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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Der pure Stoff
  2. 2 Klangeindruck: Lyravox Karlina Pure & Antipodes EX/P2

fairaudios favourite Award 2020Erst kürzlich hatten wir eine „Digitalkette“ von Meridian im Test, und unsere heutigen Probanden folgen einer ähnlichen Philosophie. Zeichnet sich da ein Trend ab? Zwar besitzt die Lyravox Karlina Pure auch analoge Eingänge, doch die Kombination dieses Aktivlautsprechers mit einem Musikserver wie dem Antipodes EX plus P2-Reclocker erscheint folgerichtig: Bei der hübschen Karlina sind DSP und D/A-Wandler ja mit an Bord, da ergibt es Sinn, sie direkt mit einem möglichst hochwertigen Digitalstream zu versorgen. Technisch und optisch konsequent gradlinig – so dürften sich viele eine moderne HiFi-Anlage vorstellen.

Die Quelle: Antipodes EX & P2

Fangen wir vorne an, mit dem Musikserver Antipodes EX (Preis: 4.990 Euro; Vertrieb: www.cm-audio.net). Zu diesem muss ich Ihnen an dieser Stelle nicht mehr viel sagen, sondern kann auf unseren ausführlichen Test verweisen. Da steht alles drin. In der Kurzfassung: nicht gerade billig, dieser EX – aber auch klasse verarbeitet. Und im Unterschied zu vielen anderen Musikservern lassen sich bequem verschiedenste Server- und Player-Software-Settings einstellen. Das Wichtigste aber: Klanglich ist der Antipodes wirklich top, bis dato ist mir nicht viel Besseres an den D/A-Wandler gekommen.

Antipodes EX & P2 (unten)

Viele Möglichkeiten, das Digitalsignal abzugreifen, hat man bei ihm freilich nicht: Das geht per USB- und Ethernet-Buchse. Punkt. Dass das nicht für jede Anlagenkonstellation passt, war in Neuseeland wohl der Anlass, die Antipodes P2 zu entwickeln: In Form einer Unterstellbasis für den Server ist die P2 (Preis: 1.790 Euro) im Wesentlichen eine digitale Anschlusserweiterung.

Antipodes P2

Via USB vom Antipodes EX mit Daten und Strom versorgt, bereitet ein Reclocker – es kommt eine Femto Clock von Crystek zum Einsatz – das Signal auf. Dieses lässt sich sodann über S/PDIF (1 x Cinch, 1 x BNC), AES/EBU (1 x XLR) sowie I2S (1 x konfigurierbare HDMI-Buchse) abgreifen. Zusätzlich gibt es noch einen Word-Clock-Ausgang, von dem D/A-Konverter mit entsprechendem Eingang profitieren können.

Rückseite des Antipodes P2

Rückseite des Antipodes P2

Die möglichen Datenraten: PCM bis 24 Bit/192 kHz und DSD64 (DoP). Ausnahme I2S, hier geht mehr: PCM bis 32 Bit/768 kHz und DSD256 (DoP) beziehungsweise nativ bis DSD512. Der Wandler-Chip im Antipodes EX beherrscht kein MQA, an externe DACs kann das Dateiformat aber durchgereicht werden. Im Rahmen dieses Tests wurde ausschließlich die S/PDIF-Schnittstelle angezapft.

Der ganze Rest: Aktivlautsprecher Lyravox Karlina Pure

Natürlich ist die Lyravox Karlina Pure (ab 17.800 Euro; Web: https://lyravox.com/) in erster Linie ein Lautsprecher – aber eben auch: Endstufe, Vorstufe, D/A-Wandler, Raumakustikprozessor. Bis auf Letztgenanntes finden sich diese Bausteine in fast jeder normalen HiFi-Kette. Wer sich für die Karlina Pure entscheidet, kauft also fast eine ganze Anlage. Natürlich können Sie auch Ihren heiß geliebten Vorverstärker an die Lyravox klemmen – nötig ist das aber keinesfalls. Eingangswahl und Pegelregelung bringt die Aktive ja von Haus aus mit, natürlich bequem per Fernbedienung steuerbar.

Lyravox Fernbedienung

Zudem werden eingehende Analogsignale umgehend digitalisiert (mit 24 Bit/192 kHz). Die Direktversorgung mit Daten scheint da der eleganteste oder zumindest kürzeste Signalweg zu sein. Und genau diesen Part übernimmt in unserem Test-Setup besagter Antipodes-Server.

