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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Out of the box
  2. 2 Lyravox Karlsson: Klangeindruck und Vergleiche

fairaudio's favourite AwardAuch für einen HiFi-Tester ist es etwas Besonderes, wenn ein Lautsprecher in den eigenen vier Wänden Premiere feiert. Und das Ganze sogar mit „großem Bahnhof“: Die Chefs von Lyravox, Jens Wietschorke und Dr. Götz von Laffert, geben sich ein Stelldichein, um die brandneuen Aktivlautsprecher Karlsson (Preis: 15.900 Euro) bei mir einzumessen.

Grund dafür ist zum einen, dass sie ihre neuen Preziosen natürlich perfekt bei mir aufgestellt wissen wollen – eine solche Einmessung der Lautsprecher in den Raum gehört bei Lyravox zum Konzept. Zum anderen stellen die Karlsson für Lyravox eine neue Evolutionsstufe in Sachen Lautsprecher dar, was diese Test-Premiere zu etwas Besonderem macht.

Die Lyravox Karlsson, ein Aktiv-Monitor der besonderen Art

Die Lyravox Karlsson, ein Aktiv-Monitor der besonderen Art

Die Karlsson sind die ersten Lautsprecher von Lyravox, die für den Einsatz in professionellen Tonstudios konzipiert wurden. Für diesen Einsatzbereich weisen sie einige spezielle Eigenschaften auf. So kommen in den Lyravox Karlsson die aufwendigsten Tiefmitteltöner zum Einsatz, die Zulieferer Accuton bisher je produziert hat. Götz von Laffert sagt recht unverblümt, dass die Karlsson zwar die kleinsten Lautsprecher von Lyravox seien, qualitativ aber die Spitze des aktuellen Lautsprecherportfolios darstellten. Wobei er einräumt, dass die Größe der Lautsprecher den Einsatzbereich limitiere. Die Karlsson lassen sich im Tonstudio als Nahfeldmonitore einsetzen, aber genauso gut als präzise Highend-Kompaktlautsprecher in kleineren Hörräumen bis etwa 20 m². Ein in Entwicklung befindlicher Subwoofer wird den Einsatzbereich der Lyravox Karlsson in Zukunft erweitern.

Natürlich sind auch die Karlsson, wie alle Lyravox-Boxen, Aktivlausprecher mit eingebautem DAC und DSP (Digital Signal Prozessor). Als Purist schließt man die Karlsson direkt an eine digitale Quelle, zum Beispiel einen Musikserver, an. Dann erfolgt die Signalverarbeitung von der Quelle bis zu den Lautsprecherchassis fast komplett digital. Eingehende Digitalsignale durchlaufen zunächst den DSP, mit dessen Hilfe die Lautsprecher an den Hörraum und den eigenen Hörgeschmack angepasst werden können. Digital erfolgen die Zuteilung und Aufbereitung der Frequenzbereiche für die eingesetzten Chassis, „digital“ erfolgt die Verstärkung – ok, das hier steht bewusst in Anführungszeichen, denn die eingesetzten Class-D-Verstärker arbeiten natürlich analog mittels Pulsweitenmodulation. Die Lautstärkeregelung erfolgt vorher aber auf digitaler Ebene. So lässt sich eine smarte Anlage aufbauen, die im Wesentlichen aus einem Musikserver und zwei Lyravox Karlsson besteht. Übrigens: Vor einem Jahr hatten wir den Standlautsprecher Lyravox Karlina Pure in genau solch einer Konstellation getestet.

