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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Unmittelbar!
  2. 2 Lindemann Move: Klangtest & Vergleiche

„Wie jetzt – Lindemann baut wieder Lautsprecher?“ Ich war durchaus erstaunt, als ich erfuhr, dass die Oberbayern mit den Lindemann Move (https://lindemann-audio.de/) wieder klassische Lautsprecher an den Start bringen. Verband man die innovative Manufaktur in jüngerer Zeit doch vornehmlich mit kompakten, eigenständig designten und smarten Elektronikkomponenten, allen voran die Music:Book-Serie, die auch nach unseren Tests bleibenden Eindruck hinterließen. Doch so ungewöhnlich sind Lautsprecher für die Lindemänner und -frauen ja gar nicht: Zwischen 1993 und 2012 führte man bereits welche im Programm – ziemlich highendige sogar. Und mit Blick auf die heutige Zeit ergibt es natürlich Sinn, die erfolgreiche Elektronik mit qualitativ adäquaten Schallwandlern aus eigenem Hause verheiraten zu können.

Anders, als man denkt; Breitbänder plus Supertweeter

Lindemann Move aus der Froschperspektive

Keine handelsübliche Zweigwegebox – die Lindemann Move arbeitet mit einem Breitbänder, der von einem Superhochtöner flankiert wird

Beim ersten flüchtigen Blick auf den Lindemann Move mutmaße ich, dass es sich um ein klassisches Zweiwegekonzept mit einem Tiefmitteltöner und einem Hochtöner handelt – doch weit gefehlt! Norbert Lindemann, der für die Entwicklung des Move verantwortlich zeichnet, hat sich hier nämlich etwas Besonderes ausgedacht: Er kombiniert einen Vollbereichstreiber – also einen Breitbänder – mit einem AMT-Hochtöner, der ausschließlich für den audiophilen „Goldstaub“, vulgo die Frequenzen ab zehn Kilohertz zuständig ist. Das sieht man nicht alle Tage – ich klemme mich ans Telefon und lasse mich von Norbert Lindemann aufklären.

Direct to ear – ohne Umwege über Frequenzweichen

Lindemann sagt, dass es ihn schon seit vielen Jahren in den Fingern juckte, mal wieder einen Lautsprecher zu entwickeln. Sein wichtigstes – freilich auch anderswo oft verlautbartes – Entwicklungsziel lautete, dass das Signal vom Verstärker bis hin zum Ohr des Musikhörers möglichst wenig an Energie einbüßen und möglichst keinerlei Verfälschung erfahren soll. „Direct to ear“ heißt die Devise.

Und das schließt auch mit ein, dass klassische Frequenzweichen inklusive ihrer Probleme mit Phasendrehungen etc. außen vor bleiben sollen – eine solche Konsequenz bei der Entwicklungszielverfolgung gibt’s dann anderswo schon seltener.

Pfui Spinne

Der Breitbänder der Lindemann Move

Der Breitbänder der Lindemann Move arbeitet ohne Zentrierspinne

Ganz klar: Da landet man fast automatisch bei einem Breitbänderkonzept. Bei seiner Recherche stieß Lindemann auf den in China beheimateten Hersteller Markaudio, der auf die Entwicklung von hochwertigen Breitbändern spezialisiert ist. Besonders angetan zeigte sich Norbert Lindemann von der Alpair-Serie des Herstellers, die sich in seinen Versuchen durch extreme Klarheit, Transparenz und Breitbandigkeit auszeichnete.

Einer der Gründe hierfür: Die Treiber dieser Serie kommen aufgrund ihrer speziellen Konstruktion ohne „bremsende“ Zentrierspinne aus, die aufwändig gestaltete Gummisicke wirke nämlich bereits „zwangszentrierend“, wie Lindemann es nennt. Damit nicht genug: Aufgrund der verstärkerfreundlichen Impedanz von 7,2 Ohm sei es eben grundsätzlich auch möglich, den Treiber vollständig ohne Frequenzweiche oder Dämpfungsglied einzusetzen. Das Signal vermag also tatsächlich direkt und ohne Umwege seinen Weg von den Lautsprecherklemmen in den Breitbänder zu nehmen.

