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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Gar nicht esoterisch
  2. 2 Esoteric N-05XD: Hörtest und Vergleiche

Schon das Preisschild des Streaming-DACs und Vorverstärkers N-05XD aus Esoterics „kleiner“ 05-Serie – 13.500 Euro – lässt vermuten, dass die japanische Edelschmiede (Vertrieb: www.aqipa.com) ganz oben mitspielen will, und die Anmutung des Testgeräts bestätigt das. Da wäre zum Beispiel das satinartige Finish, das sich unter den Fingern fast schon eigenartig warm anfühlt. Sehr ungewöhnlich, sehr schick! Kleiner Nachteil: Die Oberfläche besitzt eine kaum merkliche Körnung wie sehr, sehr feines Schmirgelpapier, sodass beim Putzen mit einem Tuch etwas Abrieb zurückbleiben kann. Nun, damit kann man wohl leben.

Der Esoteric N-05XD ist in Schwarz und Silber zu haben

Der Esoteric N-05XD ist in Schwarz und Silber zu haben – er vereint die Funktionen eines Netzwerkplayers, D/A-Wandlers und einer analogen Hochpegelvorstufe

Physikalisch durchdacht

Die etwas über dreizehn Kilogramm des Esoteric N-05XD präsentieren sich herausragend gut verarbeitet, und ich würde sagen „Da wackelt nix!“, wenn das nicht glatt gelogen wäre: Der Deckel des Gehäuses hat merklich Bewegungsfreiraum, ebenso wie die Füße des Geräts. Beides ist die volle Absicht der Entwickler – das Forschungs- und Entwicklungsteam von Esoteric arbeite schon seit vielen Jahren daran, die Schraubenspannungen sowohl auf Leiterplatten- als auch auf Gehäuseebene zu optimieren, erfahre ich. Alles fest zusammenzuschrauben, bringe nicht unbedingt den besten Klang, vielmehr gehe es um „Gleichgewicht und Harmonie“, so die Esoteric-Entwickler. Und weiter: „Unser Team fand heraus, dass der Klang freier und offener wurde, wenn der Deckel nicht fest mit dem Gehäuse verbunden war. Aus diesem Grund haben wir den ‚schwebenden‘ Deckel eingeführt.“

Der Gehäusedeckel des Esoteric N-05XD, vorne rechts

Da wackelt nix? Von wegen: Der Gehäusedeckel des Esoteric N-05XD hat bewusst etwas Spiel, denn das zahle sich klanglich aus, so die Japaner

Zudem folgen die drei Gerätefüße des Esoteric N-05XD einem „stressless“ genannten Design, bei dem Esoteric die Füße nur teilweise mit dem Chassis verbindet, sodass sie weitgehend frei schwingen können. Die Spitzen der kegelförmigen, aus speziell bearbeitetem Stahl gefertigten Füße seien so angebracht, dass sie an der Unterseite des Chassis hängen und sich frei bewegen, wenn das Gerät angehoben wird. Das führe zu einem „natürlicheren, längeren Sustain“, so Esoteric.

Die Gerätefüße des Esoteric N-05XD

Auch die Füße des N-05XD besitzen Spiel, „stressless“ nennt Esoteric das Design

Was die Stromversorgung angeht, finden sich übrigens ausschließlich Linearnetzteile mit laut Hersteller überdimensionierten Ringkerntrafos im N-05XD. Eines dieser sei ausschließlich für das Netzwerkmodul zuständig, ein zweites kümmere sich mit getrennten Wicklungen und Abgriffen um die digitalen und analogen Platinen.

Eigene Digitalwege

Der N-05XD arbeitet, wie die noch teureren Digitalkomponenten von Esoteric, mit einer proprietären Digitalarchitektur namens „Master Sound Discrete DAC“, bei der unter anderem ein 64-Bit-Delta-Sigma-Modulator Verwendung findet. Für diese Architektur waren den Japanern integrierte DAC-Chipsätze nicht gut genug, sodass sie die Schaltung vollständig selbst entwickelten und mit diskreten Komponenten und einem eigenen FPGA (Field Programmable Gate Array) aufbauten. Das kennt man auch von anderen Herstellern wie zum Beispiel Waversa Systems. Wenn man das mit dem FPGA richtig draufhat, stehen einem ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung.

