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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Studiotechnik + Sinnlichkeit = 700?
  2. 2 Klangtest & Vergleiche: B&W 702 S2

„Von Aufnahmestudios inspiriert und für das Wohnzimmer gemacht“ – so fasst Bowers & Wilkins (www.gute-anlage.de) den Anspruch der „B&W 700 Series“ zusammen. Man könnte das Wort „Wohnzimmer“ auch guten Gewissens um den Begriff „Heimkino“ ergänzen, denn diese Lautsprecherserie besteht nicht nur aus sieben Stand- und Kompaktmodellen, sondern auch zwei Centerlautsprechern und einem Subwoofer.

Die B&W 700-er Serie ist der Nachfolger der CM-Serie und kommt mit zahlreichen Neuerungen – unter anderem auch der einen oder anderen Entlehnung aus der deutlich höher gepreisten 800-er Serie von Bowers & Wilkins. Geblieben ist dagegen das augenfällige „Tweeter-on-Top“-Design, das schon bei den Modellen CM6 und CM10 zum Einsatz gelangte: So ruht der Hochtöner auch bei den aktuellen Modellen 702 S2 sowie 705 S2 in einem separaten torpedoförmigen Gehäuse, das über eine spezielle, man könnte fast sagen „schwimmende“, Gummi-Lagerung resonanzarm mit dem Restgehäuse verbunden ist. Während jedoch bei der 800-Serie eine Diamantkalotte zum Einsatz kommt, setzt B&W hier auf eine dünne Alu-Kalotte, der eine Kohleschicht aufgedampft wurde.

B&W 702 S2 Hochtöner

Die für Bowers & Wilkins typische „Hochtonhupe“: Der Hochtöner ruht in einem dedizierten Gehäuse, das resonanzminimierend mit dem Restgehäuse verbunden ist

Gleichfalls ursprünglich aus der 800-Serie stammt das neue Membranmaterial namens „Continuum“, das beim Mitteltöner zum Einsatz kommt. Diese Gewebestruktur fühlt sich fast schon wie der Stoff eines Herrenoberhemds der Extraklasse an, sie vereint Spannkraft mit einer feinen Textur und soll für einen zugleich dynamischen wie neutralen Klang bürgen. Der Mitteltontreiber ist überdies durch einen raffinierten Mechanismus von der Schallwand entkoppelt.

B&W 702 S2 Mitteltöner Membranmaterial

Oberflächlich fast so edel wie ein feines Herrenoberhemd, aber deutlich steifer: Die Mitteltönermembran der B&W 702 S2

Freunde kräftiger Bassmassage dürften beim Anblick der drei im Gleichschritt marschierenden 165-mm-Tieftöner in ein verzücktes Grinsen verfallen: Die mit einem Gemisch aus Pappe und Kunststoff bewehrten Membranen spielen auf ein nach hinten ausgeführtes Bassreflexrohr bzw. einen strömungsoptimierten „Flow Port“, wie der Hersteller es nennt. Bowers & Wilkins liefert hierfür passende Schaumstoffpfropfen mit – für den Fall, dass der Lautsprecher den Hörraum „untenrum“ zu sehr anregt. Überhaupt, B&W liefert so einiges mit: Die Lautsprecher kommen ab Werk mit einem Sockel, der vor dem Ersteinsatz sorgfältig aufgebaut und mit der Lautsprecherbodenplatte verschraubt werden will. Je nach Fußbodensituation hat der geneigte Käufer überdies die Wahl zwischen darunter anzubringenden, großzügig dimensionierten Gummistopfen oder Spikes: Alles dabei, sehr löblich – und auch klug: Denn mit diesem „Stabilitätspaket“ sorgt Bowers & Wilkins dafür, dass der Lautsprecher hinsichtlich seiner Aufstellung unter guten Bedingungen spielen kann – auch dann, wenn sich der Besitzer für derlei „Details“ sonst nicht so interessieren mag.

