gerhard das gelungen ist, zunächst ein durchaus anerkennender Blick auf das Äußere.

Joachim Gerhard Collection Nano - halbseitlich

Joachim Gerhard Collection Nano: schmale Front, leicht nach hinten geneigt

Kenner der Materie werden sehen, dass Gerhards Nano konzeptionell auf den Genen der Audio Physic Spark II basiert. Der Lautsprecher steht mit sanfter Schlagseite – nämlich nach hinten geneigt – im Raum. Das ist ein beliebter Kniff bei Entwicklern, wenn es darum geht, aus einem nicht allzu hohen Gehäuse (99 cm mit Traversenfuß und typischer Neigung) trotzdem ein großes Klangbild am Hörplatz entstehen zu lassen. Der Neigungswinkel lässt sich durch eine vorne angebrachte Traverse mit zwei schraubbaren Füßen bequem justieren.

Die Traverse der Nano mit zwei schraubbaren Füßen

Die Nano besitzt vorne eine Traverse mit zwei schraubbaren Füßen

Die Box selbst besteht aus massivem, geöltem Holz – es sind zahlreiche individuelle Varianten lieferbar, das ist der Vorteil bei der Kooperation mit einer Möbelmanufaktur –, die Seitenwangen bekamen mit Silikon befestigte weiße Glasplatten spendiert: Das sieht nicht nur sehr edel aus, der Materialmix ist auch dazu angetan, Resonanzen zu vermindern. Die schmale 135-Millimeter-Schallwand selbst ist nach allen Seiten hin kräftig angeschrägt, um Kantenreflexionen niedrig zu halten.

Die großen Fasen der Schallfront der Joachim Gerhard Nano

Die großen Fasen der Schallwand sollen Kantenreflexionen minimieren

Technisch gesehen handelt es sich um ein Zweiwege-Bassreflexkonzept mit Bi-Wiring-Möglichkeit. Den Tiefmitteltonbereich verantworten zwei parallel laufende 10-cm-Tieftöner von Wavecor mit einer Membran aus faserverstärktem Papier. Eine Bassreflexöffnung unterstützt die beiden optisch eher unscheinbar anmutenden Knaben in den unteren Frequenzgefilden.

Das Bi-Wiring-Terminal der Nano

Das Bi-Wiring-Terminal der Nano

Der klassisch über den Tiefmitteltönern platzierte Hochtöner stammt aus dem Hause SB Acoustics, eine augenscheinlich „ganz gewöhnliche“ Kalotte mit Seidenmembran, die bei 2,4 kHz angekoppelt wird und laut Datenblatt bis 30 kHz hinauf linear spielen soll. Besonders wichtig sind Joachim Gerhard die Frequenzweichen, erklärt er mir bei Kaffee und Kuchen. Bei ihm heißt die Weiche „Transitional Filter“ und zeichnet sich dadurch aus, dass die Flankensteilheit im Übergangsbereich, in dem die Wege sich überschneiden beziehungsweise gemeinsam laufen, eher gering ist, aber zum linken und rechten Rand des Übergangsbereichs hin zunimmt. Nur so, sagt Gerhard, könne man eine gute Transientenwiedergabe bei hervorragender plastischer Ortbarkeit sicherstellen. Das wollen wir doch direkt mal überprüfen.

Joachim Gerhard Collection Nano – Klangeindruck

Die Nano durfte sich im Hörraum erst einmal ausgiebig warm spielen. Bei den anschließenden Hörsessions wurde sie teils vom Abacus Electronics Ampollo, teils vom Tsakiridis Aeolos+ angetrieben, als Quellen dienten die CD-Spieler C.E.C. CD5 und Cyrus CD6 sowie der HiFiAkademie Stream6 mini.

