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Ndidi – Dark Swing

März 2014 / Victoriah Szirmai

Erst in der letzten Ausgabe habe ich dank des aktuellen Albums der dänischen Sängerin Kira ganz meiner Vorliebe für dunkelgraue Klangwelten frönen können. Verweilen wir doch eine Weile. Es ist so schaurig-schön! Und was könnte besser zur Stimmung passen als Dark Swing von Ndidi Onukwulu? Allein schon der Titel ihrer neuen Platte verspricht dem Connaisseur düsterer Klänge die Entdeckung einer neuen Circe des Pop Noir.

Ndidi | Dark Swing cover

Legt man das Album der kanadischen Sängerin nigerianisch-deutscher Abstammung dann ins Abspielgerät seines Vertrauens, ist die Überraschung indessen groß: Nach einem A-cappella-Intro erwartet den Hörer auf „Once Again“ ein tiefenentspannter Sound, der mit seinem leicht Reggae-inspirierten Beat à la Ayo eher an Karibikstrände als an nordische Finsternis erinnert und ihn sanft wie eine weiche Hängematte umfängt. Lass dich fallen, raunt der Song, und der so Umschmeichelte kann gar nicht anders, als sich köstlicher Faulheit hinzugeben und sich auf seinen – leider noch in viel zu weiter Ferne liegenden – Sommerurlaub einzustimmen.

Kühler, langsamer, schleppender, ich möchte beinahe sagen: gefährlicher wird es dann aber schon auf dem Titeltrack „Dark Swing“, der klingt, als hätte sich Soap & Skin mit Bohren und seinen Jungs ein Stelldichein gegeben. Hat der Albumauftakt noch auf eine falsche Fährte geführt, muss man jetzt einräumen: Ja, das hier ist Dark Swing. Absolut. Und der, lehrt uns Ndidi, verliert trotz seiner dezenten Bedrohlichkeit nie eine gewisse Grundwärme. Ein toller Song! Das folgende „How Long“ lässt sich dagegen wieder beschwingter an. Der fröhlich-rumpelige Mitgroover, der durch seinen prägnanten Rhythmus besticht, klingt, als hätte man einen Haufen spielwütiger Indie-Rocker auf das Instrumentarium einer Bigband losgelassen, und endlich kann ich mal wieder mein Lieblingswort „überbordend“ anbringen! Das ist Spielfreude pur, schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe und gleichzeitig der Beweis, dass Ndidis neues Album vor allem von seinem Bandklang lebt, für den der Produzent, Gitarrist und Songwriter Joel Shearer verantwortlich zeichnet, der auch schon mit und für Künstler wie Nelly Furtado, Alanis Morissette oder Michael Bublé spielte.

Ndidi | Dark Swing 1.1

Einen zunächst rein akustischen Kontrapunkt setzt da „Engine Gone Cold“, eine Indiepopnummer mit dezent exotischen Anstrich, deren Produktion kontinuierlich zulegt, um im Gemenge mit einem Streichquartett zu gipfeln, während „Last One Of The Pure“ mit mehrstimmigen A-capella-Chören und einer abzählreimartigen Vocalline aufwartet und damit den Geist von HipHop atmet, ohne Rap zu sein. Etwas Ähnliches habe ich vor etwa zehn Jahren bei den jüngeren Geschwistern von Wyclef Jean, dem haitianisch-amerikanischen Duo Melky & Sedeck gehört. Da sich die Alternative-Rock-Vergangenheit von Produzent Joel Shearer aber auch hier nach dem Intro in Form einer gehörigen Portion Schrammelgitarre ihre Bahn bricht, bleibt die Musik Ndidis schwer greif- und noch schwerer schubladisierbar: Dark Swing pendelt irgendwo zwischen rumpeligem Indiepop und modernem R&B mit mal jazzigen, mal weltmusikalischen Anleihen, wobei die Künstlerin selbst sie als eine „Mischung aus Tom Waits und Radiohead“ bezeichnet.

