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McIntosh MA7200 AC

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Amtlich agil!
  2. 2 Bowers & Wilkins 606: Klangtest und Vergleiche

Als eine Bekannte mich vor einigen Wochen um Rat fragte, welche kompakten Lautsprecher sie sich denn für ihre neue kleine Wohnung zulegen sollte, war meine Antwort (basierend auf ihrem Budget) sehr schnell sehr klar: Die Bowers & Wilkins 606 (Paarpreis: 698 Euro | www.gute-anlage.de). Die 600er-Serie von Bowers & Wilkins war schon immer eine Bank, auf die man sich verlassen kann, sozusagen die Golf-Klasse von Bowers & Wilkins. Man kann sie getrost sogar als eine der erfolgreichsten Lautsprecherserien überhaupt bezeichnen – kaum eine andere Modellfamilie hat mehr ambitionierte audiophile Aufsteiger von ihren Qualitäten überzeugen können, darunter auch meinen Vater, der kurzerhand das Budget für einen neuen Fernseher auf eigene Faust in eine Stereoanlage mit Yamaha-Komponenten und ein Pärchen Bowers & Wilkins-Standlautsprecher investierte. Anders als gewisse amerikanische Konkurrenten, die sich in den 1990er-Jahren mit sozusagen „unendlichen“ Rabatten auf Fantasie-Preisempfehlungen peu à peu selbst diskreditierten, schaffte es die 600er-Serie vielmehr nachhaltig mit Qualität zu überzeugen.

Gelb zu Silber

Bowers & Wilkins 606 Bassmitteltreiber

Der Tiefmitteltöner der B&W 606 mit Continuum-Membran (Foto von B&W)

Bereits in den 1990er-Jahren hatte B&W ein optisches und technisches Alleinstellungsmerkmal zu bieten, und zwar die schon von weitem sichtbaren, gelben Membranen der (Tief-)Mitteltöner aus geflochtenem Kevlar. Diese sind in der aktuellen Inkarnation der 600er-Serie nicht mehr knallgelb, sondern mattsilberfarben und bestehen aus einem Verbundmaterial namens Continuum – aus irgendeinem Grund denke ich dabei an einen neuen James-Bond-Film … Wie Kevlar besitzt auch Continuum eine gewebte Verbundstruktur, doch B&W verspricht, dass das Material – für dessen Entwicklung die Briten sich immerhin ganze acht Jahre Zeit genommen haben – noch bessere klangliche Resultate als Kevlar erziele, und zwar vor allem deshalb, weil die Membranbewegung besser kontrolliert werde. Zum Beispiel, so B&W, sei der Übergang von der Kolbenbewegung zum sogenannten „Aufbrechen“ der Membran, also dem Überhandnehmen von Partialschwingungen, weniger abrupt, was sich schlussendlich akustisch in einem angenehmeren, unkritischeren Verzerrungsverhalten bei den höheren noch vom Tief-/Mitteltöner übertragenen Frequenzen niederschlagen soll.

Bowers & Wilkins 606 Bassreflexrohr von innen

Das Bassreflexrohr, wie es der Tiefmitteltöner der B&W 606 sieht

Die silbrig schimmernde Continuum-Membran in der Bowers & Wilkings 606 durchmisst 16,5 Zentimeter inklusive Sicke (bei den Standlautsprechermodellen von B&W kommen die gewebten Membranen als Mitteltöner traditionell ohne Sicke aus). Der Treiber sitzt in einem insgesamt 6,9 Kilogramm schweren Bassreflexgehäuse, dessen Flowport-Tunnel nach hinten abstrahlt. Die Flowport-Technologie wurde von B&W entwickelt, um Strömungsgeräusche an der Bassreflexöffnung weiter zu minimieren. Dazu haben die Ingenieure beide Öffnungen des Rohrs stark verrundet und mit kleinen Vertiefungen versehen, über die der Luftstrom „leiser“ fließen kann, weil winzige Wirbelströme entstehen – hört sich (wie etwa auch der Lotus-Effekt) im ersten Moment vielleicht paradox an, sei aber laut B&W ein messbarer Effekt. Als Resultat entstünden insbesondere bei hohen Schalldruckpegeln weniger Geräusche und somit unterm Strich ein präziseres und sauberes Klangbild.

