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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Sagenhaft?
  2. 2 Tsakiridis Aeolos+: Klangeindruck & Vergleiche

In der griechischen Mythologie verbirgt sich hinter dem Namen „Aeolos“ (Αἴολος) der von Zeus eingesetzte Herrscher über die Winde. Es dürfte kein Zufall sein, dass die 1987 gegründete griechische Manufaktur Tsakiridis (Vertrieb: www.audioplan.de) eine Vollverstärker-Serie nach diesem Gott benannt hat – denn gilt der typische Röhrenklang nicht als seidig-luftig-ätherisch? Oder ist das alles nur Marketinggerede oder gar viel Wind um nichts?

Eines steht gleich zu Beginn fest: Eine Luftnummer ist der Tsakiridis Aeolos+ (Preis: 2.150 Euro) nicht. Es fühlt sich sogar reichlich weltlich an, diesen Hochpegel-Vollverstärker aus dem Karton zu wuchten. Der Knabe wiegt nämlich stattliche 20 Kilo und gibt sich angesichts seiner Gehäusetiefe von 46 Zentimetern auch nicht unbedingt mit einem vorschnell zugewiesenen Platz im Standardrack zufrieden.

Der Tsakiridis Aeolos+ ist ein stattlicher Knabe...

Beim Blick aufs Design geht es ebenfalls handfest zu: Während viele Röhrenverstärkerhersteller mit allerlei Bling-Bling, Holzapplikationen und geschwungenen Linien Eleganz vermitteln möchten, könnte der Tsakiridis Aeolos+ direkt aus einer nachrichtentechnischen Abteilung des Militärs stammen: Schwarz und Grautöne dominieren das Geschehen, wir sehen ein außerordentlich massives, ja fast schon panzerartig wirkendes Gehäuse, dessen hintere Hälfte ein grauer Quader dominiert (innen drin: ein Netztrafo sowie die beiden Ausgangsübertrager). Davor stehen, Gewehr bei Fuß beziehungsweise in Reih‘ und Glied, je vier Röhren des Typs 6550 (Endstufensektion) und 12AT7 (Phasenteiler-/Treiberstufe).

Der Tsakiridis Aeolos+ verwendet und 12AT7-Röhren in der Vorstufen- und 6550 in der Endstufensektion

Der Tsakiridis Aeolos+ verwendet und 12AT7-Röhren in der Vorstufen- und 6550 in der Endstufensektion

Zwischen den beiden Vierer-Reihen sind vier Knebelschalterchen platziert: Sie gestatten es, für jeden Kanal getrennt, zwischen Pentoden-/Ultralinear- und Triodenbetrieb sowie zwischen normaler und niedriger Gegenkopplung umzuschalten. Dieses Designprinzip eint übrigens alle Verstärker der Aeolos-Produktlinie: Neben dem Aeolos+ gibt es auch noch den „normalen“ Aeolos – der weitgehend baugleich ist, allerdings mit vier EL34 in der Endstufensektion und einer geringeren Ausgangsleistung aufwartet – und den von uns schon getesteten Aeolos Ultra, der nicht nur der leistungsstärkste der drei Brüder ist, sondern auch mit noch hochwertigeren Übertragern, Kondensatoren und Widerständen aufwartet. Doch zurück zu unserem Probanden!

Ganz vorne auf der Oberseite, und somit dem Nutzer zugeneigt, ist ein gelbgrün hintergrundbeleuchtetes Punktmatrix-Display angebracht, das Auskunft über Lautstärke und Eingangswahl erteilt, aber auch beim Einmessen der Endstufenröhren hilft, doch dazu später. Die Frontblende ist ebenfalls nüchtern gestaltet, hier finden wir nebst Ein- und Ausschalter einen Taster für das Durchsteppen der vier Hochpegeleingänge sowie ein sämig laufendes Alps-Motorpotenziometer für die Einstellung der Lautstärke. Dem Gerät liegt natürlich auch eine Fernbedienung bei.

Mit dem Select-Taster lassen sich die vier Hochpegeleingänge durchsteppen

Mit dem Select-Taster lassen sich die vier Hochpegeleingänge durchsteppen

Einen Mangel an Erfahrung kann man den Brüdern Odysseas und Costas Tsadirikis nicht attestieren: Sie betreiben ihre Manufaktur bereits seit mehr als 30 Jahren, fertigen ihre Netztrafos und Übertrager selbst, auch die Platinenbestückung und Montage der Geräte erfolgt im eigenen Haus. Der Aeolos+ ist ein langjähriges Erfolgsmodell, das über die Jahre stetig weiterentwickelt wurde – und anno 2020 nun erstmals mit dem vorgenannten Display aufwartet, während vorherige Inkarnationen zwar hübsch anzusehende, aber eben nicht in letzter Instanz präzise abzulesende Zeigermessinstrumente für die Ruhestromeinstellung mit sich führten.

