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Kopfhörer auf der High End 2014 – Report fairaudio

Inhaltsverzeichnis

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Kopfhörer auf der High End 2014
mit Michael Bruß

Der Siegeszug von MP3-Player und Smartphone hat nicht nur der flächendeckenden Verbreitung komprimierter Musik (und damit zweifelhafter Klangqualität) den Weg geebnet, sondern auch dafür gesorgt, dass Kopfhörer einen raketenhaften Aufstieg erlebten und es geradezu eine Explosion an neuen Modellen gab. Sie haben sich vom reinen Schallwandler zum Trend-Audio-Accessoire für unterwegs gewandelt – kaum ein Jogger ist ohne sie unterwegs, und in U-Bahnen, Zügen und Flugzeugen sind Musikhörer mit dem persönlichen Lautsprecherset auf dem Kopf zum allgegenwärtigen Anblick geworden.

Monster gibt sich außerordentlich glamourös
Die Marke Monster gibt sich außerordentlich glamourös

Allerdings stehen die Hersteller heute vor einer größeren Herausforderung als noch zu Zeiten des Walkman mit seinen meist einfachen, ohraufliegenden Kopfhörerchen und den oft als Behelfswiedergabesysteme für den Musikgenuss in Gegenwart des fernsehschauenden Partners verstandenen HiFi-Kopfhörern: Design und Markenbewusstsein sind für die breite Käuferschicht mindestens ebenso wichtig wie der Klang geworden, und dazu kommt, dass die Verwendung als Headset zusätzliche Funktionen erfordert. Auch ist der durchschnittliche Käufer (dies ist mein persönlicher Eindruck) kaum bereit, mehr als 50 Euro für einen Alltagskopfhörer auszugeben.

Dennoch blüht auch der Markt für hoch- und höchstwertige Kopfhörer jeder Art schon seit Jahren regelrecht auf. Am laufenden Band finden neue Designs mit anscheinend immer höheren Preisschildern ihren Weg in die Regale der Händler und auf die Köpfe der Musikliebhaber. Waren Modelle wie der Sennheiser Orpheus, der AKG K1000 und die großen Stax-Modelle mit deutlich vierstelligen (im Fall des Orpheus sogar fünfstelligem) D-Mark-Preisschildern zu ihrer Zeit noch absolute Exoten und der feuchte Traum so manches (Jung-)HiFiisten, stellt sich die Konkurrenz im >1.000-Euro-Bereich heute breit auf. Auf der High End in München anno 2014 habe ich mich umgeschaut, um die interessantesten Neuigkeiten rund um den Kopfhörer aufzuspüren:

Die Heilbronner feiern in diesem Jahr ihren 90-jährigen Geburtstag – eine Ewigkeit im Unterhaltungselektronikbusiness, kann man sagen. Zur High End hat Beyerdynamic (www.beyerdynamic.de) dann auch zwei Leckerbissen mitgebracht.

Beyerdynamic CEO
90 Jahre und kein bisschen leise! Also das gilt für die Marke Beyerdynamic, nicht für den Managing Director Wolfgang Luckhardt, hier im Bild bei der Geburtstagsansprache

Einmal wäre da die Special Edition des T90 zu nennen. Der auf 1.000 Exemplare limitierte T90 Jubilee kann den einzigartigen Tesla-Treiber aufweisen und kommt, anders als der silberne Standard-T90, in „Midnight Black“, mit einer CD des audiophilen Labels Chesky Records, die in binauraler Technik aufgenommen wurde, sowie einem neu entwickelten Hardcase und mit Seriennummer im Bügel daher. Die technischen Daten des Jubilee sind mit denen des Standardmodells bis auf das Gewicht identisch; statt 425 Gramm gibt Beyerdynamic für den Jubiläums-T90 nur 400 Gramm netto an.

T90 Jubilee
Der T90 Jubilee ist das Geburtstagsgeschenk, das Beyerdynamic seinen Fans macht

Byerdynamic

Als zweite Neuigkeit fand sich auf dem Beyerdynamic-Stand der audiophile, volldiskret aufgebaute Kopfhörerverstärker A2. Er bietet flexible Einstellmöglichkeiten, sieht schick aus, ist nicht zu groß, und klingt hervorragend. Jedenfalls blieb ich deutlich länger als beabsichtigt auf dem Sessel vor dem A2 sitzen, um ihn im Zusammenspiel mit dem Kopfhörer-Topmodell T1 zu genießen. Die volldiskrete Bauweise und der großzügig dimensionierte Trafo scheinen sich auszuzahlen, denn der luftig-weite, glasklare und pieksauber-dynamische Klang des A2 in Kombination mit dem T1 ist selbst in Anbetracht der nicht gerade kleinen Preisschilder (1.498 Euro UVP für den A2 und 998 Euro für den T1) aller Ehren wert.

