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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Natürlich technisch
  2. 2 Campfire Andromeda & Campfire Atlas: Klangtest & Vergleiche

Ich habe vor vielen Jahren begonnen mich mit Kopfhörern zu beschäftigen, weil sie im Vergleich zu Lautsprechern ähnlicher Preisklassen eine deutlich höhere Klangqualität aufweisen. Schließlich verfiel ich den Vorzügen und der Intimität, die Kopfhörer bieten können, immer stärker. Und natürlich sind Kopfhörer dafür prädestiniert, Musikgenuss außerhalb der eigenen vier Wände zu bieten, doch die mitunter laute Umgebung nimmt hier großen Einfluss.

Zunächst von Bühnenmusikern genutzt, gab es stark abgedichtete Hörer, die nach und nach die Monitorlautsprecher auf der Bühne ersetzten, um jedem Musiker individuell eine Möglichkeit zum Abhören zu ermöglichen. Nebenbei sollten diese optisch sehr dezent sein, um nicht unnötig aufzufallen auf der Bühne. Demgemäß hat sich das Design über die Zeit entwickelt: In-Ear-Kopfhörer waren professionelles Equipment und sahen zunächst entsprechend aus. Rustikale Optik und einfache Gehäuse prägten den Markt. Nach und nach entdeckten jedoch auch Musikfans die Vorteile dieser Technik: Sehr hohe Isolation gepaart mit kompakten Abmessungen und gutem Komfort. Einige wenige Modelle mit herausragenden Klangeigenschaften wurden schließlich so beliebt bei den Musikfans, dass es bald optimierte Modelle für die Kunden abseits der Bühne gab – das prinzipielle Design blieb jedoch meist erhalten, auch wenn Möglichkeiten zur Individualisierung gängiger wurden. Hochwertige In-Ears sind inzwischen sehr etabliert bei Musikliebhabern, wenngleich sie aufgrund des Preises weiterhin eine vergleichsweise kleine Gruppe ansprechen.

Campfire Andromeda und Atlas im Hintergrund

Campfire Andromeda und im Hintergrund Campfire Atlas – beide In-Ear-Modelle kommen mit abnehmbaren Kabeln

Campfire Audio (deutscher Vertrieb: https://headphonecompany.com) zählt zu den Herstellern, die neben der Weiterentwicklung klanglicher Stärken auch das Design modernisierten. Das war zumindest meine Einschätzung, als ich deren Produkte das erste Mal sah. Aber auch klangtechnologisch geht es weiter und ich habe nun die Gelegenheit, zwei Campfire-Kopfhörer im Vergleich testen zu können. Während der Campfire Andromeda auf Balanced-Armature-Treiber setzt, fünf an der Zahl pro Kanal, ist der Campfire Atlas mit einem dynamischen Treiber pro Seite ausgestattet. Beide Kopfhörer kommen mit Metallgehäusen, die mit dem abgerundeten Design der meisten In-Ears brechen. Hier wird bewusst auf markante Linienführung gesetzt, was im Zusammenspiel mit der metallischen Oberfläche zu einem sehr modernen Look führt. Während der Campfire Andromeda in mattem grün gehalten ist, welches gut zu seinem größeren Gehäuse passt, kommt der Campfire Atlas in poliertem Edelstahlfinish und glänzt wie Schmuck.

Wer jetzt Angst hat, dass kantige Linienführung und „kaltes Metall“ den Komfort reduzieren, den kann ich beruhigen. Beide Modelle sind überaus komfortabel und fügen sich harmonisch in meine Ohren ein. Dank der kleinen Baumformen nehmen sie zudem die Körpertemperatur sehr schnell an, was ich ebenfalls angenehm finde. Die Verarbeitung der beiden In-Ears ist durchweg hervorragend und mutet sehr hochwertig an. Und das setzt sich bis zu den Kabeln fort. Diese sind austauschbar und von herausragender Qualität, was nicht verwundert, wenn man die Geschichte von Campfire Audio kennt, die eng verknüpft ist mit den Kabeln von ALO Audio. Die Kabel sind äußerst flexibel und spezifisch designed: Während der Campfire Andromeda mit einem geflochtenen Kabel daherkommt, hat der Campfire Atlas ein eng verdrilltes Kabel. Beide Varianten sind sehr hochwertig ausgeführt und bereiten wirklich Freude bei der Nutzung. Ein Detail, welches nicht viele In-Ears von Haus aus bieten.

