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Nubert

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Understatement!?
  2. 2 B&W 603: Klangtest & Vergleiche

Der Schriftzug von Bowers & Wilkins prangt nicht nur auf den bekannten Schwergewichten der 800er-Serie in edlen Hörzimmern und gut gebuchten Tonstudios, sondern auch auf Lautsprechern in Räumen einer Vielzahl von Hörern mit anspruchsvollen Ohren, die ihre Geldbörse dann aber gleichzeitig weniger beanspruchen können oder wollen. Wie etwa auf der attraktiv gepreisten Dreiwege-Standbox B&W 603 (www.gute-anlage.de). Was man erwarten darf, wenn man gegen den Tausch von 1600 Euro ein Paar der Säulenlautsprecher hinter den Verstärker klemmt, verrät dieser Testbericht.

Es ist eher selten, dass Testgeräte von mir ein Lob erhalten, bevor sie überhaupt aus dem Karton geschält worden sind. Dabei geht es auch nicht um den Zaubertrick, durch den Karton schauen zu können, sondern um den Karton selbst, der im Fall der B&W 603 jedem Nutzer besser als jede Schwedenmöbel-Anleitung Schritt für Schritt erklärt, wie man die immerhin 24,5 Kilogramm schweren und 98,5 Zentimeter hohen Kisten unfallfrei von der Verpackung einsatzbereit auf den Fußboden transferiert.

B&W 603 Lautsprecher Farb-Ausführungen

Wir hatten die B&W 603 in Weiß zu Gast, es gibt sie aber auch in Schwarz

Die Erstinspektion beim Aufbau der B&W 603 offenbart eine ordentliche, aber vielleicht nicht gerade übertrieben luxusmäßige Verarbeitung und Oberflächengestaltung. Die vier Treiber sind frontgeschraubt – ein Nachziehen der Schrauben nach einigen Jahren ist löblicherweise also möglich –, was mit steckbaren Plastikzierringen stilvoll kaschiert wird. Rückseitig findet sich am MDF-Gehäuse der Bowers & Wilkins 603 ein Bi-Wiring-Terminal (HF+MF und LF) sowie eine Bassreflexöffung. Besagte vier Treiber können mit einem ganzflächigen grauen Grill (bei schwarzer Ausführung schwarz) verdeckt werden. Dieser wird magnetisch gehalten, dadurch gibt es bei „offener“ Nutzung keine hässlichen Löcher.

B&W 603 Lautsprecher Bi-Wiring-Terminal

Das Bi-Wiring-Terminal der Bowers & Wilkins 603

Wer über einen unbestechlich festen Boden verfügt beziehungsweise kippelfreien Stand auch so hinbekommt (klanglich meist signifikant wahrnehmbar), kann übrigens auf die Montage des etwas größeren Sockels verzichten, da die Spikes oder Gummifüße auch direkt in den Boden der 603 eingesetzt werden können. Die Lautsprecher sehen dann noch etwas schnieker aus, finde ich.

Diamanten nur für die Upper Class

B&W 603 Lautsprecher Front oben

Natürlich behält Bowers & Wilkins die teuren Industriediamanthochtöner der Top-Range vor. In den B&W 603 kommen 25-mm-Aluminiumhochtöner zum Einsatz, deren obere Grenzfrequenz mit schon recht luftigen 28 kHz (-3 dB) deklariert wird. Was bei B&Ws Nautilus und den B&W der 800er-Serie plakativ nach außen getragen wird, ist hier etwas versteckt: Auch die Hochtontreiber der B&W 603 besitzen die rückseitige „Trompete“, um zu verhindern, dass der Schall, den die Membran auch nach hinten abstrahlt, reflektiert wird und das Schwingungsverhalten beeinflusst. Eine Besonderheit: Die 35 Mikrometer dünne Membran ist im Bereich der außen liegenden Schwingspule mit einem 50 Mikrometer dicken Aluminiumring verstärkt. Diese „2nd Dome“ genannte Technik des Treibers erlaubt eine höhere obere Grenzfrequenz.

B&W 603 Lautsprecher Hochtöner ausgebaut

Hochtontreiber der B&W 603

Nicht ausschließlich den teureren Produkten vorbehalten ist die „Continuum“-Technologie der silbrig glänzenden, sickenlosen Mittentreiber aus gewebtem Kompositmaterial. Der 150-mm-Treiber (6“) soll dadurch kaum in Teilschwingungen aufbrechen und eine dem Ideal nahe kolbenförmige Bewegung ausführen, wenn seine Schwingspule aus Spannung Musik zaubert.