Für die richtigen Glanzpunkte: Air Motion Transformer ab 10 Kilohertz

Der Air Motion Transformer (AMT) der Lindemann Move

Der Air Motion Transformer (AMT) der Lindemann Move setzt bei 10 kHz ein

Während manche Entwickler, die an erweiterten Breitbandkonzepten arbeiten, dem Breitbänder im Zweifelsfall lieber einen separaten Tieftontreiber oder Woofer spendieren, geht Lindemann genau den anderen Weg: Er bedämpft den Breitbänder der Move mit einer „mechanischen Frequenzweiche“, wie Lindemann es schmunzelnd nennt, nämlich einer kleinen Korkscheibe, die als Absorber wirkt und direkt auf der Membran appliziert wird. Der Effekt ist eine 6-dB-Dämpfung ab 10 Kilohertz. Bei dieser Frequenz setzt zudem der AMT-Hochtöner ebenfalls chinesischer Provenienz ein, der lediglich durch einen hochwertigen Jantzen-Dünnfilmkondensator sehr flach angekoppelt ist.

Die Idee hinter dieser ungewöhnlichen Treiberpaarung ist – ich deutete es oben bereits an – die Optimierung der Phasenkohärenz („Zeitrichtigkeit“) des Lautsprechersystems, die dadurch begünstigt wird, dass der Schallentstehungsort über weite und wichtige Strecken des Übertragungsbereichs einem Treiber zugeordnet wird. Dem Ideal der Punktschallquelle nähert man sich so ebenfalls an. Allerdings gilt auch: Je höher die Frequenz, desto mehr konzentriert sich die Membranschwingung auf den Mittelpunkt der Membran, was einer homogenen Schallabstrahlung abträglich sei, so Lindemann. Aus diesem Grund wird die Membran ab 10 kHz aufwärts durch das Korkplättchen „stillgelegt“, der AMT-Hochtöner mit seinem günstigeren, breiteren Abstrahlverhalten kann durch die vergleichsweise hohe Ankopplung besonders fein schwingen – alles das soll in einen sehr detaillierten und störungsfreien Klangbild münden. Aufgrund der flachen Filterung helfe der AMT dennoch auch nach unten ein Stück weit mit aus, was ebenfalls dem Abstrahlverhalten zugutekomme.

Bewusst dünnhäutig

Die Lindemann Move von vorne und hinten

Die Gehäuse der Lindemann Move bestehen aus HDF

Gehäuseseitig kommt bei den Lindemann Move statt des üblichen MDFs ein HDF beziehungsweise Compact Density Fiber Board zum Einsatz, das aus hochdicht gepressten Holzfasern besteht und mit 12 Millimetern Stärke vergleichsweise dünnwandig ist. Das bietet gleich drei Vorteile, sagt Lindemann. Zum einen lasse es sich per CNC-Fräse hervorragend bearbeiten, was die Produktionskosten senke und trotzdem eine sehr akkurate Fertigung ermögliche, zum anderen absorbiere es wenig Energie. Und drittens sei die Resonanzfrequenz von hochdichter Faserplatte vergleichsweise hoch – was beim Klopfen aufs Gehäuse gut zu hören ist. Das wiederum gestattet ein sparsames Dämmkonzept. Während andere Thinwall-Hersteller wie Harbeth ihre Gehäuse gerne mit Bitumenelementen „beruhigen“, kommt hier nur eine vergleichsweise dünne Schicht aus Schaumstoff an den inneren Gehäusewänden zum Einsatz. Also auch hier die Devise: Möglichst wenig Schallenergie absorbieren.