Das Anschlussfeld der Lyravox Karlsson

Das Anschlussfeld der Lyravox Karlsson

Vinyl-Liebhaber oder Besitzer analoger Vorstufen finden ebenfalls Anschluss an die digitale Lyravox-Welt, denn die Karlsson verfügen auch über analoge Eingänge. Das Analogsignal wird zunächst digitalisiert und dann genauso weiterverarbeitet wie eingehende Digitalsignale. Trotzdem äußert Herr von Laffert sein Befremden darüber, dass ich darauf bestehe, die Karlsson auch analog an meine EAR-Yoshino-Röhrenvorstufe anzuschließen – hey Mr. Lyravox, in dem Ding steckt feinste Studiotechnik der 1960er-Jahre! Sowas hat schon richtig Musik gemacht, bevor es Digitaluhren gab.

Als Hochtöner kommt eien Invers-Kalotte von Accuton zum Einsatz

Als Hochtöner kommt eine Invers-Kalotte von Accuton zum Einsatz

Hoch- und Tiefmitteltöner der Lyravox Karlsson stammen von Accuton. Die Chassis haben als Membranen die Accuton typischen, extrem harten Inverskalotten aus Keramik. Beim Hochtöner hat die Membran 25 Millimeter Durchmesser, beim Tiefmitteltöner sind es 175 Millimeter. Wobei es sich bei Letzterem um die neueste Evolutionsstufe der Accuton-Chassistechnologie handelt – der Tiefmitteltöner ist als echte Kalotte gebaut. Die Schwingspule wird dabei nicht, wie sonst bei den größeren Accuton-Chassis üblich, auf einen Träger gewickelt, der kleiner als der Membrandurchmesser ist und hinten konzentrisch auf die Membran geklebt wird, sondern sitzt am Außenrand der Membran. Spezielle Neodym-Magnetstrukturen ermöglichen es Accuton, die riesige Schwingspule im Luftspalt unterhängig zu bauen. Das verschaffe dem Chassis eine sehr kontrollierte Bewegung und hohe Pegelreserven, so Wietschorke.

Die neueste Evolutionsstufe der Accuton-Chassistechnologie: Gut zu sehen ist die riesige Schwingspule, die am äußeren Rand der Keramikmembran ansetzt

Die neueste Evolutionsstufe der Accuton-Chassistechnologie: Gut zu sehen ist die riesige Schwingspule, die am äußeren Rand der Keramikmembran ansetzt

Die geballte Technik sitzt in einem Bassreflexgehäuse aus extrem robusten „Kunststein“. Genauer gesagt, handelt es sich um epoxidgebundenes Aluminiumoxid. Neben den Vorteilen, die die hohe Dichte des Materials akustisch bringt, bietet es auch bei der Verarbeitung Vorzüge. Die auf Gehrung geschnittenen Wände der Lautsprecher werden mit der gleichen Epoxid/Aluminiumoxid-Mischung verklebt, aus der die Gehäuseplatten bestehen. Das ergebe ein sehr homogenes Gehäuse und vor allem extrem stabile Verbindungen, so der Lyravox-Entwickler weiter.

Die Gehäuse der Karlsson sind spiegelbildlich aufgebaut. Das ungewöhnliche „Querformat“ ist der Tatsache geschuldet, dass sie als Studiomonitore für den Desktop-Einsatz konzipiert wurden. Dort ist es üblich, die Lautsprecher „liegend“ einzusetzen. Sie für den HiFi-Einsatz einfach hinzustellen, ist wenig empfehlenswert. Nicht nur, weil der Lyravox-Schriftzug dann schlecht zu lesen wäre. Vielmehr würden die zusätzlichen, nach oben abstrahlenden Hochtöner – hochwertige AMTs, die ganz oben im Frequenzband noch ein wenig Diffusschall versprühen – dann zur Seite abstrahlen. Doch sie müssen zwingend zur die Decke gerichtet arbeiten.

