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Jazzahead! 2013

Mai 2013 / Victoriah Szirmai

Nachdem sich die nunmehr zur Berlin Music Week verstümmelte Popkomm mittlerweile selbst abgeschafft hat und auch für 2013 nur Ungutes, wenngleich noch wenig Konkretes ahnen lässt – betreibt man hier nun doch mit Hilfe eines Konzepts namens „Call for Participation“, bei dem potenzielle Teilnehmer gehalten sind, „eigene Themen auf die Agenda zu setzen“ (sprich: selbst um diese muss sich der Veranstalter keine Gedanken mehr machen) Selbst-Outsourcing bis zur Selbstaufgabe –, befand die genervte Autorin, dass es in Sachen Musikmesse endlich Zeit für etwas Anderes, Besseres wird. Und was lag da mit Blick auf die letzten Ausgaben von Victoriah’s Music näher, als es diesmal ein bisschen jazziger angehen zu lassen? Kofferpacken ist angesagt: Bye bye, Berlin. Hallo Bremen!

Jazzahead! 2013 Bremen Messehalle Tor

In der schönen Hansestadt an der Weser übernehmen einmal im Jahr die Jazzmusikanten das Regime und stehlen ihren sagenhaften Kollegen, den Bremer Stadtmusikanten, vier Tage lang die Show, wenn die Jazzahead!, Europas größte Fachmesse für Jazz, ihre Tore öffnet. 2013 findet die Messe vom 25. bis 28. April zum mittlerweile achten Mal statt – und schon am Hauptbahnhof, wo der anreisende Journalist dem ersten Promoter in die Fänge gerät, gibt sich Bremen bestens vorbereitet, wie der Blick auf die Auslage des ansässigen Presseshops zeigt.

Jazzahead! 2013 Bremen Hauptbahnhof Presseshop

Auch sonst ist die Atmosphäre von einem warmen Willkommen geprägt, versteht sich die Jazzahead! doch ausdrücklich nicht nur als Fachmesse, zu der dieses Jahr sage und schreibe 593 Aussteller aus 33 Ländern angereist sind, sondern vor allem auch als Treffpunkt der internationalen Jazzszene. Nicht zuletzt liegt auch meine Motivation zur Teilnahme darin begründet, hier endlich einmal die Menschen zu treffen, mit denen ich – um Ihnen, verehrte Leser, entweder tolle Musik zu empfehlen oder Sie vor enttäuschenden Platten zu warnen – seit Jahren online zusammenarbeite, die ich aber bislang noch nie persönlich getroffen habe, seien es Promoter, Labelmanager oder eben die Künstler selbst.

Jazzahead! 2013 Partnerland Israel

Denn im Grunde sind es deren Showcases, die mich nach Bremen locken: Wo wird einem schon einmal so viel hochkarätiger Jazz am Stiel, äh, am Stück, geboten? So zieht mich mit seinen vielen Live-Acts vor allem das diesjährige Partnerland Israel an, dessen vielfältige Musik-Szene – man denke hier nur an Yael Naim, Noa oder Ofrin, an die Balkan Beat Box, das Shabbat Night Fever oder Gad von den Dirty Honkers – ich in den letzten Jahren nicht nur für ihre Genre-übergreifende Offenheit schätzen gelernt habe, sondern der ich mich in quasi familiärer Verbundenheit auch persönlich besonders zugeneigt fühle.

Jazzahead! 2013 Olivia Trummer

Bei der Jazzahead! 2013 stehen – neben einem Fachprogramm, das sich mit Konferenzthemen wie „Digital/Online Music Marketing“ oder dem vom israelischen Business-Coach Opher Brayer geleiteten Workshop „Jazz und Erfolg sind kein Widerspruch“ tapfer dem Nischendasein und nerdigen Image des Jazz entgegenstellt – im Rahmen des in die Themenbündel „Israeli Night“, „German Jazz Expo“, „Overseas Night“ und „European Jazz Meeting“ unterteilten Showcase-Programms Bands aus neunzehn Ländern, darunter Künstler wie Olivia Trummer mit dem Olivia Trummer Trio, das Zodiak Trio oder das Helge Lien Trio, auf der Agenda. Daneben freue ich mich auf die Musiker, die ich erst durch die vorab verschickte, offizielle Jazzahead!-Compilation für mich entdeckt habe: das finnische Kokko Quartet, den Tel Aviver Gitarristen Yotam und die kanadische Singer/Songwriterin Chloe Charles. Am allermeisten aber gibt das für Freitagnacht angesetzte Gala-Konzert der Messe mit Ausnahmebassist Avishai Cohen Grund zur Vorfreude.

