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Sonus faber

Sureste – Meditango und Quadro Nuevo – Tango

April 2015 / Victoriah Szirmai

Der Beruf des Musikbeschreibers bringt es mit sich, ab und an über weniger schöne Veröffentlichungen zu stolpern. So erging es mir erst kürzlich, als ich mich mit der neuen Veröffentlichung eines Berliner Tangoquartetts konfrontiert sah. Anstatt mich jedoch lediglich fürchterlich über die dort vorgeführte kunststudentische Tangoimitation, überambitioniert und blutleer, zu ärgern, wanderten meine Gedanken stoßseufzergleich zu denen, die wissen, wie man Tango macht: dem Sureste Tango Trio. Dessen 1998-er Debüt Soledad ist meine privat meistgespielte Tangoplatte, und das noch vor dem Tango-Lesson-Soundtrack!

Sureste | Meditango

Wie schon beim Debüt hat sich Sureste, statt mit Lech Wieleba nunmehr mit Guido Jäger am Kontrabass besetzt, auf seinem nun endlich folgenden Zweitling Meditango hauptsächlich dem Werk Astor Piazollas verschrieben, das – der Klezmerklarinette Witek Kornackis sei Dank – unter Verzicht aufs Bandoneon behutsam ins Klezmer-Tango-Idiom überführt wird. Gitarrist Angel García Arnés dagegen sorgt für mehr als nur eine Prise Latin Flavor.

Und so beginnt Meditango dann auch aufs Allerangenehmste mit den „Lamentos“ des unter dem Künstlernamen Pixinguinha formierenden brasilianischen Choro-Komponisten Alfredo da Rocha Viana. Gleich die ersten Töne lassen den Hörer wieder heimisch werden in der lang entbehrten, organisch-warmen Sureste-Welt, in der die Töne zu atmen scheinen. Mit dem García Arnés/Kornacki-Arrangement von „Meditango“ folgt der erste Piazolla auf dem Fuße. Hier erlaubt er den direkten Vergleich der beiden Sureste-Besetzungen, denn das Stück war schon Teil des Debüt-Repertoires, muss ihn jedoch nicht scheuen: Der rau geschrubbte Bass Jägers zeigt, was es heißt, Tango nicht akademisch-distanziert anzugehen – obwohl Sureste, das darf nicht unter den Tisch gekehrt werden, eine immens schlaue Musik machen. Weiter Richtung Klezmer wagt man sich mit „Ikh Hob Dikh Tsufil Lib“ (ביל ליפֿ וצ ךיד באָה ךיא) aus der Feder Alexander Olshanetsky vor – einem Stück aus dem Dunstkreis des Jiddischen Theaters, uraufgeführt 1933 im Musical Der Katerinshtshik in New York. Sureste beweist hier, dass die populäre Herzschmerzballade auch ohne den berührenden Text Chaim Taubers funktioniert.

Sureste | Meditango

Das Trio selbst schlägt für seine Musik vor, „File under Tango/Jazz/Klezmer“. Angesichts von Eigenkompositionen wie „Temblor“ jedoch fehlt da ganz entscheidend das Genre Spanish beziehungsweise Latin Guitar, das auf Meditango einen weitaus größeren Raum einnimmt als auf dem Debüt. Nach einem erneuten Abstecher in den Kosmos des Tango Nuevo mit Piazollas „Fuga Y Misterio“ ist es auf „Milonga Del 71“, einer Komposition des argentinischen Rockers Lito Vitale, wieder an García Arnés, die Verschmelzung von Tango und iberischen Elementen zu kultivieren. Grandios berührend dann auch sein Arrangement von Piazollas „Milonga Del Ángel“, das behutsam vom perkussiven „Escualo“ und dem vergleichsweise beschaulich anmutenden „Tanguedia“, zwei weiteren Piazolla-Kompositionen, abgelöst wird. Was soll ich sagen, Sureste hat für mich schlicht die ideale Besetzung für Piazolla-Interpretationen, komme was wolle!

Wirklich überraschend an diesem Album, das sich als sehr sehr schön, aber in meinen Ohren als nicht ganz so mitreißend wie das Debüt erweist, ist die Klezmertangoisierung von Pat Methenys „Antonia“, 1992 von dem Jazzgitarristen als Akkordeon-lastiges Stück mit osteuropäischen Einflüssen angelegt, die hier von der Klarinette Kornackis ab- und aufgefangen werden. Ein würdiger Abschluss. Apropos Würde: Vielleicht ist es so, dass zum Tango eine gewisse Reife gehört, denn, wie ein Blick ins Booklet beweist, Kunststudenten sind die Herren Jäger, Kornacki und García Arnés definitiv nicht mehr – und das ist gut so.