Doppelt hält besser

Auch im Hochton setzt Bowers & Wilkins auf die eigene Innovationskraft und will einem dem Kalottenhochtöner grundsätzlich zugrundeliegenden Problem mit einem eigentlich ganz einfachen Mittel auf die Pelle rücken. Denn auch hier sollte eine Membran ja so lange wie möglich kolbenförmig schwingen, bevor sie „aufbricht“ (siehe oben). Doch je höher die zu wiederzugebende Frequenz, desto schwieriger ist es, dies zu gewährleisten. Ab einer bestimmten Frequenz verliert die Membran ihre teilschwingungsfreie Integrität und beginnt sich zu biegen und zu verformen.

Bowers & Wilkins 606 Hochtöner

Doppelt gemoppelt: der „Second Dome Tweeter“ der B&W 606

Während Bowers & Wilkins in der entsprechend benannten Top-Serie 800 Diamond zu drastischen Maßnahmen greift und kurzerhand eine superharte Membran aus Kunstdiamant verbaut, will man der Physik in der volksnäher bepreisten 600er-Serie auf andere Weise ein Schnippchen schlagen: Die hier propagierte Lösung ist der sogenannte „Second Dome Tweeter“, im deutschen Marketingsprech auch als „Doppelkalotten“-Hochtöner bezeichnet – was nicht zu 100 Prozent der Wahrheit entspricht, denn es kommen keine zwei Kalotten zum Einsatz. Stattdessen wird die eigentliche, 35 Mikrometer starke Aluminiumkalotte ganz einfach an ihrer schwächsten Stelle rückseitig durch einen 50 Mikrometern starken Ringkörper verstärkt. Die Resonanzfrequenz des Hochtöners will B&W hierdurch weit in den vom Menschen unhörbaren Bereich verschieben. Zudem soll die gezielte Versteifung die Gesamtmasse der Membran (die sonst insgesamt dicker ausfallen müsste) sogar verringern, was wiederum der „Sprintfähigkeit“ der Antriebseinheit und somit auch der Detailauflösung zugutekommen sollte.

Abgehoben

Um Gehäuseresonanzen vom Hochtöner fernzuhalten, entkoppelt B&W die gesamte Hochtoneinheit mit Hilfe eines gelartigen Materials vom Lautsprechergehäuse. Die mikroskopisch kleinen Auslenkungen der Hochtonmembran können (zumindest in der Theorie) so einerseits weniger von den Relativbewegungen des Gehäuses beeinträchtigt werden – und andererseits entwickeln sie selbst dennoch nicht genügend Energie, um die gesamte (nun ja quasi schwimmende) Hochtonkonstruktion rückwirkend in Bewegung zu versetzen, was ja die Hochtonwiedergabe „verschmieren“ würde. Zudem ist der Hochtöner auch in allen Modellen der 600er-Serie mit dem rückseitigen „Nautilus-Trichter“ versehen, in dem sich der nach hinten abgestrahlte Schall „totlaufen“ soll, was Reflexionen noch weiter minimiere, so B&W.

