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Soap & Skin | India.Arie

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Soap & Skin | India.Arie

Mai 2009 / Victoriah Szirmai

Soap & Skin / Lovetune For Vacuum

Da habe ich nun ein wunderbares erstes Maiwochenende verbracht, träge in der Hollywoodschaukel meiner Lieblings-Bar-Lounge relaxend, den einen oder anderen kühlen Drink in der Hand, eine herrlich belanglose Zeitschrift auf dem Schoß, den schlafenden Hund auf dem warmen Stein zu meinen Füßen, im Ohr Leonard Cohen Live in London, die mir die musikalisch verwandte Seele von Barbesitzer nicht vorenthalten wollte, und dann, tja, dann kam der Rezensionsauftrag zu Soap&Skin. Es ist schon verdammt schwer, gegen ein Wochenende mit „Lennie“, dem Prince of Pain, dem Master of Melancholy, dem Prophet of Despair – okay, Sie sehen: ich bin Fan –, anzustinken.

Vorweg die gute Nachricht: Es ist machbar. Denn als ich, im Geiste noch den baffled king composing hallelujah soap&skingedenkend und ergo das Schlimmste antizipierend, Lovetune for Vacuum in den Player schob, blieb der befürchtete Stilbruch-Schock aus. Was vom Namen her an eine weitere britische Kette handgeschöpfter Seifen à la Lush erinnert und allein deshalb Ungutes ahnen lässt (oder sind Sie schon einmal aus dem Bahnhof Friedrichstraße gekommen, ohne ob der darüber schwebenden Parfümwolke spontan die Luft anhalten zu müssen?), schließt sich mit düsteren Piano-Kaskaden (Sleep) nahezu nahtlos an den im Geiste nachhallenden High Priest Of Solitude an. Fern erinnern diese ersten wuchtigen Akkorde an die gewitterumwölkte Doyna der Klezmatics (Tango-Lesson Soundtrack) oder den Weather Storm Craig Armstrongs.

Es braut sich in jedem Falle etwas zusammen, und es ist nur noch ein kleiner Schritt zur umtosten Sturmhöhe, jener Brontë’schen Gothic Love Story, die ihre kongeniale Umsetzung in den Wuthering Heights Kate Bushs gefunden hat, deren geisterhafte Welt jener Soap&Skins beängstigend ähnelt. Kaum zu glauben, dass diese Klavierdämonin mit der mal erstickt flüsternden, mal schmerzvolles Geheule ausstoßenden Wolfsstimme erst 18 Jahre alt sein soll! Ein schleppend-leckender Beat gesellt sich dem kraftvollen Klavierspiel hinzu, die gespenstische Ruhe vor dem Sturm steigert ihre Intensität, wird schwüler und beklemmender, ohne sich jedoch zu entladen und dem Hörer Erleichterung zu verschaffen.

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So weit also die gute Nachricht. Und das war erst Lied Nummer eins! Die schlechte: Schon mit Track 2 wird der vorsätzlich „künstlerisch“ schräge Harmoniegesang, der auch vor ungesunden Höhen nicht zurückscheut, recht nervig und verkommt zum aufgesetzten Stilelement. Wohl als Wiedererkennungseffekt gemeint, erinnert er mich eher an jene Aufnahmen, die ich als 15-jährige mit meiner Freundin machte, als wir die derzeit angesagtesten Hits im elterlichen Wohnzimmer nachjaulten und dabei den Kassettenrekorder laufen ließen (ja, die Aufnahmen existieren noch).

Das ist aber auch schon alles an schlechter Nachricht, denn glücklicherweise fängt sich das Album schon einen Track später wieder – stark, im Sinne von: gewaltig, wie das Königreich des Thanatos über die Menschheit kommt! Wie berauschend, wenn mal alle Power, die in Stimme und Flügel steckt, ausgespielt wird! Lovetune For Vacuum beginnt einen unwiderstehlichen Sog zu entfalten. Oh so schön sind Turbine Womb (Track 5) und Cynthia (Track 6)! Letzterer gemahnt an Neneh Charrys Somedays, der wiederum auf dem Adagio Sostenuto der Mondscheinsonate basiert. Jahrelanger klassischer Pianounterricht lässt sich eben nicht verleugnen.