Der „Master Sound Discrete DAC“ des N-05XD von Esoteric

Statt eines integrierten DAC-Chips verwendet der N-05XD einen sogenannten „Master Sound Discrete DAC“, der – wie der Name verrät – mit diskreten Bauteilen aufgebaut wurde und von einem FPGA gesteuert wird

Die Limits der Digitalverarbeitung setzt jedenfalls eher das Netzwerkmodul der dritten Generation, das auf Esoterics Top-of-the-Range-N-01-Board basiert und DSD mit 22,5 MHz und PCM mit 384 kHz/32 Bit akzeptiert. Mehr als genug, denke ich. Esoteric hat hier das einzige zuvor noch verwendete Schaltnetzteil eliminiert und es durch ein lineares ersetzt, das laut Spec-Sheet 2.333.333 µF (!) Siebkapazität vorhält.

In Sachen Streaming-Anbieter ist der Esoteric N-05XD mit der Integration von Tidal, Qobuz, Spotify in der hauseigenen „Esoteric Sound Stream“ für iPhone, iPad und Android gut dabei, und mit Roon-Kompatibilität und dem „Datenfaltungsalgorithmus“ MQA umfassend ausgestattet. Über Roon lässt sich zudem die Lautstärke des N-05XD via App regeln – selbstverständlich analog und nicht etwa auf der digitalen Ebene.

Anschlussfreudig

Hinein geht es in den N-05XD digital über USB-B, optisches und koaxiales S/PDIF (je zweimal), Ethernet (LAN) und Bluetooth. Einen BNC-Eingang für eine externe Clock gibt‘s für alle, denen hervorragend noch nicht gut genug ist. Auf der Front lassen sich zudem externe Speicher über den USB-A-Port andocken.

Das Anschlussfeld auf der Rückseite des Esoteric N-05XD

Das Anschlussfeld auf der Rückseite des Esoteric N-05XD bietet reichlich Schnittstellen. Salopp könnte man sagen: alles Wesentliche an Bord, außer Phono

Analoge Ein- und Ausgänge gibt es ebenfalls, und zwar symmetrische und unsymmetrische. Ein Kopfhörerausgang mit 6,35-mm-Klinke und eine symmetrische 4-Pol-XLR-Buchse stehen auf der Front zur Verfügung. Dahinter steckt ein dedizierter, vollsymmetrischer Dual-Mono-Kopfhörerverstärker, der zweimal 750 mW an 32 Ohm an die Klinke und die doppelte Leistung an die XLR-Buchse liefern kann.

Der N-05XD besitzt unsymmetrische und symmetrische Kopfhörerausgänge

Der N-05XD besitzt unsymmetrische und symmetrische Kopfhörerausgänge

Zudem stattet Esoteric auch sein „Nesthäkchen“ N-05XD mit dem proprietären „ES-LINK Analog (ESL-A)“ aus. Dabei handelt es sich um eine „Stromübertragungsmethode“, mit der der Anschluss entsprechend ausgestatteter Komponenten über herkömmliche XLR-Kabel realisiert werden kann. Stromsignale seien im Vergleich zu normalen Spannungssignalen im Vorteil, da unempfindlicher gegenüber elektromagnetischen Störungen und Spannungsverlusten durch den Leitungswiderstand, so die Japaner. Wer sich beim Blick auf die Rückseite wundert: Der Ausgang ist mit einer weiblichen XLR-Buchse ausgeführt. „Aus Sicherheitsgründen haben wir uns dafür entschieden, die XLR-Verbindung für den ES-Link Pre-Out umzukehren, damit keine Unklarheit darüber besteht, welche Buchse für den ES-Link benutzt wird“, sagt Business Manager Jasper Bol vom Esoteric-Vertrieb Aqipa. (Ich selbst habe meine Endstufe im Test „konventionell“ über Cinchverbinder mit dem Esoteric verbunden.)