B&W 702 S2 Front Tieftöner

Aller guten Dinge sind drei: Die B&W 702 S2 warten jeweils mit einem Trio an 165-mm-Tieftönern auf

Eine besondere Erwähnung wert sind Optik, Haptik und Verarbeitung, welche nicht nur als mustergültig, sondern schon als exzellent bezeichnet werden können. Die massiven, schweren Gehäuse kommen in einer makellosen Lackierung, perfekt verarbeitet. Dieser Lautsprecher sieht nicht nur teuer, sondern auch richtig schön aus. Das dezente Anthrazit des Mitteltöners, die geschwungenen Linien des On-Top-Hochtöners, die sorgfältig kaschierten Verschraubungen, das alles macht richtig was her. Einzig und allein die etwas dürftig wirkenden Bi-Wiring-Brücken geben Anlass zum Mosern. Aber sei’s drum – an dieser Stelle hat der Käufer wenigstens selbst die Wahl, ob – und wenn wie viel – er zusätzlich investieren möchte.

Nachdem ich im Juni 2017 die B&W 805 D3 testen durfte, war ich besonders gespannt: Würde man einen generellen Unterschied zwischen der 800-er und 700-Serie hören? Lassen wir uns überraschen!

Klangtest & Vergleiche: B&W 702 S2

B&W 702 S2 Front komplett

Wie nähere ich mich dem Klang dieses Lautsprechers am besten? Vielleicht fange ich einfach „hinten“ an, mit meinem persönlichen Fazit nach fünf Wochen ausführlicher Beschäftigung mit der Bowers & Wilkins 702 S2. Ich habe mich nämlich mit ihr von Anfang an auf eine emotionale Art und Weise „wohl“, ja sogar „gut aufgehoben“ gefühlt. Das klingt literarisch-wolkig? Ja, schon. Aber es stimmt genau. Sie schafft es nämlich, in sich völlig geschlossen und rund zu klingen, ohne dabei in irgendeiner Disziplin zu weit „auszubüxen“ oder allzu deutliche Akzente zu setzen. Nehmen wir zum Vergleich beispielsweise die 805 D3: Sie hatte einen dermaßen präzisen Hochtonbereich, dass man einerseits geradezu frappiert ob der stupenden Feinauflösung der Höhen war, gleichzeitig aber auch schnell der Versuchung erlag, dann eben auch den ganzen Hörfokus auf diesen Bereich zu legen oder gar zu verschieben.

Philip CatherineDie B&W 702 S2 ist obenrum nicht ganz so alert wie die Diamantkalotte und vermag auch nicht deren allerletzte Fitzelchen an Details herauszukitzeln, trotzdem hat man aber nicht das Gefühl, es würde wirklich etwas fehlen; vielmehr spielen hier Hochton, Mittelton und Tiefton noch kohärenter, eben aus einem Guss. Untenrum dafür legt sie – kein Wunder bei drei Treibern dieser Größte – wiederum eine Schippe drauf. So habe ich mit großem Genuss gleich zu Beginn meiner Testsession das komplette Album Guitar Groove des belgischen Jazzgitarristen Philip Catherine (auf Amazon anhören) durchgehört. Das Quartett (neben Catherine hören wir Jim Beard an den Tasten, Alfonso Johnson am Bass und Rodney Holmes am Schlagzeug) spielt hier ein breit gefächertes Programm von der ruhigen, akustischen Ballade bis hin zu funkig-knackigen Uptempo-Nummern. Und die B&W 702 S2 fühlt sich akustisch tatsächlich an wie ein Studiomonitor, der im Wohnzimmer gelandet ist – wenn man von einem leichten Oberbasshöcker absieht, der hier aber nicht den Sound wirklich dicker oder brummeliger macht, sondern eher ein Stück weit „anwärmt“. Die Bassdrums haben ordentlich Schub, kommen trocken, flink und tief. Akustischer wie elektrischer Bass haben Durchsetzungskraft und viel Fundament, wirken aber nicht verschleppt oder mumpfig. Bei Gitarre, Keyboard und Klavier gibt es ganz viel Farbenreichtum und Auflösung – und im Obertonbereich freut sich der Hörer über eine sehr gute Auflösung, die jedoch im Vergleich zur B&W 805 D3 etwas mehr Milde hat  – eher warmes Herbstlicht als gleißende Wintersonne, wenn man das mal so sagen darf.

