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Klang Audiograde Ardora (Teil 1)

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  1. 2 Klang Audiograde Ardora (Teil 1)

Die Schönheit im Hörraum ...

Ist Ihnen das auch schon einmal passiert, dass Sie aus unbekannten Gründen den Alarm Ihres Weckers aktiv gelassen haben – und dann geht das Ding genau dann los, wenn Sie Laurie Andersons Werk Bright Redentspannt Musik hören möchten? Sehr nervig. Da gebe ich mich Laurie Andersons Werk Bright Red in voller Länge hin, bin so richtig drin in dieser ultratransparenten Klangwelt, die die Audiograde Ardora vor mir ausbreitet – und dann sowas. Piep, piep, piep. Fast schon zur Tür hinaus, geht mir auf: Hey! Das ist ja gar nicht mein Wecker. Das kommt aus den Lautsprechern. Wow! Ich bin ziemlich überrascht.

Nicht dass ich mich zu denen zähle, die zig Tausende ins HiFi-Geraffel stecken, um sich dann Testtöne anzuhören – bewahre! –, aber trotzdem: Dass die Ardora mich derart austrickst, ist wirklich nicht schlecht. Zugegeben, es gelingt ihr auch deshalb gut, weil ich bis zum Song „Same Time Tomorrow“ seltenst komme, ihn dementsprechend nicht wirklich gut kenne – der Überraschungseffekt spielt also mit hinein. Schnell wechsele ich zu meiner Referenz-Höre, den Dynamikks Monitor 8.12. Da müssen ja Gott sei Dank nur 110 kg bewegt werden statt gleich ’ne viertel Tonne, das ist fix gemacht … Klar, die Überraschung ist jetzt weg, aber da vertue ich mich trotzdem nicht, die Dynamikks hat dieses Weckerpiepen nicht derart realistisch drauf wie das Schwergewicht aus Aachen. Es wirkt einfach nicht ganz so echt, plastisch, ja: naturidentisch. Kein Mensch vermisst das – wenn ihm der Direktvergleich fehlt. Klingt schon sehr glaubhaft und ehrlich, ja … aber meinen Hintern hieve ich nun nicht aus dem Sessel, um im Schlafzimmer nachgucken zu gehen. Sooo glaubhaft ist’s dann halt doch nicht.

Audiograde Ardora
Die Ardora steht auf vier aus dem Vollen gedrehten Messingfüßen

„Was schreibt der denn da zwei Absätze zu ’nem Weckerpiepen voll?“, fragen Sie. Nun, dergleichen könnte als „egal“ durchgehen, stimmt, aber für mich ist’s ein Wink, wohin die Reise mit der Audiograde Ardora geht: Hohe Auflösung, verbunden mit extremer Verzerrungsarmut und einer Plastizität, die der Erfahrung nach eigentlich nur mit einem gelungenen time-alignement resultieren kann. Wenn kurze Geräusche beziehungsweise Transienten derart echt und körperlich fassbar im Raum hängen, hat das eigentlich immer etwas mit dem Thema „Zeitrichtigkeit“ zu tun. So habe ich das jedenfalls öfter erlebt, mit den großen Surrountec-Lautsprechern auf der Münchner High End etwa, oder als ich einmal bei Hört sich gut an in Bielefeld die großen Ascendo System M-S hörte, auch meine inzwischen „verflossene“ System F aus gleichem Hause ging in die Richtung, eine Myro Whisky ebenfalls.

Audiograde Ardora - je nach Kundenwunsch gibt's eien Single- oder ein Bi-Wire-Terminal
Je nach Kundenwunsch gibt’s die Ardora mit Single- oder Bi-Wire-Terminal

