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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Farbverstärker
  2. 2 Klangeindruck Crayon CIA-1

Große Räume. Üppige Klangfarben. Stimmen, die unter die Haut gehen. Und eine Natürlichkeit, die dem musikalischen Live-Erlebnis einfach näherkommt. Nicht nur hoffnungslose Nostalgiker und Besitzer von Hochwirkungsgradboxen schwören auf Röhrenverstärkung – und das trotz der bekannten Risiken und Nebenwirkungen: Die Glaskolben machen HiFi-Geräte tendenziell wartungsintensiv und aufstellungskritisch, produzieren hohe Abwärme, schränken angesichts notorisch geringer Ausgangsleistung die Lautsprecherwahl ein und erkaufen den ersehnten Mittenschmelz und musikalischen Fluss oft durch Schwächen in Basskontrolle, Transparenz oder tonaler Neutralität.

Ja, ich gebe zu: Ich bin selber so ein „glühender Verehrer“. Seit ich leihweise meinen ersten Röhrenverstärker in der heimischen Kette gehört habe, ein schickes EL-84-Holzkästchen der hierzulande kaum bekannten italienischen Manufaktur Tektron, ist mir kaum ein Halbleiter mehr ins Haus gekommen. Und wenn doch, mussten die Geräte wegen tatsächlicher oder eingebildeter Unmusikalität bald wieder gehen. So scheint es aber nicht nur mir zu gehen: Wer sich einmal für Röhren erwärmt hat, für den ist „Solid State“ meist kein Zustand mehr.

Crayon CIA-1

Ausnahmen? Wenige. Mein Kopfhörerverstärker Graham Slee Ultralinear produziert einen härtefrei-cremigen Ton, der dem Flow einer Röhre schon gefährlich nahekommt. Auch ein Lavardin ISx spielte in den naturgemäß schwierig zu fassenden Disziplinen wie Musikalität, Geschlossenheit und Natürlichkeit mit meiner damaligen Jadis-DA50-Röhre (7.300 Euro) beinahe auf Augenhöhe. Das war es dann aber auch schon. Bis jetzt – bis zum Dritten im Bunde: dem Halb-Röhre-Halbleiter Crayon CIA-1.

Technik & Praxis

Nein, kein Hybridverstärker, sondern ein reinrassiger Transistor, dessen Nomen „Crayon“ (eng. „Buntstift“, Vertrieb: www.audiovertrieb.com) jedoch unverkennbar Omen ist. Denn mit seinem distinguierten Erscheinungsbild setzt das schlicht elegante Schmuckkästchen, verfügbar in auffallend dickwandigem Gehäuse in Alu-Natur oder -Mattschwarz, durch seine flache Statur und die als gerippter Kühlkörper ausgeführte Bodenplatte in jedem Rack einen geschmackvollen Farbtupfer. Durch das Fehlen von Display, Menütasten oder kapriziöser Designelemente präsentiert sich der gut zehn Kilogramm schwere Verstärker als souveräne Mischung aus offensichtlichem Understatement und dezenter Extravaganz, funktional dagegen als vollständiger Purist. An, Aus, Kanalwahl, Lautstärke – mehr gibt’s auf der Frontplatte nicht zu sehen. Geglänzt wird auch ausstattungstechnisch nur punktuell, dann aber höchst wertig und überdies erfreulich variabel.