Beyerdynamic A2
Der A2 fungiert als Top-Verstärker bei Beyerdynamic

Beim japanischen Hersteller Final Audio Design (www.final-audio-design.com, Vertrieb in Deutschland: Sintron) präsentierte man die beiden neuen Over-Ear-Modelle Pandora Hope VIII und Pandora Hope X.

Final Audio Design Messestand

Wie ihr erst im Dezember des letzten Jahres auf den Markt gekommener älterer Bruder, der Pandora Hope VI, sind die beiden Neulinge massiv verarbeitet und tragen jedes Gramm ihres durchaus stattlichen Gewichts (jeweils deutlich über 400 Gramm) mit Stolz und viel Gefunkel vor sich her. Erstaunlicherweise sitzen alle Over-Ears von Final Audio Design dennoch leicht und angenehm auf dem Kopf, sodass auch langen Hörsessions nichts im Wege steht.


Final Audio Pandora Hope X

Klanglich sowieso nicht, dafür sorgt die einzigartige, aufwändig phasentreu abgestimmte 2-Wege-Konstruktion ohne Frequenzweiche, die sich neben dem 5-cm-Treiber für den Bass- und Mitteltonbereich eines Balanced-Armature-Treiber für den Hochton bedient. Letzterer ist nicht konzentrisch über der Tief-Mitteltonmembran wie bei einem herkömmlichen Koax angeordnet, sondern nach oben versetzt. Mit diesem Kniff möchte man die typische Im-Kopf-Ortung der Musik minimieren und eine weitere und natürlichere Räumlichkeit erreichen. Klappt das? Ja. Ein erstes Reinhören zeigt, dass beide Modelle in ihrer Preisklasse ganz, ganz weit vorne mitspielen. Apropos Preis: Mit voraussichtlich „zwischen 2.000 und 2.500 Euro für den Pandora Hope VIII und wahrscheinlich zwischen 4.000 und 4.500 Euro für den Hope X“ (laut Sintron) sind die beiden Japaner nicht gerade billig, aber ein echtes Statement und technisch wie klanglich ein Highlight – nicht nur auf der High End 2014. Zu haben sind die beiden Over-Ears voraussichtlich ab Juli 2014.

Jojo Hiramatsu, Head of Overseas Sales, mit den beiden neuen Over-Ear-Kopfhörern der japanischen Traditionsmarke
Jojo Hiramatsu, Head of Overseas Sales, mit den beiden neuen Over-Ear-Kopfhörern der japanischen Traditionsmarke

Obravo Audio (www.obravo-global.com) war bis zur High End nicht nur ein unbeschriebenes Blatt für mich, sondern mir noch gar nicht bekannt. Dabei ziehen die beiden Over-Ear-Modelle HRIB-1 und HAMT-1 des taiwanesischen Herstellers definitiv begehrliche Das Design der Obravo-Kopfhörer polarisiert – mir jedenfalls gefallen sie ausnehmend gutBlicke auf sich. Das Design mit dem fast geraden Bügel, den massiven Metallelementen, dem wunderbar gearbeiteten Leder und den Holz-Abdeckungen der Ohrmuscheln ist meines Erachtens sehr gelungen – auch wenn ich diesbezüglich anderslautende Meinungen vernommen habe. Auch in Sachen Klang kamen Kollege Mertens und ich zu gänzlich unterschiedlichen Schlüssen; während er die Obravo-Modelle auf dem Stand eines anderen Ausstellers hörte und als sehr bassschwach in Erinnerung behielt, hatte ich den komplett entgegengesetzten Eindruck. Die Erklärung dafür fand sich dann aber auch recht schnell: Das Zwei-Wege-Design beider Modelle bedient sich eines Bassreflexsystems, dessen multiple Reflexöffnungen sich verschließen oder offen betreiben lassen. Ich hatte den HAMT-1 komplett offen, er ihn komplett geschlossen gehört – ein Beleg für die Effizienz des Tuningsystems.

