alles, was es zur lebenden legende braucht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eine kleine offenbarung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von gigantischen schaufelraddampfern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eine elf track
lange reise

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

moderne konstrukte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

musikalische horizonterweiterung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

funkt, fiedelt und fiept aus allen löchern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

akustische spezereien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

crème de la crème

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

intimes wispern in formvollendeten depressionen

 

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Thomas Dybdahl | Elvis Costello & The Roots | Peter Gabriel | Julia A. Noack | Geri Allen | Mister And Mississippi | Hiatus Kaiyote | VA: Hamburger Küchensessions # 2


Geri Allen | Grand River Crossings

Geri Allen Cover

Wer angesichts der betörend schnörkellosen Ästhetik der Fotos von Arne Reimer gemeinsam mit mir bedauert hat, dass sich sein Buch American Jazz Heroes auf eine Auswahl von fünfzig Portraits beschränken musste, kriegt mit dem untenstehenden Bild von Geri Allen zumindest einen Nachschlag. Auch wenn es ihre Geschichte nicht ins Buch geschafft hat – die 1957 geborene Jazz-Pianistin hat, abgesehen von einem biblischen Alter, alles, was es zur lebenden Legende braucht. Unter anderem eine mehr als einhundert Alben umfassende Diskographie als Sidewoman, darunter zwei des Altsaxophonisten Ornette Coleman, sowie einen Auftritt in Robert Altmanns 1996er Kultfilm Kansas City, wo Allen die Rolle der Stride-Pianistin Mary Lou Williams spielt.

Mit dem Kansas-Sound haben Allens Grand River Crossings allerdings nichts am Hut – vielmehr widmet die umtriebige Musikerin, Komponistin und Hochschullehrerin den mit Motown & Motor City Inspirations beuntertitelten letzten Teil einer Soloalbentrilogie ihrer Heimatstadt Detroit. Die namensgebende Grand River Street gibt es dort wirklich, und, wen wundert's, alle Wege von ihr führen zu Motown. Das lässt im Falle Allens mal lächeln (wie bei ihrer Interpretation von Stevie Wonders „That Girl“ oder jener vom Supremes-Hit „Stoned Love“), meist aber erst einmal irritiert innehalten, denn bei Stücken wie Smokey Robinsons „Tears of a Clown“ sucht man vergeblich nach der bekannten Hookline. Zudem beschränkt sich Geri Allen nicht nur auf die glorreichen Sechziger und Siebziger des Labels: So starten die Grand River Crossings mit einer eigenwilligen Version von Michael Jackson's „Wanna Be Startin' Somethin'“.

Geri Allen

Mindestens ebenso ungewöhnlich ihre Interpretation des mittlerweile zu Tode gecoverten Paul McCartney-Hits „Let It Be“, das Allen mit derart vielen Blue Notes verfremdet, bis es nur noch stellenweise durchscheint. Das gilt auch für die übrigen Songs des Albums: Wer nicht genau zuhört, könnte glauben, die Grand River Crossings bestünden ausschließlich aus Eigenkompositionen. Und die gibt es hier natürlich auch. Nahtlos fügen sie sich in das Repertoire der Motor City – genauer: dieses, darunter eine mehr als siebenminütige Mammut-Version von Marvin Gayes „Save The Children“, passt sich dem Allen'schen Duktus bis zur Selbstverleugnung, die hier ausnahmsweise zu begrüßen ist, an. Das gilt auch, und einzig hier war ich ein bisschen traurig, für meine Motown-Lieblingsstücke wie „Baby I Need Your Lovin'“ oder „Inner City Blues“, die mich schnell nach meinen Smokey-Robinson- und Marvin-Gaye-Platten kramen ließen.

Eine kleine Offenbarung ist die Kollaboration mit dem Modern-Jazz-Trompeter Marcus Belgrave, die den Grand River Crossings mit Stücken wie der ätherischen „Space Odyssey“ oder einer pointierten „Nancy Joe“ den letzten Rest Pop austreiben und sie zur ernstzunehmenden Jazzscheibe machen. Nicht minder cool, wenn auch für meinen Geschmack eine Spur zu präsent, der Auftritt des Detroiter Saxophonisten und Was-Not-Was-Mitglieds David McMurray. Aber entscheiden Sie selbst – im November kann man das Ganze dann auch in Europa live erleben.


