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American Jazz Heroes

Juni 2013 / Victoriah Szirmai

Auch wenn sie schon ein gutes Jahr zurück liegt – die treuen Leser von Victoriah’s Music werden sich an die Besprechung des schweren Buchs vom schwarzen Mann (aka der Autobiographie von Johnny Cash) erinnern. Und wo Cashs Erinnerungen schon unhandlich waren, muss man angesichts der „American Jazz Heroes“ schnaufend feststellen: Dieses Buch ist riesig! Den auf dem Cover pappenden Werbeaufkleber, der verspricht, „man schlendert durch diesen Band wie durch ein Museum“, kann man dann auch getrost als Warnhinweis interpretieren.

Louis Hayes

In der Tat: Dieses Buch können Sie nicht mit in die Badewanne nehmen, um ihr Wissen über amerikanische Jazzikonen aufzufrischen. Auch die Lektüre im Bett gestaltet sich schwierig. Am besten, man legt den Mammutband quer über zwei Schöße, um sich dann gemeinsam der – manchmal erschreckend direkten – Bildsprache des Fotografen Arne Reimer hinzugeben. Denn dieses Buch ist als Couchtischbuch, mit dem Sie Ihre Besucher zu beeindrucken trachten, viel zu schade. Pralle anderthalb Kilo Jazzgeschichte der Gegenwart warten darauf, gesehen, gelesen und (nach-)gehört zu werden. Wenn man sie erst einmal aus dem Buchladen oder vom Postamt nach Hause geschleppt hat.

Helen Merrill

Dann aber zieht der wohltuend unprätentiöse ästhetische Ansatz Reimers, der sich in der bewusst nicht hochglänzenden Buchgestaltung konsequent fortsetzt, schnell in den Bann. Das ist nicht nur unheimlich erfrischend – denn schließlich mangelt es an in hochästhetischen Bildbänden vereinten, überstilisierten Fotos von Jazzkünstlern beileibe nicht –, sondern auch dazu angetan, jenen die Berührungsängste zu nehmen, die Jazz bislang für etwas Edleres, Höheres, Schwerzugänglicheres hielten. Denn seien wir ehrlich: Nicht zuletzt trägt die einer konspirativen Absprache zu folgen scheinende Symbiose des Jazz mit dem Schwarzweißbild, das mit so manch mysteriösem Schatten und noch mehr Schwaden Tabakrauchs arbeitet, zur Aufrechterhaltung des gängigen Klischees bei.

Anders bei Reimer. Ob es nun daran liegt, dass er als Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ohnehin einem gesunden Realismus verhaftet ist – fest steht, dass seine Bilder von der üblichen Ästhetisierung des Jazz und seiner Künstler weiter wohl kaum entfernt sein könnten, eher Fotodokumentation als fotografische Inszenierung sind, wenn man hier nicht sogar von Entmystifizierung, ja: einer Art Kriegsberichterstattung des Jazz sprechen kann. In Farbe, ohne jegliche Überhöhung des Portraitierten und damit weitaus näher dran als alle prestigeträchtigen, vornehmlich auf Stil und Eleganz bedachten Prachtbildbände.

Bernard Purdi

Obgleich ich mit diesem Begriff sonst eher vorsichtig umgehe, muss ich Vorwortschreiber Roger Willemsen unbedingt zustimmen, wenn er davon spricht, es sei an der Zeit, den Jazzmusiker „wahrhaftiger“ zu sehen. Bei Reimer besticht der Anspruch an eine größere Wahrhaftigkeit durch den Charme des Alltäglichen. Da drängt sich schon mal das ein oder andere ästhetisch fragwürdige Möbelstück ins Bild, das frisch getrimmte Haustier samt hühnerfüßigem Bringsel, das ungemachte Bett inklusive aktueller Bestsellerschmöker, die dann doch sehr private Nippessammlung oder das Renovierungszubehör samt Umzugskartons – und ganz groß: das mit allerlei Elektroden verkabelte, akkupunkturnadelgespickte Skelett von Milford Graves, Teil einer kompletten Laborausstattung, die sich der heilenden Wirkung von Musik widmet. Der Jazzer an sich in seinem natürlichen Habitat – das ist eben auch nur ein ganz normaler Mensch, der sein Fahrrad im Wohnzimmer stehen hat und Kühlschrankmagnete mag.