Der Holzrücken täuscht ein geschlossenes System vor – in Wirklichkeit haben wir es mit einem Bassreflexhörer zu tun
Der Holzrücken täuscht ein geschlossenes System vor – in Wirklichkeit haben wir es mit einem Bassreflexhörer zu tun

Der Hauptunterschied zwischen beiden Modellen erklärt sich teilweise bereits durch den Namen: HRIB-1 bedient sich eines Bändchentreibers (RIBbon) im Hochton, während das Topmodell HAMT-1 einen Air Motion Transformer für diesen Job abstellt.

Air Motion Transformer und dahinterliegender Basstreiber
Air Motion Transformer und dahinterliegender Basstreiber

In Sachen Preis wollte man sich bei Obravo noch nicht festnageln lassen – nach etwas Nachbohren aber lässt sich wohl von circa 1.500 Euro für den HRIB-1 und um die 2.500 Euro für den HAMT-1 ausgehen.


Liebevoll und hochwertig – handgemachtes Verbindungskabel

Keine Kopfhörer, sondern technisch außergewöhnliche Kopfhörerverstärker kommen von SPL/Sound Performance Labs (www.spl.info) aus Nordrhein-Westfalen. Der Profi-Hersteller hat eine unglaublich breite Range an Hard- und Softwareprodukten für Musiker und Masteringstudios im Portfolio, und viele bekannte Namen aus diesem Bereich tummeln sich unter den bekennenden Nutzern der Produkte von SPL.

Das Team von SPL
Das Team von SPL Electronics

Mit dem Phonitor 2 stellt SPL nun einen im wahrsten Sinne des Wortes spannenden Kopfhörer- und Vorverstärker vor, der es in sich hat. „Es“ meint dabei die 120-Volt-Technik, bei der eigens dafür entwickelte und gefertigte Operationsverstärker mit einer Spannung von 120 Volt betrieben werden – das entspricht dem Doppelten der bisher leistungsfähigsten Schaltungen in der analogen Audiotechnik und dem vierfachen herkömmlicher Audiotechnik im Profi- und Konsumentenbereich. Laut SPL bringt diese Technik nicht nur einen wesentlich höheren möglichen Maximalpegel mit sich, sondern vor allem deutlich bessere Werte für den Dynamikumfang, die Verzerrungsgrenze und den Rauschabstand.

Der Phonitor 2 sieht retro aus, ist aber höchst modern
Der Phonitor 2 sieht retro aus, ist aber höchst modern

Der Phonitor 2 lässt sich auch als Line-Vorverstärker für bis zu drei analoge Quellen nutzen und mit allen gängigen Fernbedienungen in der Lautstärke regeln. Natürlich verwendet SPL dazu ein hochwertiges Motor-Potentiometer, und der Phonitor 2 „lernt“ jede verwendete Fernbedienung zu verstehen. Die Signalverwaltung und Verstärkerschaltung selbst liegen selbstredend auf professionellem, höchstem Niveau. Den einzigen Tribut, den der Privatanwender an die Herkunft des Geräts aus dem professionellen Umfeld zahlen muss, ist, dass alle Ein- und Ausgänge bis auf einen Eingang (RCA) als XLR-Buchsen ausgeführt sind.

Die XLR-Anschlüsse deuten schon auf die Herkunft aus der Profi-Ecke hin
Die XLR-Anschlüsse deuten schon auf die Herkunft aus der Profi-Ecke hin

Aber: All das gibt es für nur 1.649 Euro! Ein extrem spannendes Gerät – ich muss mal mit den Herren Chefredakteuren über einen möglichen Test sprechen, denke ich … Übrigens gibt es auch eine „abgespeckte“ Version des Phonitor 2, den Phonitor Mini, der auch die 120V-Rail-Technologie bietet, aber ohne die Vielzahl der Bedien- und Anschlussmöglichkeiten des großen Bruders auskommen muss.

Mit dem Mini steigt man deutlich günstiger ein, muss aber auch ohne einige interessante Features auskommen
Mit dem Mini steigt man deutlich günstiger ein, muss aber auch ohne einige interessante Features auskommen

Wenn man über europäische Kopfhörerhersteller spricht, fallen zuerst Namen wie AKG, Sennheiser und Beyerdynamic. Ultrasone (www.ultrasone-headphones.com) aus dem oberbayerischen Wielenbach aber haben meist nur die Szenekenner auf dem Schirm.