Ruhestromeinstellung? Ja, der Aeolos+ kann diesbezüglich von seinem Besitzer justiert werden. Zwar kümmert sich der Audioplan-Vertrieb darum, dass deutsche Tsakiridis-Käufer von gematchten und eingebrannten Röhren mit korrekt justiertem Bias profitieren. Thomas Kühn von Audioplan legt selbst Hand an, damit jedes ausgelieferte Exemplar optimal justiert mit bestem Kanalgleichlauf und niedrigstmöglichem Klirr zum Kunden gelangt. Doch Röhren sind bekanntermaßen „lebendige“ Bauteile, die altern. Wohl dem, der nach einigen Hundert oder Tausend Betriebsstunden den Bias nachjustieren oder auch bei einem Röhrenwechsel selbst Hand anlegen kann, anstatt den Verstärker mühsam zum Service zu schleppen oder ihn den unegalen Händen deutscher Paketdienste anzuvertrauen.

Das Punktmatrix-Display des Tsakiridis erleichtert die präzise Einstellung des Ruhestroms der Endröhren

Das Punktmatrix-Display des Tsakiridis erleichtert die präzise Einstellung des Ruhestroms der Endröhren

Zum Justieren drückt man einfach auf der Fernbedienung die mit „0“ beschriftete Taste, woraufhin die Musikwiedergabe verstummt und das Display für alle vier Endröhren den aktuellen Ruhestrom (in mA) anzeigt. Tanzen mehrere oder eine Röhren aus der Reihe, so müssen mit einem kleinen Schlitzschraubenzieher die entsprechenden Trimmpotis bedient werden, die hinter den Endröhren ins Gehäuse eingelassen sind. Der ganze Vorgang ist mit etwas Übung in ein bis zwei Minuten abgeschlossen – und man hat danach das gute Gefühl, dass technisch im Gerät alles mit rechten Dingen zugeht.

Als Besonderheit darf durchgehen, dass beide Kanäle eine getrennt ausgeführte Stromversorgung mit jeweils eigener Trafowicklung, Gleichrichtung und Siebung erhalten. Sogar die Sektion, die innerhalb des Geräts die Signale der Fernbedienung entgegennimmt und für die Motorsteuerung verantwortlich zeichnet, hat eine dezidierte Stromversorgung mit eigener Trafowicklung, um eine Beeinflussung des Musiksignals möglichst zu unterbinden.

Tsakiridis Aeolos+: Klangeindruck & Vergleiche

Nach einer gebührenden Aufwärmzeit von einer halben Stunde starte ich gespannt in den Test, zunächst im leistungsstärkeren Pentodenmodus (der für circa 2 x 45 Watt gut sein soll) mit Gegenkopplung in „Normal“-Stellung.

Spliff / 85555Seit ich mich daran gewöhnt habe, Musik hauptsächlich hochauflösend via Tidal und Qobuz zu streamen, unternehme ich gerne Reisen in meine musikalische Vergangenheit und beschäftige mich mit gut abgehangenen Produktionen, die immer häufiger auch remastered zur Verfügung stehen. So starte ich den Hörparcours mit „Déjà-vu“ von Spliff (Album: 85555; auf Amazon hören). Holla, die Waldfee! Der Track fliegt mir im positiven Sinne um die Ohren. Das von E-Drums dominierte Intro knallt nur so in den Raum. Die Toms und die Bassdrum haben Biss, Punch, Tiefe, Volumen. Das mit Wut auf die Viertel geschlagene Ridebecken zeigt sich frisch gewienert und glänzend (nicht gleißend) – und ebenso attackreich. Und das berühmte Eingangsriff, das Unisono von Gitarre und Bass gespielt wird, schiebt sich ungerührt wie ein Öltanker durch stürmische Wellenberge. Nein, der Aeolos+ ist sicherlich kein zartes Pflänzchen, mit dem man dazu verdonnert ist, Streichquartette in Zimmerlautstärke an Hochwirkungsgradbreitbändern zu hören; dieser Amp kann richtig austeilen. Als nach 45 Sekunden das Klanggewitter des Intros vorbei ist und ätherische Keyboardflächen, untermalt von einem konzertanten E-Bass, die erste Strophe ankündigen, kriecht mir eine wohlige Gänsehaut über den Körper. Der Bass spielt dermaßen befreit, schlackenlos, groovy, knackig (vor allem die geslappten Passagen), dass ich mich zu einer volksnahen Äußerung hinreißen muss: Geil ist das, richtig geil.