Jazzahead! 2013 Avishai Cohen

Und diese wird nicht enttäuscht. Nach einem kurzen Check-in bei Hotel und Messeregistratur steht der Donnerstag ganz im Zeichen der Israeli Night. Yotam Silberstein eröffnet mit seinem Song „Bye Y’all“ nicht nur die Compilation-CD, sondern auch den ersten Showcase der Messe. Die Spiele können beginnen! Und das tun sie, verteilt zwischen Halle 2 des Messegeländes und dem Kulturzentrum Schlachthof. Yotams Rhythmusgruppe, Bassist Gilad Abro und Schlagzeuger Amir Brevler, der vormals bei Avishai Cohen gespielt hat, unterstützen im weiteren Verlauf des Abends auch noch Klarinettist Daniel Zamir, während Abro allein zudem noch als Vokalist bei LayerZ zu hören sein wird. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, die israelische Jazz-Szene sei eben überschaubar. Es könnte aber auch für die herausragende Qualität der genannten Musiker sprechen, dass ein jeder nach einer Kollaboration mit ihnen strebt. Und Qualität ist hier definitiv vorhanden. Gut für uns, dass – wie auch beim ESC und anderen Veranstaltungen – Israel trotz geografischer Ferne aufgrund kultureller Nähe kurzerhand Europa und damit dem europäischen Jazz zugeschlagen wird. Wenn das so weitergeht mit der Jazzahead!, können alle anderen einpacken.

Jazzahead! 2013 Yotam Israeli

Es geht so weiter. Im Rahmen der freitäglichen German Jazz Expo schaue ich mir das erfrischende Olivia Trummer Trio an, das mit neun anderen Acts aus insgesamt siebenundfünfzig Bewerbern zur Deutschjazzrepräsentation ausgewählt wurde. Und da die Förderung des deutschen Jazz eines der zentralen Anliegen der Jazzahead! ist, präsentiert man sich nicht wie die anderen Länder mit einem einzigen Länderstand, sondern mit Gemeinschaftsflächen à la German Market. Da sind dann Labels wie Ozella oder ECM dabei, während beispielsweise die legendären Bauerstudios oder Berthold Records, das junge Bremer Label für Klassik und Jazz, das uns gerade erst mit In-Between Seasons & Places vom Peter Schwebs Quintet verzaubert hat, in der eigenen Messebox Hof halten. Das ist eine praktische Sache, denn in den Gängen zwischen den Messeständen lassen hektisches Gewusel, spontane Jam-Sessions und diverse Empfänge nichts mehr vom gestrigen „Quiet Day“, als welcher der Donnerstag traditionellerweise gilt, ahnen. Musik und Menschen allüberall! Wer im Vorfeld keine exakt getimten Dates arrangiert hat, trifft sich auch nicht …

Jazzahead! 2013 Berthold Records

Da tut es gut, wenn man nach dem bunten Treiben nicht nur einen kurzen Abstecher in die gleichfalls Israel-inspirierte Catering Area machen, sondern hinaus in die kühle Abendluft zum bis auf den letzten Platz ausverkauften Konzerthaus „Die Glocke“ schlendern kann, um Avishai Cohens Programm „Seven Seas“ zu hören. Der verfolgt eine rigide Foto- und Filmpolitik und gilt auch sonst im Umgang mit Pressevertretern als … sagen wir mal: schwierig. Nachdem ich ihn aber spielen gehört, gesehen, ach was: erlebt! habe, verstehe ich plötzlich. Cohen legt sein ganzes Sein in sein Spiel, gibt sich seinem Publikum restlos hin, verausgabt sich total. Alles, was er zu sagen hat, sagt er durch die Musik – und das mit nachgerade überirdischer Virtuosität. Warum soll er danach noch blöde Fragen beantworten? Wenn Avishai Cohen spielt – und manchmal dauert es seine Zeit, bis er sich in eine Stimmung eingefühlt und den ersten Ton angeschlagen hat –, ist es, als offenbare sich ein Mysterium. Wer ihn und seine unglaublichen Musiker, den Pianisten Nitai Hershkovits und den blutjungen Ofri Nehemya, in dieser Nacht gehört hat, dem wurde ein noch lange nachklingendes musikalisches Erweckungserlebnis zuteil. An den Besuch der für die spätere Nacht angekündigten Jazz@Israel Jam Session im Park Hotel ist da nicht mehr zu denken, so emotionstrunken und musikgesättigt fühlt man sich.