Lautstärkeregler des Crayon CIA-1

Der Lautstärkeregler des Crayon CIA-1

Der geschwungen-dreieckige Volumenknopf etwa ist nicht nur ein Hingucker, sondern steuert auch ein wahlweise linear oder logarithmisch ausgeführtes ALPS-Potentiometer. Welche der beiden Varianten es sein darf, gibt der Käufer bei Bestellung des Crayon an. Motorbetrieben lässt sich das eigenwillig, ja fast etwas esoterisch anmutende Gebilde durch eine Fernbedienung steuern. Die im Testgerät verbaute Variante, nämlich die logarithmische, erzeugt laut Hersteller bereits bei niedrigsten Stellungen einen besonders homogenen Kanalgleichlauf mit Links-Rechts-Abweichungen von weniger als 0,5 dB, was insbesondere Besitzern sensitiver Lautsprecher entgegenkommt, die es gewohnt sind, dem hohen Wirkungsgrad ihrer Boxen durch feinmotorische Höchstleistungen im Arretieren des Lautstärkereglers irgendwo zwischen 7:35 Uhr und 7:42 Uhr Tribut zu zollen. Die Botschaft der Crayon-Entwickler ist klar: Habt keine Angst, liebe Röhrenfans, eure sechs bis zehn Single-Ended-Wättlein gegen die vergleichsweise bulligen 80 Watt (8 Ohm) des Crayon einzutauschen.

Fernbedienung des Crayon CIA-1

Die Fernbedienung des Crayon CIA-1

Hochwertig und variabel sind auch die Eingangswahlschalter des Crayon CIA-1 geraten. Die zwei bündig mit dem Gehäuse abschließenden Tasten – die gegen Aufpreis von 800 Euro auch eine integrierte MM/MC-Phonostufe aktivieren – arbeiten mit CMOS-Schaltern aus dem Profi-Bereich, die durch „stromkompensierte Drosseln“ entkoppelt sind, die laut Hersteller das klangkritische Eindringen hochfrequenter Störsignale über die Masse des Gerätes verhindern sollen. Vom Gehäuse entkoppelt (und ergo entsprechend wackelig) sind auch die rückseitigen RCA-Massekontakte, zu denen neben den Line- bzw. dem Phonoeingang auch zwei Ausgänge zählen: ein geregelter und ein nostalgisch anmutender „Record“-Ausgang.

Auffallend ausgefallen konzipiert präsentiert sich der Crayon aber nicht nur außen. Eingehende Audiosignale werden im Crayon CIA-1 entlang von nicht eben alltäglichen mehrlagigen Platinen geführt, sodass jede Signallage über einer durchgängigen Massefläche liegt. Diese ungewöhnliche Art der Schaltung soll deren Antennenwirkung verringern und die Aufnahme elektromagnetischer Wellen aus dem Raum verhindern. Strahlenphobie? Esoterik? Wie auch immer, die Volksweise „Horch, was kommt von draußen rein“ scheint bei den Crayon-Entwicklern nicht auf der Playlist zu stehen.

Blick ins Innere des Crayon CIA-1

Blick ins Innere des Crayon CIA-1

Die Verstärkung der damit (hoffentlich) ungestörten Eingangssignale übernimmt eine sogenannte „Current-Feedback-Topologie“ – eine Schaltung, bei der, so die Österreicher, zwei Transistoren zu einem kombiniert werden, um höheren Gain zu erzeugen, ohne dabei die üblichen Nebenwirkungen wie Verringerung der Bandbreite des Wiedergabebereichs oder Verlangsamung der Impulswiedergabe quasi „mit einzukaufen“. Das Ganze läuft unter dem Terminus „Crayon Current Feedback“ und soll für einen besonders niedrigen Klirr bei Kleinsignalübertragungen sorgen. Das auch beim Crayon CIA-1 anzutreffende Fehlen einer Über-Alles-Gegenkopplung ist dagegen schon fast wieder HiFi-Business as usual.

Blick auf die Ausgangstransistoren des Crayon CIA-1

Blick auf die Ausgangstransistoren des Crayon CIA-1

Genug der eigentümlichen Farbtupfer? Ein paar hat der Crayon schon noch drauf. Beziehungsweise: drunter. Seine auffallend großen Füße nämlich. Die vier massigen, nennen wir sie: „Standsäulen“ des Crayon entkoppeln das Gehäuse erfolgreich von Resonanzen, sodass der CIA-1 durch keinen der testweise eingesetzten Gerätefüße mehr in seiner Klangperformance verbessert werden konnte – zumal die Kühlrippen auf der Unterseite des Geräts ohnehin nur eine additive und damit eher „doppelt gemoppelte“ Entkopplung direkt unter den Säulen zulassen. Dankbar zeigte sich der Crayon hingegen für meine obligatorisch angebotene Schieferplatte, was nach meiner Erfahrung allerdings für etwa drei Viertel aller HiFi-Geräte gilt.