Campfire Atlas Paar mit Ohrpassstück

Sowohl der Campfire Andromeda als auch der Campfire Atlas (im Bild) werden mit einer sehr großen Anzahl an Ohrpassstücken in verschiedenen Varianten und Größen geliefert

Entscheidend für den Sitz im Ohr und auch den Klang sind die Fittings (Ohrpassstücke), mit denen solch ein Hörer betrieben wird. Sowohl der Campfire Andromeda als auch der Campfire Atlas werden mit einer sehr großen Anzahl an Fittings in verschiedenen Varianten und Größen geliefert. Mit dabei sind Schaumstoffstopfen, ähnlich Ohropax, die gern als Foamies bezeichnet werden. Diese bieten eine sehr hohe Isolation, schlucken durch ihre Schaumstoffstruktur jedoch teilweise etwas mehr Hochton. Desweiteren liegen zwei Varianten an Gummidichtungen bei, die sogenannten Silikontips. Dank der großen Auswahl an Größen und Formen ist es kein Problem, den passenden Aufsatz zu finden. Meine Empfehlung ist, sich hierbei durchaus viel Zeit zu lassen, da die Unterschiede in Sachen Klang und besonders Komfort sehr groß, aber eben auch sehr individuell ausfallen können. Während Foamies etwas umständlicher einzusetzen sind, glänzen sie mit der größeren Isolation und dem stabileren Halt. Die Silikontips hingegen sind praktisch beim häufigen Einsetzen in das Ohr. Größere Modelle dichten bereits bei sehr geringer Tiefe im Gehörgang, während die kleineren tiefer eingeführt werden können. Je nach Sensitivität im Gehörgang und der Bauform der Hörer kann es hier verschiedene Varianten geben, die grundsätzlich passen, bei Bewegung oder langem Hören hingegen deutliche Unterschiede aufweisen. Es lohnt sich also hier ausgiebig zu probieren oder auch die Aufsätze den Verwendungsszenarien anzupassen (zum Beispiel Foamies für einen langen Flug, aber Silikontips für den Weg durch die Stadt).

Der Campfire Andromeda und der Campfire Atlas werden mit einer praktischen Transportbox geliefert, die ein sicheres Verstauen gewährleistet. Auch hier setzt Campfire Audio auf hochwertige Materialien und bietet eine stabile, mit Fell gefütterte Lederbox. Dank der extra Laschen ermöglicht es die Tasche auch unterwegs einfach bestückt zu werden, ohne dass die Hörer herunterfallen – das funktioniert besser als die mehrteiligen Boxen anderer Hersteller.

Campfire Andromeda Tasche/Case

Campfire Andromeda mit serienmäßiger Ledertasche

Kommen wir zurück auf die zugrundeliegenden Technologien: Der Campfire Andromeda besitzt die bei hochwertigen In-Ears verbreiteten Balanced-Armature-Treiber, die aus sehr kleinen Druckkammern bestehen. Diese sind aufgrund ihres Funktionsprinzips stets geschlossen. Modelle mit nur einem Treiber waren zu Beginn optimiert auf einen definierten Frequenzbereich, angepasst auf das Instrument des entsprechenden Musikers. Um den Frequenzbereich zu erweitern, wurde auf die gleiche Methode zurückgegriffen, die bereits bei Lautsprechern gängig war: Die Aufteilung des Frequenzbereichs in Unterbereiche, die von jeweils optimierten Treibern übernommen werden. Es gab in der Vergangenheit ein Wettrüsten der Treiberanzahl, so dass man mittlerweile Hörer mit bis zu neun Treibern pro Seite erhalten kann. Wobei teilweise einzelne Frequenzbereiche wie etwa der Tiefbassbereich von parallel geschalteten Treibern bedient werden. Mehr heißt aber nicht automatisch besser – es kommt auf die korrekte Integration und Abstimmung an.