Der AMT auf der Oberseite der Lyravox Karlsson

Der AMT auf der Oberseite der Lyravox Karlsson

Dazu kommt, dass Jens Wietschorke den Hochtöner bewusst neben dem Tiefmitteltöner platziert hat. Das gibt ihm die Möglichkeit, durch den Grad der Einwinkelung der Lautsprecher auf den Hörplatz den Phasenversatz zwischen Hoch- und Tiefmitteltöner zu beeinflussen. Wer trotzdem Wert auf ein „klassisches“ Hochformat legt, kann die Lyravox Karlsson auch mit einer entsprechenden Ausrichtung bestellen – schließlich ist Lyravox eine Manufaktur, bei der jeder Lautsprecher einzeln gefertigt wird.

Beim DSP für die Raumanpassung arbeitet Jens Wietschorke nicht mit den hierfür aktuell populären FIR-Filtern (Finite Impulse Response), sondern setzt auf IIR-Typen (Infinite Impulse Response). Die seien in der Handhabung zwar aufwendiger und böten nicht ganz die Phasentreue von FIR-Filtern, würden aber Artefakte wie Pre-Ringing, die seiner Erfahrung nach klanglich relevanter seien als eine lineare Phasenlage, vermeiden. Die Verstärkung übernehmen bei den Lyravox Karlsson Hypex-NCORE-Module der dritten Generation.

Die Front der Lyravox Karlson

Vor dem (Hör-)Vergnügen kommt die Arbeit. Die besteht zunächst im Hereintragen und Aufbauen der Lyravox Karlsson, die mit ihren Kunststeingehäusen ein ordentliches Gewicht auf die Waage bringen. Dann erfolgen das Aufstellen auf passende Ständer und die Verkabelung. Zuletzt bauen die Herren Lyravox noch Computer und Messmikrofon auf und los geht‘s ans Einmessen. Dabei werden zunächst die gröbsten Unarten des Raumes „glattgezogen“. Das anschließende Feintuning der Lautsprecher geschieht zum größten Teil nach Gehör. Jens Wietschorke erklärt mir, dass er darauf bedacht sei, den Eigenklang des Raumes in einem gewissen Maße zu erhalten. Wir seien es gewohnt, beim Anblick eines Raumes auch eine Idee davon zu haben, wie er klingt. Wenn die Augen einen ganz anderen Raum wahrnähmen als die Ohren, würden wir das als unnatürlich empfinden.

Natürlich hat man als neuer Eigner von Lyravox-Lautsprechern auch ein Mitspracherecht bei der Feinabstimmung. Es können übrigens drei unterschiedliche Klangprofile in den Lautsprechern gespeichert und via Fernbedienung aktiviert werden. Apropos Fernbedienung: Mit dem schlanken Geber kann man die Lautsprecher aus dem Standby erwecken, muten, zwischen Eingängen und den Klangprofilen umschalten und die Lautstärke regeln.

Die Fernbedienung der Lyravox Karlsson

Die Fernbedienung der Lyravox Karlsson

Lyravox Karlsson: Klangeindruck und Vergleiche

Am nächsten Tag habe ich die Lyravox Karlsson für mich allein. Der Vergleichbarkeit halber übernimmt zuerst meine gewohnte Kette die Signalversorgung. Der Vorverstärker EAR Yoshino 868 liefert ein analoges Signal an die Karlsson. So, ihr edlen Monitore, genug der audiophilen Triangel-Soli, ätherischen Frauenstimmen und intellektuellen Free-Jazz-Sessions. Jetzt will ich wissen, ob ihr auch Arsch in der Hose habt und rocken könnt: „Fat Bottomed Girls“ von Queen (Album: Jazz) erscheint mir da passend.

