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Verstärker Plinius 9200 – Octave HP300 (Pre) – Testbericht – fairaudio

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Weitere akustische Erfahrungen mit dem Plinius 9200

Plinius 9200Nun, während Frau Badu über den Fonel Emotion körperhaft, sonor und angenehm weich-flüssig singt, tritt sie, kommt der Plinius 9200 ins Spiel, einen Schritt näher ans Mikro heran. Ihr Vortrag tönt jetzt direkter, klarer, ja: glänzender und freier nach oben hinaus, wenngleich nicht mehr mit diesem Brustumfang und der extra-verführerischen Sanftheit, womit der Emotion Emotionen ins Spiel bringt – die über den 9200er dafür mittels dieser fassbaren Unmittelbarkeit und Nähe hervorgerufen werden. Sie ahnen es – es bleibt Geschmackssache, welcher Vortragsart man mehr zuneigt. Analoges lässt sich bei der Wiedergabe von Bläsern hören: Beim Cake-Song „Daria“ besitzt Vincent di Fiores Trompete schlicht mehr Biss über den Plinius; Anders Paulssons Sopransaxophon („Dinkum Thinkum“ von Niklas Breman, Caprice Records, 2002) kommt spritziger rüber, mit sehr viel Luft drumherum – und das Klappengeklapper ist deutlicher zu vernehmen. Der Fonel kontert aber mit raffinierterem Körpereinsatz und etwas mehr Gelassenheit …

Nun, beide Vollverstärker sind highfidele Gourmetgerichte, aber in Nuancen anders abgeschmeckt und gewürzt. Lassen wir die Vergleiche. Was bis hierhin klar geworden sein sollte: Eine Anlage, die an sich schon sehr auf Zack ist, wenn nicht gar hell/klar/crisp bis präsent tönt, wird mit dem Plinius 9200 kein warmer Wadenwickel zur Linderung gereicht und steril-dünnen CD-Produktionen aus den Achtzigern kein die spitzen Konturen gnädig rundendes Mäntelchen umgelegt. Andererseits gibt es Aufnahmen, die eine kleine Dosis Frischluft durchaus vertragen können …

Zwar würde ich die Bilder einer Ausstellung, aufgeführt vom Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam und festgehalten auf SACD (RCO, 2009), nun wirklich nicht als vermufft bezeichnen – aber zumindest ist eine Abdunkelung durchs HiFi-Equipment nicht wirklich gewinnbringend. Der neuseeländische Amp stößt das Fenster auf, was nicht nur tonal nach angenehmer Frischzellenkur klingt, sondern auch bühnentechnisch zu einem größeren, insbesondere höherem Raumgefühl beiträgt – zudem wirkt der Orchesterapparat „zugänglicher“, nicht so opak.

Bilder einer Ausstellung / Royal Concertgebouw Orchestra

Das eigentlich Faszinierende dieser Aufnahme sind aber vor allem die teils dramatischen Pegelabstufungen, sprich: der Dynamikumfang. Und das dürfte neben der grundsätzlichen tonalen Neutralität (mit frischem Akzent) und dem verdammt schnellen, wendigen Bass eine weitere Stärke des Plinius 9200 sein: Dynamik. Begeistert von den Orchesteraufschwüngen und dem Impact der Pauken hänge ich meine Verstärker-Standards Octave HP300 (Pre) plus Electrocompaniet AW-180 (Monos) – dran, im Hinterkopf die Befürchtung: „Das darf doch wohl jetzt nicht wahr sein, dass dieser kleiner Neuseeländer …“

Nun, es ist auch nicht wahr, es ist dann doch noch mal etwas anderes mit der Kombi, nicht nur dynamisch betrachtet, und insofern bin ich halbwegs beruhigt, dass mehr Geld hier auch mehr klangliche Leistung bedeutet. Klar ist allerdings auch: Mit ‘nem passablen Kabel dazu kostet die Kombination fast das Dreifache des Plinius – und sie klingt beileibe nicht dreimal besser, auch wenn das für Sie eine banale Erkenntnis sein sollte. Für mich gehört der Plinius 9200 jedenfalls zu den sehr vollständigen Komponenten, derart vollständig, dass man sich fragt, was man denn eigentlich noch mehr will. Tja, das für den HiFi-Infizierten Fatale liegt im Wörtchen „eigentlich“, aber das ist ein anderes Thema … Dynamischer Kontrast, Rhythmik und Timing stimmen mit dem Plinius 9200 jedenfalls.