Jazzahead! 2013 Catering

Auch die Overseas Night ist der Cohen’schen Nachwirkung zum Opfer gefallen. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn die Künstlerin, die ich mir aus diesem Block herausgepickt habe, ist auch am Samstag zu hören: Da spielt Chloe Charles ihr akustisches Programm im Rahmen der ¦koda Club Night, einer Art „Langen Nacht der Musikspielstätten“, noch einmal. Auf den von der namensgebenden Automarke zur Verfügung gestellten Shuttle-Service kann man getrost verzichten, denn die Bremer Spielorte lassen sich lässig ablaufen (was meiner Meinung nach einer der Gründe ist, weshalb die Berlin Musik Week nicht so recht auf die Füße kommen will, da ist alles viel zu weitläufig). Allein das KITO, wo Charles spielt, liegt im Bremer Nordwesten, genauer: im circa siebzehn Kilometer entfernten Vegesack. Die Hau-Ruck-Aktion mit Taxi (hin) und Nordwestbahn (rück) lohnt sich allerdings, denn die Folk-Circe hat nicht nur das zweifelsohne interessanteste Künstlerplakat der ganzen Jazzahead!, sondern zeigt als eine Art düstere Carol King mit Geigen- und Bratschenbegleitung (die sich auf ihrer Platte „Break The Balance“ allerdings weitaus elektronischer gibt), wie dehnbar der Begriff Jazz doch ist.

Jazzahead! 2013 Chloe Charles

Andere Hot Spots außerhalb der Bremer City sind der Sendesaal Bremen, wo man den Auftritt des fünfzehnköpfigen Ensembles vom norwegischen Posaunisten Helge Sunde erleben kann, das Kasch in Achim, die Zollkantine im Bremer Westen oder das Schiff De Liefde in der Neustadt. Ich eile aber zurück zum Schlachthof, denn das letzte Set der Messe wird von dem Mann bestritten, der der Grund ist, weshalb ich meinen ursprünglich für zwei Nächte geplanten Aufenthalt um eine weitere Nacht verlängert habe: dem Schweizer Geiger Tobias Preisig, dessen hypnotische Klanggrenzgänge auch das Bremer Publikum zu einem Spaziergang auf dem Seelengrund einladen. Ein würdigeres Ende hätte die Jazzahead! nicht finden können.

Jazzahead! 2013 Tobias Preisig

Zwischendurch wird noch der traditionelle ¦koda Award, mit dem herausragende Persönlichkeiten der internationalen Branche geehrt werden, an den niederländischen Schlagzeuger Han Bennink vergeben, der Preis für deutschen Jazzjournalismus an Publizist Ralf Dombrowski verliehen und der zehnte Geburtstag des in San Francisco gegründeten und in Harlem ansässigen, mehrfach Grammy-nominierten Labels Motéma gefeiert. Labelpräsidentin Jana Herzen lässt es sich nicht nehmen, persönlich zum Jubiläum zu laden und bei dieser Gelegenheit auch das Geburtstagsständchen zu singen, begleitet von Bassist Charnett Moffett, der die Feierlichkeiten eröffnet und nicht nur beweist, dass Solobass funktioniert, sondern Dank der musikalischen Huldigung seiner großen Landsmänner wie Thelonious Monk, Duke Ellington, Miles Davis, Wynton Marsalis oder Charles Mingus auch etwas amerikanischen Flavor nach Bremen bringt. Sein aktuelles Album „The Bridge – Solo Bass Works“ birgt neben deren Kompositionen auch noch ein grandioses Eleanor Rigby-Cover, einen Sting-Titel und jede Menge Eigenkompositionen. Übersee-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten – dabei schielt man dort voller Bewunderung, gar Neid auf eine Messe wie die Jazzahead!, denn Vergleichbares kann man selbst nicht bieten. Denkt sich auch Tango-Country Argentinien, welches sich dieses Jahr erstmalig auf der Jazzahead! präsentiert.