Lyravox Karlsson, vorne-rechts

Dankbarerweise schlägt mir Roon eine remasterte Version von 2011 vor, die in den Datenbanken von Tidal schlummert. Und ja, das geht. Das geht gut, sch … gut, das macht an, das rockt. Womit die Karlsson meine größte Befürchtung, sie taugten nur für feingeistiges Pling-Pling, entkräften. Und zwar sowas von! Andererseits machen sie mir auch nichts vor. Trotz neuem Mastering höre ich deutlich, dass die Aufnahme nicht viel Tiefe hat – nicht im Sinne von räumlicher Tiefe verstanden, sondern von „tiefer in die Details der Aufnahme hineinhören können“. Das führt hier aber nicht weit. Das Remaster liefert weder mehr Details der Stimme Freddy Mercurys noch seines Klavierspiels. Die Karlsson bleiben bei allem Temperament ganz Monitore. Sie erfinden nichts dazu, zaubern nicht, vertuschen nichts. Doch dynamisch sind sie ganz schön auf Draht.

Rolling Stones - Beggars BanquetDas wäre jetzt eigentlich der Zeitpunkt, zu AC/DC zu wechseln. Doch irgendwie habe ich mich daran sattgehört. So dürfen die Stones ran. „Sympathy for the Devil“ vom Album Beggars Banquet (auf Amazon) findet Roon in HiRes. 96 kHz zeigt das Display meines North-Star-Design-DACs. 96 – in dieser Größenordnung dürfte auch mein Puls nach den ersten Takten liegen. Dickes WOW! Hat da irgendwer noch alte Mastertapes im Gefrierschrank gehabt? Unglaublich, was die Lyravox Karlsson in meinem Hörraum entfachen.

Habe ich „Hörraum“ geschrieben? Eigentlich ist das erste, was die Karlsson in diesem Fall tun, meinen Hörraum quasi aufzuheben. Die gehörte Bühne reicht auf jeden Fall weit über die Grenzen meines Zimmers hinaus, das akustische Geschehen hat eine beeindruckende Breite und Tiefe (jetzt räumlich gemeint). Dabei herrscht ausreichend Platz zwischen den Akteuren, ohne dass das Geschehen auseinandergerissen scheint. Eine so klare, greifbar-plastische und gleichzeitig authentisch wirkende Räumlichkeit habe ich lange nicht mehr gehört. Das ist ganz großes Kino. Wobei ich mich frage, wie das zur Aussage von Herrn Wietschorke passt, dass er die Akustik des Hörraums nicht völlig aufheben will. Andererseits habe ich beim Hören auch nicht den Eindruck, dass diese immens große Bühne irgendwie im Widerspruch zu meinem Raum steht. Wie auch immer, die Karlsson machen jedenfalls einen hervorragenden „Bühnen-Job“. Meine Spendor D 9.2 (circa 9.500 Euro) kommen im Zusammenspiel mit der Bryston 4B³ (circa 6.500 Euro) nicht an diese weite und präzise Räumlichkeit heran. Die günstigeren Genelec 8361A (circa 9.900 Euro), die ebenfalls die Möglichkeit bieten, auf den Hörraum eingemessen zu werden, bauen die Bühne ähnlich präzise auf. Allerdings nicht so breit und vor allem nicht so organisch-glaubwürdig wie die Karlsson das tun.

Was tut sich da im Bass?

Oscar Peterson Plays Harry Warren And Vincent Youmans Song BooksAuf der Welle remasterter Aufnahmen in HiRes-Qualität surfend, strande ich bei Oscar Peterson Plays Harry Warren And Vincent Youmans Song Books (auf Amazon hören). Mich fasziniert zum einen, wie gut diese Aufnahmen vom Ende der 1950er Jahre klingen. Zum anderen bin ich völlig davon beeindruckt, was sich hier im Bass tut. Den meist etwas wummrig klingenden Tiefton älterer Aufnahmen habe ich bisher vornehmlich der Aufnahmetechnik zugeschrieben. Die Lyravox Karlsson belehren mich, dass das nur zum Teil stimmt. Sie präsentieren den von Ray Brown gespielten akustischen Bass ausnehmend tief, kontrolliert und differenziert. Das Schwingen der Saiten, die massige Resonanz des großen Instruments, ja, sogar das Mitschwingen der Holzdielen, auf denen das Instrument steht (ich bin mir sicher, dass es auf einem hölzernen Boden steht), kommen super klar und differenziert zur Geltung. Das hat einerseits Macht und Tiefe, das hat andererseits einen unglaublichen Swing, der geeignet ist, mich vom Sofa zu reißen. Wobei ich, um die Relationen zu wahren, anmerken möchte, dass die Karlsson bei mir auch unter den Bedingungen spielen, für die sie konzipiert wurden: in einem knapp unter 20 m² großen Raum mit normaler Deckenhöhe. Den haben die beiden 175-Millimeter-Ausnahmetreiber von Accuton auch bis zu deutlich gehobenen Abhörlautstärken souverän im Griff. Klar, wer es gewohnt ist, sein Zwerchfell von 15-Zöllern massieren zu lassen, kennt noch härtere Bässe und höhere Pegel, als die Lyravox Karlsson sie liefern – aber das ist nun mal nicht deren Konzept.