Die Gewebekalotte der Nano

Die Gewebekalotte der Nano mischt sich ab 2400 Hertz ins Spiel

Bühnenmagie

Schon bei den ersten Tönen aus der schlanken Nano horchte ich auf, denn hier geschah etwas Besonderes, ja, es war, so schien mir, fast ein wenig Magie mit im Spiel. Wie fasse ich’s in Worte? Ein Versuch: Das zentrale, aber beileibe nicht das einzige Talent der Nano ist es, einen Raum aufzuspannen, der geradezu sensationell kohärent, glaubhaft und realistisch ist. Ich möchte fast von einem „geschützten Raum“ sprechen, in dem das Klanggeschehen stattfindet – und nicht von der klassischen „Bühne“, die wir sonst in unserem Vokabular haben. Und das ist durchaus im Wortsinne zu verstehen: Der Begriff „Bühne“ suggeriert ja bereits, dass einem hier frontal etwas „vorgespielt“ wird, während man davor im Auditorium sitzt. Bei der Nano indes scheint man tatsächlich inmitten des Geschehens zu sitzen – sofern das im Tonstudio beim Mix gewollt beziehungsweise bei der Aufnahme entsprechend aufs Medium gebannt wurde.

Nehmen wir „Daily Disco“ von Yello (Album: Yello 1980-1985 | The New Mix in one go). Die überwiegend elektronische Klangkulisse „sitzt“ auf Anhieb wie angegossen in der Stube. Da gibt es keinerlei Unklarheiten über die Frage, wo der im Tonstudio definierte Klangraum beginnt und endet, auch die Rasterung in Breite, Tiefe und (gefühlter) Höhe ist exzellent. Man könnte mit dem Laserpointer jede einzelne Klangquelle genau anleuchten, ebenso aber auch den „Grundriss“ des Klanggeschehens skizzieren. Das ist in der Tat frappierend, weil man so sehr ins Geschehen gebeamt wird, dass das Gehirn sich gar nicht mehr bemühen muss, den Raum selbst abzugrenzen. Involvement pur, absolut fantastisch – so habe ich das bisher wirklich nicht oft hören dürfen. Ab 1‘27“ lassen die beiden Klangtüftler von Yello allerlei synthetische Percussionsounds kreuz und quer durch den Raum fliegen und schrecken dabei auch nicht vor richtig bösen Phasenschweinereien zurück. Der Effekt: Man wird geradezu mit Sound beschossen – das alles wirkt aber nicht bedrohlich, sondern stellt schieres Vergnügen dar.

Joachim Gerhard Collection Nano - seitlich

Nun mag man einwenden, dass derlei bei synthetischen Klängen und studiotechnischen Tricks „keine Kunst“ sei, doch es funktioniert auch bei ganz anderen Klangwelten, zum Beispiel bei „Riders on the Storm“ (The Doors). Als gleich zu Beginn das Gewitter und der prasselnde Regen zu hören sind, möchte man unweigerlich einen Schirm aufspannen – es scheint, als ob der Raum keine Wände und keine Decke mehr hätte, der Regen ist im Raum. Ebenso lassen sich das Wurlitzer-E-Piano mit dem legendären Riff und Solo halblinks und die sinistre Tremologitarre halbrechts auf den Millimeter genau orten, während sich Jim Morrisons Stimme realistisch und zugleich surreal (da gedoppelt: einmal Gesang, einmal Flüstern) im Raum manifestiert. Ganz klar: Wer mit Joachim Gerhards Nano hört, der ist voll dabei, der schaut nicht von vorne auf eine Darbietung, die „irgendwo da hinten“ auf der Bühne stattfindet. Das sorgt nicht nur für Faszination, sondern auch für Emotion.

