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Kira – When We Were Gentle

März 2014 / Victoriah Szirmai

Als ich im Sommer 2012 Kira Skovs Album Memories of Days Gone By, eine überraschende Hommage an Billie Holiday, besprach, empfahl ich, das Album „nicht wegen […], sondern trotz der Interpretationen“ zu kaufen und wünschte mir infolge der eingestreuten Eigenkompositionen nur eines: „Kira möchte ich in Zukunft wieder mit eigenem Material hören. Kann ich bitte ein ganzes Album davon haben?“ In Gestalt von When We Were Gentle, einem Album, das die dänische Sängerin selbst als „Essenz ihrer musikalischen Reise“ bezeichnet, wurde mir diese Bitte nun erfüllt.

Kira | When We Were Gentle Cover

Allerdings merkt man von der damals so eindrucksvoll ins Klanggedächtnis eingebrochenen düsteren Urgewalt der Skov’schen Tonstücke, obgleich Finsternis und Kälte auch hier tonangebend sind, erst einmal nichts. Der Opener „Idea of Love“ mit seinen Strophen, die klingen, als hätten Simon & Garfunkel ein Carole-King-Stück zweistimmig harmonisiert, gebärdet sich gezähmt folkig. Selbst der dunkelsten Stunde – and when you leave this world – wird gleich ein Hoffnungsschimmer – you will sing along – hinterhergeschoben, als würde Kira den Hörer in seiner Agonie nur ungern allein lassen wollen. An die Hand genommen kann er sich auch fühlen, wenn sie hope for change singt und damit gleichzeitig nichts Geringeres als die Schlüsselzeile eines Albums kreiert, dessen titelgebende Sanftheit durchaus im Sinne von Ursprünglichkeit verstanden werden kann, denn „gleichzeitig“, so Skov im Interview, „drückt es den Wunsch aus, zum Zustand früher Liebe zurückzukehren, wo sie noch keine Vergangenheit und keine Zukunft hat. Wo es noch keine vorgefassten Meinungen und Erwartungen gibt. Wo man wirklich im Moment verweilen kann.“ Auch musikalisch ist „Idea of Love“ mit seiner zurückhaltenden Akustikgitarrenbegleitung ganz Zeit der Unschuld. Auf die Portishead’sche E-Gitarre, die vom dem letzten Werk der Dänin so eindrucksvoll im Ohr geblieben ist, muss man gute zweieinhalb Minuten warten.

kira 1.3

Dann aber hat das wabernde Saiteninstrument auf „Quiet Violence“ seinen großen Auftritt. Auch der Songtitel ist ein einziges Manifest, mit dem sich der Klangkosmos zwischen stiller Gewalt und gewaltsamer Stille Kiras vortrefflich fassen ließe. An den selten berührenden, über Tage im Kopf bleibenden Refrain des Albumauftaktes reicht das Stück aber nicht heran. Dies gelingt erst wieder dem Titelsong, dessen Zeile we were gentle so oft wiederholt wird, bis der Hörer der vom Klang des Mellotrons verstärkten Beschwörung vollends erlegen ist. Hypnotisch! Den Rest erledigt die schlicht nur zauberhaft zu nennende, zweistimmige Folk-Strophe, der sich selbst jene, die für die vollbart- respektive wallegewandtragenden Folkies nur ein verächtliches „Verdammte Hippies!“ übrig haben, nicht werden entziehen können. Willenlos macht den Hörer auch „In Another Dream“, wo zum ersten Mal auf dieser Platte ein spürbarer Rhythmus aufkommt, der Kiras ätherischer Sphärenmusik aber ebensowenig schadet wie die E-Gitarre von Oliver Hoiness, über den die Sängerin schwärmt: „Niemals würde er den einfachen, kommerziellen Weg gehen“.

