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Jazzfest Berlin 2014

Dezember 2014 / Victoriah Szirmai

Die Chance war da. Sie wurde vertan. Das lag vor allem am Line-up zum fünfzigsten Geburtstag des Berliner Jazzfestes, aber auch am Publikum, dem man die großspurig angekündigte – und dringend benötigte – Verjüngung nicht anmerkte. Mit schlohweißem Haupt und angetan mit Festtagsgarderobe schieben sich anstelle von erlebnishungrigen Mittzwanzigern jene Jazzfans durch das Berliner Festspielhaus, die wohl schon im Auftaktjahr 1964 dabei waren.

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Damals hatte das Jazzfest noch Relevanz. Schließlich galt die seinerzeit noch „Berliner Jazztage“ genannte Veranstaltung jahrzehntelang als wichtigstes Jazzfestival Deutschlands. Wahre Tumulte sollen dort zu erleben gewesen sein, geschuldet den hochkochenden Emotionen ebenjenes heute in die Jahre gekommenen Publikums, das zu frenetischer Begeisterung ebenso in der Lage war wie zu wüstesten Beschimpfungen. Zum Beispiel, als der seinerzeit 28-jährige Berliner Pianist Alexander von Schlippenbach mit seinem Globe Unity Orchestra 1966 den seinerzeit heftig umstrittenen Free Jazz erstmals auf die große Bühne holte. Legendäre Momente wie dieser sorgten dafür, dass das Jazzfest Berlin selbst in seinen schwächsten Jahren, als es lediglich noch rotweintrinkende Studienräte und rollkragentragende Intellektuelle anzog, vom Nimbus des wilden, widerständigen, unerhörten und unerwarteten Neuen zehrte.

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Für ein Skandälchen am Rande sorgt diesjahr allenfalls die Entscheidung, die New Yorker Jazz-Rebellen Mostly Other People Do The Killing (MOPDtK) auftreten zu lassen. Und selbst das zufällig, denn das Jazzfest-Programm war bereits fertig, bevor die Band mit ihrem im Oktober veröffentlichten Album Blue, das nichts Geringeres als den Versuch einer notengetreuen Wiedergabe von Miles Davis‘ Meilenstein Kind of Blue darstellt, die Jazzpolizei auf den Plan rief: Anders als im Falle herkömmlicher Tributalben geht es den New Yorkern hier nicht um eine Interpretation, sondern um eine exakte Kopie, Note für Note. Kein Wunder, dass beispielsweise der amerikanische Jazztrompeter und -arrangeur Jack Walrath in einem blaugetönten sozialen Netzwerk einen Rant vom Stapel ließ, der sich gewaschen hat und in welchem er MOPDtK wortgewaltig eines „abominable, cynical, disrespectful assholism” zeiht. Und das war jetzt noch eine der harmloseren Stellen.

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Mostly Other People Do The Killing: vorne David Taylor, im Hintergrund Bandchef Moppa Elliott am Bass

MOPDtKs Show in Berlin indessen geht von dieser (und überhaupt jeglicher) Kontroverse vollkommen unbeleckt über die Bühne – wie auch viele der anderen Konzerte, völlig zu Recht von Jens Balzer in der Berliner Zeitung als „überwiegend uninteressant” und von Ralf Dombrowski in der Neuen Musikzeitung als „durchwachsen“ beschrieben. Nichts stört die gediegene Konzertsaalatmosphäre im Jubiläumsjahr, das passend friedfertig ganz im Zeichen Martin Luther Kings steht. Kein Geringerer als der US-Bürgerrechtler höchstpersönlich nämlich eröffnete vor fünfzig Jahren die Berliner Festwochen. Grund genug, zum Jubiläum großflächig daran zu erinnern. Etwa mit dem Auftragswerk „Tribute: MLK Berlin ’64” des New Yorker Multiinstrumentalisten und Avantgardekomponisten Elliott Sharp. Oder dem der spirituellen Tradition der Black Church huldigenden Auftritt von Fusion-Pianist Jasper van’t Hoff, der die Orgel der Gedächtniskirche gemeinsam mit dem für den erkrankten Benny Golson eingesprungenen Saxofonisten Archie Shepp zittern macht. Oder den ebenfalls eigens für das Festival arrangierten „Feedom Songs“ der WDR Bigband, die sich auf den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren beziehen und der ansonsten so reservierten Zuhörerschaft ob einer unsäglichen Melange aus dem Scorpion’schen Winds of Change und den Gedanken, die da frei sind, noch den einen oder anderen Buh-Ruf entlocken werden.

Dem Umbruchsgeist der Vorwendejahre widmen sich hellsichtig auch die eher in der Neuen Musik angesiedelten Kurzopern von Jochen Berg und Ulrich Gumpert, die am dritten Festivaltag erklingen. Themengeber Martin Luther King wird hier allenfalls ideell gestreift. Dessen Persönlichkeit, so Bernd Noglik, seines Zeichens künstlerischer Leiter des Jazzfestes, sei einfach „ein glänzender Referenzpunkt für das Jazzfest“, den es gelte musikalisch intellektuell und emotional zu interpretieren. Dabei wolle man die politischen Themen gar nicht konkret illustriert wissen – vielmehr stünde „der künstlerische Umgang mit dem Freiheitsgedanken” im Fokus des diesjährigen Jazzfestes. Dessen Programmentwicklung sei dann auch einem „assoziativen Zueinanderfügen” gefolgt, „anstatt sich an einem Thema abzuarbeiten”.