Da darf natürlich die klassische akustikgitarrenbegleitete Liebeskummerballade nicht fehlen. Mit viel Text auf wenig Zählzeit verweist „Don’t Come Around Here“ allerdings eher auf eine wütende Jazz-Poetry-Tradition als auf Pop, wobei es Ndidi trotz ihres Lass-dich-ja-nie-wieder-sehen-Themas nicht nötig hat, den Racheengel raushängen zu lassen. Auch in diesem immer ein wenig an Pauline Taylors „Constantly Waiting“ erinnernden Stück findet sich viel Wärme, viel Versöhnliches; und spätestens, wenn wieder das volle Rumpelinstrumentarium einsetzt, möchte man glauben, die Künstlerin beruhigt allein ziehen lassen zu können: Die tut sich nichts an, nachdem sie ihren Kerl rausgeschmissen hat, und vermutlich hat sie auch Besseres zu tun, als allein auf ihrer Couch zu sitzen und in ihr Rotweinglas zu weinen.

Ndidi | Dark Swing 1.3

Mit dem cinematischen „Sugarman“ folgt wohl einer der coolsten Tracks des Albums, der nicht nur die Genreinnovation Dark Swing perfekt illustriert, sondern im Grunde auch eine einzige streicherumwobene Liebeserklärung an den Sugar Man ist, der nichts Geringeres als „the answer“ auf alle Fragen bereit hält – und das, obwohl die Musik sehr nach Abschiedsballade klingt. Noch verblüffender als die Wärme, die Ndidi selbst bitteren Themen einhauchen kann, ist ihre beim Wechsel zu „Love and Laughter“ einmal mehr hörbare Fähigkeit, schnell wie ein Chamäleon von einer Tonalität in die andere umzuschalten: Eben gibt sie noch die kühle Diva, um gleich darauf wieder das nette Mädchen von nebenan zu spielen – oder spielt sie die Diva und ist das nette Mädchen?

In jedem Falle trifft auch dieses etwas lieblichere Stück einen Nerv all jener, die gerade ihr wirres Privatleben ordnen. Bevor das hier aber mal wieder zu weit und ohnehin zu nichts führt, verlassen wir die emotionale Ebene und wenden uns dem Hörbaren zu, denn auf „Love and Laughter“ gibt es unter anderem ein absolut hörenswertes, feines Flügelhorn im Hintergrund, wie auch eine paar Streicher, die hier zunehmend herumzuckern, was mich zu dem naheliegenden Schluss verleitet, dass die Arrangements auf Dark Swing dem Muster „von pur zu voll“ zu folgen scheinen, oder, anders ausgedrückt: Ein Song startet als Tracey-Chapman-Nummer, um sich unterwegs zum Beatles-Stück zu wandeln, wobei sich am Ende herausstellt, dass wir es eigentlich mit einer Phil-Spector-Produktion zu tun haben.

Ndidi | Dark Swing 1.6

Das folgende „Why Can’t You Be Mine“ ist der ideale Soundtrack für Überlandfahrten, treibend, temporeich, mit schicken Doo-Wop-Harmonien und einem halb genuschelten Text in bester Rock’n’Roll-Tradition. Hillbilly trifft auf Barbershop. Das ist zwar kein Dark Swing, macht aber gute Laune. Und dann ist da noch der Closer „Yer So Bad“, auf dem sich Ndidi endlich mal ganz pur präsentiert. Begleitet nur von ihrer Gitarre, zeigt sie sich als verletzliche Singer/Songwriterin – und hinterlässt einen weitaus nachhaltigeren Eindruck, als mit jeder produktionstechnisch noch so ausgeklügelten Finesse. Vor allem, da man hier endlich auch ihre unaufdringliche Stimme, die man sonst leicht unterschätzen könnte, wirklich hört. Und Angst, sich mit dieser ganz großen Liebeserklärung lächerlich zu machen, hat diese Frau auch nicht. Sie muss nichts ironisieren und sich auf diese Weise distanzieren, wie der Künstler das heutzutage gefälligst mit der allerkleinsten Gefühlsregung zu tun hat, um nicht in den Ruch des Kitsch-Produzenten zu kommen. Leider sind diejenigen, die dies fordern, genau dieselben, die Ironie für Humor halten und Zynismus mit Scharfsinnigkeit verwechseln.

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