Symmetrie als Mantra

Ob symmetrische Signalwege im HiFi-Bereich tatsächlich nötig sind, ist nach wie vor eine der strittigen Fragen unter Kunden und Entwicklern. Die einen wollen wegen der unbestreitbar höheren Störunempfindlichkeit gar nicht ohne, die anderen sehen wegen der kurzen Signalwege, effizienten Schirmung und des hohen Qualitätsniveaus audiophiler Komponenten keine Veranlassung, den deutlich höheren Aufwand an dieser Stelle – statt an anderer – zu fahren.

Esoteric N-05XD in Silber, von oben aufgenommen

Esoteric sieht die Sache glasklar und verwendet im N-05XD eine vollständig symmetrische Dual-Mono-Konstruktion vom Eingang bis zum Ausgang. Dieses Design habe man vom Vorverstärker Grandioso C1X übernommen und sei von den klangverbessernden Ergebnissen überzeugt. Entsprechend findet man im N-05XD auch die analoge QVCS-Lautstärkeregelung (Quad Volume Control System), die quasi vierfach arbeitet. Zwei Verstärker pro Kanal und das analoge Widerstands-Abschwächersystem ermöglichen eine hohe Kanaltrennung und sehr präzise Phasencharakteristik, so Esoteric. Damit nicht genug: Hochstromtreiber sollen für eine sehr hohe Anstiegsgeschwindigkeit von 2000 V/μs sorgen und dazu beitragen, dass der Klang maximal dynamisch und kraftvoll rüberkommt. Achtung, Spoiler: und wie!

Esoteric N-05XD: Hörtest und Vergleiche

Brendan Perry ArkWas der Esoteric N-05XD nach gebührender Einspielzeit – mindestens 120, besser 200 Stunden sollte man ihm gönnen – als Komplettpaket (also Streamer, DAC und Vorverstärker) abliefert, lässt sich nur mit dem Wort „umwerfend“ beschreiben. Und das meine ich, entsprechend fähige Lautsprecher vorausgesetzt, fast schon wörtlich. So druckvoll, wuchtig und schnell hat bei mir noch kaum eine Elektronikkomponente gespielt. Bei gehobenen und höchsten Lautstärken föhnen die 25er-Bässe meiner ATC SCM50PSL mit der Bass-Drum in „This Boy“ auf Brendan Perrys Album Ark (gestreamt über Qobuz/Roon) einen so bemerkenswert trockenen und doch energiegeladenen Impuls in Richtung Sitzplatz, dass das vegetative Nervensystem sofort auf Adrenalinausstoß umschaltet.

Streaming-DAC Esoteric N-05XD in Schwarz, perspektivisch von oben

Das liegt auch daran, dass der N-05XD echtem Tiefbass weniger limitierend entgegenwirkt als die meisten anderen Komponenten. Meine Herren, schiebt das untenrum! Ohne wirklich zu übertreiben, aber eben verdammt fundamental, mit viel Energie und Substanz. Das hilft nicht zuletzt tieffrequenten Effekten in Filmen gehörig auf die Sprünge. Der Tiefbass läuft mit selten gehörter Konsequenz bis ganz unten durch, was gut zum restlichen Bassbereich passt. Der besitzt ebenfalls Feuer und Drive, ja, man könnte glatt von einer Mini-Betonung der unteren Frequenzen sprechen, denn im Oberbass und Grundton angesiedelte Impulse von Hängetrommeln und Co. feuert der Esoteric regelrecht aus seinen Ausgängen, als laufe er unter Volldampf. Und dabei handelt es sich hier doch „nur“ um eine Streaming-Vorstufe und nicht um einen Endverstärker, dem man diesbezüglich gemeinhin größeren Einfluss zuspricht.

Apropos Vorstufe: Selbst die teurere Linnenberg Georg Philipp Telemann (17.800 Euro) kann der Esoteric N-05XD in dieser Beziehung nicht gefährlich werden. Allerdings stellt der hochmusikalische deutsche Manufaktur-Pre-DAC die nicht ganz unberechtigte Frage nach der Feindynamik, und ob so viel dynamisches Feuerwerk nicht die subtilen Zwischentöne überstrahlt.