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Neben dieser mehrheitsfähigen Geschichtsaufbereitung scheint Noglik im Jubiläumsjahr vor allem wichtig zu sein, „zu vermeiden, dass es eine Reminiszenzveranstaltung wird“. Vielmehr gelte es, die dem Jazz ohnehin innewohnende Dialektik von Tradition und Avantgarde, Erinnerung und Zukunftsmusik wieder stärker ans Tageslicht zu bringen. Aus diesem Grund sind im Festspielhaus nicht nur die einstigen jungen Wilden wie der mittlerweile 78-jährige von Schlippenbach, der gemeinsam mit Aki Takase eine grandiose Hommage an Eric Dolphy zelebriert, mit von der Partie, sondern vor allem auch junge Künstler, denen sich das Jazzfest in diesem Jahr vermehrt öffnen will und die an einzelnen Spielorten „Reibung ins Programm“ bringen sollen. Traditioneller Hard Bop könne da durchaus schon mal auf Punkiges oder TripHoppiges treffen, ohne sich dabei wie bislang auf die Seitenbühne beschräken zu müsen. Soweit die Theorie.

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In der Praxis kann ich dann aber gleich am ersten Festivalabend nur das beobachten, für dessen treffende Beschreibung ich nochmals Jens Balzer bemühen möchte: „musikalisches Biedermeier“. Denn obgleich man tatsächlich viele junge Küstler wie etwa das Quartett um die erst 28-jährige Schlagzeugerin Eva Klesse eingeladen hat, will der Funke nicht so recht überspringen. Erst beim Auftritt des Saxophonisten Francesco Bearzatti und seinem Tinissima 4tet, das mit seinem „Monk’n’Roll“-Programm, wo die Melodien Thelonius Monks mash-up-artig gegen jene aktueller Rock- und Pop-Nummern antreten müsen, kommt etwas Leben ins Festspielhaus, was in diesem Falle bedeutet: Man sieht tatsächlich den einen oder anderen Fuß im Takt tappen. Auf der Seitenbüne mühen sich alldieweil die „Doomjazzer“ der schottischen Formation Free Nelson Mandoomjazz, trotz bzw. – wie ungemein subversiv! – wegen ihres Jazzbackgrounds, mit Heavy Metal-Klägen zu verstören. Ein Konzept, das nur schiefgehen kann – und es prompt auch tut. Will man sich nach dem Sinn des Ganzen fragen, ruft man sich besser den im Vorabpressegespräch verkündeten Vorsatz der übertragenden ARD ins Gedächtnis, das Programm so aufzubauen, „dass es natürlich keinen Hörer verschreckt“. Ein bisschen mehr Mut hätte dabei allerdings nicht geschadet, denn vom Jazz als einer trimphanten, gar revolutionären Musik sind wir hier weit entfernt.

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Johanna Borchert spielte im A-Trane

So ist es dann auch nicht die vielbeschworene Seitenbühne des Festspielhauses, die das Jazzfest rettet. Es ist der legendäre Charlottenburger Jazzclub A-Trane, der im Rahmen des Jazzfestes als Off-Site-Location bespielt wird. An den ersten beiden Festivaltagen von der durchaus auch mal anstrengenden Schweizer Sängerin Sarah Buechi, die mit ihrem Programm „Flying Letters” eine Art vertontes Reisetagebuch zu Gehör bringt, an den weiteren beiden Tagen von der Berlinerin Johanna Borchert. Die klingt vielen noch als Pianistin des Quartetts Schneeweiss und Rosenrot im Ohr, das sich vor allem für sein musikalisches Grenzgängertum zwischen Jazz, Pop und Improvisation einen Namen gemacht hat. Diesen Gedanken führt Borchert, die auf ihrem aktuellen Soloalbum FM Biography erstmals als Leadsängerin in Erscheinung tritt, im A-Trane konsequent fort. Hier entstehen jene magischen, ja: mystischen Momente voller Inspiration und Idealismus, voller Konzentration und Könnerschaft, voller Leidenschaft und Luftanhalten, die, während man auf der Hauptbühne des Festspielhauses mit Jason Moran und seiner für das Jazzfest ungewöhnlich körperlichen „Fats Waller Dance Party” langsam ins Finale groovt, eine Ahnung davon erhaschen lassen, was Bernd Noglik gemeint haben könnte, als er im Festivalvorfeld vom Jazz als einer „Musik, die prinzipiell gegen den Status Quo ist”, sprach. Und hier ist es auch, das junge Publikum für den Jazz, das jutebeuteltragende Jungvolk, das sich sonst eher in einschlägigen Neuköllner Etablissements herumtreibt und so oft herbeigeredet, doch nur so selten gesichtet wird.

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Auch wenn die Jazzfestmacher einen Auftritt wie den von Johanna Borchert als Erfolg verbuchen können – dadurch allein lässt sich ein komplettes Festival nicht rausreißen. Auf der Suche nach den jungen Impulsgebern des Jazz ist man mit anderen Festivals besser bedient. Beispielsweise mit dem gerade erst für einen European Festival Award nominierten X-JAZZ. Vermutlich ist sich Bernd Noglik dessen bewusst. Der nämlich realisiert mit dem Jubiläumsjahr nicht zuletzt seinen Ausstand als Festivalleiter. Über seinen designierten Nachfolger, den britischen Musikjournalisten Richard Williams, lässt Festspiele-Intendant Thomas Oberender offiziell verlautbaren: „Sein Blick auf dieses Genre ist frisch und weltoffen.“ Ob er auch mit genügend Mut gesegnet ist und als nicht in der hiesigen Szene Verwobener den Geschmack des jungen Berliner Jazzpublikums zu treffen und damit den Fortbestand des Festivals zu sichern vermag, wird sich zeigen. Gelingt es ihm, um einmal Johanna Borchert selbst zu Wort kommen zu lassen, indessen nicht, „den Jazz und das Jazzfest für andere Strömungen zu öffnen, stirbt es irgendwann aus“. Wobei „irgendwann“ schon 2015 sein könnte.

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