Ein bemerkenswert wirkungsvolles Klangtuning nach Gusto ist – wohl der aufwendigen Strom- und Spannungsführung innerhalb der Crayon-CF-Topologie geschuldet – über Netzkabel zu erzielen. Die tonalen Eigenheiten meiner AC-Strippen von Tellurium, Swisscables und Audioquest jedenfalls brachte bisher kein Verstärker derart deutlich zu Gehör. Allerdings erst, wenn er richtig warm ist. Röhrenwarm, sozusagen. Nach etwa 30 Minuten heißt es dann erneut: Ohren auf für überraschende Farbtupfer und geschmackvoll-extravagante Kombinationen. Denn, ja: Die bietet der Crayon auch klanglich.

Klangeindruck Crayon CIA-1

Immer schön anzuhören, wenn ein Plan funktioniert. Besonders, wenn das Ergebnis derart lässig, cremig, farbstark klingt. Breitbandigkeit? Voll da. Intensiv natürliche Klangfarben? Erstrahlen unverfälscht ab dem ersten Ton. Ein organisch härtefreier und unangestrengter Hochton? Yep. Die Crayon-Current-Feedback-Schaltung aktiviert mein musikalisches Herz vollumfänglich.

Dynamik & Klangfarben

Study of TouchPianist Django Bates und seine Kollegen müssen ihre Albumtitel-gebende „Study of Touch“ (auf Amazon hören) gar nicht erst groß ausführen, um dem Crayon CIA-1 bereits nach wenigen Takten des Stücks „This World“ sein vorläufiges Ergebnis zu attestieren: „very, very touching“. Zwei Instrumente, meisterhaft gespielt und gekonnt gemastert, reichen dem Crayon, um zu beweisen, dass er in zwei zentralen Klangpunkten weit über seine Preisklasse hinausspielt: Dynamik und Klangfarben.

Zugleich saftig-satt und flink schnalzende Basszupfer bürgen für eine – trotz röhrenartig fließender Grundabstimmung – erstklassige Transientenwiedergabe sowie dafür, dass die Impulsschnelligkeit des Crayon CIA-1 mit auf dem Papier weitaus kräftigeren Transistoren locker-flockig Schritt hält. Die dynamische Spannung im Klangbild wirkt sehr stimmig. Das im Preisbereich des Crayon leider oft serienmäßig verbaute Trade-Off aus melodisch fließendem Ton hier und dynamischer Zackigkeit dort haben die Entwickler erfreulicherweise – ganz puristisch – einfach weggelassen.

Always Let Me GoGleiches gilt auch für jegliche Probleme beim Timing, mit denen Verstärker unterhalb der Highend-Grenze oft zu kämpfen haben. Bates‘ fulminantes Klavierspiel beweist: Der Crayon CIA-1 setzt jedes Schallereignis genau dorthin, wo es hingehört. Ziemlich souverän für einen Verstärker unter 3.000 Euro, wie der Crayon einerseits trotz seines insgesamt weich-fließenden Tons auch bei den allerschnellsten Pianoläufen nichts verschmiert, versuppt oder überblendet und trotz seiner enormen dynamischen Potenz, die auch große, komplexe Schallereignisse nahezu aus dem Nichts in den Raum stellt, seine beeindruckende Impulswiedergabe nie effekthascherisch in den Mittelpunkt stellt. Auch bei wildestem Jack-DeJohnette-Getrommel bei „Facing East“ von Keith Jarretts neu aufgelegtem Tokio-Gig Always Let Me Go (auf Amazon hören) bleibt stets ein Hauch jener unverschämt natürlichen Geschmeidigkeit bewahrt, die aus technisch sauber konstruierten Geräten akustisch ansprechende Instrumente macht.