Optional: leicht montierbare Ständer

Die Lindemann Move mit den optional erhältlichen Ständern

Die Lindemann Move mit den optional erhältlichen Ständern

Wer mag, der kann übrigens für den vergleichsweise schlanken Aufpreis von 295 Euro pro Paar noch recht pfiffige Ständer dazu bestellen, sie bestehen aus dem gleichen HDF-Material wie die Lautsprechergehäuse und lassen sich ohne den Einsatz von Werkzeug durch einfaches Zusammenstecken aufbauen. Auf glattem Boden zeigen sie sich standfest, wer indes einen hochflorigen Teppich sein Eigen nennt, für den könnten die Ständer aufgrund des insgesamt eher niedrigen Gesamtgewichts, das sich aus Lautsprechern und Ständern ergibt, etwas zu kippelig sein; der Einsatz von Spikes oder dergleichen ist nämlich konzeptionell nicht vorgesehen.

Design mit Farbtupfer

Der Breitbänder der Lindemann Move mit Korkplättchen

Der Breitbänder der Lindemann Move wird in Richtung Superhochton mit einem Korkplättchen „gebremst“

Noch ein paar Worte zum Äußeren der Lindemann Move. Die Verarbeitung der Lautsprecher ist ausgezeichnet. Sämtliche Gehäusekanten sind akkurat abgerundet, Spaltmaße nicht auszumachen. Die mattgraue Lackierung mutet sauber und fehlerfrei an. Gefertigt werden die Gehäuse übrigens in Tschechien, die Endmontage und Dämmung erfolgt indes vor Ort bei Lindemann im oberbayrischen Örtchen Wörthsee. Die Single-Wiring-Anschlüsse kommen in Form von Banana-Laborbuchsen augenscheinlich solider, aber nicht überkandidelter Qualität, ein Anschluss via Kabelschuh oder Verschraubung ist also nicht möglich. Damit kann man aber leben, finde ich. Das Design wirkt puristisch und völlig zeitlos – und bekommt durch die ganz sachte orange-bronzefarben schimmernde Membran des Breitbänders einen dezenten Farbtupfer.

Lindemann Move: Klangtest & Vergleiche

Nach einer ausführlichen Einspielzeit von rund 100 Stunden (die der Lautsprecher auch braucht, denn so ein Breitbänder ist schon ein kleines feinmechanisches Kunstwerk, das erst mal „aufgeweckt“ werden will) leine ich den Move an meine A4-MK2-Monoblöcke von Valvet und füttere das Ganze teils per CD-Spieler (C.E.C. CD5), teils per hochauflösendem Streaming (Cambridge Audio CXN V2) mit ganz unterschiedlicher Musik.

Erwartungen und erste Eindrücke

Das Lindemann-Logo auf den Lindemann Move

Was erwartet der Rezensent von so einem Konzept? Natürlich nicht zuallererst überbordende Pegelfestigkeit und „Rock’n’Roll“-Qualitäten, sondern vor allem eine besondere Schlüssigkeit und beeindruckende Räumlichkeit des Klangbilds. So waren bisher zumindest meine Erfahrungen; in meiner Sturm-und-Drang-Zeit habe ich nämlich auch mit diversen Fostex-Breitbändern ein paar Lautsprecher gebaut.

Donald Fagen The NightflyUnd – wie sollte es anders sein: Eine Top-Studioproduktion wie Donald Fagens Album „The Nightfly“ zeigt sofort auf, dass der Lindemann Move da nicht aus der Reihe tanzt. Der Opener „I.G.Y.“ kommt über die Lindemann-Lautsprecher in einer Transparenz und Klarheit daher, die einem instantan die Nackenhaare gegen den Strich bürstet. Sagenhaft, wie die reichhaltige Instrumentierung voll und ganz zum Zählappell antreten kann, hier ist vom glockigen FM-E-Piano über den stolpernden Drumcomputer und den leuchtenden Blechbläsern bis hin zum fein in den Hintergrund gemischten gesampelten Schellenkranz einfach alles gleichberechtigt mit einer unfasslichen Leichtigkeit und Mühelosigkeit zu hören.