Tonale Tugenden

Lana del Rey Blue BanistersIst die Nano damit ein One Trick Pony? Ist sie nicht, sie hat noch mehr drauf. Nämlich eine tonale Ausbalanciertheit, die mit einem erstaunlichen Auflösungsvermögen einhergeht. Vorab ist zu sagen: Natürlich kann eine Box mit solch geringen Abmessungen und so kleinen Tiefmitteltönern keinen echten Subbass lostreten – geschenkt. Wenn ich im Folgenden von Bass rede, dann rede ich also von einem organisch und glaubhaft geerdeten Grundtonbereich, bei dem auch die darunterliegende Oktave noch wahrzunehmen ist – und der insbesondere in kleinen Hörräumen für eine realistische Wiedergabe völlig ausreicht, wenn man nicht permanent krasse Elektronik oder Kirchenorgelkonzerte in Originallautstärke konsumiert. Dabei ist der Tiefton der Joachim Gerhard Collection Nano konturiert, klar und drahtig. Wenn im Stück „Tub Dub“ von Yello die mit „Flam“ programmierten synthetischen Tomtoms erklingen, dann flattert die Luft, da ist ordentlich Power dahinter. Und wenn in Lana del Reys Track „Text Book“ (Album: Blue Banisters; auf Amazon anhören) die Synthbässe den Song grundieren, dann ist das auf jeden Fall mindestens als Andeutung vernehmlich, auch wenn zum Beispiel meine „dicke“ ProAC D20 R (4.500 Euro) die Eingeweide intensiver massiert.

Bringen wir an dieser Stelle auch kurz die Grobdynamik ins Spiel: Es gibt – natürlich, möchte man sagen angesichts der zierlichen 10-cm-Tiefmitteltöner der Nano – Lautsprecher, die im Tieftonbereich noch mehr Druck entfalten und diese Energien noch etwas flinker lostreten. Das ist nicht so sehr eine Frage des Preises, sondern des Konzepts. Trotzdem ist die Nano dynamisch definitiv nicht „gemütlich“ unterwegs – und je weiter wir im Frequenzschrieb nach rechts gehen, desto schneller und impulsiver wird sie.

Der Tiefmitteltöner der Joachim Gerhard Nano

Die Nano ist mit zwei 10-cm-Tiefmitteltönern ausgestattet

Im Bass ist die Nano also etwas schlanker unterwegs, Mittel- und auch Hochton spielen dagegen vollständig neutral auf und sind bestens aneinander angebunden, hier kann ich keinerlei Brüche, Löcher oder Überhöhungen ausmachen. Im Gegenteil: Die Treiber spielen wie aus einem Guss, es kommt fast das Gefühl auf, einem guten Breitbänder zuzuhören – aber ohne Näseln oder Quäken in einem bestimmten Frequenzbereich, wie es bei vielen Vertretern der Zunft leider vorkommt. Hier hat mich vor allem die Hochtonkalotte überzeugt. Dieses wirklich unscheinbare Treiberchen bietet eine tolle feinstoffliche Auflösung bei gleichzeitiger Entspanntheit. Wer noch mehr Details hören will, der muss schon zu einschlägigen Vertretern wie solche aus dem Hause B&W (z. B. die 702 S2, 3.998 Euro) oder Neat Acoustics (Ultimatum XLS; Preis circa 6.500 Euro) greifen – und dabei in Kauf nehmen, dass der Hochtonbereich hier und da etwas präsenter, vorwitziger rüberkommt.

Besonderer Genuss: Stimmen! Ob es nun zarte Frauenstimmen wie Louise Rhodes/Lamb oder Romy Madley Croft/The XX sind – oder raue Reibeisen wie Tom Waits: Was hier an Lebendigkeit, emotionaler Präsenz und Durchzeichnung über den gesamten gesungenen Frequenzbereich geboten wird, ist wirklich erste Sahne. Und zwar nicht nur in der tonalen Komfortzone der Sängerinnen oder Sänger, auch beim Lagenwechsel, beim Grummeln, Falsett, Wechsel in die Kopfstimme. Ebenso Plosive, Okklusive, Schnalzen, Zungenschläge, Atmer, Seufzer: alles da, nicht auf dem Silbertablett oder der Empore, aber eben „da“ – und damit extrem realistisch.