Der bis dahin dominierende Gitarrenklang macht auf „Don’t Forget Me“ überraschend dem Klavier Platz, und spätestens jetzt wird niemand mehr von versponnener Hippie-Mucke sprechen können, haben wir es hier doch mit einem lupenreinen Torchsong im Stile von Bugge Wesseltofts „You Might Say“ mit Sidsel Endresen an den Vocals zu tun, dessen traumverlorene Schönheit von einem an eine singende Säge erinnernden Akkordeon im Hintergrund sanft umwoben wird. Pathos hingegen sucht man hier vergebens; denn selbst das eindringlichste Flehen, nicht vergessen zu werden, gerät Kira nie zum Vergissmeinnicht-Denkdochanmich-Kitsch – vielmehr bleibt in ihrer Welt, wo herzig-plüschige Diddl-Maus-Karten, süßliche Duftkerzen und andere Artverwandte keinen Platz haben, alles seltsam selbstvergessen und nachtschattenumsponnen.

Der Traum entpuppt sich auf „Come Along“ – das von fern an die Moll-Demoversion des gleichnamigen Songs der Neneh-Cherry-Schwester Titiyo erinnert – indessen als Nachtmahr, als Taumel mit bestenfalls ungewissen Folgen. Anstatt selig über lieblichen Landschaften zu schweben, gerät der alte Menschheitstraum vom Fliegen hier zur bloßen Illusion, zur Selbsttäuschung, die den nahenden, alles verschlingenden Strudel nicht sehen will. Dass auf When We Were Gentle selbst vordergründig harmlos erscheinenden Szenarien immer auch das lauernde Unheil innewohnt, dürfte nicht zuletzt PJ Harvey-Produzent John Parish und Nick-Cave-Tonmeister Paul Corkett geschuldet sein. An den „Master of Melancholy“ bzw. dessen die zauberhafteste Wasserleiche der Musikgeschichte gebende Duettpartnerin Kylie Minogue fühlt man sich dann auch auf „Cold Water“ erinnert, das sich irgendwo zwischen angezerrtem Retro-Vocal-Jazz und TripHop bewegt, wobei die TripHop-Referenz in Kiras Werk nicht von ungefähr kommt: Wie schon Martina Topley-Bird wurde die Sängerin seinerzeit von Ex-TripHop-Gott Tricky entdeckt und hat ihre düster-elektronischen Klanggewänder bis heute nicht ganz abgelegt.

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Der, den es im kalten Wasser noch nicht genug friert, kann sich im Endzeitszenario „The End“ mit cold winds blow rigth through us den Rest geben. Wie „Funny Time of Year“ von Beth Gibbons‘ Soloalbum Out of Season beschwört es einen Winter herauf, kälter noch als das Reich der Schneekönigin, der nicht nur äußerlich frösteln, sondern auch Herzen erstarren lässt. Trotzdem ist es schön in Kiras kalter Welt. So ganz ohne Hoffnung, und vielleicht ist die das Geheimnis von When We Were Gentle, wird der Hörer nicht entlassen. Er bleibt nicht, wie etwa bei David Lynch, mit sich selbst allein, nachdem die Platte verklungen ist. So mag der Schlusstrack „Morgan’s Serenade“ zwar musikalisch das an wenigsten berührende Stück sein, das stellenweise gar unangenehm gospelt, seinen Zweck aber erfüllt es allemal. Als käme man aus ewiger Finsternis unverhofft ans Licht.

Und tatsächlich ist die Künstlerin im Grunde ihres Herzens eine Optimistin, die, und damit ähnelt sie wieder Nick Cave, der von seinem Musikern aufgrund seines – sich in seiner Musik ganz und gar nicht widerspiegelnden – sonnigen Wesens sogar „Sunshine Kid“ genannt wird, über eine überaus ausgeglichene Persönlichkeit verfügt. Das Düstere in ihrer Musik sei lediglich „ein Weg, eine Art Balance in mein Leben zu bekommen“, gibt sie zu. „Ich bin ein eher optimistischer Mensch, aber natürlich habe ich, wie jeder andere, auch eine dunkle Seite. Dieser gebe ich einen Raum in meinen Songs, wo sie existieren kann, ohne meine persönlichen Beziehungen zu belasten.“ Eigentlich eine gute Strategie.

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