Lyravox Karlina Pure

Konzeptionelles

„Unseres Wissens nach sind wir nicht nur der erste, sondern immer noch der einzige Hersteller, der Keramik mit DSP und Class-D in integrierter Konzeption verwendet. Wir sehen in dieser Konstellation das höchste audiophile Potenzial“, so von Laffert, einer der beiden Geschäftsführer von Lyravox, zur generellen Philosophie der Hamburger Boxenmanufaktur.

Sanft darauf hingewiesen, das Keramikchassis, Class-D-Endstufen und DSP-Schaltungen zumindest für Oldschool-Audiophile eher Schreckgespenster sind, betonen beide Lyravox-Chefs, dass es eben um das intelligente Zusammenspiel der Komponenten gehe, um Synergieeffekte, nicht einfach nur um die Bauteile beziehungsweise -gruppen als solche. So ließe sich etwa das volle Potenzial harter Keramikmembranen nur abrufen, wenn man sie aktiv ansteuere: Nicht nur lasse sich dann steiler trennen und effektiver mit Chassisresonanzen umgehen, Keramiktreiber verhielten sich vor allem dynamisch ganz anders als klassische Chassis, was auch der Grund dafür sei, dass sie im Passivbetrieb oft aggressiv oder unharmonisch klängen. Und was den Leumund von digitalen Signalprozessoren angehe: Das sei auch „historisch“ zu erklären. Noch vor wenigen Jahren sei vieles von dem schlicht nicht möglich gewesen, was heute mit DSPs erreichbar sei, so Wietschorke, gleichwohl seien diese in vielen Produkten verbaut worden – nicht immer zur klanglichen Zufriedenheit eines jedes Audiophilen. Welchen DSP sie denn nun bei Lyravox verwenden, will er uns freilich nicht verraten …

Der Keramik-Tiefmitteltöner der Lyravox Karlina Pure

Der Keramik-Tiefmitteltöner der Lyravox Karlina Pure

Beim Chassismaterial wird‘s konkreter: Der Tiefmitteltöner C173 stammt von Accuton und arbeitet bis circa 2200 Hertz hinauf. Dort übernimmt dann eine eigens für die Hamburger angefertigte Hochtonkalotte aus dem gleichen Haus. Deren Keramikmembran ist mit 30 Millimetern Durchmesser recht üppig dimensioniert, was nicht nur Vorteile bei Belastbarkeit und in dynamischer Hinsicht biete – sie bündele naturgemäß auch etwas stärker, was im Sinne einer „störungsfreieren Projektion“ durchaus gewollt sei.

Die Lyravox Karlina Pure bringt neben dem Keramik-Hochtöner auf der Front auch einen AMT-Superhochtöner mit

Die Lyravox Karlina Pure bringt neben dem Keramik-Hochtöner auf der Front noch auch einen AMT-Superhochtöner mit

Für das Diffusschallfeld im (Super-)Hochtonbereich gibt es einen zweiten Kollegen in Form eines auf der Oberseite der Karlina Pure montierten Air Motion Transformers, der in Richtung Zimmerdecke strahlt. Der AMT ist das einzige passiv, über einen vorgeschalteten Kondensator eingeschliffene Chassis der Karlina und unterstützt das Klanggeschehen ab 6000 Hertz. Die Positionierung auf dem „Dach“ der Box – im Gegensatz zu einer rückseitigen, wo einige andere Hersteller ihre Diffusschall-Hochtöner gerne platzieren – sei nicht zuletzt auch deshalb von Vorteil, weil so automatisch ein 90-Grad-Winkel zum Hochtöner auf der Front erreicht wird, was unerwünschte Interferenzerscheinungen minimiere.

Für das Diffusschallfeld ist der AMT auf der Oberseite der Lyravox zuständig

Der AMT auf der Oberseite der Lyravox

Die allertiefsten Lagen bestellt ein Subwoofer auf der Rückseite der Lautsprecher – der Übergabebereich zum frontseitigen Tiefmitteltöner liegt zwischen 60 und 120 Hertz. Je nach Raumgröße und Pegelbedürfnis lässt sich eine normale und eine „XT“-Variante der Lyravox-Box ordern. In beiden Fällen bekommt man einen 10-Zöller von Scan-Speak geliefert, der der XT-Version ist aber größer dimensioniert, kann mehr Hub – und erhöht den Einstandspreis fürs Lautsprecherpaar um 2.000 Euro. In unserem recht großen Hörraum haben wir die Lyravox Karlina Pure XT gehört.