Jazzahead! 2013 Charnett Moffett

Sorgen um die Zukunft des europäischen Jazz muss man sich wahrhaftig nicht machen, gemessen an der Vielzahl von Initiativen, Labels, Magazinen und Festivals, die auf der Messe vorgestellt werden. Dominierend sind neben dem Förderschwerpunkt Deutschland die Jazz-Urgesteine Dänemark, Norwegen und Finnland, die dank eines extrem professionellen Jazz-Marketings auch mit den umfangreichsten Compilation-CDs aufwarten. Klar, dass sich beispielsweise bei den Norwegern dann auch alte Bekannte wie Solveig Slettahjell, das Helge Lien Trio oder Karl Seglem wiederfinden, während das finnische Projektmanagement den Journalisten das Promo-Material bereits vorab per Päckchen zukommen ließ, in dem auch das wunderbare Kokko Qartet steckte, über das Sie – professionelle Werbung gepaart mit hoher Produktqualität wirkt eben doch! – demnächst an dieser Stelle noch mehr lesen werden. Neben diesen üblichen Verdächtigen sind 2013 aber auch erstmals Jazz-Exoten wie Polen oder Litauen mit von der Partie.

Jazzahead! 2013 Post aus Finnland

Bei der gebotenen Vielfalt muss man sich von einem Gedanken ganz schnell verabschieden: dem eines homogenen Klangbildes des „Europäischen Jazz“, dem ja immer noch das kühl-distanzierte ECM-Label anhaftet und der gern als Gegenpol zum „heißen“ amerikanischen Jazz bemüht wird. Klar, den gibt es auch. Aber ebenso kochendes Hexenküchengebräu, und, was immer wichtiger wird: Jazziges, das die (Volks-)Musiktraditionen des jeweiligen Herkunftslandes aufgreift. Ob nun Ilana Eliya aus Israel ihre kurdischen Weisen singt, Malox (mit Balkan-Beat-Box-Saxophonist Eyal Talmudi) eine Folk-Prog-Punk-Impro hinlegen, sich die deutsche Sängerin Esra Dalfidan auf der Suche nach ihren Wurzeln in türkischer Folklore verliert und wiederfindet, Leon Gurvitch von Klezmerinspiration durchdrungen ist, Oliver’s Cinema im Filmmusikalischen mäandert oder Tamara Obran sich auf ihre mediterranen Ursprünge beruft – europäischer Jazz heute hat unzählige Gesichter und kann tausende Geschichten erzählen. Daraus resultiert eine nicht nur stilistische, sondern auch geistige Offenheit, wie man sie im Grunde nur in altbekannten Schmelztiegeln wie etwa New York erwarten würde.

Jazzahead! 2013 Eindrücke

Fazit: Das Fachprogramm der Jazzahead! funktioniert nach dem Workshop-Modell, was heißt, dass man selbst mitmachen muss, anstatt sich lediglich be-referieren zu lassen. Check. Das Networking ist unkompliziert und familiär: Man frischt alte Bekanntschaften auf, macht neue und fühlt sich unversehens aufs herzlichste willkommen als Teil der vielzitierten Jazzfamilie. Double-Check. Und dann sind da noch die Showcases, Jam-Sessions, Konzerte, die die Vielfalt des europäischen Jazz von HipHop bis Singer/Songwriter, von Klassik bis Punk, hautnah miterleben, einsaugen, mehr haben wollen lassen … So viele Häkchen, wie er verdient, kann man hinter diesen Punkt gar nicht setzen, während man heftig kopfnickend festhält: Bei dieser Musikmesse geht es tatsächlich vor allem um Musik. Vielleicht hieße vom Jazz lernen ja siegen lernen, Berlin.

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