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audiophilen jazz-heads dürfte der schwedische slide-gitarrist bekannt sein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

peder af ugglas’ kompositionen sind durch ihre vielfalt gekennzeichnet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

bleiben wir in schweden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

fredrika stahl bedient ein weites
emotionales spektrum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

quasthoff lässt sich nicht auf die rolle des klassischen sängers limitieren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

und jetzt also soul

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

das ist so ähnlich wie der kauf
von regional angebautem obst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die originale
werden hier der musikalischen welt des stephan scheuss angepasst

 

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Berlin Lounge | Martina Topley Bird | Andreya Triana | Kathrin Scheer | Peder af Ugglas | Fredrika Stahl | Thomas Quasthoff | Stephan Scheuss


Peder af Ugglas / [ohne Titel]

Peder af Ugglas / [ohne Titel]

Nach so viel geballter Weiblichkeit tut etwas Kontrastprogramm gut und not. Meditativ allerdings bleibt es auch auf dem aktuellen Album von Peder af Ugglas. Audiophilen Jazz-Heads dürfte der schwedische Slide-Gitarrist vor allem durch sein 2005 erschienenes Debüt Autumn Shuffle bekannt sein - schließlich wurde dieses wie auch der Nachfolger Beyond (2007) als Hybrid-SACD veröffentlicht.

Schon damals hat man sich gefragt, weshalb dieser Mann, der sowohl als Instrumentalist als auch als Produzent seit gut fünfzehn Jahren eine feste Größe in der skandinavischen Musikszene ist, so lange auf sein erstes Soloalbum warten ließ. Manche finden erst über Umwege zum eigenen Ton, und dass af Ugglas jetzt beim dritten Album keinen Titel mehr benötigt und nur noch seinen Namen für sich sprechen lässt, zeugt deutlich vom Angekommensein in seinem Klangkosmos.

Peder af Ugglas

Auch das aktuelle Album wird von handgemachter Roots Music auf technisch höchstem Niveau dominiert. Peder af Ugglas spielt die elektrischen und akustischen Gitarren, Slides, Balalaika und Mandoline, darüber hinaus aber auch alles, was der Tastenkosmos hergibt: Keys, Piano, Hammond, Rhodes, Harmonium und Akkordeon. Ach ja, Bass, Schlagzeug und Percussion beherrscht er auch noch. Und er singt. Sein einziger Mitmusiker ist Henrik Wartel, der im Song 1987 Schlagwerk und Tibetanische Gebetsschale bedient. Gerade dieser klingt dann trotzdem nicht nach der Entspannungsmusik aus dem Massagestudio, sondern groovt ganz erstaunlich mit seinem Pianobasslauf und dem besengetriebenen Schlagzeug, das ist eher Jazzclub als Klangtherapie.

Peder af Ugglas’ Kompositionen sind durch ihre Vielfalt gekennzeichnet. Eben noch Nachtclub, schon monumentale Filmmusik. Seine aktuelle CD ist bluesgetränkt wie die Vorgänger, und dabei ein bisschen Nordic Folk, ein bisschen Delta Blues, ein bisschen Jazz-Rock, ein bisschen Zen-Meditation. Wunderhübsch finde ich die Songs Way Out, Wedding und Another Day. Insbesondere Letzterer besticht durch seine zum Weinen schöne Melodie. Hören Sie mal rein!

Fredrika Stahl / Sweep Me Away

Fredrika Stahl / Sweep Me Away

Bleiben wir in Schweden. Und, um es vorweg zu sagen: Ich bin begeistert. Begeistert von einer Platte, vor deren Rezension ich mich einige Tage lang gedrückt habe. Ich glaubte, dass mich auf Fredrika Stahls Sweep Me Away netter nordischer Durchschnittsvokaljazz ohne Ecken und Kanten erwartete. Konventionell, lahm und auf jeden Fall langweilig. Und dann das. Schon beim ersten Track komme ich aus dem Staunen nicht heraus.

Hier nämlich folgt auf ein Satzgesangsintro, wie es schöner von Boys to Men oder En Vogue nicht kommen könnte, der mit Jungmädchenstimme gesungene Titeltrack Sweep Me Away, eine folk-rockige Pilgerfahrt mit keltischen Anklängen, die auf gewaltige Naturbildsprache von Sinken und Morast, Sternen und Flut sowie geballte Streicherkraft setzt. Poppiger wird es auf dem verträumten Fast Moving Train, jazziger beim koketten Rocket Trip To Mars, das im Refrain an Lutricia McNeals Ain't That Just The Way erinnert. Und so langsam geht einem auf, was der „Waschzettel“ des Albums meinte, als er großmaulig von „perfektem Pop“ kündete - den die Sängerin zudem noch im Alleingang komponiert, getextet und arrangiert hat. Die warmen Arrangements lassen in Kombination mit Stahls wohltemperiertem Klavierspiel keine Sekunde das Bild der unterkühlten nordischen Schönheit aufkommen, die sich oft genug in distanzierter Musik niederschlägt. Fredrika Stahl bedient vielmehr ein weites emotionales Spektrum, von verträumt über verführerisch zu ausgelassen.

