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Dynaudio Special Forty

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Schwäbische Spritztour
  2. 2 Klangeindruck & Vergleiche: Orbid Sound Neso

Als ich Mitte des vergangenen Jahres erstmals auf den süddeutschen Hersteller Orbid Sound (Web: www.orbid-sound.de, Preis des Testgeräts: 750 Euro) traf, um dessen Standlautsprecher Telesto zu testen, fühlte ich mich auf angenehmste Weise an die Zeit erinnert, als ich in Sachen HiFi und Musik sozialisiert wurde. Erinnerte mich mein damaliges Testmuster doch optisch stark an die Achtzigerjahre, als man Lautsprecher noch „Boxen“ nennen durfte und dies nicht ehrenrührig war. Denn so sahen sie eben aus.

Ob dieser Retrogedanke bei der Gestaltung des aktuellen Produktportfolios der Schwaben, die im letzten Jahr ihren Fünfstigsten feierten und auf eine wechselvolle Firmengeschichte zurückblicken können, Pate stand, vermag ich nicht zu sagen, aber: Hier gibt‘s kein Brimborium, kein Blinkeblinke, sondern einfach Lautsprecher. Punkt. Dass die Telesto dann auch noch rasant aufspielte, rundete meinen positiven Eindruck ab. Kein Wunder, dass ich sofort zusagte, als mir die Redaktion die kleinste Box aus Balingen zum Test anbot. Schließlich galt es zu überprüfen, ob es eine Art „Orbid-Sound-DNA“ gibt, die sich durch die gesamte Produktpalette zieht.

Orbid Sound Neso Front 1

Bei der Orbid Sound Neso handelt es sich um eine knapp über 30 Zentimeter hohe und fast ebenso tiefe Zweiwege-Bassreflex-Box, die mit ihren acht Kilogramm Gewicht noch sehr gut transportabel ist, damit aber auch eine gewisse Wertigkeit vermittelt. Die das sogar bei diesem Preis keinesfalls in Fernost, sondern bei einer Schreinerei „ums Eck“ gefertigte Gehäuse auch besitzt.

Ab Werk sind zwei Farbausführungen – Strukturlack-Schwarz oder -Weiß – erhältlich, gegen einen vertretbaren Aufpreis von nur 15 Euro pro Stück liefert der Hersteller aber alle verfügbaren RAL-Farbtöne. Mein Testmuster kommt in leuchtendem Orange („Hellrotorange RAL 2008“) daher und ist ein echter Hingucker. Die Lackierung wurde, das habe ich nicht anders erwartet, tadellos ausgeführt. Auch Sonderwünsche wie Hochglanz- oder Metalliclacke werden erfüllt, müssen dann aber individuell bepreist werden. Nachvollziehbar. Wer es mag, kann seine Orbid Sound Neso auch inklusive Frontbespannung oder aber auch nur mit einer Vorbereitung dafür ordern – oder ihren Tiefmitteltöner mit einem gebürsteten oder schwarz eloxierten Aluminiumzierring optisch aufwerten. Auf den Bildern zu diesem Test können Sie die verschiedenen Möglichkeiten sehen. Sicher ist: Individueller geht es in dieser Preisklasse praktisch kaum.

orbid-sound-neso

Wandlertechnisch bietet die Orbid Sound „solide Hausmannskost“: Ein 16-Zentimeter-Tiefmitteltöner aus Polypropylen beackert tiefe und mittlere Lagen, darüber kümmert sich eine 25 Millimeter durchmessende Kalotte, die in einem Waveguide sitzt, um das obere und oberste Frequenzband. Die Frequenzaufteilung erfolgt über eine Weiche mit 6 dB Flankensteilheit, wobei eine spezielle Auslegung, die Orbid Sound ungern verraten möchte, für das gewollt sehr offene und klare Klangbild der Neso verantwortlich ist. Bei der Materialauswahl machen die Schwaben auch bei ihrer günstigsten Box keine Kompromisse: Elektrische Bauelemente liefert Mundorf zu, die Innenverkabelung Sommercable. Was mich umso mehr über den günstigen Verkaufspreis staunen lässt.