Global Player

Bowers & Wilkins 606 Gehäuseinnere

Sauber und in der Preisklasse nicht selbstverständlich: Die Treiber sind mit Maschinenschrauben samt eingelassenen Gewinden montiert

Das ordentlich, wenn auch nicht luxuriös verarbeitete, in China gefertigte Gehäuse der Bowers & Wilkins 606 lässt sich in ganzen zwei Ausführungen ordern: mattweiß oder mattschwarz. Das dürfte sicher auch das Gros der Interessenten befriedigen, denn meistens passt ja zumindest eine von beiden Varianten in so gut wie jede Einrichtungssituation – zumal die B&W 606 mit ihren kompakten Abmessungen auch nicht wirklich dick aufträgt. Dank der beigelegten, praktischen Schaumstoffstopfen ist man bei der Aufstellung der 606 sowieso ziemlich flexibel. Die konzentrisch zweiteilig geschnittenen Stopfen erlauben nämlich eine stufenweise Anpassung an die Aufstellungssituation und die Raumakustik: Ganz ohne Bassreflexstopfen klingt’s logischerweise am bassstärksten, mit nur dem äußeren Ring lässt sich bereits eine Bassreduktion mit zunehmender Kontrolle konstatieren, und mit beiden Stöpseln drin sollte auch die oft gewählte Sideboard-Situation kein Ding der Unmöglichkeit sein.

Aus anderen Gründen (Reflexionen im Mittel- und Hochton) ist jedoch die freie Aufstellung auf einem stabilen Lautsprecherständer fast immer vorzuziehen. B&W hat mir daher auch gleich das perfekt passende Modell FS-700 S2 (Stückpreis um 225 Euro) mitgeschickt, das es in Silber oder Schwarz zu erstehen gibt.

Bowers & Wilkins 606 Ständer Kabelführung

Der zugehörige Ständer von B&W mit Kabelführung

Die wackelfreie Konstruktion lässt sich in der hohlen Säule mit Sand- oder Metallschrotbeuteln befüllen und besitzt einen ausreichend großen Kabelkanal. Die B&W 606 koppeln an die obere Metallplatte der Ständer über kleine Gummiklebefüßchen an, während der Bodenkontakt entweder klassischen Spikes anvertraut werden kann, oder (wie bei mir) bodenschonenden, schraubbaren Hartgummihalbkugeln.

Anschluss gesucht

Bowers & Wilkins 606 Bi-Wiring-Terminal

Das Bi-Wiring-Terminal der B&W 606

Auf der Rückseite der Bowers & Wilkins 606 findet sich ein Bi-Wiring-Terminal mit vergoldeten und nach oben hin schräg stehenden Schraubklemmen, die auch Bananenstecker aufnehmen. Die Verbindung zwischen dem Hochton- und Tief-/Mitteltonzweig stellen vergoldete Blechbrücken her. Diese sind erfahrungsgemäß nur eine Lösung für den ersten Einsatz und klanglich meistens nicht optimal, so dass man hier schnellstmöglich einen Ersatz suchen sollte, wenn man denn nicht tatsächlich mit einem Bi-Wiring-Kabel oder gleich zwei separaten Kabeln arbeiten möchte. Leider ist das Terminal an den Seiten sehr eng gearbeitet, so dass zum Beispiel die empfehlenswerten Kabelbrücken von Audioquest mit Gabelschuhen gar nicht angebracht werden können.

Bowers & Wilkins 606: Klangtest und Vergleiche

Bowers & Wilkins 606 neben dem Rack

Die B&W 606 brauchen definitiv ein wenig Zeit, um zur Höchstform aufzulaufen. Was mitnichten bedeutet, dass sie frisch aus dem Karton schlecht klängen. Schon im jungfräulichen Zustand auf den B&W-Ständern mit gut 40 Zentimetern Abstand zur Rückwand, leicht in Richtung Hörplatz eingewinkelt platziert und ohne Bassreflexstopfen aufspielend, ringt mir die gebotene Wiedergabequalität der beiden weißen Kompakten in meinem 25 Quadratmeter großen Raum ein anerkennendes Hochziehen der linken Augenbraue ab. Doch nach gut drei Tagen hat sich die Performance nochmals in allen Belangen deutlich verbessert. Um die B&W 606 in einem realistischen Rahmen (und nicht mit meiner Norma-Audio-Verstärkerkombi und Gutwire-Verkabelung für grob 27.000 Euro) auf den Zahn zu fühlen, nuckeln sie an meinem treuen Linn Classik Movie 2, mit dem sie über das Lautsprecherkabel Fastaudio Black Science (um 15 Euro/Monometer) verbunden sind. Mit dem schottischen AV-Verstärker und seinen von einem Schaltnetzteil gespeisten 50 Watt (an den 8 Ohm Nennimpedanz der 606) pro Kanal kommen die Bowers & Wilkins 606 übrigens deutlich besser klar als die zeitgleich bei mir residierenden brandneuen Dynaudio Evoke 10, die sich an den ungleich muskulöseren Norma-Monos eindeutig wohler fühlen.

