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Editors / In This Light And On This Evening

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Editors / In This Light ...

Immer wieder stelle ich fest, wie sehr die Arbeit für fairaudio meinen eigenen Geschmack formt. Je länger ich hier arbeite, umso stärker entdecke ich eine bislang ungekannte Vorliebe für düstere Industrial-Klänge beziehungsweise die heutigen Künstler, die sich von ihnen haben inspirieren lassen: Angefangen mit Portishead, die vor anderthalb Jahren auf Third unerwartet damit begannen, sich in die martialischen Gefilde des Neo-Industrial vorzuwagen, über The Notwist und Circlesquare bis hin zu Soap&Skin – und jetzt also die Editors. Gewalt, Lärm und Maschinen, Schmerz, Wahn und Grenzerfahrung, Endzeit, Ver- und Zerstörung, kurz: Wären die Poeme meines Lieblingsdichters Pilinszky Musik, hier wären sie heimisch, rieb dieser sich doch vorrangig an dramatischen Situationen ohne Auflösung auf – gleich der Band aus Birmingham, deren Lieder die Vergeblichkeit des Lebens mit der fortwährenden Möglichkeit der Erlösung und der Hoffnung auf bessere Zeiten besingen. Ihr drittes Album mit dem poetischen Titel In This Light And On This Evening ist die ideale Herbstplatte, wie geschaffen, einen durch nebelige Nachmittage, an denen die Kälte feucht durch die Kleidung kriecht, zu begleiten. Natürlich am besten dann, wenn man es endlich hinein ins Warme geschafft hat und sich den wabernden Nebel nur noch durchs Fenster beguckt …

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Beachtlich hieran ist vor allem, dass die Editors – ohne The! – bislang nicht unbedingt mit industriellen Tönen glänzten. Eher fielen auf ihren beiden Vorgängeralben The Back Room (2005) und An End Has A Start (2007) die mehr als subtilen Reminiszenzen an Post-Punk, Dark Wave und Independent der späten Siebziger und frühen Achtziger auf, und zwar so sehr, dass sich die vier studierten Musiker zeitweise des Vorwurfs erwehren mussten, nicht viel mehr als eine Art Schmalspur-Version von Joy Division, Echo And The Bunnymen oder den frühen REM zu sein. Nun, dem Publikum zumindest gefiel es, der Erfolg zahlte sich in klingender Münze aus, beide Alben wurden mit Platin prämiert, das zweite enterte in den englischen Charts sogar Platz 1.

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Dennoch wollten die Jungs um Sänger Tom Smith mit ihrem dritten Album die sicheren, Erfolg verheißenden – aber mittlerweile eben auch recht ausgetretenen – Pfade verlassen und stattdessen etwas ganz Neues versuchen. Dass dadurch die Erwartungen bislang treuer Fans enttäuscht werden könnten, nahm man, getreu der Devise „Stillstand ist Rückschritt“, billigend in Kauf. Und so bricht In This Light And On This Evening radikal mit dem bisherigen Stil. Zwar bewegt man sich immer noch in den Klanggefilden der Achtziger-Jahre, ist aber weniger handgemacht alternativ-rockig und episch-melancholisch-poppig, dafür zunehmend elektronisch, synthetisch und kühl. Man merkt, dass Komponist Chris Urbanowicz anstelle der Gitarre die Songs diesmal mit Hilfe von Keyboard und Synthesizer schrieb: Schon der erste, der titelgebende Track, grummelt und sirrt bedrohlich, bevor die mehrfach effektüberlagerte Stimme Smith’ einsetzt, die hier sehr an Depeche Modes Martin Gore auf Personal Jesus erinnert. Die Piano-Moll-Akkorde, die den Song effektvoll akzentuieren, tragen auch nicht gerade zur Beruhigung des Hörers bei. Und tatsächlich braut sich hier nicht nur Unheimliches zusammen, sondern entlädt sich zum Ende des Songs dann auch in einem überreizten Lärmgewitter. Ein Einstieg, der nicht getoppt werden kann.

Dennoch enttäuschen die folgenden Songs nicht im Entferntesten: Inspiriert von Acts wie Renegade Soundwave, David Bowie, Talking Heads, The Groove, LCD Soundsystem und eben Depeche Mode, aber auch den Titelmelodien von Terminator und Blade Runner, die Urbanowicz zufolge einen sehr industriellen Sound haben, huldigt man unter der Spielleitung von Produzent Flood (Depeche Mode, Nine Inch Nails und U2) der Vergänglichkeit, Aussichtslosigkeit und Verzweiflung: „Da ist nichts Schönes und keine Hoffnung, sondern alles klingt sehr böse.“ Smith, in dessen dunkler Baritonstimme stets eine Prise Melancholie mitschwingt, ergänzt: „Es ist ein Album, das von dem Fehlen Gottes singt, von zerbrochener Liebe, ein Album, auf dem die dreckige Stadt so nah ist, dass du sie riechen und schmecken kannst, ein Album trunkener Gewalt, ein Album, das all das Vertrauen in die Leute, die unsere Welt regieren, verloren hat.“

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Fakt ist, wer sich nicht schon beim ersten Track in diese kleine Herbstmusik verliebt, muss entweder ein hoffnungsloser Optimist, der mit soviel Seelenwundheit schlicht nichts anfangen kann, oder einfach ein sehr grober Klotz, kurz: selbst Schuld sein.

Plattenkritik: Hawthorne | Editors | Yorn & Johansson

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