Um den Bass fachgerecht auf den Weg zu den Ohren zu bringen, bedient sich jede der beiden B&W 603 zweier Sechseinhalbzöller (165 mm) mit klassischer Papiermembran. Im Gegensatz zu den Mitteltönern kommen die Bässe zwar mit Sicken, jedoch sind ihre Aufhängungen ebenfalls nicht sehr weich; die Membranen vollziehen keine auffällig großen Hübe, wenn die Boxen mit ordentlich Leistung getreten werden. Als untere Grenzfrequenz geben die Briten 48 Hz an. Der Verlauf im Bass kann durch teilweisen oder vollständigen Verschluss des Bassreflex-Ports mit einem mitgelieferten Schaumstoff-Pfropfen beeinflusst werden.

B&W 603 Lautsprecher Bassreflexstopfen

Zweiteilig: Die Bassreflexöffnung kann mittels Schaumstoffzylinder teilweise oder ganz verschlossen werden

Wer mag, kann die Bowers&Wilkins 603 auch im größeren als nur im Stereo-Verbund betrieben: Die Serie hält neben zwei Regallautsprechern (B&W 606 und 607) auch einen Centerspeaker (B&W HTM6) und ganze drei verschiedene Subwoofer bereit. Hergestellt wird diese Serie übrigens nicht in Großbritannien, sondern in China.

B&W 603: Klangtest & Vergleiche

Afrcan Symphony

Es gibt wohl kaum Schallwandler, die ich so lange habe einspielen lassen wie die Bowers & Wilkins 603. Natürlich bin ich mir der Einflüsse von Einspielvorgängen bewusst. Aber als ich nach den ersten Betriebsstunden mal probeweise reinhörte, begann ich dann doch zu überlegen, was wohl B&Ws Intention hinter der etwas engen und flachen Mittenwiedergabe sein könnte. Nach mehreren (!) Tagen legte sich diese Note schließlich, bei einer Box etwas schneller als bei der anderen. Tatsächlich betrifft der Einspielvorgang offenbar in erster Linie die MF-Chassis und somit die Mittenwiedergabe der B&W 603.

Nach dem Einspielen lässt sich feststellen, dass Bowers & Wilkins mit den 603 Standlautsprecher an den Start gebracht hat, die ganz offensichtlich eine dicke Ladung des B&W-Erbguts abbekommen bekommen haben. Das sind selbstbewusste Bässe, eine klare Mittenzeichnung und vor allem akzentuierte Höhen. Die Speaker wirken anregend: Mit starkem Mitteilungsdrang und hoher Spielfreude konfrontieren sie den Hörenden mit Details in den Höhen und packen ihn mit kräftigem Bass. Ja: Die B&W 603 sind alles andere als nüchtern und „britisch-zurückhaltend“.

Underworld - DubnobasswithmyheadmanDass die Bowers & Wilkins 603 Bass können, wird schon nach kurzem Reinhören klar. Und bestätigt sich beim intensiveren Hören: Ich lupfe „The Dead Flag Blues“ vom grandiosem Werk F#A#(infinity) der kanadischen Polit-Instrumentalisten Godspeed You! Black Emperor auf den Drehteller, starte danach eine von mit nur zwei Druckempfänger-Mikrofonen angefertigte Aufnahme einer Walcker-Orgel und ziehe schlussendlich in freudiger Erwartung das alte Underworld-Album Dubnobasswithmyheadman (auf Amazon anhören) (mit den dunkel-atmosphärischen Knüllern „Dark & Long“ und „River Of Bass“) aus dem CD-Regal. Ich kann feststellen: Die Basswiedergabe ist voluminös und eher auf der runden-vollmundigen als kantig-konturierten Seite, was besonders elektronischer Musik gut zu Gesicht steht. Bei mach anderen Musikarten wünscht man sich bisweilen aber weniger Schönklang, dafür eine stärkere Trockenheit und Definition. Aber halt: Wie praktisch, dass B&W seinen 603 eine Lösung in Form eines kleinen doppelteiligen Schaumstoffzylinders beilegt. Besonders bei komplettem Verschluss der Bassreflexöffnungen spielen die B&W 603 deutlich konturierter, ausgeglichener und trockener, aber auch mit herausgenommenem Innenzylinder des Bassstopfens gewinnt die Basspräzision bereits merklich. Das Mehr an Contenance steht den Speakern definitiv gut zu Gesicht, ich würde nur bei besonders bassfressenden Aufstellorten darauf verzichten, die Reflexöffnungen zumindest ein wenig zu verschließen. Belohnt wird man dann in jedem Fall mit einem „schnelleren“ Aufspielen, höherer Natürlichkeit und einem neutraleren Frequenzgang.