Eine Fernbedienung gehört zum Lieferumfang des Esoteric N-05XD

Eine Fernbedienung gehört zum Lieferumfang – die Steuerung des Streamers erfolgt freilich besser über Tablet oder Smartphone. Das kann mit der hauseigenen App „Esoteric Sound Stream“ wie über Roon geschehen

Die Antwort lautet „im Prinzip jein“, was im Klartext bedeutet: Der N-05XD kann auch Feindynamik, also geringe Pegelschwankungen im unteren hörbaren Lautstärkebereich, zeichnet sie geflissentlich und präzise nach. Doch wenn es mal richtig hoch hergeht, liefert die deutsche DAC-Vorstufe die etwas feinfühliger aufgefächerten Nuancen und gibt intimere Einblicke in musikalische Beziehungen inmitten des grobdynamischen Geschehens, während die Japanerin sich hemmungsloser der akustischen Orgie hingibt und dabei weniger intensiv auf kleine Zärtlichkeiten achtet. Es sei mal dahingestellt, ob das an einer „besseren Feindynamik“ beziehungsweise der „relativen Unzulänglichkeit der grobdynamischen Fähigkeiten“ des Linnenberg oder einer „relativ weniger subtilen Feindynamik“ des Esoteric N-05XD liegt. Am Ende sind das natürlich Nuancen, stimmt, aber um die geht‘s in dieser Preisklasse ja.

Hin und weg

Death Human RemasteredDie zweite unmittelbare Erkenntnis ist, dass ich noch keine Elektronik-Komponente jedweder Art in meiner Kette hören durfte, die dem Esoteric N-05XD in Sachen Präzision wirklich das Wasser reichen kann. Das hängt ganz wesentlich mit der überragenden Impuls- und Transientengeschwindigkeit zusammen, zu der diese Streaming-Vorstufe fähig ist, hört damit aber nicht auf. Denn das „Hin“ ist nur der eine Teil, dass „Weg“ ist ebenso wichtig. Und wenn ich „Cosmic Sea“ von Death (Album: Human (Remastered)) höre, habe ich den Eindruck, dass die begnadeten Musiker rund um den viel zu früh verstorbenen Genius Chuck Schuldiner Nachhilfestunden bei einer Atomuhr genommen haben. Unglaublich, wie auf den Punkt sämtliche Töne plötzlich einfach da und dann wieder weg sind.

Sauber

Das wiederum liegt nicht nur an den irre kurzen Anstiegszeiten (siehe oben) und dem ebenso blitzartigen „Wegnehmen“ der Spannungen, sondern ebenso sehr an einer selten gehörten Sauberkeit und Klarheit des Klangbildes. Die wirkt gar nicht steril, auch wenn der Esoteric N-05XD einen geradezu gespenstisch klaren, sauberen, schwarzen Hintergrund aufspannt, der sogar in dichter Akustik präsent bleibt.

Esoteric N-05XD von vorne, angewinkelt

Wo die meisten anderen mir bekannten Komponenten – mit Ausnahme des Linnenberg G. P. Telemann und, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, der grandiosen Vor-End-Kombination Balanced Audio Technology VK-53SE (15.200 Euro) und VK-76SE (14.200 Euro) – irgendwann den Vorhang der akustischen Ereignisse undurchhörbar dicht weben und so den Blick dahinter versperren, scheint der N-05XD, um im Bild zu bleiben, einfach dünnere Fäden zu nehmen, je mehr auf einer Aufnahme passiert. Egal wie dicht, wie körperhaft greifbar die Chorstimmen auf der Bühne in Loreena McKennitts „Dante’s Prayer“ (Album: The Book of Secrets) stehen – sie verdecken nie zur Gänze eben jenen tiefschwarzen Stoff hinter der Bühne, auf der sie stehen. Das nenne ich wahre Durchsichtigkeit.

Raumdarstellung

Damit wären wir bei eben jener Bühne. Und bei einem Dilemma: Wie mache ich Ihnen klar, was den Esoteric N-05XD in dieser Beziehung, also der räumlichen Darstellung des Geschehens, auszeichnet?