Mister and Mississippi | Mister and Mississippi

Mister and Mississippi Cover

Springen wir von der kanadischen Grenze in den tiefsten Süden. Detroit und Mississippi liegen nicht nur geographisch meilenweit auseinander, sondern auch (musik-)kulturell. Wo das eine einst die Heimstatt des optimistisch stampfenden Motown-Beats war (und heute des nicht minder stampfenden, aber alles andere als optimistischen und nicht zuletzt wohl deshalb auch gern auch als „Post Soul“ bezeichneten Detroit Techno ist), kultiviert das andere sein sympathisch verschlafenes Image unter Verweis auf vergangene glorreiche Tage als „Home of the Blues“. Wer als Musiker das Wortungetüm „Mississippi“ im Namen trägt, setzt also eine ganze Reihe Konnotationen in Gang, von gigantischen Schaufelraddampfern über Menschen, die auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzen, bis hin Delta-Blues.

Mister and Mississippi 5.1

Den Blues indessen muss man bei Mister und Mississippi schon mit der Lupe suchen – und wird selbst dann kaum fündig, denn hinter dem Klischee-beladenen Namen stehen vier junge Musiker aus dem Dunstkreis der Utrechter Musikhochschule Herman Brood Academy. Wie eine typische Studentenband nimmt sich die Musik von Samgar Lemuël Jacobs, Maxime Barlag, Tom Broshuis und Danny van Tiggele allerdings nicht aus, auch wenn wir es hier laut Sängerin Maxine durchaus mit einer Kopfgeburt, sprich: einem Konzeptalbum zu tun haben, bei dem die vier Musiker ihre jeweilige Sichtweise gleichberechtigt präsentieren, anstatt sich an der klassischen Aufteilung Frontfrau und Gitarrist mit Rhythmusgruppe zu orientieren. Herausgekommen ist eine elf Track lange Reise – und ja, hier passt das Bild der beschaulichen Flussfahrt perfekt –, die den Hörer in mal Groove-betonte, mal träumerisch versponnene Indiefolkpopklanggefilde trägt.

Inspirieren lassen hat sich das Quartett durch die Sounds von Bon Iver, Sigur Rós, den Fleet Foxes und The Low Anthem, was ihm einen weitaus höheren Hipness-Faktor verleiht, als wünschenswert wäre. Allein deshalb, weil viele Menschen Mister and Mississippi aus Hipsterhass nicht hören werden. Oder, weil die falschen Menschen sie hören werden. Oder die richtigen Menschen aus den falschen Gründen.

Mister und Mississippi 5.2

Die große Stärke der Platte, die mit dem Prinzip eines männlichen und eines weiblichen Leadsängers spielt, sind Herbstballaden wie „See Me“, „Running“ oder „Northern Sky“, die mit dezentem Retrocharme à la Simon&Garfunkel beeindrucken, während Walzer wie „Bon Vivant“ Mister and Mississippi Apologeten Leonard Cohens ausweisen. Was Mister and Mississippi aber von allen anderen unterscheidet, sind, ich nenne es jetzt mal: moderne Konstrukte, wie „Same Room, Different House“ oder ganz besonders auch „Six Feet Under“, welches sich aus der Blues-Hölle (also doch!) ins Sakrale aufschwingt – so klänge Susanne Sundfør, nähme man ihr die Elektronik fort! Großartigerweise gibt es das Ganze auch als Doppel-LP auf 180-Gramm-Vinyl.

Hiatus Kaiyote | Tawk Tomahawk

Hiatus Kaiyote | Tawk Tomahawk Cover

Einem einschlägigen Online-Mediendealer zufolge erwarben „Kunden, die diesen Artikel angesehen“ haben, auch Platten von Fat Freddy's Drop, Samuel Yiga und Dexys – kurzum von Künstlern, von denen zumindest ich bislang genauso viel gehört habe wie von Hiatus Kaiyote: nämlich nichts, und ich nehme an, den meisten von Ihnen geht das nicht anders. Im Falle des Melbourner Quartetts sollten wir für die musikalische Horizonterweiterung dankbar sein, hätten wir doch ansonsten etwas verpasst, das sich vornehm mit „Future Soul“, weniger vornehm mit „Soul Music on LSD” umschreiben lässt.

Das zupft und blubbert zunächst einmal in wohlig wärmendem Midtempo vor sich hin, bis gelegentliche Stolperer im Rhythmus auf das Genre verweisen, das dann aber vor allem durch die unaufgeregte Stimme von Frontfrau Nai Palm, die sich irgendwo zwischen Angie Stone und Lauryn Hill bewegt, definiert wird. Etwas mehr dreht sie dann schon auf „The World It Softly Lulls“ auf, wobei das Ganze dem Songtitel entsprechend aber immer noch von einem betont entspannten Groove getragen wird und deshalb nie zur Anstrengung gerät. Dem gelösten Grundton bleiben Hiatus Kaiyote auch im Folgenden treu, sei er nun gewissen bewusstseinserweiternden Substanzen geschuldet oder auch nicht.