Crayon CIA-1

Was der Crayon seinen Sub-3.000-Euro-Konkurrenten zudem meilenweit voraushat, sind seine Klangfarben, die in dieser Intensität, Ausdifferenziertheit und vor allem: der lebensechten Treffsicherheit auch dem ein oder anderen preislich adäquaten Röhrengerät, wie etwa dem Jadis Orchestra Blacksilber (2.990 Euro), vor Scham die Drähte glühen lässt. Ja, wer Klangfarben in solcher Echtheit anrührt, braucht dazu zwar nicht übermäßig Pegelreserven, dafür aber „umso mehr Frequenzband“ bis in den Obertonbereich hinein. Fehlt im Oberstübchen die nötige Information, geraten Klangfarben entweder matt, fade, wie ausgebleicht oder – noch verbreiteter und unangenehmer – oberflächlich, artifiziell und unglaubwürdig. Beim Crayon ist genau das Gegenteil der Fall: Die Klangfarben des CIA-1 haben aufgrund seines milden, samtigen, aber stets ausreichend informativen Hochtons zwar ausnehmend intensive Texturen, werden aber konsequent mit der Live-Realität als Referenz angerührt. Übertreibungen sind dem Crayon nämlich bei aller Farbenpracht fremd.

Auflösung

Die zeitweise gespenstische Natürlichkeit der Klangfarben überrascht umso mehr, als dass der Crayon kein Auflösungswunder im eigentlichen Sinne ist. Will heißen: Der Detailgrad, bis zu dem der Crayon das akustische Geschehen ausdröselt, reicht aus, um Klangfarben glaubhaft darzustellen. Wer hingegen einen akustischen Springbrunnen aus Anriss-, Neben- und Hintergrundgeräuschen erwartet wie der ein oder anderen Röhrenfan, für den selbst das Hüsteln von der Zuhörerempore einen integralen Bestandteil einer gelungenen orchestralen Liveaufnahme darstellt, könnte vom Crayon womöglich nicht gänzlich zufriedengestellt werden. Wiewohl für die Preisklasse mit insgesamt anständig und breit angelegter Informationsdichte gesegnet, um auch untenrum einen gestrichenen Kontrabass sicher von einem Cello zu unterscheiden, lässt der Crayon CIA-1 nach oben hin hörbar bewusst jedes Extra-Funkeln und -Strahlen sein, das manch einer mit highendiger Wiedergabe assoziieren mag.

Ungewöhnlich: Der Crayon CIA-1 trägt das Kühlelement auf der Unterseite

Ungewöhnlich: Der Crayon CIA-1 trägt das Kühlelement auf der Unterseite

Tonalität

Die Vorteile seiner neutralen Gangart: Der Crayon klingt auch bei schlechten Aufnahmen niemals hart, pieksig oder silbrig und gibt jede Art von Musik angenehm, milde und ganzheitlich genießbar wieder. Stichwort ganzheitlich: Der Crayon verführt mangels „Bells and Whistles“ auch niemals dazu, die Aufmerksamkeit vom tonalen Zentrum der Musik, sprich: den Mitten abzuwenden und sich in kleinteiliger Analyse von Teilaspekten zu verlieren. Nein, der CIA-1 stellt Musik stets als Ganzes dar und spielt damit auch angesichts des erwähnten Timings und seines rhythmischen Talents letztlich involvierender als viele seiner noch so detailliert auflösenden Klassenkameraden.

Der Crayon schützt den Zuhörer durch seine tonale Sachlichkeit letztlich bloß davor, die Aufmerksamkeit von der Schönheit der Instrumente und dem rhythmischen Zusammenspiel der Interpreten abzuwenden. Eine „emotionale Kindersicherung“ im Dienste der Musik, die ich als solche bereits bei meinem seligen Naim DAC schätzen gelernt habe, dessen beim ersten Hinhören arg sparsame Hochtonauflösung angesichts des stolzen Anschaffungspreises von 3.200 Euro zunächst für energisches Kopfschütteln sorgte, das jedoch recht bald durch noch energischeres Fußwippen angesichts der von unnötigem Hochtongebimmel befreiten Fokussierung auf die „Mitte der Musik“ abgelöst wurde.