Milford Graves

Statt den Nimbus des göttlichen Genies zu untermauern, geben Reimers Bilder – obgleich ihre Protagonisten offensichtlich posieren – dem Betrachter in ihrer schnappschussgleichen Unmittelbarkeit das Gefühl, etwas richtiggehend Verbotenes zu tun, nämlich: den unerlaubten Blick durchs Schlüsselloch zu riskieren. Wohl nicht ohne Grund hat Arne Reimer diese Home Story für Intellektuelle mit „Besuche bei 50 Jazz-Legenden“ untertitelt. Wer kann schließlich schon von sich behaupten, mal im Wohnzimmer von Jimi Cobb gesessen, die Niki-de-Saint-Phalle-artige Entenfigur auf dem Klavier von Dave Pike, das Auto von Bernard Purdie, den Gartenschlauch von Milford Graves gesehen zu haben? Nur wenige Interviews finden Backstage oder im Unterrichtsraum des örtlichen Konservatoriums statt, die meisten der Portraitierten öffnen Reimer ihre Privatgemächer. Das zeugt von großem Vertrauen. „Weißt du eigentlich“, bringt es Free-Jazz-Pionier Cecil Taylor an Reimer gewandt auf den Punkt, „was du für ein Glück hast, hier sein zu dürfen?“ Ein Privileg, das der Fotograf gern mit seinen Lesern teilt.

Sind die Bilder schon faszinierend, besteht das eigentlich Erstaunliche dieses Buches für mich aber in den Texten. Ein guter Fotograf muss schließlich noch lange kein guter Autor sein. Reimer aber schreibt, wie er sieht. Seine interviewbasierten Begleittexte sind ebenso unprätentiös und direkt wie seine Bilder, dabei aber von großer Sensibilität und voller Respekt gegenüber dem Portraitierten. Wie die Fotos vermitteln die intimen Texte dem Leser das Gefühl, mit auf dem Sofa zu sitzen und den Erzählungen der Jazz-Helden zu lauschen. Arne Reimer hat es verstanden, den Fehler zu vermeiden, datengeschwängerte Biografien runterzurattern – vielmehr gibt er den Künstlern Raum und Zeit, ihrer Vergangenheit nachzuspüren, zu reflektieren, was sie hätten anders, besser machen können, und von so manch unglaublicher Begegnung oder schicksalhaften Wendung zu erzählen. Mit eigenen Bewertungen hält er sich elegant zurück. Er beschreibt kurz die räumliche Situation, und dann gehört das Wort auch schon dem jeweiligen Helden. Entstanden ist so eine Jazzgeschichte in Selbstzeugnissen, in deren Vordergrund nicht der Fakt steht, sondern die kontemplative Betrachtung.

Cecil Taylor

Eine gewöhnliche Promotioninterview-Situation, in deren Rahmen die neueste Platte an den Mann gebracht werden soll, erlaubt solch tiefgreifenden Reflektionen, die immer mehr sind als pure Reminiszenzen, nicht. Buchgewordenes Slow Food ist das! Reimer erweist sich dabei als einfühlsamer Gesprächspartner, wenn er seinen fünfzig um die achtzigjährigen Heroen, darunter drei Heroinen, ein Stück Oral History entlockt. Und Jazzgeschichte haben sie allesamt geschrieben, in einer Zeit, als der Swing dem Bee Bop weichen musste, ob sie nun für Nina Simone das Schlagzeug rührten oder für Miles Davis den Bass. Manche stiegen selbst zu Weltstars auf, wie beispielsweise Ron Carter, der seit 1963 als einer der wichtigsten und mit etwa 3.000 Platten auch als meistaufgenommener Bassist der Jazzgeschichte gilt. Anderen, für die Musikgeschichte vielleicht ähnlich bedeutenden ehemaligen Sidemen, blieb hingegen der internationale Rum verwehrt.