Ein weiteres Pfund

Tom Waits Small ChangeUnd ja, vielleicht ist dieses geradezu nonchalante, relaxte Darreichen aller substanziellen Klanginformationen bei gleichzeitiger Langzeittauglichkeit und Durchhörbarkeit ein weiteres Pfund dieses Lautsprechers. Eines, das nicht nur tonal, sondern auch mikro-/feindynamisch spürbar ist. Hierzu gerne ein kleines Beispiel aus der Nerd-Sektion: Hand aufs Herz. Kommt in Tom Waits‘ Song „Tom Traubert’s Blues“ (Album: Small Change; auf Amazon anhören) ein Schlagzeug vor? Man würde meinen: nein. Stimmt aber nicht ganz. Im Stück nachgerade versteckt sind immer wieder winzige und kurze Wirbel auf einem Ridebecken halblinks. Eigentlich hört man nicht darauf, weil man genug damit zu tun hat, die wirklich bedenklich scheppernde und rasselnde Stimme von Waits und den kruden Kontrast zu den schmelzenden, fast ins Kitschige lappenden Streichern zu verarbeiten. Und trotz alledem lässt Joachim Gerhards Nano die zarten Beckenschläge transparent durch, man nimmt sie problemlos wahr.

Tonstudiotaugliche Auflösung

Talk Talk The Laughing StockBeim Umkabeln der Quelle zwischen HiFiAkademie-Streamer und Cyrus CD6 durfte ich noch etwas anderes feststellen: Die Nano könnte man wirklich im Tonstudio einsetzen. Beim Track „After the Flood“ von Talk Talk (Album: The Laughing Stock; auf Amazon anhören) – einmal FLAC-gestreamt, einmal von CD) schälte die Nano mühelos die unterschiedlichen Klangsignaturen beider Digitalquellen heraus: Alerter im Hochton, luftiger in den Präsenzen beim Streamer, sodass die zahlreichen Becken, Shaker und obertonreichen Nebengeräusche minimal im Vordergrund stehen – beim Cyrus-Dreher dagegen etwas besser grundiert, erdiger und agiler im Bassbereich. Mit anderen Worten: Auch, wenn die Nano sich insgesamt stets entspannt gibt, kann man mit ihr auch feine Unterschiede in der Tonalität der Mitspieler aufdecken.

Vergleiche und Blick zur Seite

Joachim Gerhard Collection Nano, oberer Bereich mit Hochtöner

Sie haben es wohl schon bemerkt, die Joachim Gerhard Collection Nano begeistert mich ziemlich. Doch auch sie kann natürlich nicht alles. Wenn man von einer Schwachstelle sprechen darf – ich würde eher von einem bewusst gewählten Kompromiss reden –, dann liegt die natürlich im Tiefbassbereich und bei der Pegelfestigkeit. Dass man mit der Nano kein richtig großes Wohnzimmer beschallt oder sie als „Discolautsprecher“ einsetzt, sollte aber eh klar sein. Meine ProAcs langen deutlich tiefer – und dabei standfest – ins Untergeschoss runter und können auch absolut höhere Pegel verzerrungsfrei fahren.

Was die Qualität der Mittel- und Hochtonwiedergabe angeht, würde ich gegenüber meiner ProAc D20 R von einer Pattsituation sprechen, wiewohl die ProAc mit einem Bändchen daherkommt – das nötigt mir durchaus Respekt ab. Sowohl die Nano als auch die ProAc punkten mit einem in der Preisklasse seltenen Amalgam aus Präzision, Feinauflösung und Entspanntheit/Langzeittauglichkeit.

In puncto Räumlichkeit hingegen spielt die kleine Joachim Gerhard Nano die mir zur Verfügung stehenden Lautsprecher klar an die Wand. Einzig und allein die Harbeth 30.1 (inzwischen abgelöst von der 30.2 XD, 4.980 Euro), die lange bei mir Dienst tat, spielte räumlich ähnlich frei und befreiend auf.

Joachim Gerhard Collection Nano - auf Kopfsteinpflaster

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Test: Joachim Gerhard Collection Nano | Standlautsprecher

  1. 1 Süßes aus dem Sauerland
  2. 2 Joachim Gerhard Collection Nano – Klangeindruck

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