Rückseite des Crayon CIA-1

Die Rückseite des Crayon CIA-1

Einen großen Beitrag zum erhöhten Groove-Faktor des Crayon CIA-1 liefert auch der Bass des Österreichers. Der Crayon steigt ausnehmend tief hinunter, bleibt dabei jedoch im Pegel vorbildlich linear, sodass Bassimpulse mit genau der richtigen Mischung aus dynamischer Schubkraft und tonalem Understatement, also frei von jeder unnatürlich-effekthascherischen Aufblähung präsentiert werden. Die Folge ist eine warme, voluminöse, aber dennoch stets kontrollierte Basswiedergabe.

Im Gegensatz zu den Geräten, die im Bass vergleichbar antrittsschnell und präzise agieren, erkauft sich der Crayon seine Gelenkigkeit allerdings nicht durch tonale Askese, sondern spielt im Untergeschoss eher den George Foreman: Ein athletisches Schwergewicht, das trotz vielleicht nicht maximal ausdefinierten Erscheinungsbilds auf Anfrage einen ansatzlosen Hieb auspackt, den man ihm so gar nicht zutrauen mochte. Das macht den Crayon CIA-1 für Orchesterklassik, wo Volumen und Dynamik gleichermaßen gefragt sind, zur Idealbesetzung – und bei Groove, Blues und Pop zum beherzt zupackenden Spaßverstärker.

Die Strecke zwischen der tieffrequenten Schubkarre und dem Hochton wird aufs Köstlichste geschlossen durch leicht sonore, körperhafte und cremig dahinfließende Mitten, die dennoch stets transparent, griffig und rein wiedergegeben werden und somit als „Komfortzone“ des Crayon so ziemlich das Maximum dessen bieten, was man im Preisbereich unter 3.000 Euro von einem Vollverstärker erwarten kann.

 

Der optionale Phonoeingang trägt die Nr. 1. Nr. 2 bis 4 sind immer Hochpegelinputs

Das Anschlussfeld des Crayon CIA-1

Vom gesamttonalen Normal-Null rückt der Crayon damit – aufs ganze Frequenzband gehört – lediglich durch eine minimale Anhebung des unteren Mitteltons einerseits und eine dezente, aber hörbare Senke ab dem Übergang vom Mittel- zum Hochton andererseits ab. Keine Sorge, mit einem „Oberbass-Boost“ haben wir es hier keineswegs zu tun, schließlich ist der Crayon in der Lage, Groove, Drive und Pace aus echter Dynamik zu generieren und hat Frequenzgepfusche daher so nötig wie beleuchtete Watt-Meter oder bunt blinkende LED-Displays.

Das Bühnenbild

Mehr Pflicht als Kür bietet der Crayon in Sachen Bühnenbild. Hier kann der CIA-1 weniger aus seiner Halbleiterhaut als anderswo und verzichtet auf Röhren-assoziierten Riesenwuchs und holografische Vollausleuchtung von Aufnahmeräumen. Von der Zwei-Mann-Kapelle bis zum Großorchester – an den äußeren Boxenkanten ist zuverlässig Schicht, und selbst bei hyperpräsent abgemischtem Heavy Metal lässt der Crayon eher (von der Grundlinie an) tief blicken, als den Hörer mit seiner Darbietung anzuspringen.

Crayon CIA-1

Auch ist der Crayon abbildungstechnisch kein ausnehmend „luftiger“ Geselle. Instrumente und der Raum drum herum werden im Zweifel etwas kompakter dargestellt als anderswo, dafür aber mit vorbildlicher Konturenschärfe versehen. Im Zusammenspiel mit der tonal im besten Sinne unspektakulären, will heißen: angenehm effekt- und spektakelfreien Gesamtabstimmung garantiert dies, dass Einzelstimmen jederzeit ohne besondere Konzentrationsleistung herausgepickt werden können, jedoch stets als Teil der Gesamtperformance wahrgenommen werden. Die Gefahr des analytischen Zerpflückens besteht beim Musikhören über den Crayon zu keiner Zeit, da einzelne Motive, Instrumente oder Geräusche über den CIA-1 zwar stets adäquat dargeboten, aber weder so anrührend noch so mitreißend geraten wie deren Zusammenspiel als Ganzes. Oder besser: „die Musik“.

