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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Gut (dr)aufgelegt?
  2. 2 Klang: Popeyes gutsituierter Bruder
  3. 3 Testfazit: Magnat RV-4

Ich hatte vor diesem Test ja ein bisschen Bammel. Nicht, dass ich mich nicht gefreut hätte, als Kollege Ralph Werner mir den neuen Magnat RV-4 ankündigte („Du kennst den Vorgänger RV-3 doch in- und auswendig, da ist das doch ein Fest für Dich!“), aber ich kann mich eben noch allzu gut daran erinnern, welche Begeisterung der maschinenartig designte Magnat RV-3 im Januar 2014 bei mir hinterließ. Die war so groß, dass der Hybrid-Amp aus Pulheim bei Köln (www.magnat.de) bis heute bei mir steht und das Herzstück meiner HiFi-Kette bildet.

Ich hatte also schlicht Angst davor, mich erneut zu verlieben und Dinge zu tun, mit denen meine Ehefrau in Anbetracht einiger größerer Anschaffungen in jüngster Vergangenheit voraussichtlich nicht einverstanden wäre. „Mutig“ habe ich mich dennoch in die (Hör-)Arbeit gestürzt und mich eingehend mit der Evolution von „Mr. Kühlrippe“ – so hatte ich meinen Test des Magnat RV-3 im Januar 2014 betitelt – beschäftigt. Und so fiel die Testphase diesmal auch außergewöhnlich lang aus, schließlich galt es, den feinen, aber durchaus vorhandenen Unterschieden zwischen den beiden Modellen auf die Spur zu kommen.

Magnat RV-4

Manche sind allerdings auch ziemlich offensichtlich. So haben die Entwickler ihrem Topverstärker schon rein optisch ein wenig die „Haare gefönt“. Stellte der RV-3 seine Technik – vor allem den mächtigen Ringkerntrafo und eine (abgedeckte) Kondensatorarmee – ungeniert zur Schau und erinnerte damit visuell an einen potenten Motorblock, ziert den „Neuen“ nunmehr mittig ein durchgehender Deckel aus Aluminium, was ihn braver – manche finden auch moderner – erscheinen lässt. Auch die auffälligen Kühlrippen an seiner Oberseite – sie sind nach wie vor keine reine Show, sondern führen die Wärme der Leistungstransistoren ab – sowie die Schutzgitter der beiden Vorstufenröhren wurden optisch entschärft, wirken nicht mehr so martialisch wie beim RV-3. Dennoch ist der große Magnat ein Vollverstärker geblieben, der wohltuend aus der Masse heraussticht, zumal die massive Materialauswahl mit großen und sämig laufenden Drehreglern, dem hervorragend ablesbaren „Bullaugen“-Display sowie dem enorm stabil gefertigten Gehäuse beibehalten wurde. Ganz klar: Nach wie vor steht hier ein selbstbewusst auftretender Pfundskerl im Rack.

Im Vorstufentrakt des Magnat RV-4 kommen zwei E88C zum Einsatz

Im Vorstufentrakt des Magnat RV-4 kommen zwei E88CC zum Einsatz

Technisch ist es grundsätzlich bei der bewährten Hybridkonstruktion aus Röhrenvor- und Transitorendstufe geblieben, wenngleich die Bestückung beider Verstärkerzüge verändert wurde. So glühen im Preamp zwei E88CC – je Kanal eine – aus russischer Produktion, die laut Magnat selektiert und 60 Stunden „vorgebrannt“ wurden. Im Vorgänger hatten die Entwickler auf zwei ECC82 gesetzt, was sich auch klanglich bemerkbar macht. Dazu aber später mehr. Die Endverstärkung übernehmen nunmehr Leistungstransistoren des japanischen Zulieferers Sanken, vorher waren es Pendants von Toshiba gewesen. In diesem Zusammenhang haben sich auch die Leistungswerte des integrierten Amps leicht verschoben, so ist etwa die angegebene Impulsleistung des Magnat RV-4 etwas geringer als die seines Vorgängers, wodurch allerdings in praxi keine klanglichen Verwerfungen aufkommen: Bei Bedarf liefert der Pulheimer noch immer mehr als genug Kraft für alle Lebenslagen.