Und das verbunden mit einer hyperexakten Platzierung der Schallquellen, die in der horizontalen Ebene über einen erfreulich großen Sweet Spot – man muss also nicht unbedingt präzise auf der Sofamitte sitzen – funktioniert. Das macht mächtig Spaß.

Die Schallwand der Lindemann Move

Aber es gibt auch eine Überraschung: Ich hatte – die geringe Gehäusegröße von 186 x 250 x 305 mm (BxHxT) schon eingepreist – zunächst mit „wenig“ Bass gerechnet; der spezialisiertere Tiefmitteltöner einer handelsüblichen Zweiwegebox sollte gegenüber der breitbandigen Lösung der Move untenrum ja durchaus Vorteile ausspielen. Das Vorurteil kann ich so nicht stehen lassen.

Logo – mit einer ausgewachsenen Standbox oder einer voluminösen Kompakten kann sich das Gebotene in Sachen Tiefgang natürlich nicht messen, aber ich musste feststellen, dass ich nicht wirklich etwas vermisste. Im Gegenteil: Ausnehmend präzise und rhythmisch wird die akzentuierte und agile Arbeit des Bassisten wiedergegeben. Das geschieht federnd-leicht und zudem mit so viel Tiefgang, dass ich in meinem nicht ganz 20 Quadratmeter großen Hörraum einen dedizierten Tieftöner nicht vermisse. Schauen wir mal nach diesem ersten Rundumschlag mal zunächst genauer aufs Tonale!

Hell und freundlich

Hochtöner und Breitbänder der Lindemann Move

Die Grundabstimmung der Lindemann Move ist tendenziell ganz leicht auf der hellen, aber keinesfalls überstrahlten Seite. Rein tonal erinnert das ein Stück weit an die bekannten Kompaktboxvertreter von Bowers & Wilkins – wie beispielsweise die 706 S3 (2000 Euro) oder die 805 D3 (6.000 Euro). Allerdings erscheint mit der Hochton bei der Lindemann Move insgesamt etwas weniger vorwitzig als ich es von B&W kenne – wo der frische, hochauflösende Hochtonbereich meiner Meinung nach Teil des Markenkerns ist.

Das Feingespür

Richard Groove Soul MessageWill heißen: Mit den Lindemann Move präsentieren sich selbst sehr feine Hochtondetails zu keiner Zeit eingeebnet oder künstlich abgerundet, die Lautsprecher machen dabei gleichwohl nie einen angestrengten oder überpräsenten Eindruck. Das lässt sich bei Richard Groove Holmes` Instrumentalstück „Misty“ (Album: Soul Message) in der Album-Version hören. Zentrales Instrument ist hier natürlich eine Hammondorgel. Holmes gehört für mich zu den Ausnahmeorganisten, weil er – anders als die meisten seiner Zunftkollegen – nur sehr sparsam mit dem Leslie umgeht, Sie wissen schon: die fast mannshohen Lautsprecher mit den rotierenden Schalltrichtern, die für viele Menschen erst den typischen Hammond-Sound ergeben. Richard Groove Holmes verweigert den Einsatz des Leslie-Kabinetts im Stück „Misty“ auf fast schon störrische Art und Weise. Er erzeugt den Spannungsbogen nämlich ausschließlich durch sehr fein abgestimmte Lautstärkeabstufungen und ein gelegentliches behutsames Umregistrieren der Sinus-Zugriegel. Das klingt bei der Vorstellung des Themas zunächst eher lieblich, gerät dann beim langsamen Hinspielen aufs Solo (hier werden ein paar Mixtur-Register hinzugezogen) schon etwas kantiger – und als er zum eigentlichen Solo anhebt, wird es auch mal „extrascharf“, was durch das lange Halten von „schrägen Intervallen“ (Sekunden, Quarten) zuweilen richtig lustvoll im Innenohr zwiebelt.