Streber?

Zuallererst fällt auf, dass mir wenig auffällt, die neuen B&W 606 im Großen und Ganzen also zunächst mal ziemlich „richtig“ klingen – nichts stört, es gibt weder unnatürliche Verfärbungen im Stimmbereich noch den vielen Kompaktlautsprechern zur akustischen Vortäuschung falscher Tatsachen anerzogenen wummerig-dröhnigen Bass, und die Schallverteilung im Hörraum ist gleichmäßig genug, um den Eindruck einer virtuellen Bühne auch unter größeren Winkeln zu erzeugen.

The Joy of Motion - Animals As LeadersAber der Reihe nach. Kollege Nick Mavridis, der vor kurzem das Vergnügen mit dem derzeitigen Topmodell der B&W 600er-Serie, der Bowers & Wilkins 603 hatte, beschreibt deren Charakter im Tiefton als durchaus kräftig und voluminös. Die kleinere B&W 606 offenbart in meinem Raum dagegen bis auf eine klitzekleine und stark aufstellungsabhängige Oberbassbetonung einen recht ausgewogenen Bassbereich, der sich nach unten hin ab etwa 50 Hz abwärts sanft ausblendet, bevor er sich in durchaus respektablen Regionen dann gänzlich verabschiedet. Der Tieftoncharakter gerät mit der 606 ebenfalls nicht knochig, jedoch würde ich ihn auch nicht als voluminös bezeichnen. Sogar mit im Bass überzogenem Material wie DVBBS & Bourgeois‘ „Tsunami“ dicken die Britinnen tonal nicht auf und bieten dabei über alles gesehen sogar eine eher straffe und trockene Bassqualität. Klar, an das Differenzierungsvermögen im Frequenzkeller von teureren Kompaktlautsprechern wie den Dynaudio Evoke 10 (um 1.400 Euro) mit ihren flinken 14er-Bässen kommen die Bowers & Wilkins 606 nicht ganz heran, jedoch erfreuen sie mit einem vollkommen zufriedenstellenden Timing beziehungsweise Impulsverhalten auch bei komplexeren rhythmischen Anforderungen wie in „Ka$cade“ von Animals as Leaders (Album: The Joy of Motion; auf Amazon anhören).

a perfect circle - mer de nomsEs ist trotz der zackigen Beschleunigung und ordentlichen Transientenattacke der B&W 606 gleichwohl nicht wirklich überraschend, dass die grobdynamischen Fähigkeiten der kompakten Lautsprecher im Hinblick auf körperhafte Wucht und tonale Masse nicht direkt mit denen von gleichteuren Standlautsprechern vergleichbar sind. Auch die Klassenkameraden vom Schlage einer Focal Chorus 706 (um 660 Euro) oder die günstige Canton GLE 436.2 (um 520 Euro) können einen etwas kräftigeren, physischeren Punch aufbieten. So oder so: Bei A Perfect Circles „Judith“ vom Album Mer de Noms (auf Amazon anhören) oder dem Titeltrack des Albums Around the Fur von den Deftones gelingt es den 606 bei gehobenen Lautstärken involvierend substanziell aufzuspielen, wenngleich die 16,5-er-Bässe eben eher impulsiv-knackig als fett slammend zur Sache gehen.