Plinius 9200

Ich bin kein übertriebener Freund lateinamerikanischer Musik und auch wenn das, was Rodrigo Y Gabriela zum Besten geben, mit diesem Label nur unvollständig bezeichnet ist und sie sich bewusst auch dagegen wehren, in die Flamenco-Ecke gestellt zu werden – ein wenig klingt es eben doch danach. Das Duo aus Mexiko spielt Akustikgitarre – und sonst nichts. Mitreißend gerät diese Musik vor allem, weil „Rodgeb“ Gitarren nicht nur als Saiten-, sondern auch als Percussioninstrumente ansehen. Der Rodrigo Y GabrielaSong „Diabolo Rojo“ zum Beispiel sprüht vor Spielfreude und man fragt sich, wie hoch eigentlich der Gitarrenverschleiß des Duos ist, so massiv und schnell wie hier auf die Holzkorpusse eingedroschen wird – Respekt! Wenn nun bei der Wiedergabe Transienten verschliffen werden oder Impulse nachschwingen und deshalb in den/die nächsten hineinlaufen – nun, dann verliert diese Musik schnell ihren Zauber. Nichts gegen Flow, Ruhe und Übersicht, aber wenn’s nur die euphemistische Wendung von „lahmarschig“ ist, dann kickt‘s spätestens jetzt nicht mehr. Im Grunde ist dieser Track eine einzige Beschleunigungs-und-Bremsen-Teststrecke. Auf der der Plinius mit Bravour jede Kurve meistert. Dieser Vollverstärker spielt ungemein schnell und straff, und das quer übers gesamte Frequenzband – das ist Leichtfüßigkeit. Oder doch schon eine kleine Attackbetonung? Nun, es macht jedenfalls gehörig Spaß.

Gibt es bei all dem Lob denn nicht auch etwas zu kritisieren? Zum aufgerufenen Kurs eigentlich nicht. Seine straffe, schnelle, direkte Gangart muss nicht jedem gefallen – stimmt – und vielleicht wünscht sich mancher eher volle denn krosse Mitten. Aber solche geschmacklichen Präferenzen kann man ja kaum dem Plinius selbst ankreiden. Und natürlich geht da noch mehr – wenn man mehr Geld in die Hand nimmt. Im Vergleich zu meiner schon kurz erwähnten Vor-/Endstufenkombination wären dies vor allem Dinge wie …

  • mehr Tiefbass und damit einhergehend eine insgesamt ausladendere Raumdarstellung.
  • eine höhere Auflösung.
  • eine plastische Gestaltung von Instrumenten und Stimmen.
  • eine transparentere Bühnendarstellung, insbesondere auch eine tiefere Raumausleuchtung.

Aber dafür bezahlt man eben auch. Die genannten Dinge sind in Anbetracht des Preises des Plinius 9200 keine Schwachstellen. Allerdings gehen die beiden zuletzt genannten Punkte auch nicht als klassenbezogene Stärken durch, sondern eher als „ziemlich okay, aber steigerungsfähig“.

Dabei bildet der Plinius die Musik durchaus frei ab und die Ausmaße der virtuellen Bühne sind recht großzügig bemessen, zumindest in Breite und Höhe. Der Tiefenstaffelungsweltmeister vorm Herrn ist er nicht, die Einschätzung „flach“ wäre zwar auch falsch, aber legt man besonderen Wert auf dieses Vermögen, so wird man hier vermutlich recht unbeteiligt mit den Achseln zucken. Schon ganz anständig. Eine Diagnose, die meiner Meinung nach auch für den Faktor „Körperlichkeit“ von Klängen gilt: Ja, passt schon, aber richtiggehend skulptierte, 3-D-mäßig plastische Instrumente stellt er einem nicht vor. Nun denn.

Was mir an seinem „Bühnenentwurf“ allerdings gut gefällt, ist, dass die Musik leicht auf einen zuspielt, sprich: nicht alles an der Grundlinie der Boxen kleben bleibt, sondern durchaus auch einmal nach vorne lugt. Zudem herrscht eine Art Taghelle auf dieser Bühne – also das Gegenteil von Dämmerlicht -, was für große Klarheit sorgt, die Klänge sind „zugänglich“ und müssen nicht im Halbschatten vermutet werden. Dies in Zusammenhang mit dem genannten halben Schritt nach vorn bei der Abbildung sorgt für ein zusätzlich involvierendes Moment dieses lebendigen Verstärkers.

Test: Plinius 9200 | Vollverstärker

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