Orbid Sound Neso Hochtöner

Dem Hochtöner der Orbid Sound Neso ist ein kleiner Waveguide vorgelagert

Wie bei der großen Schwester Orbid Sound Telesto fallen auch bei der Neso die beiden dicht übereinander montierten Schallwandler auf, womit der Entwickler Daniel Beyersdorffer natürlich ein wichtiges Ziel verfolgt: Die Schallanteile der unterschiedlichen Frequenzlagen sollen möglichst zeitgleich am Ohr ankommen (siehe auch Punktschallquelle). Was auch gelungen ist, zeigt sich doch auch die Orbid Neso als ein in Sachen Kohärenz und Timing vorbildlicher Lautsprecher. Aber davon lesen Sie ja weiter unten mehr …

Auch bei der kleinsten Orbid Sound wurde zudem auf gute „Futterverwertung“ und optimale Kooperation mit möglichst vielen Verstärkermodellen geachtet, worauf unter anderem der für solch eine kleine Box hohe Kennschalldruck von 90 dB/W/m hinweist.

Klangeindruck & Vergleiche: Orbid Sound Neso

Hatte ich eingangs die Frage nach einer „Orbid Sound-DNA“ gestellt, ist es nun an der Zeit, durchzudeklinieren, ob und woran sich der „Familienklang“ festmachen lässt.

Seinerzeit hatte mich die Standbox Orbid Sound Telesto mit ihren beiden großzügig dimensionierten Basstreibern zunächst aufs Glatteis geführt. Als „Erdbebengenerator“ eignete sie sich nämlich eigentlich gar nicht, lenkte sie ihre zweifellos vorhandene Tieftonenergie doch in sehr kontrollierte, straff-trockene Bahnen und tönte damit im Bassbereich eher sehnig-schnell denn abgrundtief. Ein Höreindruck, den Orbid-Sound-Chefentwickler Daniel Beyersdorffer mir gegenüber auch als „durchaus beabsichtigt“ bestätigte. Dieser Vorgabe folgt nun auch die Orbid Sound Neso, die ich zum „Gen-Abgleich“ zunächst mit denselben Musikstücken wie ihre große Schwester gehört habe.

daft_punk_RAMUnd gleich beim basskräftigen Opener „Lose yourself to dance“ von Daft Punk (Album: Random Access Memories,  auf Amazon anhören) wird deutlich, dass die kompakte Schwäbin ihre Prioritäten nicht unbedingt am unteren Ende der Frequenzleiter sieht. Auch nicht im Vergleich zu kompakten und preisklassenadäquaten Wettbewerberinnen. Eine Teufel Theater 500S, die im Paar sogar 300 Euro günstiger angeboten wird als die Orbid Sound, jedoch in Sachen Verarbeitungsqualität und Materialanmutung nicht mit der Neso mithalten kann, konnte aus dem treibenden Elektrostück gefühlt eine ganze Oktave nach unten herausholen, ihr Tieftonfundament wirkte hörbar „breiter“, massiver und druckvoller, tönte dennoch nicht gezüchtet oder gewollt. Die Gehäusevolumina beider Lautsprecher sind vergleichbar, daran liegt es also nicht.