Hiatus Kaiyote | Tawk Tomahawk 7.1

Klanglich deutlich opulenter und eher Nikka Costa-artig wird man ab Track Nummer vier: Das funkt und fiedelt und fiept aus allen Löchern, dass es eine Freude ist! Wild wabern die georgeclintonesken Space-Lines, die wohl die Melodie sein sollen, und auf „Boom Child“ packt Palm, die gleichzeitig als Gitarristin der Band fungiert, ihr bislang gut verborgenes Schwermetallarsenal aus. Spätestens jetzt beginnt Tawk Tomahawk richtig Spaß zu machen! Zuviel davon will man uns aber auch nicht gönnen und bringt mit „Lace Skull“ erst einmal alles zum Portishead'schen Stillstand. Nach ein paar vertrackten P-Funk-Chören und einer knapp zweiminütigen Interlude im SoulParlor-Stil dann kommt man auch schon zum abschließenden Höhepunkt „Nakamarra“, einer Kollaboration mit A Tribe Called Quest-Mastermind Q-Tip.

Der hat mit seiner Crew schon in den Achtzigerjahren mit seinem alternativen, sich – nicht zuletzt dank des Bassisten von Miles Davis und John Coltrane – auf seine Jazzwurzeln besinnenden HipHop dafür gesorgt, mit überkommenen Klangvorstellungen zu brechen. Und hier schließt sich der Kreis zu den Australiern, denn genauso intelligent und sperrig, doch nie den Groove aus den Augen lassend, präsentieren sie ihre Variante einer zeitgemäßen Soulmusik, die ohne Nu- und Retro-Soul-Klischees auskommt. Wenn das die Zukunft des Soul ist, kann ich damit gut leben.

 

Various Artists |
40 Hamburger Küchensessions #2

Various Artists | 40 Hamburger Küchensessions #2 Cover

Im Jahr des großen Festivalsterbens, das auch renommierte Namen wie etwa das schwedische Peace & Love erwischt hat, ist es einem kleinen Off-Festival gelungen, erfolgreich ins zweite Jahr zu gehen. Die Rede ist vom Hamburger Küchensessions Festival. Ich durfte im September live dabei sein, wie viele der Acts, die das letzte Jahr über in der Küche von Initiator Jens Pfeifer ihre akustischen Spezereien zubereitet haben, für eine rauschende Nacht sorgten. Unvergesslich der Auftritt von Koffertrommler Tim Neuhaus, zu dessen Begleitung sich Bernhard Eder, Stefan Honig und Jonas David spontan zum Background-Chor formiert hatten!

Hamburger Küchensessions 8.1

Wer das Pech hatte, nicht dabei gewesen zu sein, kann sich mit der Compilation 40 Hamburger Küchensessions trösten, die dieses Jahr ebenfalls in die zweite Runde geht. Mit jeweils einem Song ihrer Akustik-Sets aus Pfeifers Küche ist hier die Crème de la Crème jener musikalischen Parallelgesellschaft (vor allem) Deutschlands vertreten, die sich – zu Unrecht! – jenseits der Massenwahrnehmungsschwelle formiert hat, darunter alte Bekannte wie Olli Schulz oder Binoculers, aber auch Neuentdeckungen wie Soki Green oder Vincent von Flieger, gekrönt vom isländischen Singer/Songwriter Svavar Knútur, der seine inneren Dämonen derart formidabel zu beschwören versteht, dass von ihm behauptet wird: „Er wird dich in die Hölle zerren und mit einem Lächeln zurückbringen.”

Hamburger Küchensessions 8.2

Mit einem Lächeln lassen einen auch die vierzig ausgewählten Küchensessionsstücke zurück, die immer voller Überraschungen stecken: Es ist schon ganz erstaunlich, welches Instrumentarium sich in so eine Küche stopfen lässt! Da packt Mine das Akkordeon aus, während Anne Haight zwar ihre Kalimba zu Hause gelassen hat, dafür aber mit Bratschenunterstützung angereist ist. Da spielt Tim Neuhaus die Gitarre so wie der Schlagzeuger, der er ursprünglich auch ist. Da stürzt uns Bernhard Eders intimes Wispern in formvollendetste Depressionen. Klar, dass passt zum Herbst. Lässt sich aber nicht nur aufgrund des wunderhübschen Grünkohl-Motivs, das auf eine der Doppel-CDs gedruckt ist, auch vortrefflich zur Weihnachtszeit verschenken. Wenn man es denn übers Herz bringt, diesen feinen Sampler wieder herzugeben, nachdem man ihn einmal gehört hat.

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