B&W 603 Lautsprecher Dämmmaterial

Blick durch die Gehäuseöffnung fürs Bassreflexrohr aufs Dämmmaterial in der B&W 603

Mit verschlossenen oder halboffenen Ports gefallen mir die Tiefen der B&W schlussendlich sehr gut, adäquat zum Volumen der Lautsprecher und nicht zuletzt zu ihrem Preis. Wer mehr investiert, kann natürlich auch noch mehr bekommen: Die anderthalb mal so teuren Nubert nuLine 334 liefern beispielsweise ein noch solideres und tieferes Bassfundament.

Einzig zu schwach sollte der Verstärker nicht sein: Der Abacus 60-120D Dolifet konnte mit den verschlossenen B&W 603 besser umgehen als der Rega Mira 3, dem ab Pegeln deutlich oberhalb des üblichen Musik-Dauerkonsums dann doch etwas die Luft ausging. Eher bassarme Rock- und Popmusikmischungen – wie etwa viele Britpop-Alben der 1990er – funktionierten aber hervorragend ohne Stopfen. Übrigens zeigen sich die B&W bei verschlossenem Port noch etwas unprätentiöser in der Aufstellung, besonders der Abstand zur Rückwand darf dann deutlich kleiner sein.

B&W 603 Lautsprecher Terminal abgeschraubtA Drink After Midnight – The Country Side Of Harmonica Sam

Nach besagtem Einspielvorgang zeigen die Mittentreiber der B&W 603 schließlich, was sie zu leisten imstande sind. Und das ist viel, denn die für Musik so wichtige Mittenwiedergabe ist eine der Spezialitäten der 603. Dieses Frequenzband gibt sich konkret, griffig und in dieser Preisklasse außergewöhnlich deutlich zeichnend. Ich gönne mir und den beiden Briten ein wenig Harmonica Sam (Album: A Drink After Midnight – The Country Side Of Harmonica Sam; auf Amazon anhören). Nicht vertun: Das ein wenig gruselig-amerikanisierende Cover ist nicht bierernst, wie alleine der Blick auf die urschwedischen Nachnamen der an der Herstellung des Musikalbums Beteiligten zeigt. In Schweden ist der Winter dunkel und der Humor unterschwellig und spröde, aber gelungen. Gelungen ist auch die Mischung dieser Platte, besonders die in Americana-/Country-/Bluegrass-Mischungen schwer zu bewerkstelligende Mittenbalance kann ich bei diesem Album als perfekt bezeichnen.

Auch bei hohen Pegeln bleiben die Mitten der B&W 603 straff und dynamisch schnell, die Auflösung ist zudem wirklich hervorragend. Passend dazu haben die B&W-Ingenieure auf eine besonders gefällige, warme Abstimmung verzichtet – die unteren Mitten geben sich tonal eher ein klein wenig leichter als beispielsweise bei Nuberts nuLine 334, stehen ihnen aber bezüglich der Auflösung in nichts nach. Wieder sind es viele britische Pop-/Rockmusikstücke, die auf den B&W 603 perfekt austariert klingen, beispielsweise das herrlich fragile „Granite Statue“ (Album: Drink Me) von Salad.

Johnny CashDie Bowers & Wilkins 603 präsentieren die oberen Frequenzbereiche durchaus frisch und mit hoher Akkuratesse. So werden die feinen Höhen von Johnny Cashs gar nicht so feiner Stimme äußerst präzise herausgestellt. Ob nun „She Used To Love Me A Lot“ oder das Titellied des Albums Out Among The Stars (auf Amazon anhören), die Hochtöner zeichnen sehr genau und sparen nicht an Pegel. Was der Unterschied zur Höhenwiedergabe teurerer Lautsprecher ist? Die Höhen der B&W gehen etwas frischer und weniger seidig zur Sache als die der besagten Nuberts, allerdings können die Bowers & Wilkins auch absolut problemlos sehr leise gehört werden, was die nuLine 334 so nicht vermögen. Und die Quadral Galan 9 (Kompaktlautsprecher für 2000 Euro), zeichnen mit ihren avancierten Bändchentreibern noch etwas transparenter und seidiger. In Sachen Pegelfestigkeit und Bass muss man mit den Quadral gegenüber den B&W dann natürlich wieder deutliche Abstriche hinnehmen. Wie das so ist: Für das letzte Stück Natürlichkeit und Luftigkeit muss man nun mal tiefer ins Geldsäckel greifen.

Ben Miller Band

Legen wir Choke Cherry Tree der Ben Miller Band auf, um die Grobdynamik abzuklopfen. „Redwing Blackbird“ beispielsweise wird von den B&W 603 so unmittelbar wiedergegeben, wie es aufgenommen wurde. Die recht spärlich instrumentierten Strophenteile gehen schön plötzlich in die etwas kräftigeren über, die Dynamik wird zackig weitergegeben und nicht weichgespült – also das Gegenstück zum gleichmäßigen Brei der Radiostationen. Das Hören von Klassik macht unter solchen Umständen besonders viel Spaß, was mir ein gewisser lockenköpfiger Komponist mit Geburtshaus in Bonn noch einmal versichern kann.