Orientiert man sich preislich nach oben, kann man die nuVero 30 von Nubert (1.150 Euro) ins Visier nehmen, deren Stärke allerdings traditionell darin liegt, vergleichsweise viel Tiefton auch aus kompakten Gehäusen zu generieren. Tonal ähnelt sie „untenrum“ eher der „Teufelin“ aus Berlin und lässt in einem Hörabstand von bis zu 2,5 Meter zur Anlage den Wunsch nach einem Subwoofer kaum aufkommen, während man bei der Orbid Sound zumindest mal darüber nachdenkt, ob man ihr substanziell helfen möchte.

orbid-sound-neso

Eins hat ihre im Vergleich doch recht schlanke Tieftonwiedergabe indes für sich: Sie vermittelt den Eindruck, als trügen ihre Konkurrentinnen eine Art „Ballast“ mit sich herum, mit dem sich die Orbid Sound Neso nicht abmühen muss. So wirkt sie agiler, fast tänzelnd, was durchaus seinen Reiz hat. Und es ist jetzt auch nicht so, als würde ihr jegliches Tieftonfundament abgehen. Natürlich vermittelt sie eine solide und sauber strukturierte Basis, auf der alle darüberliegenden Frequenzbereiche aufbauen. Aber: Sie verschiebt im Vergleich zur Teufel und zur Nubert ihren akustischen Schwerpunkt auf den Bereich, der in den unteren Mitten beginnt und bis in die obersten Frequenzetagen reicht. Und hier legt sie die Messlatte dann ziemlich hoch.

soap and skin sugarbread coverDie frappierende Klarheit und Plastizität, mit der sie Gesangsstimmen in den Hörraum projiziert, macht ihr auf jeden Fall in dieser Preisklasse so schnell keiner nach. So singt die österreichische Sängerin Anja Plaschg aka Soap&Skin ihr getragenes „Me and the Devil“ (Album: Sugarbread, auf Amazon anhören) derart eindringlich, schlackenlos und „dicht am Hörer“, wie es weder die Teufel Theater 500S noch die Nubert nuVero 30 in dieser neutral-kristallklaren Intensität vermochten. Um ein altes HiFi-Bild zu bemühen: Die Orbid Sound öffnet einen Vorhang, den ihre Wettbewerberinnen zunächst durchdringen mussten. Sowohl Sprache – setzt man die Orbid Sound Neso etwa zur Wiedergabe von Hörbüchern ein, was ich vor allem in der Einspielphase getan habe – wie auch Gesang klingt über die Balingerin wie „blank poliert“ und ungemein körperhaft.

matthews-band-liveTonal dem involvierenden Charakter ihrer großen Schwester Telesto folgend, tritt auch die Darbietung der Orbid Sound Neso von einer gedachten Bühnengrundlinie aus auf das Publikum zu und zieht es in das musikalische Geschehen hinein, was ihren lebendigen Duktus unterstreicht. Flapsig ausgedruckt: Sie veranstaltet kein „Zuguck-“, sondern ein „Mitmach-Theater“ und sorgt stets dafür, dass sich ihre Zuhörer eingebunden und mitgenommen fühlen. Was letztlich zu dem Eindruck führen könnte, dass sie auf Tiefenstaffelung nicht sonderlich viel Wert legt. Das stimmt aber erfreulicherweise überhaupt nicht! Die Relationen passen, wie ich anhand der Live-DVD „DMB Live in Europe 2009“ der Dave Matthews Band überprüfen konnte. Die Dimensionen des Konzertes auf der Piazza Napoleone im italienischen Lucca werden realistisch reproduziert. Man bekommt ein sehr gutes Gefühl von Tiefe und Breite der Bühne, nichts wirkt übertrieben groß oder zu kompakt. Zudem lässt sich jedes einzelne Schallereignis hervorragend orten.