B&W 702 S2 Terminal

Das Bi-Wiring-Terminal der B&W 702 S2

Tonal spielt die B&W 702 S2 also ein Stück auf der wärmeren, sonoren Seite, wobei ich hier nicht von Schlagseite sprechen möchte, sondern von einem Charakterprofil. Sie ist darin übrigens meiner Harbeth 30.1 nicht ganz unähnlich, wenn man davon absieht, dass letztere im Basskeller nicht ganz so tief runterkommt und auch im Höhenbereich noch ein Stück weit milder agiert. Aber trotz der tendenziell warmen Abstimmung klingt die Bowers & Wilkins 702 S2 nicht über Gebühr gemütlich: Sie verfügt vielmehr über eine sehr gut dosierte Dynamik. Bassdrum-Doppelschläge kloppen flink in den Raum. Schlagzeugsoli mit heftigem Hängetom-Einsatz haben Speed und Wucht, harte Kantenschläge und zischende Hi-Hat-Figuren kommen mit Schmackes, ohne dabei jedoch mit einem Übermaß an Attacke „wehzutun“, wie man es ja durchaus auch von anderen Lautsprechern kennt. Meine Audes Maestro 116 beispielsweise scheint dergleichen noch etwas unverbremster in den Hörraum zu schleudern, wirkt dabei jedoch zuweilen schon etwas juvenil-überambitioniert. Die B&W 702 S2 hat in gewisser Hinsicht etwas Abgeklärtes an sich: Sie ist dynamisch genügend auf Zack, übertreibt es aber auch nicht, denn die großen, übergeordneten Ziele bei ihr sind Kohärenz und Schlüssigkeit.

Simple MindsNicht zuletzt zahlen die vorgenannten Werte auf etwas ein, das ich gerade in Bezug auf Praxistauglichkeit sehr wichtig finde, nämlich den dynamischen Rahmen, in dem ein Lautsprecher funktioniert. Es gibt bekanntermaßen Lautsprecher, die ihre Talente erst ab einer gewissen Mindestlautstärke und/oder Raumgröße ausspielen – während andere es gerade etwas ruhiger und intimer mögen. Die Bowers & Wilkins 702 S2 ist in dieser Hinsicht ein absoluter Allrounder. Sie klingt bereits bei Pegeln unterhalb Zimmerlautstärke voll und rund, kann aber auch richtig von der Leine gelassen werden. Man nehme ein Partystück (na gut, ein Partystück meiner Generation) wie „Alive And Kicking“ von den Simple Minds (auf Amazon anhören). Die Herren um Jim Kerr spielen hier durchgehend, auch in den leisen Passagen, mit maximaler Intensität. Das Stück wird immer wieder durch retardierende Momente und dynamisch sich aufs Neue steigernde Passagen durchbrochen. Der Sound ist typisch Achtziger: Tief gestimmte, knallende Snares, ein recht präsenter elektroakustischer Yamaha-Flügel, schillernde Keyboards und massiger Bass. Die Bowers & Wilkins 702 S2 schafft es, auch bei sehr hohen Pegeln diese Intensität an den Hörer zu bringen, ohne dabei im Mitten- und Obertonbereich zu „schreien“ oder im Bassbereich unbotmäßig zu drücken. Das macht richtig Spaß.

Bassreflexrohr

Die auf der Rückseite der B&W 702 S2 befindliche Bassreflexöffnung

Wer bisher aufmerksam gelesen hat, könnte den Eindruck gewinnen, die B&W 702 S2 für 4.000 Euro könnte glatt die bessere Wahl sein als die anderthalbmal so teure B&W 805 D3. Ist das so? Nein, das nun auch wieder nicht. Zum einen gibt es die schon erwähnten tonalen Unterschiede (milderer und nicht so fein auflösender Hochton bei der 702 sowie untenrum ein Pfund mehr Tiefgang), zum anderen unterscheiden sich beide Modelle auch in Bezug auf ihre Stereobühne. Während die B&W 805 D3 sich hier sehr wandlungsfähig zeigt und je nach Aufstellungsweise von der intimen „Kleinkunstbühne“ bis hin zum richtig breiten Panorama so ziemlich alles liefern kann, was das Hörerherz begehrt, bildet die B&W 702 S2 vergleichsweise eher kompakt ab. Der Klang löst sich zwar gut von den Lautsprechern, spielt sich im Grunde jedoch stets zwischen den Lautsprechern ab, das Bühnenbild beginnt recht genau auf der Grundlinie. Somit  engen die Lautsprecher das Bühnenbild zwar nicht ein, sie lassen es aber auch nicht über die horizontale Verbindungslinie zwischen beiden Boxen hinauswachsen.