Der 10-Zoll-Basstreiber (hier die XT-Variante) der Karlina Pure sitzt auf der Rückseite des Lautsprechers

Der 10-Zoll-Basstreiber (hier die XT-Variante) der Lyravox Karlina Pure sitzt auf der Rückseite

Man sieht es nicht, aber die Karlina ist ein Bassreflex-Lautsprecher. Der schlitzförmige Austrittskanal befindet sich verborgen auf der Unterseite und strahlt auf den Lautsprecherfuß. Die Besonderheit: Ganz bewusst wurde dieser BR-Kanal „unterdimensioniert“. Die Folge: Je höher der Pegel wird, desto mehr verwandelt sich die Karlina akustisch in eine geschlossene Box – und vice versa. Die Vorteile: höhere Belastbarkeit und Impulsgenauigkeit bei hohen Lautstärken, größere Pegelausbeute im Untergeschoss, wenn man es (hörphysiologisch) braucht, also bei geringeren Lautstärken. Auch das Oberteil des Lautsprechers, in dem der Tiefmitteltöner arbeitet, ist ventiliert. Ziel ist hier nicht der Pegelgewinn im Bass, sondern ein verbessertes Einschwingverhalten des Accuton-17ers, der in einer „offenen Kammer“ nämlich freier atmen könne als in einem geschlossenen Abteil.

Die Lücke zwischen dem Ober- und Unterteil der Lyravox sieht nicht nur interessant aus, sondern hat primär einen akustischen Zweck

Die Lücke zwischen dem Ober- und Unterteil sieht nicht nur interessant aus, sondern hat primär einen akustischen Zweck

Noch kurz zur Einordnung: Die Lyravox Karlina ist der „zweitkleinste“ Lautsprecher des zurzeit vier klassische Stereo-Modelle (daneben gibt‘s noch zwei „Highend-Soundbars“) umfassenden Portfolios der Hamburger Manufaktur. Das Line-up startet mit dem Zweiwegler Karlos (ab 11.900 Euro), über der Karlina angesiedelt sind Karlotta (ab 24.800 Euro) und Karl – der in der Tat „der Große“ ist: 88 Kilogramm schwer, 1,6 Meter hoch, sechs Gehäusesegmente, fünf Endstufen pro Kanal etc. Preis: ab 48.000 Euro das Paar.

Familienbande: Lyravox Karl, Karlotta, Karlina und Karlos (v.l.n.r.)

Familienbande: Lyravox Karl, Karlotta, Karlina und Karlos (v.l.n.r.)

Klangeindruck: Lyravox Karlina Pure & Antipodes EX/P2

Bei diesem Komplettsystem gilt, was ich neulich schon zur aktiven Ascendo Live 15 schrieb: Da eine Einmessung auf den Hörraum des Kunden zum Gesamtpaket gehört – jedenfalls bei der XT-Version, sonst sind für diese Dienstleistung innerhalb Deutschlands 590 Euro zu zahlen –, lässt sich im Grunde auf jeden tonalen Geschmack eingehen. Ob man es nun supersonor oder hell und luftig mag: kriegt man alles hin mit der Lyravox Karlina Pure. Die Einmessung bei uns erfolgte „schlagseitenfrei“, sprich ein balanciert-neutraler Gesamteindruck war das Ergebnis. Das dürfte die meisten Audiophilen ansprechen – und für Testzwecke ist’s eh opportun.