Die Rückseite der Lyravox Karlsson - über dem Anschlussfeld befindet sich der Bassreflexkanal

Die Rückseite der Lyravox Karlsson – über dem Anschlussfeld befindet sich der Bassreflexkanal

So exakt wie die Lyravox Karlsson spielten die Genelec 8361A bei mir jedenfalls nicht, obwohl mich der Impact ihrer insgesamt vier Tieftöner während des Tests mächtig beeindruckt hat. Meine Passivboxen mit zwei dedizierten 18-cm-Tieftönern pro Seite und deutlich mehr Gehäusevolumen reichen nicht so tief in den Basskeller hinab wie die Lyravox-Boxen, spielen auch nicht ganz so präzise, klingen aber auf eine ganz eigene Art etwas nachdrücklicher und satter. Sicher liegt das auch daran, dass sie den Bass im Vergleich etwas stärker betonen als die Karlsson. Die Lyravox-Monitore geben ein klareres Bild von dem, was auf der Aufnahme im Bass passiert, die passiven Spendor suchen – ohne Raumkorrektur – mit den üblichen Mitteln wie Positionierung, Ausrichtung etc. den bestmöglichen Kompromiss bei der Basswiedergabe.

Hinter Gittern: Der Accuton-Keramik-Tiefmitteltöner der Lyravox Karlsson

Der Accuton-Keramik-Tiefmitteltöner der Lyravox Karlsson

Auskunftsfreudig

Zurück auf meinem Retro-Trip, steuere ich eine meiner Entdeckungen der letzten Zeit an: Janis Joplin. Von Wiederentdeckung kann ich nicht sprechen, ich war gerade mal ein Jahr, als Frau Joplin mit einer Überdosis Heroin dem „Club 27“ beitrat. Klar, wer sich ein wenig in der modernen Musikgeschichte auskennt, hat von der Hippie-Ikone gehört. Ihre Musik habe ich allerdings erst durch Tidal für mich entdeckt.

janis joplin - pearlAuch hier ist es wieder erstaunlich, wie gut viele alte Aufnahmen sind. Bei „Me & Bobby McGee“ von ihrem letzten Album Pearl (auf Amazon) geht mir ihre schrille Stimme, die einen so unbedingten Willen, das Leben voll auszukosten, rüberbringt, sofort unter die Haut. Fast genauso fesselt mich ein anders Detail, das die Lyravox Karlsson in aller Komplexität auf den Punkt rüberbringen: Ken Pearsons Orgel. Das ist definitiv eine Hammond B3 in Verbindung mit einem Leslie. Der Sound der Hammond zusammen mit dem Vibrato des eigentümlichen Speakers ist unverwechselbar. Ich dachte immer, dass die Wirkung des Leslies nur live richtig zum Tragen kommt. Irrtum, die Karlsson zeigen mir, dass eine hochkarätige Wiedergabekette das durchaus realistisch reproduzieren kann. Das ist ein Beleg für die hervorragende Mittenwiedergabe dieser Lautsprecher. Subtilste Details reproduzieren sie genauso wie feine dynamische Nuancen. Und was das Wichtigste ist: Sie können auch das „Dazwischen“. Das, wodurch die Spannung der Musik entsteht, das, was Gänsehaut macht, was einen rührt, anturnt, lachen oder weinen macht. Großes Kompliment nach Hamburg! Bevor jetzt Missverständnisse aufkommen: Die weißen Schönheiten bleiben natürlich immer „tugendhaft“. Single-Ended-300-B-Verstäker an Breitbändern können noch ganz andere „Emotionsbooster“ sein, aber so etwas passt ja nicht wirklich ins Tonstudio, die Karlsson aber sehr wohl.