Tocotronics „Die Unendlichkeit“Weiter, ich will mehr Bass! Tocotronics „Die Unendlichkeit“ (gleichnamiges Album; auf Amazon hören) kommt mit weiten Räumen, verhallten Fuzz-Gitarren – und einem mordsfetten Dub-Reggae-Bass. Auch hier bleibt dem Rezensenten nichts anderes übrig als selig zu grinsen. Der Bass fährt in die Magengrube, bleibt dabei aber erstaunlich konturiert und elastisch. Das erstaunt mich jetzt wirklich, denn bisher hatte ich – als ausgewiesener Freund von Röhrenverstärkern – ein bisschen das Problem, dass bezahlbare Röhrenamps einen häufig in einen Trade-off hineinzwingen: zwischen der dreidimensionalen Räumlichkeit und farbenprächtigen, feinauflösenden Mittenwiedergabe auf der Habenseite und einem leichten Mangel an Timing (wie beim etwas gemütlichen Opera Audio Consonance M-100, 1.700 Euro), Schubkraft, Volumen (wie beim tieftonseitig etwas schlanker auftretenden Audiomat Arpège, knapp 3.000 Euro) und/oder absolutem Tiefgang (wie bei meinen Audreal MS-3-Monoblöcken, knapp 2.000 Euro) im Bassbereich. Wobei zu konstatieren ist: Der Aeolos+ dickt nichts künstlich an, er reicht einfach sauber durch.

Blick von unten auf die Schaltung des Tsakiridis Aeolos+

Blick von unten auf die Schaltung des Tsakiridis Aeolos+

Nun muss man trotzdem zugeben, dass ein gut „motorisierter“ Transistorbolide bassseitig schon noch mehr leisten kann. Ein dreimal so teurer Bryston 3B³ (6.250 Euro als reine Endstufe) vermag dem griechischen Vollverstärker diesbezüglich schon zu zeigen, wo Bartel den Most holt: mit noch mehr Tiefgang, mehr Tempo, mehr Kontur, mehr Standfestigkeit. Logisch – wäre ja auch komisch, wenn nicht! Doch ich bleibe dabei – und deswegen reite ich hier auch so unbotmäßig lange auf dem Tieftonbereich herum: Was der Tsakiridis abliefert, ist ganz erstaunlich für eine klassische Vollröhre dieser Preisliga.

Nun aber – endlich – mal zum Rest der Tonalität, also den Höhen und Mitten: Diese zeigen sich im Pentodenmodus mit einer Auflösung, die auch noch eine Preisklasse drüber als angemessen gelten dürfte, mit insgesamt erfreulich neutraler Handschrift und einem gut ausgeleuchteten Hochtonbereich, der nie ins Scharfe kippt. Im Triodenmodus wirkt der Tsakiridis dagegen grobdynamisch gezähmter, tonal im Obertonbereich noch etwas milder, das Klangbild wird eher aus den Mitten heraus ausgebaut, die mit verführerischer Opulenz, Auflösung und Feindynamik punkten.

Wer beispielsweise das Stück „Tempelhof“ der Einstürzenden Neubauten (Album: Alles in allem) abfährt, der braucht nicht einmal den leicht psychedelischen Sprechtext von Blixa Bargeld, um der Realität nach drei Sekunden abhandenzukommen. Merkwürdig zwischen zwei Harmonien wabernde akustische und elektronische Streicherklänge und ein sanft gezupfter Bass bilden ein Grundgerüst, das immer wieder von musikalischen Lichtstrahlen durchbrochen wird, bei denen ein Röhrengong und eine Harfe mit einem langsamen Arpeggio aufblitzt: Hier lebt der Tsadirikis Aeolos+ richtig auf! Er schafft es, eines der bei Tonmeistern am meisten verhassten Instrumente (die Harfe eben: leise, schwierig zu mikrofonieren, großes Risiko ungewollter Nebengeräusche und Rauschfahnen) dermaßen authentisch, klar, transparent im Raum entstehen zu lassen, dass sich eine, äh, schon wieder, ja, Gänsehaut, ich sag ja nix mehr … Entschuldigung.