Es mag Pech für die südsteirische Künstlerin sein, dass ich zuerst das Album von Alev Lenz in die Finger bekommen habe, denn auch wenn Lovetune For Vacuum völlig unabhängig von Storyplaying Pianoplaying Fräulein entstanden ist, erinnert mich vieles eben daran. So aber soap&skinmuss Soap&Skin dem ungerechtfertigten Vergleich mit der weitaus älteren Lenz standhalten, den sie nicht verdient hat – allerdings auch nicht zu scheuen braucht. Vielleicht ist es einfach ein gewisser Geist, der von schwermütig-rebellischen Mädchen geteilt wird, die für ihr Alter definitiv zuviel wissen und können und sich dieser Last öffentlich am Piano zu entäußern trachten, der gewissermaßen in der Luft liegt und sich nun die eigenwilligen, hochsensiblen und ebenso -begabten Fräuleins sucht, um sich zu materialisieren.

Live kommt solch eine Darbietung nicht selten einem historischen Moment nahe. Dieses Leiden am eigenen Elaborat (und das Erleiden durch ein sich genüsslich quälendes Publikum) ist – verglichen mit den hochglanzpolierten Chartstürmerinnen der Jetztzeit wie Rihanna, man denke hier nur an den Regenschirm-irm-irm-irm, oder Beyoncé, die auf Knopfdruck und mit einem Plastiklächeln ihr immergleiches Repertoire abspulen und dies als „Professionalität“ verkaufen – ein krasser Anachronismus, und doch jedes Mal ein Fest, wenn man die seltene Gelegenheit hat, darauf zu treffen! Vielleicht drängt hier eine mächtige Gegenbewegung zur massen-tauglichen Musikware ans Licht; denn obgleich die Attitüde der Lovetunes direkt aus den schroffen Spukwelten des Viktorianischen Zeitalters importiert zu sein scheint, ist die musikalische Vorliebe Soap&Skins für Lärm, Techno und Maschinen fest im Hier und Jetzt verankert.

Geradezu nach einem Subwoofer schreit Track 12 (Ddmmyyyy) – oomp, oomp – , da werden Stahlträger kreischend geschmiedet, Betonklötze, skratsch, über den Boden geschoben, Schmiedehämmer tanzen, Funken sprühen, und soap&skinist da nicht irgendjemand mittendrin? Man kann ihn vor lauter Industrielärm nicht hören, sich aber trotzdessen des Eindrucks nicht erwehren, dass er gerade zwischen schwerem Metall und hartem Stein zermalmt wird. Und nicht einmal im Märchenwald ist man vor dem Grauen sicher, das noch unsicht-, aber dennoch bereits spürbar im Verborgenen lauert (Track 13, Brother of Sleep). Erst im anschließenden repriseartigen hidden track zeigt es kurz sein Gesicht, umrahmt von unschuldigem Vogelgezwitscher. Auch das mithin obligatorische Streichquartett, gepaart mit düsterem Elektrogebrodel, um dem Ganzen eine zusätzlich bedrohliche Note zu verleihen (Track 10, Marche Funèbre), darf hier nicht fehlen. Ach, wäre ich doch Cellistin geworden, in der Ära des „Twin-Peaks-Electro“ (Ralf Summer) hätte ich ausgesorgt! Stattdessen aber kämpfe ich mich weiterhin als tapferer Schreiberling durch so manch musikalischen Morast, wobei ich zugegebenermaßen das Privileg habe, hin und wieder eine wunderschöne Lichtung zu entdecken, die manchmal auch so mächtig und überwältigend daherkommen kann wie die zerklüfteten Soundlandschaften der Anja Pleschg, wie Soap&Skin mit bürgerlichem Namen heißt.

Cohen ist (und bleibt!) zwar der unangefochtene Godfather of Gloom, aber die „dunkle Prinzessin“ (Kulturspiegel) ist ihm dicht auf den Fersen.

Plattenkritik: Soap & Skin | India.Arie

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