Rückseitig wird der Breitbänder über eine Bassreflexöffnung unterstützt

Der Breitbänder wird tieftonseitig durch eine rückseitige Bassreflexöffnung unterstützt

Ganz ehrlich: So gut, packend und hochauflösend wie über die Lindemann Move höre ich das – und zwar preisübergreifend – nicht allzu oft, weil die Lautsprecher die reichhaltigen Klangschattierungen der Hammondorgel mitsamt aller erforderlichen Nebengeräusche mit einer Akkuratesse und Transparenz wiedergeben, die sich schlicht und einfach goldrichtig anfühlt.

Wir hören das durch die elektromechanische Klangerzeugung bedingte minimale „Eiern“ der Töne ebenso wie das gewollte Schwingen der Vibrato-Einheit. Wir hören aber auch die durch die eingebauten Röhrenverstärker der Orgel etwas „rauchig“ wirkenden Details, die dem Hammond-Sound eigen sind, die leichten Ungenauigkeiten beziehungsweise Timingverzögerungen beim Anschlag der Tasten, sowie die beißenden Schwebungen und zunehmenden Verzerrungen, wenn Holmes peu à peu das Volume-Pedal bis zum Anschlag niedertritt. Hier geht tatsächlich überhaupt keine Information verloren, trotzdem muss man selbst an der lautesten Stelle des Solos nicht zum Lautstärkeregler sprinten, weil die Lindemann Move auch bei hohen Tönen immer klar und sauber zeichnet, ohne zu nerven.

Heimspiel – die Mitten

Richard Wagners RienziDas Mittenband, wo die meisten akustischen Instrumente und Gesangsstimmen „daheim“ sind, bringen die Lindemann Move gleichfalls mit hoher Transparenz und Farbstärke dar. Abermals lenken die Move den Fokus auf Details, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. In der Ouvertüre zu Richard Wagners Oper „Rienzi“ beispielsweise entwickelt sich das Leitmotiv langsam aus einer „Ursuppe“ der Streicher heraus, die sich langsam gegenseitig hochschaukeln, wobei einzelne Blechbläser kontrapunktisch dagegenhalten.

Den Hüllkurven der Blechbläsereinsätze lässt sich vom Einatmen der Musiker über das Einschwingen, Halten, An- und Abschwellen der Töne bis hin zum Verklingen und Nachhall perfekt nachfühlen. Gleichzeitig sind die in den tieferen Lagen mäandernden und umherstromernden Streicher gut auszumachen. Das alles gerät zu jeder Zeit organisch, was nicht selbstverständlich ist, denn ich kenne viele Breitbandkonzepte, die zwar mit toller Räumlichkeit aufwarten, aber tonal bei der einen oder anderen Frequenz näseln oder quäken. Keine Spur davon bei der Lindemann Move. Kurzum: Die Mitten wirken absolut transparent und neutral.

Leichtfüßig auf Zack: der Bassbereich

Die Lindemann Move von seitlich-vorne

Der Bassbereich zeigt sich arttypisch für eine „normale“ Kompaktbox – und das ist trotzdem eine Überraschung, denn wie bereits oben gesagt: Der sich viel Arbeit aufbürdende Breitbänder kommt ohne Überstützung eines Tieftöners aus. Echter Tiefbass fehlt mehr oder weniger, zugleich kann ich aber auch keine künstliche Oberbassbetonung ausmachen. Erstaunlicherweise wirkt das Gebotene trotzdem nicht blutleer oder matt, angesichts der Gehäusegröße und des ungewöhnlichen Grundkonzepts des Lautsprechers kommt der Bass vielmehr gut zur Geltung, zumal dessen Antrittsschnelligkeit und Genauigkeit begeistert.

