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Musik CD Platten Kritik Rezension Martina Topley-Bird

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  1. 5 Musik CD Platten Kritik Rezension Martina Topley-Bird

Circe des Pop Noir

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Zu guter Letzt zu einem Album, welches ich persönlich – bislang – für das Album des Jahres halte: The Blue God von Martina Topley-Bird. Den Namen noch nie gehört? Die Stimme aber möglicherweise schon! So lieh sie von 1995 bis 1998 ihr geheimnisvolles Organ nicht nur den ersten drei Alben von Tricky (man denke hier nur an das bahnbrechende Hell Is Round The Corner auf dessen Erstling Maxinquaye), sondern heimste nach der beruflichen und privaten Trennung von dem TripHop-Erfinder – der diesen Kunstbegriff für seinen Zeitlupen-HipHop zwar stets ablehnte, nichtsdestotrotz aber als Genrebegründer in die Pop-Geschichte einging – auch bei diversen anderen elektrolastigen Produktionen fleißig Credits ein: Vom Thrash Funk Trio Primus bis zu Mississippi-Beat-Man Diplo (hörenswert: Into the Sun vom Album Florida, 2004), von den virtuellen Gorillaz bis zur jüngsten Kollaboration mit den Gutter Twins, um nur einige zu nennen.

musikKein Wunder, dass auch Produzent und DJ David Holmes, Kyuss-Gitarrist und Gründungsmitglied Josh Homme sowie Screaming Trees-Frontmann Mark Lanegan auf die eigenwillige Individualistin aufmerksam wurden und ihr 2003 zu ihrem Debütalbum Quixotic verhalfen. Zwar brachte ihr die Mischung aus Vintage Soul, Rock und Late-night-Blues eine Nominierung für den Mercury Prize ein, doch verhallte sie ansonsten leider ungehört, und Topley-Bird kam über den Status des Geheimtipps nicht hinaus. Auch die Tatsache, dass die in London geborene Edel-Vokalistin, nachdem sie ihr Erstwerk 2004 in überarbeiteter Form als Anything neuveröffentlichte, den Support für die damals anstehende Morcheeba-Tour gab, änderte daran nicht viel.

Es ist nicht nur der außergewöhnlich vornehme, distanzierte Gesang, der ihr unter anderem den Titel der „schwarzen Marlene Dietrich des Soul“ einbrachte und in seiner Eleganz und ob der Vocoder-Effekte an Stranger on Eart erinnert – das 2003-er Debüt von Lina, die mit einer Mischung aus R’n’B und exquisiten Jazz-Club-Klängen der Dreißigerjahre aufwartete – auch als Songschreiberin und Musikerin steht sie ihrem frühen Förderer in nichts nach. Mit Phoenix fängt The Blue God wohltuend low fi an: Mit unschuldig-elfenhafter Stimme über blubberndem Untergrund kündet die Topley-Bird – dem Ethos von Schönheit in der Tragik der Platte gerecht werdend – anstatt immer wiederkehrender Erneuerung von der finalen Umgestaltung: I will stay for this last transformation from who we start it soon gets precarious / I will stay for this last transformation beauty and tragedy released in me.

Auch Something to Say, Shangri La, Snowman, Yesterday und vor allem Razor Tongue, das wohl triphopigste Stück, düstern vor sich musikhin, getragen von einer Stimme, die direkt von der Dunklen Seite zu kommen scheint und bestrebt ist, auch den Hörer dorthin zu ziehen. Zart lockend und verführerisch, aber auch gefährlich und unheilvoll – und der man wahrscheinlich nur deshalb so schwer widerstehen kann! Martina Topley-Bird will unter die Oberfläche entführen, bedeutet Musik für sie doch „Zutritt zu Gedanken und Gefühlen zu finden, die im Verborgenen liegen“. Und so freut es mich als bekennende Apologetin gepflegter Düsternis dann auch ganz besonders, dass nur ein einziges Stück dieses Albums (Da Da Da Da ) fröhlich-karibische Anklänge bietet – dummerweise ist es ausgerechnet dieses eine Stück, das im Ohr bleibt! Aber die Topley-Bird wäre nicht die Topley-Bird, wenn sie nicht auch hier ein paar bedrohlich unter der Oberfläche lauernde Moll-Akkorde versteckt hätte …

The Blue God ist eine psychedelische Luxusreise durch geisterhaften Electro-Rock-Hop, die, garniert mit leichtfüßigen Dissonanzen und weiteren Raffinessen, selbst die gehobenen Ansprüche eines jeden Besserhörers erfüllt, der versehentlich in ihren ausgeworfenen Fangnetzen hängengeblieben ist.

Seit Veröffentlichung ihres zweiten Albums aber überschlagen sich die Kritiken. Martina Topley-Bird gelingt es mit Hilfe von Brian „DJ Danger Mouse“ Burton, Schöpfer des Bastard-Pop und Soundhirn von Gnarls Barkley, eine Brücke von ihrer musikalischen Vergangenheit zu dessen apokalyptischen Klangvisionen zu schlagen. Ironischerweise nahezu zeitgleich mit Trickys Neuling erschienen, lässt The Blue God im direkten Vergleich die Frage aufkommen, wie viel Martina eigentlich in Tricky steckte, oder kurz: welchen Anteil sie an dem durchschlagenden Erfolg des Downbeat-Hexers hatte. Man ahnt: den größten. Wieder einmal bestätigt sich, dass hinter jedem starken Mann eine starke Frau steht. Und diese hier steht auch ganz mühelos auf eigenen Füßen.

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