B&W 702 S2 Hochtöner von hinten

Das Hochtöner-Gehäuse der B&W 702 S2 in der Rückansicht

Das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil kann es sein, wenn man auf Breitbandbühnenabbildung steht und Freude daran hat, dass die Musik breit im ganzen Raum verteilt spielt – das will mit der 702 S2 nicht so richtig gelingen. Was sie aber gut kann: Sie manifestiert Mittensignale vorzüglich. Stimmen und Leadgesang beispielswiese kommen genau aus der virtuellen Mitte und stehen körperlich „zum Greifen“ da. Die Ortbarkeit der Schallquellen ist exzellent, was vor allem bei Orchesteraufnahmen positiv zum Tragen kommt. Hier lässt sich genau feststellen, ob ein Solist – wie bei einer Aufführung üblich – ein paar Schritte links oder rechts vom Dirigenten steht. Einzelne Orchesterlagen und Instrumentengruppen wie Streicher, Holzbläser und Schlagwerk sind detailgenau verortbar, das Klangbild überzeugt also eher durch Realismus als durch vordergründige Effekte.

Peter GreenNoch ein Wort zur Feindynamik: Auch in diesem Bereich hat die Bowers & Wilkins 702 S2 einiges zu bieten, denn sie spielt präzise, reagiert im positiven Sinne empfindlich auf feine Details und brilliert bei der Wiedergabe von Zwischentönen. So kann beispielsweise der todtraurige, aber auch trotzige Blues-Klassiker „A Fool No More“ von Peter Green (Album: The Anthology 1968 – 1988, auf Amazon anhören) zu einem regelrechten Götzendienst werden. Green rechnet mit einer verflossenen Liebe ab – und lässt dabei seine Gitarre die ganze Bandbreite von dumpfen Dead Notes über sanftes Tapping bis zum schreienden Wehklagen darbieten. Das alles mit typischen Out-of-time-Blues-Phrasierungen, während das Ridebecken des Drummers wie ein Uhrwerk den Takt angibt. Die 702 S2 verschweigt nichts. Hier ein leicht schludriges Umgreifen, dort eine gequetschte Saite, dann aber auch wieder ein grummelndes Wühlen in den tiefen Lagen oder auch ein helles Aufschreien der hohen E-Saite – mit einem sanft scheppernden Gitarrenverstärkerklirr: Das ist großartig, die B&W 702 S2 arbeitet alles heraus. Und ihre warme Abstimmung kaschiert sogar ein wenig, dass seinerzeit bei der Produktion bzw. Abmischung eine leichte Schlagseite zugunsten des Höhenbereichs entstand.

Durch ihren guten Wirkungsgrad von 90 dB/W/m lässt sich die B&W 702 S2 übrigens durchaus auch mit kleineren Amps befeuern – aufgrund ihres tonalen Charakters rate ich dabei zu eher neutralen Vertretern der Zunft. Mein Hegel H90 entpuppte sich als großartiger Spielpartner, meine Audreal-MS3-Röhren-Monoblöcke brachten zwar genug Leistung, wirkten aber im Direktvergleich gerade im Bassbereich etwas „langsam“ – ein durchzugsstarker Transistor-Amp oder ein Hybridkonzept sollten wohl generell als passendere Spielpartner durchgehen.

B&W 702 S2 Fußplatte

Test: Bowers & Wilkins 702 S2 | Standlautsprecher

  1. 1 Studiotechnik + Sinnlichkeit = 700?
  2. 2 Klangtest & Vergleiche: B&W 702 S2
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Nubert

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