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Jazzahead! 2015

Mai 2015 / Victoriah Szirmai

Und wieder ein Jubiläum in der deutschen Jazzlandschaft: Wurde letztens erst das Jazzfest Berlin fünfzig, feiert nun die Bremer Jazzahead! ihren zehnten Geburtstag. Vom eher beschaulichen Standort in der Hansestadt sollte sich der Besucher indes nicht täuschen lassen, hat sich die Messe mit angeschlossenem Festival doch längst als Europas größte Fachmesse für Jazz, ja mehr noch: als weltweit größter Branchentreff, etabliert – und das, ohne den Charakter einer Familienzusammenkunft eingebüßt zu haben. Ja, das Jazz-Milieu ist schon ein besonderes: Anders als in anderen Szenen trifft man hier auf keine rigiden Dress-Codes, kaum auf ungeschriebene Gesetze und nur selten auf eine kompromisslose „Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns“-Attitüde. Klar, auch im Jazz wird gelästert, werden Seilschaften gesponnen und Feindschaften gepflegt. Doch all dies geschieht auf einem letzten Endes dann doch weitaus freundschaftlicheren und weniger zynischen Level als beispielsweise im Pop. Jazz, so will es scheinen, macht frei.

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Dieses Jahr hat sich die Jazzahead! weiter vergrößert: Mit 929 ausstellenden Firmen und 3.010 Fachbesuchern aus 55 Ländern verzeichnet sie einen Zuwachs um etwa einunddreißig Prozent, dem mit Umzug in größere Hallen auf dem Bremer Messegelände Rechnung getragen wird. Geblieben ist das bewährte Konzept, an vier Messetagen nicht nur eine Business-Plattform zu bieten, sondern auch vierzig Showcases zu zeigen, von denen sechzehn auf das European Jazz Meeting, acht auf die Overseas Night, acht auf die German Jazz Expo und weitere acht auf die Auftaktnacht entfallen, in der sich Künstler aus dem jeweiligen Partnerland präsentieren. Diesjahr segelt sie unter der Flagge der French Night, hat man als Partnerland doch keine Geringere als die Grande Nation auserkoren.

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Nachdem sich daher am Donnerstag acht französische Acts, darunter Sylvain Rifflets Alphabet Quartet und das „französische Traumpaar des Jazz“, Vincent Peirani und Emile Parisien, präsentiert hatten, beginnt der Messefreitag um elf Uhr mit der offiziellen Eröffnung der Jazzahead! durch Jens Böhrnsen, Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen, und Philippe Etienne, Botschafter der Republik Frankreich. Musikalischer Gast ist das Quintett Papanosh, das schon im Rahmen der French Night zu hören war. Wer es nicht so mit offiziellen Grußworten hat, kann sich parallel zum Thema „Wie man ein stärkeres Digital Business Model im Jazz kreiert“ schlau machen, denn trotz Vinyl-Hype ist klar, dass für den Jazz die Zukunft im Digitalen liegt.

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Obwohl die Messe noch jung ist, steht um 12.30 Uhr schon ein Highlight an: Die Verleihung des mit fünftausend Euro dotierten Preises für deutschen Jazzjournalismus. Der geht diesjahr an den 1962 geborenen Wolf Kampmann, der seit einem Vierteljahrhundert ebenso wortgewaltig wie feinfühlig-analytisch das Jazzgeschehen kommentiert und obendrein, soviel Lokalstolz sei erlaubt, bei mir im Viertel lebt. Die Jury wurde gestellt von Vorjahrespreisträger Ralf Dombrowski, Spiegel-Redakteur Hans Hielscher und Posaunist Nils Wogram, der jetzt dem sichtlich gerührten Kampmann per Video ein Glückwunschständchen spielt. In einer emotionalen Rede bedankt sich der frischgekürte Preisträger, nicht ohne daran zu erinnern, welch Privileg es ist, sein Geld hörend und darüber reflektierend verdienen zu dürfen, in Zeiten, wo Menschen im Meer sterben, nur weil sie hier leben und arbeiten wollen. Das mag manch einer jetzt pathetisch finden, es ändert aber nichts daran, dass Kampmann Recht hat. Wir jammern alle zu viel. Schon wieder so viele CDs im Briefkasten! Schon wieder so ein enger Abgabetermin! Und dann hat der Redakteur auch noch die Überschrift geändert! Ist schon schlimm, das.