Anschlussfeld des Tsakiridis Aeolos+

Bei der Über-alles-Tonalität ist noch zu erwähnen, dass der Aeolos+ gegenüber einem Transistor-Amp wie meinem Hegel H90 doch minimale, bei Röhrenverstärkern ja aber auch erwartete und teilweise erwünschte Verrundungen mit sich bringt. Das mag Menschen nicht so sehr schmecken, die auf das letzte Fitzelchen Analytik wert legen, bringt andererseits aber einen immensen Vorteil: Es macht auch Aufnahmen aus der „Kinderstube der Digitaltechnik“ gut konsumierbar. Wenn wir Frankie goes to Hollywood nehmen, zum Beispiel den Monsterhit „Relax“ (Album: Welcome to the Pleasuredome), dann klingt der über eine analytische Kette oft etwas kalt, technisch, spitz. Klar, man wird auf der einen Seite mit noch präziseren, timingfesteren Bassläufen versorgt, muss aber auf der anderen Seite an manchen Stellen die Lautstärke herunterregeln, weil es im Oberton beginnt zu beißen. Über den Aeolos+ lassen sich solche etwas klinisch-kalten Produktionen auch bei hohen Lautstärken genießen, denn die eine oder andere Schärfe wird dabei abgemildert. Toll ist, dass man dieses Spiel zwischen Analytik und Euphonie, zwischen „Abschleppstange“ und „langer Leine“ mehrstufig dosieren kann – durch die Wahl der Gegenkopplung beziehungsweise des Betriebsmodus (Pentode/Triode).

Das Klangbild des Tsakiridis Aeolos+ lässt sich durch die Einstellung der Betriebsart und der Gegenkopplung anpassen

Das Klangbild des Tsakiridis Aeolos+ lässt sich durch die Einstellung der Betriebsart und der Gegenkopplung anpassen – ein echter Vorteil

Bachwerkeverzeichnis BWV 22. The Amsterdam Baroque Orchestra and Choir, Dirigent: Ton KoopmanUnd wie steht’s um die Räumlichkeit? Bei der Bachkantate „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ (Bachwerkeverzeichnis BWV 22. The Amsterdam Baroque Orchestra and Choir, Dirigent: Ton Koopman; auf Amazon hören), besetzt mit vierstimmigem Chor, drei Solisten (Alt, Tenor, Bass), Oboe, zwei Violinen, Viola und Basso Continuo, liefert der Tsadirikis Aeolos+ eine Vorstellung, die ungemein berührt – und zwar nicht zuletzt durch die sagenhaft natürlich und organisch wirkende Räumlichkeit, die das aus zwölf Musikern bestehende Ensemble in stupender Plastizität in den Raum stellt. Dabei ist die Ortungsschärfe gut, ohne dass jedoch die Musiker als zwölf einzelne „Solitäre“ dargeboten werden. Diese Separierung können manche Amps – zum Beispiel die oben angesprochene Bryston-Endstufe – in letzter Instanz noch klarer aufdröseln. Das kann aber auch, wenn es zu viel des Guten wird, etwas störend auf das Gesamtergebnis, die Homogenität, den Ensemble-Gedanken einwirken. Dem griechischen Amp gelingt hier ein überzeugender Kompromiss: Alle Musiker sind gut ortbar, doch letztlich vereinen sie sich zu einem homogenen Klangkörper.

Tsakiridis Aeolos+

Wenn wir das Klangbild des Tsakiridis Aeolos+ mal in den größeren Verstärker-Kosmos einordnen, dann wartete der Aeolos+ schon ganz klar mit röhrenverstärkertypischen Tugenden auf. Er spielt aber gerade an den Frequenzgangenden tonal breitbandiger und auch besser aufgelöst als zum Beispiel meine Audreal-Monoblöcke, die klar aus der Mitte heraus agieren und oben- wie untenrum dann doch früher ausfaden. Und er bietet eben auch tonal wie dynamisch genügend Biss und Schubkraft, um nicht gegenüber dem erstbesten um die Ecke kommenden Transistorverstärker abzusaufen. Das gilt übrigens auch in Bezug auf die schiere Ausgangsleistung: Mit einem einigermaßen wirkungsgradstarken Lautsprecher lassen sich bereits im Triodenbetrieb (circa 2 x 28 Watt) auch größere Hörräume beschallen – und spätestens im Pentodenmodus dürfte der Wunsch nach mehr Leistung nicht häufig geäußert werden.

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Test: Tsakiridis Aeolos+ | Vollverstärker

  1. 1 Sagenhaft?
  2. 2 Tsakiridis Aeolos+: Klangeindruck & Vergleiche

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