Die Einmessung auf den Hörraum gehört mit zum Konzept

Die Einmessung auf den Hörraum gehört mit zum Konzept

Nicht nur sauber

Das erste, was mir auffällt, ist, dass dieser Lautsprecher seinen Nachnamen nicht umsonst trägt: „Pure“. Dürfte ich nur ein einziges Wort zur Karlina schreiben – das wäre es. „Sauber“ und „rein“? Klar, passt auch … aber dann setzen Waschmittelwerbeassoziationen bei mir ein. Und wann braucht‘s ein Waschmittel? Wenn vorher etwas dreckig geworden ist. Ein derart unbeflecktes Mittenband habe ich aber selten erlebt. Da muss nichts gewaschen werden. Okay, okay, bevor Sie denken, jetzt driftet er komplett ab, mal ein Beispiel.

andrea schroeder - blackbirdMit einer Frauenstimme kann ein Lautsprecher ja vieles anstellen. Manch einer dunkelt etwa Andrea Schroeders (Album: Blackbird; auf Amazon anhören) an sich schon dunkles Organ etwas nach, schiebt im Grundton also etwas mehr Energie rein, mit dem Effekt, dass die Stimme noch ein wenig dramatischer rüberkommt als eh schon – und oft auch größer. Oder es wird der umgekehrte Weg eingeschlagen. Ein schlankerer Grundton zusammen mit einem Extraschuss im Präsenzbereich lässt die Stimme offener und leichter wirken – und nicht selten weiter vorne auf der Bühne stehen. Dafür wird der Stimmkörper dann meist kleiner und kompakter gezeichnet, gleichzeitig aber besser eingefasst. Mit meiner Blumenhofer Genuin FS1 erlebe ich wieder etwas anderes: Das Horn wirft die Stimme nach vorne, der 16-Zöller sorgt für Substanz untenrum. Schritt nach vorn‘, groß, saftig, saturiert, aber eher weicher als superpräzise modelliert – macht auch Spaß.

Doch was macht nun die Lyravox Karlina Pure daraus? Nichts von alledem. Das Überraschende dabei: Genau das ist der Kick. Denn gerade weil die Karlina „nichts macht“, wirkt Frau Schroeder so unmittelbar und lebensecht, wie es nicht allzu oft zu hören ist. Geradezu unschuldig-nackt kommt ihre Stimme rüber, klar und präzise in der Mitte der Lautsprecher fixiert. Jeden feindynamischen Schlenker krieg‘ ich mit, jede noch so feine Modulation – doch nie wirkt es angestrengt, wie „Detail-Gepose“, sondern ganz leicht, beiläufig. Dieser hochgenaue Blick auf das Klangbild ergibt sich quasi nebenbei. Hier wird so lange „Fake“ abgezogen, bis der, nun: pure Stoff zum Vorschein kommt. Das ist die hohe Kunst der Auflösung.

Local Angel - Brant BjorkUnd die lässt sich immer und immer wieder mit diesem Setup aus Antipodes & Lyravox erleben. Etwa beim Brant-Bjork-Song „Chico“ (Album: Local Angel; auf Amazon anhören): Das simple Gitarrenspiel wird mir häufig entweder mit mehr Fokus auf die Saite (flirrender, heller, drahtiger) oder auf den Körper (wärmer, weicher, runder) präsentiert. Mit der Karlina klingt es, ich kann es leider nicht anders sagen, nach trockenem Holz. Körperreich? Ja. Aber der Klang ist ganz anders timbriert als einfach nur grundtonstark und damit latent weich und wohlig. Der Gitarrenkörper kommt viel straffer rüber – aber wohlgemerkt, ich rede nicht von der Saite. Es geht hier auch nicht um das Mischungsverhältnis zwischen unteren und oberen Mitten – das ist sowieso neutral-balanciert gehalten –, sondern darum, dass die sehr hohe Auflösung, die dieser Lautsprecher bietet, sich nicht einfach auf schieren Detailreichtum und feindynamische Expertise beschränkt, sondern sich auch durch eine sehr, sehr differenzierte Darstellung von Klangfarben bemerkbar macht. Und dabei geht’s nicht um kräftige Pinselstriche und knallige Farben, sondern darum, noch feinste Abstufungen des Timbres von Instrumenten nachzuzeichnen. Hier ist die Karlina in ihrem Feld. Das merke ich auch indirekt: Wenn ich mehr Klassik als normalerweise höre, muss mit den Klangfarben etwas fundamental richtig laufen.