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Dermaßen eingestimmt, wirkt der Messetrubel geradezu zügellos. Die Umzug in die größeren Hallen ist überall zu spüren. Es ist laut. Es ist voll. Es ist schwül. Irgendjemand intoniert „Strange Fruit“, was selbst durch die Wände des Pressebüros, wohin ich mich zurückgezogen habe, völlig unpassend wirkt. Auf andere Gedanken bringen mich erst die Showcases der für heute angesetzten German Jazz Expo. Den Auftakt macht HATTLER in erprobter Besetzung mit Fola Dada an den Vocals, Torsten De Winkel an den Gitarren, Oli Robow am Schlagwerk und natürlich Hattler himself am Bass. Dessen im Grunde spät in der Nacht verwurzelte Musik funktioniert auch um vierzehn Uhr erstaunlich gut, völlig egal, ob uns der Meister ein sexy Duett für Stimme und Bass serviert, Nummern in klassischer Vocal-Quartet-Besetzung oder ein gut zehnminütiges, Bassdrum-getriebenes Instrumental. Groß! Das muss bei einem Flammkuchen gefeiert werden. Noch schnell kann ich bei Natalia Mateo, Geheimtipp der diesjährigen Jazzahead!, reinhorchen, dann geht es auch schon los. Das als nächstes auf meiner Konzertliste stehende Julia Kadel Trio fällt zwar der Flammkuchenorgie zum Opfer, sei den Lesern jedoch nichtsdestotrotz wärmstens ans Herz gelegt.

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Ich selbst sehe mir als nächstes eine beeindruckende Almut Kühne an, die mit Bassklarinetten- und Tenorsaxophonspieler Gebhard Ullmann ein experimentelles, durchaus forderndes Set zum Besten gibt. Leichte Kost für den heimischen Plattenteller ist dies mit Sicherheit nicht! Ohnehin scheint der Fokus des diesjährigen Jazzahead! auf eher experimentell-avantgardistischen Künstlern zu liegen.

Da tut zwischendrin ein bisschen Mitternachtsjazz wie jener von Björn Lückers Aquarian Jazz Ensemble ganz gut. In dessen auf der offiziellen Jazzahead!-Compilation vorgestelltes „Mellow“ habe ich mich gleich beim ersten Hören verliebt, und auch live enttäuscht die Formation des Schlagzeugers nicht. Positiv: Das Altsaxophon der 1989 geborenen Anna-Lena Schnabel, ihres Zeichens „die große Hoffnung des Hamburger Jazz“, klingt hier angenehm wenig nach Musikhochschule.

Am Abend dann steht das alljährliche Galakonzert in der Bremer Kultinstitution „Die Glocke“ auf dem Programm, das traditionell von Künstlern des jeweiligen Partnerlandes bestritten wird. Dieses Jahr gibt es mit dem Vincent Peirani Quintet und dem Richard Galliano 30th Anniversary New Musette Quartet sogar ein Doppelkonzert: Für die beiden Akkordeonisten hat man sich entschieden, da man in ihrem Instrument den typischsten Repräsentanten französischer Musik auszumachen glaubt, was ich jetzt einfach mal so stehen lasse. Wen es nicht in die Glocke zieht, kann heute auf der Overseas Night Künstlern wie Ed Motta, dem Bänz Oester & The Rainmakers oder den wunderbaren fatsO, der „Banda“ des von Leonard Cohen und Tom Waits inspirierten Sängers/Kontrabassisten Daniel Restrepo aus Kolumbien, lauschen.

Mit Samstag bricht der dritte Messetag an, und der hat vor allem die Showcases vom European Jazz Meeting auf dem Programm, mit Künstlern wie dem Omer Klein Trio, dem Florian Favre Trio, dem Franz von Chossy Quintet, ADHD, MOP MOP oder Veronika Harcsa & Bálint Gyémánt. In ihrem aufsehenerregenden Set beweist die Ungarin einmal mehr, dass sie nicht nur wie viele ihrer Kolleginnen eine simple Sängerin, sondern eine wirkliche Musikerin ist. Und obwohl nach der Show alle auf sie einstürmen, findet sie noch Zeit und Muße, mir für ein Interview Rede und Antwort zu stehen. Unser Gespräch gibt es demnächst auf fairaudio zu lesen. Eines vorweg: Ihr deutsches Plattenlabel Traumton Records hat die Sängerin via Google aufgetan. Die Berliner Plattenfirma ist diesmal mit einem eigenen Stand auf der Messe vertreten, und es läuft – schenkt man Labelchefin Stefanie Marcus Glauben – sehr, sehr gut. Allein die Showcases der labeleigenen Künstler – neben Harcsa & Gyémánt sind auch David Helbock und Holler My Dear-Frontfrau Laura Winkler mit ihrem Wabi-Sabi Orchestra mit von der Partie – hätten den Aufwand gelohnt.

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Weitere Aussteller sind neben den üblichen Länderbüros Labels wie Berthold Records, Bands wie Quadro Nuevo, Fachzeitschriften wie Jazzthetik, Tonstudios wie Bauer, Festivals wie JazzKorea und Dienstleister wie Pallas, eines der letzten verbliebenen Presswerke für Schallplatten in Europa. Ich nutze die Gelegenheit, Geschäftsführer Holger Neumann auf den Zahn zu fühlen, hatte ich doch erst kürzlich anlässlich des Record Store Days gelesen, dass die gesteigerte Nachfrage nach Vinyl zum endgültigen Untergang der Schallplatte führen wird, da die letzten Maschinen umso schneller verschlissen würden. Ein allzu düsteres Zukunftsszenario, Herr Neumann?