Die Ohrschalen sind aus uralter Mooreiche gefertigt
Die Ohrschalen dieses Ultrasone sind aus uralter Mooreiche gefertigt

Was absolut schade ist, denn Ultrasone fertigt seit dem Jahr 2000 (so etwas wie das zweite Geburtsjahr der Firma nach einer tiefgreifenden Umstrukturierung) wieder Kopfhörer und In-Ears für gehobene und höchste Ansprüche. In München zeigten die Bayern neben den Manufaktur-Modellen iQ und Edition 12 als absolutes Highlight den neuen geschlossenen Top-Hörer, Edition 5, der erstmals auf die neue S-Logic-EX-Technologie setzt. Diese Weiterentwicklung der „alten“ S-Logic-Technologie soll durch einen dezentral, dreidimensional und trichterförmig angeordneten Schallwandler eine wesentlich räumlichere Darstellung als mit herkömmlichen Kopfhörern erzeugen.

Der Edition 5 ist ganz offensichtlich ein geschlossenes System
Der Edition 5 ist ganz offensichtlich ein geschlossenes System

Laut Hersteller ist der Eindruck, den man mit dieser Technologie beim Hören gewinnt, nicht mehr von der Klangdarstellung bester HiFi-Lautsprecher zu unterscheiden. Der Abstimmungsprozess, der für diese Technik notwendig wird, ist natürlich weit aufwändiger als sonst: Die beiden titanbeschichteten 40–Millimeter-Schallwandler zum Beispiel wurden eigens für den Einsatz mit S-Logic EX entwickelt und werden vor dem Einbau von Hand geprüft und aufwändig gematcht.

Ultrastabile Rasterung des Bügels
Ultrastabile Rasterung des Bügels

Die Edition 5 wird in der bayerischen Ultrasone Kopfhörer-Manufaktur von Hand gefertigt, und dabei kommen, dem ambitionierten Preis von 3.500 Euro entsprechend, nur die besten ausgewählten Bauteile und Materialien zum Einsatz. So macht beispielsweise jahrhundertealte Mooreiche mit ihrer jeweils einzigartigen Maserung jedes Modell zu einem Unikat. Mein erster Klangeindruck sagt: Unbedingt mal reinhören, auch wenn der Edition 5 nicht in finanzieller Reichweite liegt – aber so hört man zumindest, was zurzeit klanglich machbar ist.

Die „Quintessenz“ im Doppelpack
Die „Quintessenz“ im Doppelpack

Abschließend noch zu einem etwas erschwinglicheren Modell, und zwar dem VISO HP50 von NAD (www.nad.de). Die Briten folgen damit dem Trend zum eigenen Kopfhörer – wer etwas auf sich hält, muss heutzutage wohl auch als Home-HiFi-Hersteller einen Kopfhörer anbieten (siehe Denon, Focal, B&W und viele andere).

NAD Kopfhörer

NAD hat sich dafür der Mitarbeit des Lautsprecher- und Kopfhörerspezialisten PSB gesichert, der wie NAD Teil der kanadischen Lenbrook Group ist.

NAD Kopfhörer

Heraus kam ein stylisher, sehr gut über den Ohren sitzender Kopfhörer, der mit einem Preisschild von 279 Euro auf ambitionierte Aufsteiger und Musikliebhaber zielt, denen die Abstimmung der (kürzlich für eine den Magen umdrehende Summe von Apple aufgekauften) Beats-Kopfhörer zu basslastig und deren Design zu beliebig geworden ist. Zu haben ist der HP50 in Schwarz, Weiß und Rot, die Mechanik ist aus Metall und wirkt sehr robust und stabil. Die Kabel können wahlweise an der linken oder rechten Ohrmuschel eingesteckt werden.

Auch an eine Steuerung von Apple Produkten in der Flachbandzuleitung hat man bei NAD gedacht. Darüber können alle Grundfunktionen des angeschlossenen Apple Players gesteuert werden. Auch ein hochwertiges Mikrophon ist integriert und ermöglicht bequemes Telefonieren. Der Versuch, die Musik auch über den Kopfhörer räumlich realistischer klingen zu lassen, scheint derzeit so etwas wie der Heilige Gral der Kopfhörerwelt zu sein: Wie Final Audio Design und Ultrasone bedient sich NAD dazu einer speziellen Technologie, die hier RoomFeel™ getauft wurde. Klanglich ist das Ergebnis (vor allem mit Blick auf den Preis) überzeugend: Entspannt, neutral, locker und mühelos klingt der NAD VISO HP50 – er ist eine echte Alternative und nicht bloß ein Feigenblatt für die Generation MP3.

Messebericht: High End 2014 in München

  1. 5 Kopfhörer auf der High End 2014 - Report fairaudio
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McIntosh MA7200 AC