Ich serviere den Lindemann Move mehrere Stücke, bei denen der Bass existenziell wichtig ist (zum Beispiel „Guns of Brixton“ von The Clash oder auch „Wouldn’t it be good“ von Nik Kershaw). Das, was den Move in Sachen Tiefgang fehlt, holen sie mit ihrer Konturiertheit, ja fast schon sportlichen Sehnigkeit locker wieder auf. Wie sich sowas ausgleichen kann? Nun, am Ende geht es ja immer um Hörspaß, und den bringen die Move unterm Strich auch im Tieftonbereich mit, sofern man sie nicht mit allzu deftigen Pegeln quält – aber wer würde das schon mit Breitbändern machen?

Tempo, Tempo …

Es klang weiter oben schon an: Die Lindemann Move ist pfeilschnell – und zwar in jeder Lage. Ja, ich kenne kaum einen passiven Lautsprecher in dieser Größen- und Preisklasse, der so unmittelbar, flott und timingfest aufspielt. Möglicherweise geht hier einfach das Credo „Direct to ear“ von Norbert Lindemann auf, es ist definitiv kein leeres Werbeversprechen. Wenn der Schlagzeuger in Mike Oldfields „Shadow on the Wall“ kurz vor dem Refrain von eine Kaskade von Snareschlägen abfeuert, sieht man über die Lindemann Move fast schon ein Maschinengewehr vor sich. Einziger kleiner Wermutstropfen: Die grobdynamischen Talente der Move werden durch die maximale Belastbarkeit des Gesamtsystems und die „Bassmasse“, die katapultiert wird, limitiert. Die Move ist keine Partybox, sie ist auch nicht dahingehend konzipiert oder „gezüchtet“.

Lindemann Move auf dem zugehörigen Ständer

Trotzdem muss man mit ihr nicht „wirklich leise“ hören: Eine vollbesetzte Orchestersinfonie kann man sorglos in vollbefriedigender Lautstärke abfahren, denn: Anders als in einem großen Konzertsaal braucht es in der heimischen Wohnstube natürlich insgesamt deutlich weniger absolute Schallenergie, um ein „Tutti“-Erlebnis authentisch zu genießen. Wesentlich weiter sollte man die Move – insbesondere bei Musik mit hohem Anteil tieffrequenter Schallquellen (Elektro, Techno und Konsorten) nicht aufreißen, denn dann geht der Breitbänder logischerweise irgendwann in die Verzerrung. Kurz und gut: Für den Hausgebrauch in Hörräumen – bis sagen wir mal 20 Quadratmeter – sind jederzeit genügend Reserven da, sofern man vom Partyeinsatz absieht. Und, falls das für Sie wichtig ist: Für Ärger mit den Nachbarn langt‘s mit den Lindemann Move auf alle Fälle …

Feindynamisch funktioniert es auch – so lässt sich das Gitarrensolo in Red Hot Chili Peppers‘ „I could have lied“ mit großem Genuss verfolgen, weil die lauten energetischen Stellen akkurat und flink daherkommen – und die leisen, bei denen einige wenige hohe Töne wimmernd ausklingen, bis zur absoluten Stille und zum endgültigen Verklingen sauber nachgezeichnet werden. Für noch mehr Feindynamik muss man dann schon höher ins Regal greifen: Mein Hauptlautsprecher Harbeth 30.2 XD zeigt sich, wenn ganz Leises neben ganz Lautem gleichberechtigt zu hören sein soll oder wenn winzige Schattierungen und Klanggespinste wie die Beckenarbeit in Talk Talks „Spirit of Eden“ klarer herausgearbeitet werden müssen, hier noch etwas kompetenter, sie kostet aber mit 5.400 Euro auch deutlich mehr.

