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Octave V 40 – Black Box & Tube Rolling

Inhaltsverzeichnis

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Octave V 40 im Einsatz

Ich habe den Eindruck, dass die nicht ganz so perfekte Raumabbildung bei großem Orchester auch eine Frage des Basses ist. Gerade tiefe Töne wirken in einem großen Konzertsaal nun mal vollkommen anders als ein Bass im Studio-Aufnahmeraum. Ein wenig Unterstützung in den unteren Lagen könnte die Musik also vertagen. Zu diesem Zweck gibt es die Black-Box. In der Bedienungsanleitung zum Octave V 40 SE ist zu diesem Thema zu lesen:

Bei anspruchsvollen Lautsprechern bewirken die Black Boxen durch ihre stabilisierende Wirkung eine deutliche Klangverbesserung. Das Klangbild wird ruhiger und behält seinen Fluss, die einzelnen Klangkörper gewinnen an Kontur, die räumliche Abbildung wird tiefer.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, denn genau dass bewirkt der Anschluss der Black-Box tatsächlich. Technisch gesehen, ergänzt die Black-Box die Netzteilkapazitäten, wodurch eine höhere Stromzufuhr möglich und das Netzteil gegen Schwankungen stabilisiert wird. So weit so gut. Offensichtlich sind meine Geithains doch anspruchsvoller als ich dachte. Obwohl – wenn es nicht gerade um klassische Musik mit großer Besetzung geht, kann ich auf die Black-Box auch gut verzichten. „Mit“ gewinnt vor allem auch der Bassbereich – er wird etwas schlanker, dabei aber straffer und konturierter.

Octave trifft Gaithain

Die Black Box bleibt zunächst angeschlossen und ich höre mich begeistert durch ein abwechslungsreiches Musikprogramm. Ich finde an der musikalischen Performance des Geräts nichts zu meckern. Es klingt einfach richtig, richtig gut, und begeistert einen für die Musik – und nicht für den Klang des Geräts. Etwas Besseres kann man einem auf Neutralität getrimmten Verstärker eigentlich nicht bescheinigen.

Octave V 40 SE - Lautstärkeregler

Um einen Vergleich zu bemühen: Mich erinnert der Klang des V 40 SE ein wenig an die „alten Knochen“ unter den Professoren, denen ich während meines Germanistik-Studiums begegnet bin. Die, die immer im Anzug zu ihren Lehrveranstaltungen erschienen, immer höflich-korrekt waren und die darauf bestanden, mit „Herr Professor“ angeredet zu werden: „So viel Zeit muss sein“. In Prüfungen konnten sie einen völlig unvermittelt nach dem Geburtstag Goethes fragen, weil dies ja zum Allgemeinwissen eines jeden Germanisten gehören sollte und ihre Vorlesungen hießen „Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller“ oder „Das Motiv des Wanderns in den Romanen Wilhelm Raabes“.

Faszinierend war, wie viel Begeisterung diese alten Herren rüberbringen konnten, wenn sie akribisch analysierend, dabei aber voller Begeisterung Texte interpretierten. Ich fand den Vortrag solch arrivierter Herren meist um ein Vielfaches spannender als den legeren Redefluss mancher jüngerer Professoren. Die ließen sich von ihren Studenten zwar duzen, ihre Seminare hatten Titel wie „Computerunterstützte Interpretation von Detektivromanen“ und um eine Prüfung zu bestehen, musste man nur mal kurz Marx erwähnen. Aber für ihr Fach konnten die einen selten begeistern.

Ich schweife ab. Kommen wir zurück zum Octave V 40 SE. Die Black-Box ist sicherlich eine gute Option, wenn man schwierigere Lautsprecher hat. Sie ist aber kein Pflichtkauf, der getätigt werden muss, sobald sich das Konto wieder etwas erholt hat. Ich persönlich könnte auch sehr gut ohne leben. Trotzdem schön zu wissen, dass andere Lautsprecher oder eine andere Gewichtung bei der Musikauswahl nicht gleich einen neuen Verstärker erfordern.

Octave V 40 - Eingangswahl

Eine weitere Möglichkeit, um beim Octave V 40 SE „Klangtuning“ zu betreiben, ist der Einsatz anderer Röhren. Dank der diesbezüglich recht universellen Auslegung des Verstärkers kann er mit unterschiedlichen Endröhren bestückt werden. Neben den serienmäßigen EL 34 sind alternativ etwa 6 CA 7, 6L6, KT 66, KT 77 oder 5881 möglich. Und da die SE-Version sich auch auf einen höheren Ruhestrom einstellen lässt, kommen auch 6550, KT 88, KT 90 oder KT 100 in Frage. Die richtige Einstellung des Ruhestroms ist dank der Unterstützung durch die Elektronik und mit Hilfe des beigelegten Schraubendrehers ein Kinderspiel. Mir wurde ein Set KT 88 mitgeliefert.

KT 88 im Octave V 40

Die hübschen, bauchigen Glaskolben wirken deutlich mächtiger als die schlanken EL 34. Irgendwie hatte ich erwartet, dass sie auch mächtiger klängen. Jetzt ist natürlich die Frage, was man unter „mächtiger“ versteht. Wenn man darunter kräftiger, vielleicht ein wenig grobschlächtiger versteht, ist das im Falle des mit KT 88 bestückten V 40 SE völlig falsch. Der Klang wird vielmehr sanfter. Aber nicht sanft, weil Kraft fehlen würde – im Gegenteil: Die Sanftheit entspringt nicht der Schwäche, sondern der Souveränität. Er klingt sanft, weil der V 40er sich‘s leisten kann. Und diese Sanftheit kommt nicht unbedingt bei lauten Passagen EL 34 im Octavezum Tragen, sondern vielmehr bei Details. Als besonders frappierend empfand ich die Veränderung bei Stimmen. Hören Sie sich Lucinda Williams Album „World Without Tears“ über den mit KT 88 bestückten V 40 SE an und Sie verstehen, was ich meine.

Haben Sie mit der EL 34-Bestückung noch die Chance, auf die Wiedergabequalität einzelner Instrumente zu achten oder die gute räumliche Darstellung zu würdigen, denken Sie bei der KT 88-Bestückung überhaupt nicht mehr an solche Dinge. Sie werden sich gleich von der Stimme einfangen lassen – der Rest ist schlicht „da“, in absolut einwandfreier Qualität. Aber dieser Rest tritt wie selbstverständlich in den Hintergrund.

Okay, wenn Sie mich zwingen, dann versuche ich wieder ein wenig objektiver zu werden: Bei Musik, bei der Stimmen nicht so im Vordergrund stehen, ist mir die etwas straffere Wiedergabe der EL 34 lieber. Vielleicht versprüht der Octave V 40 SE mit den KT 88 tatsächlich einen Hauch mehr von dem Charme, den man Röhrenverstärkern gerne nachsagt, ohne dass er sich dafür ernsthaft irgendeine Untugend nachsagen lassen müsste. Wir bewegen uns hier aber schon weit außerhalb solch trivialer Maßstäbe wie richtig oder falsch.

Test: Octave Audio V 40 SE | Vollverstärker

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