Besonders angenehm ist, dass die beiden weißen Türme wie erwähnt auch bei geringen Pegeln schon ihre positiven Eigenschaften zum Besten geben können. Mehr noch, mir gefallen die B&W 603 in moderater Zimmerlautstärke sogar ein wenig besser als mit höheren Pegeln, denn dann treten die Mitten im Verhältnis zum Bass, besonders aber zu den Höhen deutlich kraftvoller auf. In einem kleinen Anfall von Jux genieße ich leise Pierro Picconi, dessen filmmusikalisches Schaffen deutlich hinter dem Ennio Morricones eingereiht werden kann, aber dennoch fluffige musikalische Unterhaltung bietet. Die B&W 603 sind, wenn es sehr leise zur Sache geht, in der Lage, die für Endsechziger-Produktionen typischen Orgel- und Orchesterklänge im Soundtrack zu Medico Della Mututa besonders detailliert und ausgewogen darzustellen.

Aber auch hohe Pegel vom Kaliber einer „Wohnzimmerparty mit Tanzeinlage“ können ohne starken Verzerrungszuwachs wiedergegeben werden. Laut Datenblatt betragen die harmonischen Verzerrungsprodukte zweiter und dritter Ordnung (Oktave und oktavierte Quinte) bei 90 dB 0,5%. Anders als bei den meisten anderen Boxen brechen bei den B&W 603 nicht die Präsenzen/Hochmitten auf, die einem sonst gerne mit zunehmender Schärfe die Hörfreude bei hohen Pegeln verübeln. Es sind die Höhen, die bei starkem Aufdrehen als erste irgendwann so bissig werden, dass der Hörspaß beginnt, nachzulassen.

Die Bühne wird frei für Satan’s Pilgrims. Ihr leicht punkig-rotziges Grusel-Surf-Album Creature Feature zeigt, wie schön flott die Bowers & Wilkins 603 im Mitten- und Höhenspektrum der Musik folgen. Die kurzen Anschlaggeräusche der Gitarren und natürlich auch der Schlaginstrumente scheinen die schlanken Weißlinge feindynamisch einfach so durchzureichen. Artefakte wie Kompression sind keine auszumachen. Diesbezüglich dürfen sich die B&W auf eine Stufe mit besagten Regallautsprechern Quadral Aurum Galan 9 (2000 Euro/Paar) stellen.

B&W 603 Lautsprecher Mitteltöner Makro

Der Zufall spülte mir ein Album des südafrikanischen Komponisten und Pianisten Abdullah Ibrahim in die Sammlung: African Symphony. Die B&W 603 vermitteln die enorme Tiefenwirkung durch die Streicher und die Signalreflexionen in den Räumen tadellos; gleichzeitig gelingt es ihnen, eine hervorragende Ortung (beispielsweise des Jazz-Drumkits und der Spanne des Flügels) zu ermöglichen. Ich erkenne einen leichten Lupenglas-Effekt, der beispielsweise mittige Stimmen aus Pop-Produktionen ein wenig nach vorne holt. Hier liegt definitiv eine große Stärke der Lautsprecher: Sie vereinen Tiefe und Ortungsschärfe wirklich erstaunlich gut miteinander.

Besonders positiv ist, dass ich auch bei unterschiedlichen Positionierungen der B&W 603 stets ein sehr homogenes und breites Abstrahlverhalten feststellen konnte. Schlagartige Einbrüche in Mitten oder Höhen, wenn man sich vor den Boxen hin und her bewegt, bleiben aus. In solchen Situationen frage ich mich doch manchmal, warum manche Hersteller so einen Bohei um Gehäuseformen, um Asymmetrien der Treiber auf der Front, um speziell gestaltete Kanten und dergleichen machen, wenn auch das simple Kistenkonzept derartig gut liefert. Eine Ausnahme? Wohl nicht, wie auch der Test der Nubert nuLine 334 zeigte, die wie die B&W wundervoll plastisch spielen und gleichmäßig abstrahlen.

Übrigens: Nach einigem Herumprobieren standen die B&W 603 mit einem guten Meter Abstand zur Rückwand und etwa vier Metern Basisbreite in meinem Hörraum. Der Hörabstand variierte von etwa zwei bis zu fünf Metern. Aufgrund der hervorragend gutmütigen Abstrahlcharakteristik war es im Test so gut wie unerheblich, ob die beiden Boxentürme leicht zum Hörer hin eingedreht wurden oder komplett uneingewinkelt standen.

B&W 603 Lautsprecher Schriftzug

Test: B&W 603 | Standlautsprecher

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