Fredrika Stahl

Mit jedem weiteren Song entwickelt sich das Album mehr in Richtung Funk und Soul. Der sechste Track, der gospelige Sechsachtler M.O.S.W. (My Own Special Way), hat das Zeug zu einem meiner ganz persönlichen All-Time-Favorite-Tracks, wo er sich in der funky Gesellschaft von beispielsweise Joss Stones Fell In Love With A Boy, Zascha Moktans Gimme Luv oder Choklates What's About To Go Down befindet. So ein Song ist das.

Diejenigen, die die beiden Vorgängeralben der 25-jährigen Schwedin kennen, sind dann auch ob ihrer musikalischen Metamorphose bass erstaunt. Bislang dominierte frankophilier, zarter Jazz Fredrika Stahls Schaffen. Und jetzt Pop, Soul, gar Funk? Die Künstlerin selbst kann mit solchen Kategorisierungen allerdings wenig anfangen:

„Die Frage, ob ich eine Popsängerin oder eine Jazzsängerin bin, schockt mich immer. Wo ich hingehöre. In welche Kategorie man mich einordnen soll. Für mich ist Kunst eines der wenigen Dinge, die man nicht eingrenzen kann. Für mich ist das einfach Musik. Hauptsache, sie klingt gut.“

Das nötige künstlerische Selbstbewusstsein, den eigenen Weg zu gehen, hat jemand, der schon mit Jazz-Größen wie Herbie Hancock, Richard Bona und Maceo Parker auf der Bühne stand, wohl zwangsläufig.

Thomas Quasthoff / Tell It Like It Is

Thomas Quasthoff / Tell It Like It Is

Wir schreiben das Jahr 1988, als die Musikwelt erstmals flächendeckend auf Thomas Quasthoff aufmerksam wird. Schließlich gewinnt der kleine Mann mit der großen Stimme damals nichts Geringeres als den ersten Platz im Stimmfach „Bariton“ beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Zehn Jahre später debütiert er in der legendären New Yorker Carnegie Hall, und spätestens jetzt sind ihm die Herzen der weltweiten Hörerschaft endgültig zugeflogen. Ob Des Knaben Wunderhorn, Die Winterreise oder Die Schöne Müllerin - mit seinen Interpretationen der klassischen Kunstliedzyklen setze sich der „Mann mit der schönsten Stimme der Welt“ (Stern) im kollektiven Gehör fest. Wer ihn einmal in Begleitung von Barenboim die Winterreise hat singen hören, möchte deren bisherige Aufnahmen der Wertstoffverwertung zuführen. Und ebenso wie besagter Pianobegleiter, der keine Genre-Grenzen akzeptiert, lässt sich auch Quasthoff nicht auf die Rolle des klassischen Sängers limitieren. 2006 nahm er gemeinsam mit Künstlern wie Till Brönner, Chuck Loeb oder Alan Broadbent The Jazz Album - Watch What Happens auf.

Thomas Quasthoff

Und jetzt also Soul. Für Tell It Like It Is hat Quasthoff ganz tief in seiner Plattenkiste gekramt und seine Lieblingssongs aus Funk, Soul und R&B, aber auch Pop und Country zu Tage gefördert. Das Programm könnte, so der Bass-Bariton, auch „my favorite things“ heißen. Er habe nicht darauf geachtet, unter welchem Label das ganze stilistisch zusammenfassbar sei, ob nun Jazz oder Soul; vielmehr habe er sich von der Frage „Was mag ich gern, was möchte ich machen?“ leiten lassen. Befürchtungen, durch seine musikalischen Grenzgänge die Gunst des klassischen Publikums zu verlieren, weist er weit von sich:

„Es gibt wirklich nur gute und schlechte Musik, das ist für mich das Kriterium. Wenn mir Musik zusagt und wenn mir Musik etwas zu sagen hat, dann möchte ich das einfach auch tun. Es geht auch gar nicht immer nur um den Transport von wertvollen Texten, die sind im Soul - es geht um Liebe, Drama, Wahnsinn - wie in der klassischen Musik auch.“

Im Gegensatz zu Künstlern, die auf Teufel-komm-raus ernst genommen werden möchten, hat Quasthoff keine Profilierung mehr nötig. Er muss nicht verstören, erschrecken und beweisen, dass gute Kunst nur durch Leiden erzeugt wird. Gelassen zieht er das Fazit, dass es letzten Endes doch nur darum ginge, das Publikum zu erfreuen und zu unterhalten. Dass ihm dies, ob nun mit italienischen Arien oder amerikanischen Songs gelingt, beweisen die Reaktionen des Publikums - die Welt will in diesem Zusammenhang „grenzenlosen Jubel“ ausgemacht haben - einmal mehr. Das Material von Tell It Like It Is wurde vor den Studioaufnahmen seit Februar 2010 live erprobt, darunter auf dem Salzburger Sommer, und mit jedem Auftritt nahmen die Interpretationskraft des Sängers und seiner Begleiter (u.a. Bruno Müller, Frank Chastenier, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner) zu. Dem Album hört man dann auch an, dass sich hier keine bunt zusammen gewürfelte Truppe einfach mal an Soulsongs versucht, sondern dass Zusammenspiel und Arrangements über eine lange Zeit gewachsen sind.