Der Campfire Atlas hingegen setzt wie erwähnt auf klassische dynamische Treiber, eine Lösung die bei hochwertigen In-Ears erst seit einigen Jahren zunehmende Verbreitung findet. Hierbei müssen einerseits die Resonanzen des geschlossenen Ohrhörergehäuses sehr gut kontrolliert werden, und andererseits spielt die Treibergröße eine entscheidende Rolle. Während ein BA-In-Ear alle Frequenzbereiche in mehr oder weniger getrennten Druckkammern erzeugt, werden beim dynamischen Modell mit einem Treiber pro Seite alle Frequenzen in einem Gehäuse erzeugt. Wählt man die Treiber zu klein, können sie den unteren Frequenzbereich nicht ausreichend wiedergeben, macht man sie zu groß, passen sie nicht mehr in den Hörer und man nähert sich eher einem klassischen Kopfhörer an.

Campfire Atlas Case/Tasche

Campfire Atlas mit serienmäßiger Ledertasche

Dynamische Breitbandtreiber müssen generell eine sehr gute Kontrolle über Oberschwingungen der Membranfläche bieten, da sonst bei Signalen tiefer Frequenzen automatisch auch höhere Frequenzen des Treibers mit anschwingen – der Bassbereich würde also im Mittel- und Hochtonbereich zusätzliche Klanganteile erzeugen. Dies kann mittels spezieller Lagerung der Treiber zur Dämpfung dieser Oberschwingungen unterbunden werden oder aber durch Treiber, bei denen je nach Frequenz andere Bereiche aktiv schwingen – diese Technik ist aber bereits von großen Kopfhörern bekannt, muss aber bei den vergleichsweise kleinen Treibern der In-Ears weiter perfektioniert werden.

Campfire Andromeda & Campfire Atlas: Klangtest & Vergleiche

Campfire Atlas Nahaufnahme

Und wie klingen die beiden ungleichen Geschwister nun? Tatsächlich einerseits erstaunlich ähnlich in manchen Aspekten und andererseits dennoch wirklich unterschiedlich. Grundsätzlich spielen beide auf einem sehr hohen Niveau – die Detailauflösung und Dynamik ist sehr hoch und damit exemplarisch für High-End In-Ears.

Rolling Stones - Sweet Summer Sun - Hyde Park LivNehmen wir die Rolling Stones live in Hyde Park als Beispiel. Man fühlt sich mit beiden Modellen sofort mitten im Geschehen. Doch während man beim Campfire Andromeda zunächst die Bühne analysiert und die einzelnen Instrumente ausmacht, fängt man beim Campfire Atlas sofort an mit den Füßen zu wippen. Der Atlas groovt einfach ein bisschen mehr. Wenn man sich dann in der Musik verliert und plötzlich laut „I know it’s only rock’n’roll … but I like it “ singt, kann das in der Öffentlichkeit durchaus für Irritationen sorgen.

Bezüglich der wahrgenommenen Räumlichkeit hat der Campfire Andromeda also etwas die Nase vorn. Seine leicht hellere Wiedergabe in Verbindung mit der extrem hohen Präzision sorgt für eine überzeugende Wiedergabe von Hallanteilen und hierdurch für eine Ortbarkeit auf Referenzniveau!