Lyravox Karlsson von schräg oben

Die hohen Lagen

Ok, machen wir musikalisch einen gigantischen Sprung ins Hier und Jetzt. DaniLeigh wurde bestimmt nicht wie Janis Joplin wegen ihres Aussehens diskriminiert, hat als Frau in der Musikindustrie aber mit ähnlichen Problem zu kämpfen – nämlich mit der Dominanz männlicher Produzenten und Manager und deren Gebaren. Das thematisiert die junge Frau auf ihrem jüngsten Album Movie mit teils deutlichen Worten. Deutlich kommt dabei auch der Hochton der Lyravox zum Tragen. Die schrillen, synthetischen Pfeiftöne auf „Bullshit“ wirken eindringlich und signalisieren auf musikalischer Ebene ungefiltert das Missfallen, das Frau Curiel im Text zum Ausdruck bringt. Auch andere Beispiele zeigen mir, dass die Karlsson im Hochton keine künstliche Zurückhaltung zeigen und sowohl gradlinig als auch blitzsauber agieren. Im Vergleich etwa zu den Genelecs wirkt der Hochton entspannter und luftiger und ähnelt damit mehr dem meiner Spendor. Ich führe das auf die nach oben abstrahlenden Superhochtöner der Karlsson zurück, die einfach noch etwas zusätzlichen, diffusen Hochton im Raum „versprühen“ und damit eine ähnliche Wirkung erzielen wie die Diffusor-Gitter vor den Hochtönern meiner Spendor 9.2.

Lyravox Karlsson - Anschnitt

Digital angesteuert

Bisher habe ich die Karlsson analog angesteuert, doch das Schöne ist nun mal, dass es auch digital geht. Dazu tausche ich den North-Star-Design-DAC gegen den Antipodes-Recklocker S20 aus. Der verwandelt das USB-Signal, das der Musikserver Antipodes S40 liefert, in ein S/PDIF-Signal, das per Cinch oder Toslink zur Verfügung steht, sowie in ein symmetrisches AES/EBU-Signal (XLR). Meine EAR-Yoshino-Vorstufe entfällt damit natürlich – und ich denke, das fällt klanglich am stärksten ins Gewicht.

Das heißt einerseits, dass das Klangbild nun etwas nüchterner wird – ich liebe die 868 genau dafür, dass sie der Musik einen Hauch Röhrencharme verleiht, ohne dass sie sich im Gegenzug irgendwelche ernsthaften Untugenden vorwerfen lassen muss. Auf der anderen Seite wird die Musik, so rein digital angebunden, noch etwas konkreter, klarer dargestellt – aber eben auch eine Nuance nüchterner. Digital kommt der Monitor-Character der Karlsson stärker zum Tragen, analog über meine EAR-Yoshino Vorstufe geht es tendenziell eher in Richtung highendiges Musikhören. Letztendlich sind das Nuancen – und die zeigen auf, wie klar die Karlsson die Charakteristik der vorgeschalteten Elektronik hörbar machen.

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Test: Lyravox Karlsson | Aktivlautsprecher

  1. 1 Out of the box
  2. 2 Lyravox Karlsson: Klangeindruck und Vergleiche

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