Lyravox Karlina Pure, rechts, seitlich

Hoch- und Tiefton

Burnt Friedman / Con RitmoDass eine gelungene Darstellung der Klangfarben etwas mit dem Obertonspektrum zu tun hat, ist ja klar – und dass hier der AMT auf der Oberseite der Lyravox ein Wörtchen mitredet durch ein simples Experiment erfahrbar: Nichts ist leichter, als den Folien-Supertweeter mit einem schmalen Buch abzudecken und die Karlina nur mit dem frontseitigen Keramiktweeter zu hören. Dann klingt es aber nicht nur räumlich weniger offen und etwas kompakter in allen Dimensionen sowie im Hochton einen Tick weniger energiereich – wobei das fast schon egal ist. Nein, insbesondere in den (oberen) Mitten fehlt mir dann etwas, es wirkt wie leicht ausgewaschen, Klangtexturen kommen „poröser“ rüber. Die Percussion und insbesondere das Glockenspiel bei Burnt Friedmans „Con Ritmo“ (vom gleichnamigen Album; auf Amazon anhören) wirkt ohne den AMT zu trocken und spröde. Es hat also seinen Sinn, dass der Ziehharmonikatreiber auf dem Dach der Box mitmusiziert. Und da wir gerade dabei sind, noch ein paar Worte zum Hochton der Karlina: geschmeidig, aufgelöst, bis in die allerobersten Lagen offen durchgezeichnet. Was fehlt: eine Sonderrolle, ein Eigenleben, ein Zoomeffekt wie er mit frontseitig montierten Folientreibern bisweilen zu erleben ist, was der Klangkohärenz selten zuträglich ist.

Jetzt mal was Handfesteres: „Fuck back“ vom genannten Burnt Friedman, aber diesmal im Rahmen von The Nu Dub Players. Hier fliegen die Impulse ungefähr so subtil durch den Raum, wie der Songtitel es vermuten lässt – und der Lautsprecher wird im Untergeschoss ganz schön gefordert. Die Lyravox Karlina Pure schlägt sich auch bei gehobenem Pegel gut und schaufelt mehr Tieftonsubstanz in den Raum, als man ihrer Größe zugestehen würde. Zur Erinnerung: Das hier ist ein aparter, wohnzimmertauglicher Schallwandler, bei dem auch das ästhetische Oberhaupt Ihrer Familie den Daumen nach oben reckt. Die Lyravox geht auch sehr tief runter, was spontan ebenfalls überraschen mag – aber für eine Aktivbox letztlich ziemlich normal ist. Aktiv lassen sich halt Dinge anstellen, die man passiv aus gegebener Boxengröße nicht herausgepresst bekommt. Soweit, so gut.

Lyravox Karlina Pure von der Seite

Wie die Karlina im Bass nicht klingt, ist auch leicht gesagt: Wer die federnd-unmittelbare Gangart von guten Backloaded-Hörnern, Open-Baffle-Konstruktionen oder einfach von 12-, 15- oder gar 18-Zolltreibern schätzt, wird nicht bedient. Der Tiefton der Lyravox Karlina Pure lässt sich insofern nur mit anderen „normalen“ HiFi-Lautsprechern vergleichen, nicht mit spezielleren Konzepten, die das Bassdepartment mit deutlich mehr Treiberfläche bestellen und prinzipbedingt noch eine ganz andere Qualität mit ins Spiel bringen. Und deshalb klingt die Karlina Pure auch ganz anders als die schon erwähnte Live 15, worauf ich später noch zurückkommen werde.

Erinnerungen

Tatsächlich erinnert mich die Lyravox Karlina nicht nur im Bass an die Paradigm Persona 3F. Die passive Kanadierin war vielleicht etwas schlanker unterwegs und nicht ganz so tiefgehend – dafür aber noch ein wenig strukturierter und trockener als die schöne Hamburgerin, die es bei aller Differenziertheit im Untergeschoss minimal weicher angehen lässt. Gleichwohl: Das sind Feinheiten, die Ähnlichkeiten überwiegen, und das heißt: Beide Boxen legen das Hauptaugenmerk auf die Qualität, nicht auf schiere Quantität.

Und habe ich die Paradigm nicht ebenfalls für ihr großartiges Auflösungsvermögen im Mittel- und Hochtonband gelobt? Ja, habe ich – wahrscheinlich hängt auch ihr Detailreichtum mit der Wahl des Membranmaterials zusammen. Bei beiden Lautsprechern ist es ausnehmend hart: Bei der Paradigm kommt Beryllium, bei der Lyravox Keramik zum Einsatz.