Kurz die nüchternen Fakten. Die Abbildung beginnt schon knapp vor der Lautsprecherebene und reicht in den allermeisten Fällen bis etwa ein, zwei Schritte dahinter. Normalerweise projiziert der Esoteric das Gros des akustischen Geschehens zwischen den Lautsprechern, mit schärfer umrissenen Kanten und einer solideren und klarer dreidimensional gezeichneten Qualität – und etwas kleineren Abmessungen – als ich es von meiner Norma Audio REVO SC-2 DAC-Vorstufe (7.400 Euro) gewohnt bin. Letzteres kann aber mit dem klareren Fokus auf die Randschärfe von Stimmen und Instrumenten zusammenhängen, denn wo keine Fransen am Saum hängen, bleibt die Fläche kleiner. Die Norma wirkt also etwas diffuser, fast immer aber räumlich ein wenig freier und größer.

Esoteric N-05XD perspektivisch diagonal im Bild

Fast immer? Ja, „fast“, denn wenn auf einer Aufnahme Effekte, Stimmen oder Instrumente weit hinten in der Tiefe des Raums oder extrem weit links oder rechts, oben oder unten verewigt sind, dann manifestiert der Esoteric sie weit außerhalb des Raums, den die Norma ihnen zugesteht. Punktgenau, aus dem Nichts, als sei es die natürlichste Sache der Welt – einfach so, ohne Brimborium oder das Gefühl, der N-05XD wolle mit artifiziellen Effekten beeindrucken. Seitlich begrenzen weder die Lautsprecher noch die Wände des Raums das Geschehen, und dasselbe gilt für die Decke. Ab dem Moment, in dem die Musik spielt und die Aufnahme es hergibt, ist das Mauerwerk fast nur noch eine visuelle Begrenzung.

Wir haben also einerseits eine relativ kompakte, klar in sich gegliederte und mit realistisch abgegrenzten Schallquellen bevölkerte Bühne, und andererseits das Potenzial, vom Hauptfokus dieser Bühne unabhängige Schallereignisse in geradezu absurden Entfernungsbeziehungen in allen Dimensionen darzustellen. Bedeutet das, dass der Esoteric N-05XD den „Heiligen Gral der Raumdarstellung“ gefunden hat? Nun, das dürfte Ansichtssache sein, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Hörer gibt, denen eine in sich geschlossene, alle Klangereignisse insgesamt stärker miteinander verflechtende Darstellung – selbst, wenn sie diese nicht so klar voneinander trennt – natürlicher erscheint.

Tonales und Analytisches

Esoteric N-05XD auf dem HiFi-Sideboard

„Endlich die HiFi-Grundlagen!“, werden Sie sich vielleicht denken. Ja, kann ich verstehen. Doch ich habe meine Gründe, diese Punkte fast schon ein wenig stiefmütterlich hintanzustellen. Denn Tonalität und Auflösung stellen für ein Gerät dieser Klasse eigentlich nur die Pflicht dar. Im Bereich über 10.000 Euro darf man sich diesbezüglich keine groben Schnitzer erlauben beziehungsweise muss Einsichten liefern, die günstigere Geräte nicht bieten können.

Erika de Casier SensationalUnd so liegt die Magie des Esoteric N-05XD nicht wirklich darin, dass er den Bass ein bisschen kraftvoller reproduziert als hundertprozentig neutral wäre (tut er, siehe oben), den schön farbigen Mittenbereich ganz leicht anwärmt (jap …) und doch jede Menge Transparenz für Artikulation und Textur beibehält (check), oder im Hochton noch mehr Details aus den Synthesizern von Yello seziert und die Schlagzeugbecken in „Polite“ von Erika de Casier noch silbriger funkeln und feiner perlen lässt (tut er auch). Das ist zwar alles in sich stimmig, doch es sind die zuvor erläuterte Dynamik, die Energie und die Präzision, mit der der Esoteric N-05XD agiert, die ihn auszeichnen und vom Gros der Wettbewerber abheben.