Vorhang auf für die Details

Bowers & Wilkins 606 Logo

Während sich die kleinen B&W 606 in Sachen grobdynamischer Wucht also eher gemäßigt geben (wobei der Bassbereich der 606 kein den Maximalpegel maßgeblich limitierendes Element ist, er mag es nur eben nicht auf die Dampframmen-Art), spielen sie mit Blick auf ihre wahrscheinlichen Einsatzszenarien sinnvollere anderweitige Trümpfe aus. Eine bezaubernd offene und klare, saubere Mittenwiedergabe zum Beispiel. Habe ich David Sylvains Stimme in „Wonderful World“ (Album: Sleepwalker) schon mal so charmant rau intoniert aus einem Lautsprecher im dreistelligen Preisbereich gehört? Eher nein. Kann ich die Obertöne der Streicher im selben Stück über meine (aktiven) Nubert A10 (um 570 Euro) so frei schwebend identifizieren? Noch ein Nein. Ganz ehrlich: Sogar eine hORNS FP6 (2.600 Euro) habe ich nicht als signifikant realistischer, klarer differenziert oder freier intonierend im Stimmbereich in Erinnerung als die B&W 606. Was keinesfalls an beschränkten Fähigkeiten der kleinen Polinnen liegt, sondern an der ihre Preisklasse überflügelnden Leistung der Bowers & Wilkins. Passend dazu geben die B&W 606 die Klangfarben der Oboen in Antonio Vivaldis „Konzert für 2 Oboen und Orchester C-Dur RV 534“ zwar recht nüchtern, keineswegs aber fahl wieder. Transparenz liegt ihnen nämlich vom Grundton bis in den Präsenzbereich deutlich hörbar mehr am Herzen als eine farbkräftige romantische Verklärung – das tut Vivaldi auch mal gut. In diesem Zuge schlägt sich die tonale Balance im Mittelton ein bisschen auf die schlanke, offene Seite mit besonders klarer Sicht auf Artikulationsgeräusche und Aspiration von Sängern und Sängerinnen. Allerdings sprechen wir hier von Nuancen – ein druckvoller Snare-Drum-Impuls zum Beispiel bleibt auch druckvoll und mutiert nicht zum Rimshot.

Bowers & Wilkins 606 Bassmitteltreiber ausgebaut

Lichtgestalt

Patricia Barber - CompanionDer grundsätzlich klare, saubere Hochton rundet das Frequenzband ohne echte Betonung luftig und detailreich nach oben hin ab – wobei das Wort „abrunden“ hier bitte nicht falsch verstanden werden sollte, denn von tonaler Zurückhaltung oder falsch verstandener Rücksichtnahme gegenüber schroff aufgenommenem Material kann keine Rede sein. Das bedeutet, dass die „doppelte“ Aluminiumkalotte von B&W eher einen Hauch Pfefferminzfrische ins Klangbild bringt, die den offenen Mittelton stimmig komplementiert, als sich mit seidig-cremiger Textur einzuschmeicheln. Vom Charakter her erinnert mich der Double Dome-Tweeter-Sound der B&W 606 dann auch eher an die kürzlich getestete XTZ Cinema M8 Tower als an die ebenfalls zum Test anstehende Dynaudio Evoke 10. Beide, XTZ und Dynaudio, vermögen allerdings so oder so einen im Vergleich zur deutlich günstigeren B&W 606 noch feiner granulierten und im positiven Sinne analytischeren Hochton zu realisieren. Das ist absolut keine Schande für die Britinnen, zumal die 606 die vorgenannten Focal Chorus 706 und Canton GLE 436.2 in dieser Disziplin wiederum ganz easy distanzieren können. Selbst die stark prononcierten Sibilanten einer Patricia Barber auf ihrem fantastischen Live-Album Companion (auf Amazon anhören) besitzen über die Bowers & Wilkins 606 ordentliches Durchsetzungsvermögen, verkneifen sich dabei jedoch unnötige Schärfen oder gar Penetranz. Sehr schön!