Stereo macht doppelt froh

Lindemann Move ohne und mit Frontbespannung

Es klang oben schon an: Dreidimensional-holografische Wiedergabe ist das ganz große Talent der Lindemann Move. Sie zeichnet eine Bühne, die einen schön involvierenden Schritt auf den Hörer zu geht, aber nicht überbordend groß, sondern realistisch anmutet. Besonders gut gefällt mir die akkurate Tiefenstaffelung der Lautsprecher, die – entsprechendes Musikmaterial vorausgesetzt – nahezu unlimitiert wirkt.

Allerdings ist die Qualität der Tiefenstaffelung ein Stück weit abhängig von der Aufstellung: Am besten gelingt sie bei meinem Hörtests, wenn die Lautsprecher direkt aufs Ohr zielen, also auf Achse ausgerichtet sind. Das wiederum zieht einen vergleichsweise kleinen Sweet Spot nach sich. Je mehr man die Frontseiten der Lautsprecher parallel zur Raumrückwand bringt, desto mehr öffnet sich auch der Sweet Spot, wobei die Tiefenstaffelung selbst bei ganz parallel stehenden Lautsprechern noch sehr ordentlich gerät, wenngleich sie ein Stück weit „verliert“. Ich finde das aber nicht störend – auf diese Weise lassen sich daheim per unterschiedlicher Aufstellung halt unterschiedliche Szenarien realisieren. Wer beispielsweise gemeinsam mit seinem Schatz Musik hören möchte, der winkelt weniger stark ein – und wer ganz allein genießen möchte, kann sich die Lautsprecher direkt auf den Hörplatz einwinkeln und dafür noch ein bisserl intensiver am süßen Honig des tiefen Raums naschen.

Das Single-Wiring-Terminal nimmt ausschließlich Bananas auf

Das Single-Wiring-Terminal nimmt ausschließlich Bananas auf

Vergleiche

Blicken wir mal ein wenig zur Seite: Die Lindemann Move spielen ähnlich klar und transparent wie meine Audio Note UK AX-Two (3.750 Euro) und sind ihnen bei moderaten Lautstärken sogar überlegen, was die dynamische Antrittsschnelle angeht. Insbesondere für den Tieftonbereich gilt das, der bei den Audio Notes zudem nicht wirklich voluminöser gerät als bei der Move.

Die kompakten B&W 706 S3 (2000 Euro) und 805 D3 (6.000 Euro) hingegen kommen beide mit mehr Tiefgang und Pegelfestigkeit als die Lindemann Move. Die 706 S3 leuchten den Hochton stärker aus als die in dieser Hinsicht neutraleren Move, bringen dennoch nicht mehr Details zu Gehör. Und die 805 D3 (sie ist allerdings auch fast doppelt so teuer) schafft es schlussendlich dann doch, über das gesamte Frequenzband noch mehr Details herauszukitzeln.

Die Harbeth Compact 7ES3 XD (4.450 Euro) ähnelt der Move tonal im Tief- und Mitteltonbereich, verrundet allerdings stärker. Die Move ist deutlich antrittsschneller unterwegs. Meine Arbeitspferde Harbeth 30.2 XD tönen feindynamisch noch akkurater als die Move, liefern mehr Tieftonenergie und steigen auch tiefer in den Basskeller hinab, zeigen sich im Vergleich mit der Move tieftonseitig aber behäbiger.

Erheblich mehr Basspower und auch schieren Tiefgang als die Move bringt die Inklang Ayers Two (1.660 Euro) mit, dafür hat sie in Bezug auf Feinauflösung und Detailwiedergabe weder im Mitten- noch Höhenbereich eine reelle Chance gegen den Lindemann-Lautsprecher.

In Bezug auf die Räumlichkeit bewegt sich die Lindemann Move auf einem sehr hohen Niveau. Sie kann sich durchaus mit einer deutlich teureren B&W 805 D3 (6.000 Euro) messen – und übertrifft gerade bei der Plastizität und genauen Ortbarkeit der Schallquellen auch das, was die Harbeth Compact 7ES3 XD und 30.2 XD abliefern. Respekt.

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Test: Lindemann Move | Kompaktlautsprecher

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