Macht in Summe klanglich für den Crayon: Dynamik, Timing und Klangfarben herausragend, der Rest eher unspektakulär, da ganz im Dienste der musikalischen Erlebnisses stehend. Diagnose: kein Effektgerät für Detailfreaks, sondern Hörinstrument für Musikliebhaber.

Vergleiche mit anderen Verstärkern

Eine Alleinstellung am Markt? Nun, nicht ganz. Wer sich vom Klangprofil des Crayon angesprochen fühlt, hat zwar nicht wirklich viele, aber ein paar ernsthafte Alternativen. Ein Lavardin ISx (2.930 Euro) etwa malt ähnlich intensive Klangfarben, löst vor allem in den Mitten feinkörniger auf, zeichnet eine weiträumigere sowie „luftigere“ Bühne und stellt daher insbesondere bei Jazz und Klassik eine potente Ersatzdroge für „trockene Röhrenjunkies“ dar – erreicht bei Musik mit Fokus auf Groove und Drive aber längst nicht die Wucht, den trockenen Punch und die rhythmische Trittsicherheit des Crayon.

Groove pur wiederum bekommt noch sonorer, schubkräftiger und sogar rund 500 Euro günstiger serviert, wer den tonal zudem zum Verwechseln ähnlich abgestimmten Naim XS2 (2.398 Euro) zum Vergleich heranzieht. Die 500 Euro Ersparnis resultieren dann allerdings in einer gewissen, naja: Versuppung des Gesamtklangs, denn die ohnehin recht enge Bühne des Naim XS2 bietet statt der konturiert-stabilen Aufstellung des Crayon CIA-1 dann doch eher die Wall of Sound. Auch klingt der XS2 insgesamt weniger farbstark und anstrengungslos fließend als der elegante Österreicher.

Crayon CIA-1

Absolut pari wiederum steht der Crayon mit einer zur Abwechslung jetzt mal echten Röhre wie dem Jadis Orchestra Reference dar (nicht dem oben erwähnten, darunter angesiedelten Blacksilver). Gleichauf in den Klangfarben, die der CIA-1 zwar eine Spur erdiger, weniger schillernd, aber letztlich auf demselben Niveau wie der Orchestra Reference zeichnet, liefern sich die echte und die „falsche“ Röhre auch in Sachen Dynamik, Attacke und der Vermittlung musikalischer Zusammenhänge packende Duelle, die der Jadis als schwelgender Impressionist, der Crayon als dem Original verpflichteter Naturalist führt – und am Ende nach Punkten gewinnt, denn der Jadis ist mit 3.600 Euro deutlich teurer als der Crayon.

Wer es klangfarblich noch eine Spur intensiver vertragen kann, dem sei ein Vergleich mit der kürzlich in meinem Hörraum getesteten Vor-Endstufen-Kombination aus Series 7R und Micro 25R (1.300 bzw. 1.800 Euro) von Croft ans Herz gelegt. In Sachen Timing, Groove und Rhythmus ebenfalls Vollblutmusiker, gönnen diese Hybrid-Verstärker sich und dem Hörer den Spaß, tonal und klangfarblich ihr eigenes Ding zu machen. Bunt, quicklebendig und inklusive charmanter bühnen- und klangfarbentechnischer Abweichungen vom Protokoll.

Crayon CIA-1

Also: Anders als der Crayon spielen im fraglichen Preisbereich viele, insgesamt rundherum besser kein einziger Verstärker. Und deshalb gilt eigentlich für alle, die einen Amp um 3.000 Euro suchen: Den „Farbstift“ schön fett rot markieren und einen Termin beim Händler des Vertrauen vereinbaren.

Test: Crayon CIA-1 | Vollverstärker

  1. 1 Farbverstärker
  2. 2 Klangeindruck Crayon CIA-1
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