Es sei in der Tat ein Problem, dass es für die alten Maschinen keine Ersatzteile mehr gäbe. Zwar ließe Pallas ab und an welche nachbauen, doch sei dies mit enormem Aufwand und immensen Kosten verbunden. Je mehr Platten gepresst würden, desto mehr nutzen sich die Maschinen ab. „An Presswerken überlebt, wer es versteht, die Maschinen am besten zu pflegen“, sagt Neumann. Im Moment gäbe es mehr Anfragen nach der Produktion von Schallplatten, als bewältigt werden könnten. „Die Wartezeiten sind enorm!“ Ist es denn wahr, dass durch den Vinyl-Hype die Presswerke mittlerweile für die zahlungskräftigen Majors reserviert sind und die kleinen Labels das Nachsehen haben? „Das ist betriebswirtschaftlich richtig, taktisch jedoch falsch“, meint der Pallas-Mann. Irgendwann gingen die Majors kaputt und seien wieder auf die kleinen Labels angewiesen – die aber seien nicht mehr da, wenn man sie vorher in den Ruin getrieben habe. Pallas behandele die Majors jedenfalls nicht bevorzugt, komme was wolle: „Uns sind unsere Stammkunden wichtiger. Die haben in schlechten Zeiten zu uns gehalten, jetzt sind umgekehrt wir für sie da“, fasst er die Firmenphilosophie zusammen.

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Angezogen von der Stand-Deko mit Porzellanleuchte und Efeu komme ich mit hey!blau Records-Geschäftsführer Thomas Mühlhoff ins Gespräch, dessen Firma den Service „Plattenfirma to go“ anbietet.

Mehr als dieser interessiert mich aber ein Exponat aus den hey!blau Labs, dem angegliederten Kreativ-Labor und Label für Produktdesign: der in Anlehnung an den Kult-Gitarristen Jimmy Page „Jimmy Cage“ benannte Schallplattenhalter/-wechselbilderrahmen Frame Your Records, der ab Mitte Juni für neunundachtzig Euro den Markt aufzumischen hofft. Hängbar, stellbar, stabelbar würde er auf jeden Fall mein persönliches Plattenplatzproblem elegant lösen.

Apropos elegant: Eine weitere schöne Idee auf der diesjährigen Jazzahead! ist die BoConcept Lounge/Silent Jazz Stage. Hier kann man den Künstlern, auf bequeme Lederlandschaften gefläzt, über Kopfhörer lauschen und somit wirklich zuhören – beispielsweise dem von Quincy Jones protegierten Pianisten Justin Kauflin. Wer statt Ohrenschmaus auf Futter für den Intellekt aus ist, wird bei den Diskussionspanels des Fachprogramms fündig. Neben dem erwartbaren Themenkomplex der Digitalisierung („Von Streaming bis HiRes-Audio – die Positionierung von Jazz im digitalen Markt“) werden hier Fragen diskutiert wie jene, ob der Jazz eine fragile Musik sei, die es mit öffentlichen und/oder privaten Fördermitteln zu schützen gelte, oder ob man ihn getrost den Gesetzen des freien Marktes überantworten solle. Auch die Problematik der Überalterung bleibt in „Auf der Suche nach Umbruch & Verjüngung in der deutschen Jazzszene“ nicht unangesprochen.

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Die Verjüngung des Jazz – auf den Bühnen hat sie schon längst stattgefunden, wie die ebenfalls am Samstag stattfindende Clubnight beweist. Hier spielen Acts wie Johanna Borchert, Eric Schwartz oder W), das Duo-Projekt von Gitarrist Peter Woelpl und Schlagzeuger Oli Rubow, der am Freitag schon bei HATTLER zu hören war. Die Locations der Clubnight erstrecken sich über ganz Bremen, von der Weserburg über die Zollkantine zum Seefrachter De Liefde. Eine Hauptrolle spielt wie immer das direkt neben den Messehallen residierende Kulturzentrum Schlachthof mit seiner einmaligen Atmosphäre. Die Clubnight konkurriert mit dem späten Teil des European Jazz Meetings – am liebsten würde man sich zehnteilen! Ich entscheide mich, Verjüngung hin wie her, für eine klassische Legende: den französischen Klarinettisten Louis Sclavis mit seinem Silk and Salt Melodies Quartet. Regen Zulauf hat auch die ECM Night im Sendesaal Bremen, die das Trio des dänischen Gitarristen Jakob Bro, das Mathias Eick Quintet aus Norwegen, das italienische Giovanni Guidi Trio und das Quartett des englischen Saxophonisten Andy Sheppard auffährt. Es wird eine rauschende – und vor allem: lange – Nacht.

Jazzahead! 2015 Clubnight

Wer am Sonntagmorgen beim traditionellen Hangover Breakfast noch aufnahmefähig ist, erfährt, dass im nächsten Jahr die Schweiz als Partnerland ausgewählt wurde. Dann wird abgebaut, verabschiedet und eine verhalten optimistische Bilanz gezogen – eine Einschätzung, die mehrere Aussteller teilen: Nach eher schwierigen Jahren zeigt das Trendbarometer in Sachen Jazz eine vorsichtige Aufwärtstendenz.

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