Yuseef Lateef

Da gibt es Schicksale wie jenes von Henry Grimes. Obwohl er an Alben wie Gerry Mulligans „Songbook“ (1957), Sonny Rollins‘ „Our Man In Jazz“ (1963) oder Don Cherrys „Complete Communion“ (1965) maßgeblich mitgewirkt hat, konnte er sich 1968 eine Reparatur seines Kontrabasses nicht leisten und vegetierte die folgenden fünfunddreißig Jahre ohne funktionierendes Instrument in prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie nahezu völliger Abgeschiedenheit vor sich hin, wobei sogar technische Entwicklungen wie die der CD vollständig an ihm vorbeigegangen sind. Kein Wunder, dass man Henry Grimes zwischenzeitlich sogar schon für tot gehalten hatte, bis er Ende 2002 von einem Sozialarbeiter ausfindig gemacht wurde. Der startete einen Internet-Aufruf, Grimes einen Bass zu spenden, woraufhin ihm der Bassist William Parker einen dunkelgrünen Bass schenkte, mit dem Henry Grimes eine Platte für Marc Ribot („Spiritual Unity“, 2003) und zwei Alben unter eigenem Namen („Live at the Kerava Jazz Festival“, 2005 und „Solo“, 2009) einspielte. Seine Fingerübungen habe er schließlich auch ohne Bass nicht vernachlässigt, um von heute auf morgen wieder spielfähig zu sein …

Jimmy Cobb

Oder die Geschichte von Sheila Jordan, die sich als alleinerziehende Mutter tagsüber als Sekretärin in einer Werbeagentur durchschlug, um abends für sechs Dollar in Clubs zu singen, bis sie 1963 die erste Sängerin war, die je eine Platte für Blue Note aufgenommen hatte. Trotzdem sollte es noch mehr als zehn Jahre dauern, bis Jordan ihre zweite Platte einspielen konnte – und erst 1986, mit Verkauf der Werbeagentur, gab sie ihren Sekretärinnen-Job auf, um sich vollends auf die Musik zu konzentrieren. Da war sie achtundfünfzig Jahre alt.

Außerdem ist da noch der Vibraphonist Dave Pike, dem die ehemaligen DDR-Grenzer die Ein- und Ausreise mit seinem sperrigen Instrument derart erschwerten, dass er lieber in die Niederlande ging. Oder Yusef Lateef, der sich seine Holzflöten schon mal selbst baut und eine Abneigung gegen das Wort „Jazz“ hat, demgegenüber er den selbsterdachten Terminus „autophysiopsychic music“ bevorzugt. Oder Phil Woods, der sich weigert, mit seinem Saxophon zu posieren, da er es nur dann anfasse, wenn er „wirklich“ spiele – „wie ein Samurai sein Schwert“. Oder Sonny Fortune, der „eigentlich nie Musik hört“. Benny Golson, der eine Zeitlang seinen eigenen Ton nicht ertrug und neun Jahre pausieren musste. Und so viele andere. Es geht um Rassismus, Geldsorgen und Drogen. Um Naturidylle, Familie, Schüler. Gemeinsam ist all diesen Jazzpionieren, unter denen auffallend viele Bach-Hörer sind, die unbändige Neugier auf ihr Instrument und dessen unendliche Möglichkeiten, die es nach wie vor zu entdecken gilt. Spielen wollen sie alle, solange sie leben. Viele von ihnen üben immer noch täglich, denn „wenn du einen Tag aussetzt, spürst du es. Wenn du zwei Tage aussetzt, merkt es jeder“, weiß Frank Wess.

Ron Carter

Alle fünfzig Portraits werden von einer kleinen, mit viel Sachverstand erstellten Auswahldiskographie abgerundet. Einziger Kritikpunkt: Die Portraits könnten, ohne sich auch nur im Mindesten dem Ruch der Langatmigkeit auszusetzen, gut und gern doppelt so lang sein und noch mehr in die Tiefe gehen. Bei Ron Carter beispielsweise fand ich es richtiggehend schade, dass das Gespräch so abrupt endete. Vielleicht hat Reimer aber auch einfach nur einen weiteren Fehler vermieden und aufgehört, wenn es am schönsten ist.

Arne Reimer: American Jazz Heroes – Besuche bei 50 Jazz-Legenden Hardcover, 228 Seiten im LP-Cover-Großformat, 2013, Jazz thing Verlag Axel Stinshoff, Köln, ISBN 978-3-9815858-0-3, 49 Euro

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