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Lyambiko / Something Like Reality

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  1. 3 Lyambiko / Something Like Reality

Lyambiko / Something Like Reality

Im Juli 2008 fiel das Urteil über Lyambikos letzte Veröffentlichung Saffronia an dieser Stelle zwiegespalten aus: Die Hommage der Thüringer Sängerin und ihrer Begleitmusiker an Jazzlegende Nina Simone erreiche nur selten die Intensität des Originals und sei größtenteils anstrengend zu hören, musikalisch jedoch auf höchstem Niveau. Schnell wurde der Vorwurf der „intellektuellen Musik“, technisch brillant doch seelenlos, laut. Umso schöner ist es, dass ich heute die damals geäußerten Vorbehalte revidieren kann, hat mich doch Lyambikos Folgeveröffentlichung – immerhin schon ihr siebtes Album! – wieder komplett mit ihrer Musik versöhnt. Nicht nur die Eigenkompositionen, die ich schon vor zwei Jahren als die wahre Stärke der Band empfand, sondern auch die Interpretationen sind auf Something Like Reality absolut überzeugend.

Lyambiko

Und das liegt keinesfalls daran, dass ich die Gelegenheit hatte, die sympathische Sängerin an einem regnerischen Tag im April zum Interview zu treffen, wo sie mich nicht nur in das Geheimnis des Hundes aus dem Kohlekasten eingeweiht hat, sondern vor allem von ihrem am 4. Juni 2010 veröffentlichten neuen Album sprach. Doch eigentlich braucht Something Like Reality keine großen Erklärungen – das Album spricht für sich. Erklärungsbedürftige „Intellektuellenmusik“ also ad acta gelegt? Zumindest der Titel des Albums ist erklärungsbedürftig, weil anfällig für mannigfaltige Interpretation. Was soll denn so etwas wie Realität sein? Eine subjektive Realität, gibt Lyambiko zu Protokoll, habe der Begriff „Realität“ doch etwas dermaßen Absolutes an sich, dass sie sich nicht anmaßen wolle, ihn uneingeschränkt zu verwenden. Dennoch sei der Begriff untrennbar mit dem Album verknüpft, sodass es galt, eine Art Relativierung von Realität zu finden. Gelungen ist dies schließlich dem Bassisten Robin Draganic, der titelsuchend in seiner Muttersprache vor sich hin murmelte: „Something like reality …“ Der Rest ist Geschichte.

Lyambiko

Suchend, ausprobierend, immer wieder relativierend … so könnte man wohl auch die Herangehensweise der 4-köpfigen Truppe, bestehend aus dem Pianisten Marque Lowenthal, dem Bassisten Robin Draganic, dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling und der namensgebenden Sängerin selbst, ans neue Album beschreiben. Erstmals wurden die dreizehn Songs nicht, wie bei den vorherigen Alben, im Vorfeld live getestet, sondern bekamen ihre endgültige Form „heimlich im stillen Kämmerlein” verliehen. Ein glückliches Händchen für die Materialwahl kann man Lyambiko in jedem Falle bescheinigen: Neben Titeln aus der Feder der Mitmusiker sowie einem Song von Finn Wiesner, einem mit der Band befreundeten Saxophonisten, finden sich beseelte Cover-Versionen, beispielsweise von Earl Brent und Matt Dennis‘ legendärem Angel Eyes, Nat Adderleys Swing-Klassiker Work Song oder Tracy Chapmans Crossroads. Es komme bei der Songauswahl vor allem darauf an, sich selbst nahe zu sein, meint Lyambiko. Man könne sich zwar hier und dort bedienen, müsse sich das Material aber letztendlich zu Eigen machen. Lediglich Songs, mit denen sie sich persönlich identifizieren könne, hätten die Chance, es auf das Album zu schaffen – wobei sie sich im Zweifel auch gegen die Meinung ihrer Mitmusiker durchsetzen müsse, denn schließlich sei sie es, die „auf der Bühne ihren Kopf dafür hinhalten müsse“.

Als das Material für das Album gesammelt wurde, hätten einige Songs auch schlicht ihren Ansprüchen nicht standgehalten, sodass wirklich nur Lyambikos Lieblingssongs übriggeblieben seien. Natürlich ist das eine Aussage, die man von einem Künstler auf Promo-Tour erwartet. Diese Platte sei seine bisher liebste und alle Songs darauf die besten … Lyambiko aber nimmt man es ab. Vor allem, wenn man die Platte gehört hat! In jedem der Songs möchte sie ein „kleines Stück von sich selbst“ wiederfinden.

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Somit ist Something Like Reality nichts weniger als der Versuch, die Realität in all den individuellen Facetten, wie sie der Sängerin begegnet, zu greifen und musikalisch umzusetzen. Dem Anschein nach muss Lyambiko im Moment recht zufrieden mit sich und ihrer ganz persönlichen Wirklichkeit sein. Das Album ist ausbalanciert, jedoch nicht zu smooth, nicht zu gefällig, wofür schon allein die Stimme Lyambikos mit all ihren Ecken und Kanten sorgt. Musikalisch hat man Neues gewagt, indem erstmals mit Bläserarrangements gearbeitet wurde. „Ich war noch nie mit so vielen Leuten zusammen im Studio”, erinnert sich die Sängerin, wenngleich sie zunächst befürchtet hatte, diesem Klangexperiment den ansonsten immer sparsam arrangierten Lyambiko-Sound opfern zu müssen. Und so bleibt es swingtechnisch betrachtet bei dem Opener Don’t Stand By Me: „Dieser Song“, so die Sängerin, „schlägt eine Brücke von unseren Wurzeln zu unserem neuen Sound.“ Dieser ist erdiger, gleichzeitig aber auch wagemutiger geworden. Durcharrangiertes und Glattgebügeltes ist nicht die Sache Lyambikos, weil: „das bin ich schlicht und einfach nicht!“ Norah Jones-Platten habe sie nie machen wollen.

Zu solch einem musikalischen Selbstbewusstsein muss man auch erst einmal finden. Meine beiden Anspieltipps sind dann auch die wohl rauesten Nummern des Albums. Einmal das medienkonsumentenkritische Breaking News, einestellenweise an funky Sixties-Soul erinnernde Nummer mit unglaublich stachelig-spröden Gesang – den hätte man der vor allem als Interpretin von Jazz-Balladen ins musikalische Bewusstsein gedrungenen Sängerin gar nicht zugetraut, denn schnell gerät in Vergessenheit, dass Lyambiko eigentlich alles singen kann! -, zum anderen das Soundgarden-Cover Black Hole Sun – ein klar aus dem eher positiv gestimmten Rest des Albums hervorstechender psychedelischer Grunge-Song, der die Sängerin während ihrer Jugend begleitet hat und mithin zu einem starken Einfluss geworden ist.

Plattenkritik: b-ebene | Motown Around The World | Lyambiko

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