Quadro Nuevo | Tango

Ein anderer Tangoliebling von mir ist das Quadro Nuevo, das Piazollas Tango Nuevo schon im Namen führt. Immer wieder gern gespielt: Sein 2004er-Album Mocca Flor, das mit Klassikern wie „Miserlou“ – zuletzt gehört und für gut befunden bei Joe Fleischs Jewish Monkeys – oder „Bei Mir Bist Du Scheen“ den Tango Oriental unter die Leute zu bringen trachtet. Mit seinem mittlerweile siebzehnten (!), schlicht Tango betitelten Album will sich das Quadro Nuevo nach einer Reise ins Tangoheimatland noch einmal neu erfinden: „Wir haben schon immer Tango gespielt. Aber jetzt ist etwas passiert – die Tage in Buenos Aires haben alles verändert“, sagt das inzwischen zum Quintett angewachsene Quadro, das aktuell neben Mulo Francel an Saxophon und Klarinette, Andreas Hinterseher am Bandoneon und D.D. Lowka an Bass und Percussions mit Chris Gall am Klavier und Evelyn Huber an der Harfe besetzt ist.

Quadro Nuevo

So klingt das Album, das mit Carlos Gardels „Por Una Carbeza“ eröffnet, dann auch erstmal nach einem Orquesta Típica der guten alten Zeit – nuevo ist an diesem Tango zunächst nichts, dafür aber ganz schön retro! Und wo das Sureste Tango Trio den begnadeten Nichttänzer in mir anspricht, der beim Tanz in den Mai seinen Tango eher in konzertanter Form bevorzugt, kann das rudimentär vorhandene Tanzbein hier das eine oder andere Zucken nur schwer unterdrücken. Im gleichen Idiom wie der Gardel-Opener gehalten ist die folgende, Kriminalkommissar Alexander Garcia gewidmete Eigenkomposition „Garcias Tango“, die ohne Probleme als Klassiker durchgehen könnte, indessen dieses so schwer fassbare gewisse Etwas aufweist, das sie interessant, frisch und funkenüberspringend macht. Spätestens mit dem Sehnsuchtsbandoneon auf „Canción De Ausencia“ ist der Hörer verliebt und verzeiht auch die millionste Interpretation des Überklassikers „El Cumparsita“. Ich werde mich nicht dazu versteigen zu behaupten, das Quadro Nuevo hätte ihm etwas sensationell Neues abgewonnen, doch allein die Klarinette macht ihn mehr als hörenswert!

Quadro Nuevo

Letzten Endes aber sind es die Hinterseher-Kompositionen wie „Casa De Los Sueños“, die dem Album seine Einzigartigkeit und seinen Biss geben. Toll dann auch „El Día Que Me Quiertas“, ein weiterer Gardel, so zärtlich, so traumschön! Ganz anders, aber nicht minder toll das extrem rhythmusbetonte „Taquito Militar“, eine flotte Milonga, mit der 1952 Mariano Mores‘ Sexteto Mayor für Aufsehen sorgte, während das Quadro Nuevo 2015 kurzerhand Jazz-Jazz daraus macht. Schlicht bezaubernd auch die Mitternachtsnummer „El Titiritero“, eine Neukomposition von Quadro-Pianist Gall, die klingt, als hätte hier jemand Geist, Seele und Herz des Tango inhaliert, verinnerlicht und wieder neu hervorgebracht.

Da darf man sich auch schon mal das fiepsend-fröhliche „Gallo Ciego“ erlauben, das einzige Stück von Tango, das für mich nicht hätte sein müssen. Schnell bin ich aber durch das wieder mitternächtlich anmutende, noch dazu bandoneonweinende „Vuelvo Al Sur“ versöhnt, mit dem die Platte in ihren Piazolla-Teil übergeht. Das folgende „Fuga Y Misterio“ haben wir gerade schon bei Sureste gehört, ein grandioses Stück, das hier eine adäquate Umsetzung erfährt: Wie die Rhythmik gegen die Melodie läuft, das ist schon ganz fein gemacht! Das meditative Ende des Stückes wäre ein angemessener Abschluss für diese schöne Platte gewesen, und man wundert sich, was da jetzt wohl noch kommen könne. Aber es kommt! Mit Mulo Fancels Eigenkomposition „Como La Vida Cambia“ gelingt ein brillanter emotionaler Türöffner im Piazolla-Duktus, ganz sanft, fast schon Round-Midnight-verdächtig. Der nur zweieinhalbminütige Hinterseher „El Cielo“ knüpft hier nahtlos an. Welch eleganter Schluss!

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