Cake/Motorcade of GenerosityUnd nun also die Audiograde. Um mir ein weiteres Geräusch zu geben, wähle ich „Rock’n’Roll Lifestyle“ von Cake (Album: Motorcade of Generosity) aus. Bevor der Song richtig anfängt, zündet sich jemand ostentativ eine Kippe an und braucht zwei Streiche, bis das Holz entflammt – und ich unwillkürlich lache. Tja, so klingt ein Streichholz. Nicht nach mehr und nicht nach weniger, das ist die pure akustische Essenz des Entflammens. Nach dem genauso livehaftig wirkenden Ausblasen des Holzes setzt links ein Shaker ein, und kurz glaube ich, die Körner in ihm ganz easy durchzählen zu können, derart klar kommt das ans Ohr. Sie wollen wissen, was die Audiograde Ardora vor allem ausmacht? Sie ist eine akustische Lupe Regina Spektorsondergleichen. Wenn Regina Spektor auf „Somedays“ (Album: Soviet Kitsch), kurz bevor sie tatsächlich singt, den Mund öffnet und die Lage ihrer Zunge um anderthalb Zentimeter variiert – dann kriegt man genau das mit. Nichts wird verschleiert, aber genauso wenig forciert, angespitzt, überdeutlich-gezwungen und damit artifiziell dargestellt. Es frappiert, wie völlig klar ein derart leises Signal überhaupt abgebildet werden kann. Ich vermag nicht zu sagen, ob die Ardora in Sachen Auflösungsvermögen nun das Ende der Fahnenstange ist – da bin ich lieber vorsichtig, im Zweifel steht hier bald eine 50-kEuro-Box, die noch mehr schafft, und was schreibe ich dann? –, aber ich weiß, dass ich dergleichen bei mir bis dato noch nicht gehört habe. Was das minutiöse Aufdröseln feinster Klangtexturen und das akribische Nachzeichnen noch kleinster Details angeht, liegt die Audiograde ganz weit vorne. Hören in Full-HD.


Zwei 17-cm-Treiber von Accuton bestellen die unteren Oktaven, der hier abgebildete mit den Resonanzminimierungspads an den Seiten läuft bis 1,2 kHz hoch, der untere arbeitet bis 550 Hz

Möglich wird das wohl nicht nur, weil die Accuton-Keramikchassis der Audiograde Ardora in der Lage sind, leiseste Signale akkurat von sich zu geben, sondern auch, weil diese Mikrodetails eben auch durchkommen, sprich nicht verdeckt werden. Hier macht sich der Szentiks’sche Vibrationsminimierungs-Wahnsinn mit dem Vollgussgehäuse dann wohl bezahlt. Akustische Störkomponenten glänzen durch Abwesenheit, das Klangbild ist auffällig rein und verzerrungsarm. Und mehr als das: Da das Gehäuse schweigt, wird es fürs Klangbild akustisch unsichtbar. Große Lautsprecher stehen sich ja bisweilen selbst im Weg, was die Bühnendarstellung betrifft – es klingt dann halt „wie aus einer Box“. Dagegen haben manche Hörer geradezu eine Allergie und schätzen deshalb gut gemachte Kompaktmonitore, die resonanztechnisch in aller Regel unauffälliger sind als Standmodelle – und die kleineren Abmessungen tun ihr Übriges.

Audiograde Ardora

Auch wenn die Ardora kein Kühlschrank ist, als „kompakt“ geht sie wohl kaum durch. Gleichwohl dürfte sie einer der am freiesten abbildenden Lautsprecher sein, die mir untergekommen sind. Einzelne Klänge werden hochfokussiert, kompakt und griffig dargestellt. Egal ob in der Mitte der Bühne oder am Rand. Egal ob vorne oder hinten. Egal auch – und das ist ebenfalls selten – in welcher Tonhöhe: Eine Stimme fest gefügt und prägnant im Zentrum zu setzen, das gelingt anderen auch. Bei den Nik Bärtsch/RandoriFrequenzextremen wird’s aber interessant. Bisweilen wirken angeschlagenen Becken wie etwas, nun ja, milchstraßenartig Seiendes im Klangbild – und dazu dann ein Basslauf, der quasi von überall herzukommen scheint. Nicht so mit der Ardora! Nik Bärtschs „Modul 15“ (Album: Randori) beginnt mit Solo-E-Bass-Spiel. Zweifellos wird hier über meine Dynamikks mehr Luft bewegt, das Ganze gerät physischer, hat mehr Punch. Aber mit der Audiograde ist der Ton räumlich enger definiert, wie ein kleiner Kraftzwerg turnt dieser sehnige Basslauf in der Mitte der Bühne vor mir rum – während es bei der Dynamikks eher einer sportiv-federnden Wand gleicht. Interessant: Zwei „Interpretationen“ des Gleichen, die beide ihren Charme besitzen.

Test: Audiograde Ardora | Standlautsprecher

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