Modellierungsmeister

AC DC - Rock or BustGab es zu Beginn der Einspielphase noch so was wie einen Hang zur räumlichen Zweidimensionalität, so ist dieser nun weitgehend ad acta gelegt. Bei Jazz at the Pawnshop baut sich die Bühne des Stockholmer Jazz-Clubs Stampen in einem sich insgesamt zwar kompakt zwischen und hinter den Lautsprechern aufziehenden, dafür recht klar gestaffelten Raum auf. Ein bisschen wirkt das im Vergleich zu meinen Referenzlautsprechern Lansche Audio No 3.1 wie eine leicht nach hinten versetzte Replika im Maßstab 1:1,5. Die einzelnen Klangereignisse besitzen zwar eine vergleichsweise ätherische Präsenz und die Bühne eine geringere räumliche Ausdehnung – insbesondere in der Vertikalen, wo die B&W 606 knapp über der Oberkante ihrer Gehäuse einen virtuellen Deckel auf die Bühne setzt. Doch die Relationen der einzelnen Klangereignisse zueinander entsprechen fast denen der Lansche Audio No 3.1. So lässt sich zum Beispiel das Klirren der Gläser oder das Geräusch der Registerkasse eindeutig in der Tiefe des Raums – und selbst dort eindeutig links oder rechts hinten – verorten, während die Musiker in der mittleren Ebene der Raumtiefe ihr Bestes geben. Auch stellen die B&W 606 Schlagzeug, Bass und Gitarre auf AC/DCs 2014er-Album Rock or Bust (auf Amazon anhören) fein säuberlich differenziert auf die Bühne im Hörraum – und das sogar, wenn ich stehe beziehungsweise nicht im Sweet Spot sitze. Wohlgemerkt: Die Abbildung der B&W 606 erscheint holografisch für ihre Klasse erstaunlich präzise illusioniert, im Vergleich zum Beispiel zur Dynaudio Evoke 10 geht ihr jedoch ein wenig die körperlich greifbare Solidität von Klangkörpern ab, das Gefühl, die Akteure im Raum spüren (und nicht „nur“ vor dem inneren Auge sehen) zu können.

Bowers & Wilkins 606 Rückseite

Overkill?

Nach dieser Vorstellung will ich es mir nicht nehmen lassen, auch die in der Praxis eher unrealistische Kombination der B&W 606 mit meiner Norma-Verstärker-Kombi (DAC-Vorstufe und Monos liegen im Set bei 21.400 Euro) noch einmal genauer anzuhören. Und ja, der Qualitätssprung fällt selbst über diese 750-Euro-Lautsprecher mehr als deutlich aus. Im Bass kommt eine ordentliche Portion Kontrolle und etwas Erdenschwere hinzu, der Hochton dehnt sich noch luftiger und vor allem angenehm feinkörniger in Richtung Norden aus, und der Raum, in dem die Musiker sich auf der virtuellen Bühne tummeln, wächst in alle Richtungen quasi um einige Kubikmeter Luft an. Ihrer grundsätzlichen klaren und offenen, niemals sumpfigen Charakteristik bleiben die kleinen Bowers & Wilkins gleichsam treu, doch goutieren sie das nun gebotene Mehr an Qualität eindeutig mit großem Enthusiasmus und behalten so jederzeit noch souveräner den musikalischen Überblick. Sie sind in beiden Verstärkungsfällen Herren über das Geschehen – räumlich wie auch tonal, und das ist eine eher seltene Qualität in der dreistelligen Preisklasse.

Test: Bowers & Wilkins 606 | Kompaktlautsprecher

  1. 1 Amtlich agil!
  2. 2 Bowers & Wilkins 606: Klangtest und Vergleiche
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Kircher HiFi

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