Pflicht mit Kür

Dennoch will ich zwei, drei Dinge mit konkreten Beispielen aus den „Pflichtübungen“ herauspicken, deren Ausprägung ich beim Esoteric N-05XD für außergewöhnlich halte: Da wäre einmal das bereits angesprochene Talent für Druck und Energie im Bass und Tiefbass, das jedoch mit einer ungewöhnlichen Struktur und Agilität in beiden Frequenzteilbereichen einhergeht.

Eines der wahrscheinlich am sträflichsten unterbewerteten Alben der Metal-Geschichte ist Pleasuredome von Disharmonic Orchestra. Nach der Abkehr vom Grindcore/Death Metal der ersten beiden Alben verprellten die Österreicher viele ihrer Kuttenkunden mit einer experimentellen Fusion aus Rock, melodischem Death und Prog, bei der sich vor allem der Bassist Herwig Zamernik mit einer herausragend originellen Spielweise hervortut. Zum Glück hat der Toningenieur Olaf Wozniak diesem Künstler im Mix eine adäquate Präsenz eingeräumt, und mit dem Esoteric N-05XD kann ich seinem genialen Spiel, bei dem er sehr oft den Gitarren die Melodieaufgabe abnimmt, so klar und fokussiert in allen Farbschattierungen und Tonnuancen folgen, dass ein lebhaftes Bild seiner Finger auf den Saiten in meinem Kopf entsteht. Weder Bassdrum noch Gitarrenakkorde stören die Nachvollziehbarkeit der Tonfolgen, der E-Bass bleibt vollkommen er selbst und offenbart sich gänzlich.

Esoteric N-05XD, leicht seitliche Perspektive

Der zweite Punkt ist die Wandelbarkeit der hohen Frequenzen. Von seidig-fein bis kristallin-klar und metallisch-hart hat der Esoteric N-05XD obenrum alles drauf, was die Hochtonpalette zu bieten hat, und liefert dabei eine hohe Detailauflösung. Die ist ziemlich herausragend, die Tweeter meiner ATC haben die Metallpercussion in Erika de Cassiers „Polite“ bisher nur einmal so fein, schwebend, schillernd und klar wiedergegeben wie mit dem Esoteric N-05XD, und das war mit dem Linnenberg G. P. Telemann. Der verleiht dem Hochton allerdings eine seidige Tendenz, während der Esoteric den Wandel zur stahlhart klirrenden Blecharbeit des Slayer-Drummers Dave Lombardo auf dem Mega-Klassiker Seasons in the Abyss deutlicher vollzieht.

Nix zu bekritteln?

Okay, gibt’s denn gar nichts zu bekritteln? Nun ja, vielleicht in dem Sinne, wie ein Porsche 911 Turbo eben nicht jeden Fahrertyp befriedigen wird. Die Entspannung und den schwebenden Komfort einer (günstigeren) S-Klasse liefert der nämlich nicht, auch wenn er in vielen Aspekten das bessere oder zumindest stärker involvierende Auto sein mag.

In ähnlichem Sinn können meine Norma-DAC/Vorstufe und mit Sicherheit der Linnenberg Georg Philipp Telemann den musikalischen Fluss ruhiger und relaxter dahingleiten lassen, sie geben beide eher die distinguierte Limousine. Was nicht bedeutet, dass der Esoteric N-05XD ein wirklich kompromisslos harter Hund ist; auch ein 911er ist, um bei der Allegorie zu bleiben, beileibe nicht die extremste Fuhre in der Garage, sondern im Vergleich zu einem Lamborghini Aventador geradezu komfortabel und alltagstauglich abgestimmt …

Wie auch immer: Der Esoteric N-05XD ist jedenfalls nix für Romantiker, die fortwährend tief entspannt Musik hören möchten – vielmehr lädt er zum aktiven Hören ein, und das kann manchen Geschmäckern zu fordernd sein.

Die Rückseite des Esoteric N-05XD mit allen Schnittstellen

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Kimber Kable Varistrand

Test: Esoteric N-05XD | D/A-Wandler, Netzwerk-Player, Vorstufe

  1. 1 Gar nicht esoterisch
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