Anschlussfeld der Lyravox Karlina Pure

Anschlussfeld der Lyravox Karlina Pure

Wie auch immer, für die Konstellation, in der ich die Persona 3F überwiegend gehört habe, kann ich sagen: In Sachen Auflösungsvermögen geht schon noch ein wenig mehr als die an sich ausnehmend transparente Kombi aus Antipodes EX/P2 & Lyravox Karlina Pure bietet. Die Impulswiedergabe (Klavieranschläge, Percussion etc.) wirkte mit der Kanadierin ebenfalls noch etwas härter, zackiger – und die Lyravox ist wahrlich keine romantische Schmusebacke, die Transienten verschleift, ganz im Gegenteil. Doch auch das sind Nuancen und der ganze Vergleich ist sowieso recht schräg: In dem einen Fall versorgt ein Musikserver im Halbrack-Format einen Aktivlautsprecher mit Daten. Im anderen wurden zum Betrieb des Passivlautsprechers knapp 90 Kilogramm Elektronik auf fünf Rackebenen verteilt – und 10.000 Euro mehr ausgegeben. Dass die teurere Kette etwas mehr rausholt, war zu erwarten.

Bühnenbau

labrassbanda-ueberseeWobei das auch nicht für alle Parameter gilt. Die Raumdarstellung der Lyravox Karlina Pure ist jedenfalls ähnlich frei, offen und transparent wie die der Kanadierin. Und auch bei der Hamburgerin gilt die „reine Lehre“: Meist beginnt das Bühnenbild auf Höhe der Lautsprecher, verlang die Aufnahme aber anderes – zum Beispiel bei LaBrassBandas „Rotes Hoserl“ –, langt sie auch gerne einmal nach vorne. Immer im Dienst der Produktion, ließe sich sagen. So auch bei der Bühnenbreite, bei der sie deutlich über die Ränder des Stereodreiecks hinausgehen kann – das aber auch nicht zur dauerhaften Marotte macht. Die Tiefenstaffelung gelingt der Karlina ebenfalls gut, wenngleich es Vertreter der Zunft gibt, die noch weiter in den Raum hinein leuchten. Hier denke ich nicht an die Paradigm, sondern an Lautsprecher wie die Dynaudio Confidence 50 (26.000 Euro) oder die Wilson Sabrina (20.000 Euro). Den beiden gelingt es zudem, noch plastischere, präzisere Einzelklänge zu formen als die Lyravox. Aber: Es sind teure Passivlautsprecher, rechnet man adäquate Elektronik mit hinein, kommt man auf eine ganz andere Summe als für unsere Test-Kombo aufgerufen wird.

Lyravox Karlina Pure, linksvorne

Aktive Einordnung

Vor diesem Test war die ebenfalls aktive Ascendo Live 15 bei mir zu Gast, die alleine so viel kostet, wie unser Test-Duo zusammen. Und ja: Wer Konzertpegel und makrodynamisches Live-Feeling möchte, kriegt mit der Live 15 wirklich das ganze Brett. Nein, da kommt die Lyravox Karlina Pure nicht ganz mit.

Doch zum einen muss man einen Lautsprecher wie die Live 15 natürlich auch „ausfahren können“, man braucht Platz sowie tolerante Mitbewohner und Nachbarn. Zum anderen ist es ja nicht so, dass die Ascendo bei allen klanglichen Parametern die Nase vorn hat. Im Gegenteil, mir scheint die Hamburgerin nuancierter, ein wenig feinfühliger und klangfarblich echter vorzugehen. Also: Wer dynamisches Feuerwerk sucht und daneben hohe Anforderungen an Auflösung, räumliche Akkuratesse etc. stellt, der ist bei der Live 15 an der richtigen Adresse. Die Karlina dreht die Gleichung um: Noch ein wenig mehr Auflösung im Mittenband, noch etwas nuancierter, feinsinniger, klangfarblich differenzierter – und dann gibt‘s noch eine gute Grobdynamik dazu, die aber nicht so markerschütternd ausfällt wie bei der Live 15.

Billboard
Burson

Test: Lyravox Karlina Pure & Antipodes EX/P2 | Aktivlautsprecher, Musik-Server

  1. 1 Der pure Stoff
  2. 2 Klangeindruck: Lyravox Karlina Pure & Antipodes EX/P2

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