Hörenswert das verjazzte Ain’t No Sunshine, die Orgel auf Please Send Me Someone To Love oder das funky The Whistleman! Ich persönlich mag Have A Talk With God sehr gern; das für mich schönste Stück des Albums aber ist eindeutig Georgia On My Mind. Nur die Stimme von Thomas Quasthoff und Frank Chasteniers Piano - da kommt, jenseits aller Genrebegrenzungen, wieder das Gänsehautgefühl wie schon bei der Winterreise auf.

Stephan Scheuss / One Pure Soul

Stephan Scheuss / One Pure Soul

Und gleich nochmal Soul. Dass den auch bleiche Jüngelchen im Blut haben können, wurde an dieser Stelle mit Künstlern wie Daniel Merriweather oder Mayer Hawthorne wohl schon oft genug bewiesen. Dass auch bleiche deutsche Jüngelchen dazugehören, sollte jetzt spätestens mit Stephan Scheuss auch dem Letzten klar werden. Mich persönlich freut es immer, wenn gute Musik aus heimischen Gefilden kommt; das ist so ähnlich wie der Kauf von regional angebautem Obst und Gemüse im Supermarkt. Irgendwie ethisch korrekter. Schmackhaft ohnehin.

Ähnlich wie sich die konventionellen, auf Hochglanz polierten und nicht nur völlig gleich aussehenden, sondern auch ewig gleich schmeckenden Äpfel im Supermarkt zu ihren nicht ganz so stromlinienförmigen Brüdern und Schwestern vom Markt verhalten, stehen die austauschbaren Produkte der Plattenmultis dem Album von Stephan Scheuss gegenüber. Nicht nur, dass er um Klassen origineller ist - er macht auch die bessere Musik. Schließlich ist der 37-jährige Leverkusener nach fünf Jahren bei Purple Schulz ein alter Hase. Mit One Pure Soul legt er nun sein erstes Soloalbum vor, und das im Wortsinne, denn fremde Hilfe benötigt Stephan Scheuss nicht. Man hört seine Gitarre, seine Stimme und einige Vokal-Overdubs, die hier und da an Bobby McFerrin erinnern. Mehr nicht.

Alles begann damit, dass Scheuss, noch ohne an ein Programm oder gar ein Album zu denken, seinen Lieblingssongs aus Soul und Jazz völlig neue Arrangements verpasst hat, nur so zum Spaß. Michael Sembellos Maniac beispielsweise klingt nach der Bearbeitung durch Scheuss wie ein Jazz-Standard, Marvin Gayes What’s Going On wie ein Stück Kammermusik, der Jazz-Klassiker My Funny Valentine hingegen wird zur Gitarren-Schrammel-Nummer mit leicht südlichem Einschlag. Werktreue ist nicht das, was sich der Sänger/Gitarrist auf die Fahnen geschrieben hat. Im Gegenteil, die Originale werden hier der musikalischen Welt des Stephan Scheuss angepasst.

Stephan Scheuss

Drei Eigenkompositionen hat er auf das Album geschmuggelt. Die könnten aber ebenso aus dem großen Repertoire der Soul- und Jazz-Klassiker stammen. Scheuss profiliert sich mit ihnen nicht nur als seriöser Songwriter, sondern auch als außergewöhnlicher Sänger. Insbesondere Just Go zeigt sein großes stimmliches Spektrum. Im Falsett klingt er wie Maxwell oder ein ähnlich verdienter Crooner. Das Herzstück von One Pure Soul aber bildet nach wie vor die autarke Bearbeitung bestehenden Liedgutes. Behutsam zergliedert Stephan Scheuss den Isley Brothers-Klassiker Harvest For The World, um ihn erst im Refrain wieder zusammenzufügen, afrikanisiert den Gamble & Huff-Song Drowning In The Sea Of Love und haucht dem Beatles-Hit Baby You Can Drive My Car ungeahnte Seele ein. Bei Tears Of A Clown musste ich erst einmal ins Booklet gucken, ob es wirklich um den Smokey Robinson-Song handelt, den Scheuss da in der Mangel hat.

Stephan Scheuss hat so wenig Respekt vor den Originalen, wie es sich nur jemand mit sehr viel Talent und künstlerischer Souveränität leisten kann. Und ist mit seiner Herangehensweise doch so viel näher an der Seele der Songs dran als so manches uninspirierte Cover, was dann doch wieder von vermehrtem Respekt vor den Originalen zeugt.