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India.Arie / Testimony: Vol.2, Love & politics – CD-Rezension

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India.Arie / Testimony: Vol.2, Love & politics

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Wenden wir uns nach dem Fräulein mit Klavier einem Fräulein mit Gitarre zu. Nach Testimony Vol. 1 von 2006, das sich ganz der Beurkundung von Life & Relationship widmete, legt Miss Arie diesmal Zeugnis ab von Liebe und Politik. Eine ungute Verquickung, sollte man meinen. Dass diese Kombination durchaus nicht immer illusionär weltverbesserisch, pathetisch bemüht und gänzlich spaßarm sein muss, beweist schon die india.arieerste Single Chocolate High − ein sinnliches Duett mit New-Soul-Crooner Musiq Soulchild, das Körper und Seele schmeichelt, ganz ähnlich Aries großen Hits Video und Brown Skin aus ihrem gefeierten Debütalbum Acoustic Soul von 2001, gleichzeitig eine der Schlüsselplatten des gleichnamigen Genres, die zeigte, dass Sexyness und Spaß ein Dasein als engagierte Feministin und Black Civil Rights Verfechterin nicht ausschließen.

Und so ist India Arie auch diesmal wieder sehr ernsthaft und aufrichtig bei der Sache, und sorgt mit ihrer Musik dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – für schlichtweg gute Laune. Ein Album, wie geschaffen für ein sanftes morgendliches Aufwachen und einen fröhlichen Start in den Tag.

Wenn Sie allerdings noch in der düsteren Stimmung der vorangehend besprochenen Platte gefangen sind, vergessen Sie’s! Testimony: Vol.2, Love & politics ist ein durchweg positives Album, durchzogen von einemindia.arie leichtfüßigen Grundton, der sich vielleicht auch daraus erklärt, dass die Musikerin extra nach Hawaii geflogen ist, um dort ganz entspannt die meisten der Songs zu komponieren. War ihr letztes Album noch die Bilanz einer schmerzhaften privaten Trennung, ist die Sängerin jetzt frisch verliebt und hat – und damit steht sie in der Tradition der Phoenix-aus-der-Asche-Alben von beispielsweise Ayo, Des’ree, Gabrielle – zu einer neuen Stärke gefunden – eine Erfahrung, die das Album von vorne bis hinten prägt und der in Songs wie He Heals Me ein Denkmal gesetzt wird.

Auch Therapy, die zweite Single des Albums, folgt diesem Grundtenor: Du bist meine Therapie. Kein Wunder, dass auch die politische Botschaft India Aries so einfach wie klar ist: Liebe soll die Welt retten. Viel Liebe, wenn nötig. Das mag naiv anmuten, ist dabei aber so charmant zeitwidrig wie ihre Musik selbst. Indias Musik steht in direkter Nachfolge von organischem Classic Soul (als Vorbilder werden Ikonen wie Stevie Wonder und Marvin Gaye benannt – beide trotz allen politischen Engagements Erschaffer eines unbestreitbar aufreizenden Sounds), der zwar als sogenannter Nu oder auch Neo Soul Anfang der 2000er-Jahre ein großes Revival feierte, zur Stunde aber schlichtweg unmodern ist und hinter Dance und House zurückstecken muss.

Konkretere gesellschaftskritische Ansätze finden sich auf Tracks wie Ghetto oder auch dem Sade-Cover Pearls, das soziale Probleme aus einer globalen Perspektive angeht. Ob der Afrika-india.arieThematik lag es nahe, die elfenbeinküstische Künstlerin Dobet Gnahoré zum Duett zu beten, weshalb der Song auch ganz leicht an die 7 seconds von Neneh Cherry und Youssou N’Dour erinnert.

Keine Berührungsängste mit musikalischen Stilen aus aller Welt beweist auch die Kooperation mit der türkischen Pop-Sängerin und Liederschreiberin Sezen Aksu (hierzulande wohl vor allem bekannt durch Fatih Akıns Dokumentarfilm Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul von 2005) auf dem fernöstlich inspirierten Track The Cure. Einer der Höhepunkte des Albums jedoch ist sicherlich das blusige Better Way im Duett mit Keb’Mo, eine klassische 60er-Nummer, die mit einer fast psychedelischen Funk-Attitüde vor sich herorgelt, -wabert und -blubbert. Heutzutage macht Ähnliches sonst nur Nikka Costa, auf deren neues Album Sie sich in meiner kommenden Kolumne freuen können.

Tanzbar bleibt es mit Psalm 23, den Gast-Star MC Lyte in die musikalische Gegenwart rappt, ohne dass die Arie dadurch zu einem dieser hinternwackelnden R’n’B-Luder verkommt. India Arie Simpson, von ihrer Mutter so benannt, weil sie a) am selben Tag wie Mahatma Ghandi Geburtstag hat und b) der hebräsierte Löwe („Arie“) Stärke symbolisiert, versteht es, selbst in einer Nummer, die noch am ehesten dem Repertoire einer modernen R’nB-Girl-Group entstammen könnte, Botschaften mit Köpfchen zu transportieren, in diesem Falle Stärke, Selbstrespekt und das Wiederaufstehen nach Niederlagen. In der Ära der „Generation Doof“, der keine Selbstentblödung zu peinlich ist,scheint auch das sehr unmodern. Aber ebenfalls sehr gesund.

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Plattenkritik: Soap & Skin | India.Arie

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