Björk - PostBesonders deutlich wurde mir dies bei Björks zweitem Album Post. Über das gesamte Album hinweg arbeitet Frau Guðmundsdóttir mit verschiedenen Verzerrungen und Mikrofonabständen, um mit ihrem Gesang stets neue Stimmungen zu kreieren. Der letzte Song dann, bezeichnend auch „Headphones“ betitelt, arbeitet mit Kunstkopfelementen, klingt aber dennoch auch auf normalen Lautsprechern äußerst beeindruckend. Der Campfire Andromeda ist tatsächlich der erste In-Ear, der mir hier ebenso Gänsehaut wie meine großen Kopfhörer beschert. Zumal sich nämlich nicht alles auf einer Ebene abspielt: Die verschieden Stimmanteile ab Minute 3 differenzieren sich vielmehr glaubhaft voneinander. Typischerweise gelingt diese feine Differenzierung nur wenigen Kopfhörern.

Campfire Andromeda Makro

Beide Campfire In-Ears können Stimmen sehr realistisch darstellen. Ohne Vergleich hat man nie das Gefühl irgendetwas etwas zu vermissen. Interessant ist dennoch, dass der direkte Wechsel von einem zum anderen Hörer immer wieder deutlich macht, wie unterschiedlich die beiden doch agieren. Während der Campfire Andromeda die stimmlichen Nuancen hervorragend herausarbeitet, überzeugt beim Campfire Atlas besonders das glaubwürdige Volumen der Stimmwiedergabe. Das ist es auch, was live einen guten Opernsänger von einem phantastischen unterscheidet. Mit dem Campfire Atlas kann man erleben, wie manche Sänger einen großen Konzertsaal überzeugend ausfüllen, während andere „nur“ die richtige Tonlage treffen. Der Campfire Atlas ermöglicht mir diesen Unterschied im Stimmvolumen nachvollziehen zu können. Die Performance der beiden Campfire Modelle ist für mich ein wenig vergleichbar mit verschiedenen Plätzen im Konzerthaus – je nach Abstand und Ausrichtung hört man das Gebotene unterschiedlich, falsch ist aber weder das eine noch das andere. Fans der Audeze-LCD-Modelle werden sich in diesem Zusammenhang mit dem Atlas sehr wohl fühlen, während Fans eines „kleinen“ Stax-Systems bis 4040 sich wahrscheinlich sehr schnell mit dem Andromeda anfreunden.

Scenes from a memory - Dream TheaterIm Bassbereich sind schließlich die größten Unterschiede zwischen den beiden Modellen zu verzeichnen. Während der Campfire Andromeda den Bass korrekt darstellt und einen realistischen Eindruck der Aufnahme erlaubt, hat man mit dem Campfire Atlas eher das Empfinden ihn zu fühlen. Keiner der beiden dichtet im Bassbereich etwas hinzu, und vor allem wird nicht statt echten Tiefbasses der obere Bassbereich künstlich aufgedickt. Gleichwohl bietet der Campfire Atlas hier eine Wiedergabequalität, die ich sonst nur von großen Kopfhörern oder gar Lautsprechern kenne, was möglicherweise mit der großen Treiberfläche zusammenhängt – aber auch von den genutzten Aufsätzen und dem Sitz im Ohr beeinflusst wird. Nehmen wir schnelle Schlagzeugpassagen aus Scenes from a memory von Dream Theater (Album auf Amazon anhören). Beide Kopfhörer spielen ihre Schnelligkeit und Detailwiedergabe hervorragend aus, und der Campfire Atlas vermittelt mir zudem ein besonderes Gefühl dafür, mit welcher Energy Mike Portnoy hier wirklich bei jedem einzelnen Schlag agiert. Ich fühlte mich in einigen Momenten tatsächlich an den legendären Audio-Technica L3000 erinnert, der es ebenfalls vermochte, Bassempfinden und Bassqualität in herausragender Weise zu kombinieren.

Campfire Atlas im Hintergrund Andromeda

Test: Campfire Andromeda & Campfire Atlas | In-Ear-Kopfhörer

  1. 1 Natürlich technisch
  2. 2 Campfire Andromeda & Campfire Atlas: Klangtest & Vergleiche
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