orbid-sound-neso

Mit der Klarheit ihres Vortrages geht auch einher, dass sie einen sehr tiefen Einblick in musikalische Strukturen zulässt. Egal, wie sehr sich die Dave Matthews Band in improvisierte Rage spielt, was sie auf Konzerten gern und häufig tut, die Orbid Neso behält den Überblick und erlaubt es, dem Spiel jedes einzelnen Musikers nachzuspüren. Auch dann, wenn es richtig komplex wird, sich diverse Einzelereignisse überlagern. Hier verzichten die zum Vergleich angetretenen Wettbewerberinnen – allen voran die günstigere Teufel – auf allzu akribische Detailarbeit und konzentrieren sich eher auf einen bruchlosen musikalischen Fluss des großen Ganzen. Die Orbid Sound geht penibler vor und steigt tiefer ins Geschehen ein, ihr ist es schon wichtig, dass man möglichst viel mitbekommt. Tendenziell besteht bei einer solchen Auslegung durchaus die Gefahr, sich zu verzetteln, das Klangbild zu zerfasern. Die große Leistung der Orbid Neso besteht in dieser Disziplin nun darin, dass ihr dieser Fehler eben genau nicht unterläuft – sie behält alle Zusammenhänge im Blick, liefert aber ein Maß an Detailinformationen, das in ihrer Klasse außergewöhnlich reichhaltig ist. Das war auch das Entwicklungsziel von Orbid Sound. Daniel Beyersdorffer: „Diese offene und direkte Spielweise ist genau das, was wir erreichen wollten. Wir meinen, uns damit vom Wettbewerb unterscheiden zu können. Wer so etwas sucht, ist bei uns richtig.“

Orbid Sound Neso Anschlüsse Detail

Anschlussterminal der Orbid Sound Neso

Diesem Anspruch wird die kleine Schwäbin auch in den oberen Frequenzlagen gerecht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich den letzten Lautsprecher in dieser Preisklasse gehört habe, der nach oben hin so frei und offen läuft wie die kleine Orbid Sound. Sicher hat der leichte Hornvorsatz vor dem Tweeter seinen Anteil daran, dass ich diesen im Vergleich zu den von mir ausgewählten „Sparringspartnern“ von Nubert und Teufel auch lauter wahrnehme, aber das allein ist es nicht. Der Hochtonbereich wirkt sehr strahlend und brillant – und beinhaltet  mehr Informationen. Was freilich nicht unbedingt jeder Musikrichtung und schon gar nicht jeder Abmischung dienlich ist. Komprimierter Pop und Rock können da schon einmal bissig werden und nerven. Das ist im Grunde nicht die „Schuld“ der schwäbischen Kompaktbox, sie legt derlei Schwächen aber schonungslos offen und diszipliniert sogar den Redakteur, der bei der Wahl seiner Teststücke noch wählerischer vorgeht als ohnehin schon. Hier geben sich sowohl die Teufel Theater 500S als auch die Nubert nuVero 30 gnädiger und weniger anspruchsvoll gegenüber dem zugespielten Musikmaterial. Wobei „weniger anspruchsvoll“ nicht bedeutet, dass die Konkurrenz das obere Frequenzende nachlässig behandelt. Doch beide – Nubert und Teufel – betten es mehr in ihre Gesamtabbildung ein, es wirkt weniger exponiert.

Orbid Sound Neso Logo

Die insgesamt also eher frische und „helle“ Abstimmung der Orbid Neso führt im positiven Sinn auch dazu, dass ich sie als frappierend quirlige und ungemein genaue Interpretin wahrnehme. Stets ist sie hellwach und wirkt wie auf dem Sprung, um dem nächsten Impuls zu folgen, sich wieselflink durch das Geschehen zu arbeiten. Eine Eigenart, die sich durchaus auf den Hörer überträgt. Stillsitzen ist schwer, wenn man der Orbid Sound Neso zuhört. Dabei findet sie immer den richtigen Takt, wirkt fast so präzise wie ein Metronom. Ich komme nicht umhin, mir hier noch einmal den Verkaufspreis dieses Lautsprechers zu vergegenwärtigen – wir reden hier nicht von vierstelligen Summen, sondern von 750 Euro Paarpreis. Dafür gibt es mit der Orbid Sound Neso eine Kompaktbox, die in gewisser Hinsicht zwar „speziell“, für genau diese Tugenden aber jeden Cent wert ist.

Test: Orbid Sound Neso | Kompaktlautsprecher

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Westdeutsche HiFi-Tage 2018

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