An der Ausstattung ihres Flaggschiffs haben die Entwickler ebenso gefeilt: Offensichtlich ist die Öffnung für digitale Medienformate mit einem entsprechenden Wandlermodul von BurrBrown, das via koaxialen und optischen Port Dateien mit bis zu 192 Kilohertz Samplerate und 24 Bit Wortbreite verarbeitet. Zeitgemäß, aber auch nicht mehr. Auf eine in dieser Klasse durchaus verbreitete asynchrone USB-B-Schnittstelle haben die Rheinländer leider verzichtet. Dafür lässt sich der Magnat RV-4 auf Wunsch auch drahtlos mittels Bluetooth mit Musik versorgen – „spricht“ das Sendegerät den klangoptimierten aptX-Codec, sogar in CD-Qualität. Das „Bluetooth-Pairing“, sprich die Kopplung des Magnat RV-4 mit Sendern ist denkbar simpel und schnell erledigt. Schön.

Anschlussfeld des Magnat RV-4

Anschlussfeld des Magnat RV-4

Die beim Vorgänger zwecks direktem Bi-Wiring mit entsprechenden Lautsprechern noch doppelt vorhandenen Terminals hat sich Magnat indes nunmehr gespart. Einen hochwertigen Phono-Pre mit MM- und MC-Schnittstelle und einen ebenso wirklich brauchbaren Kopfhöreranschluss, der klanglich durchaus günstigen, externen Lösungen überlegen ist, gibt es aber immer noch. Der Verkaufspreis des Magnat RV-4 wurde gegenüber dem Dreier um knapp 300 Euro angehoben.

Klang: Popeyes gutsituierter Bruder

Mich interessierte zunächst, ob sich die geänderte Bestückung beider Verstärkerzüge (E88CC- vs. ECC82-Röhren in der Vorstufe und Sanken- vs. Toshiba-Transistoren in der Endstufe) gegenüber dem RV-3 bemerkbar machen würden. Und fand das ziemlich schnell bestätigt. Gleich bei den ersten Takten fällt auf, dass der Magnat RV-4 gegenüber seinem Vorgänger gesamttonal leichter und feiner aufspielt und Details noch ein wenig sauberer herausarbeitet, ohne zu sezieren und ohne dabei seinen kraftvoll-muskulösen Grundcharakter abgelegt zu haben. Gab der RV-3, der laut Magnat-Webseite parallel zu seinem Nachfolger derzeit weiterhin angeboten wird, vor allem bei kraftvoll-dynamischer Rockmusik das sympathisch-raubeinige Muskelpaket, das bei Impulsattacken auch gerne mal keinen Grashalm mehr stehen lässt, tritt der Magnat RV-4 insgesamt etwas „kultivierter“ auf. Keine Frage: Auch der Neue ist ein Kraftpaket, dessen dynamische Reserven im Normalbetrieb wohl kaum jemand ausreizen können wird. Er setzt seine Energie aber etwas dosierter ein, wirkt sowohl im Bass wie auch in den unteren Mitten gestraffter, sehniger und damit auch etwas schlanker als sein Vorgänger. So, als sei dieser noch einmal im Fitnessstudio gewesen, um seine bereits zur Genüge vorhandenen Muskelpartien noch etwas nachzuschärfen, dem „Sixpack“ noch eine etwas definiertere Struktur zu verleihen. Also: Bass und Grundton des Magnat RV-4 sind gut im Futter und kommen im Zweifel immer noch etwas substanzieller daher als „streng neutral“ – doch der Vorgänger langte hier noch mehr zu.

Links der Magnat RV-3, rechts der aktuelle RV-4

Links der Magnat RV-3, rechts der Nachfolger RV-4

Über alle Frequenzbereiche betrachtet, wirkt der „Vierer“ so doch etwas leichtfüßig-federnder und spontaner als sein nun auch wirklich nicht „langsamer“ Vorgänger. Für mich eine klanglich gelungene Evolution, die über die digitale Schnittstelle besonders deutlich wird. Vielleicht ist es ein wenig unfair, diese heranzuziehen, da sie dem Vorgänger fehlt, er sich in dieser Disziplin also nicht „direkt wehren“ kann. Gleichwohl ist sie schon das i-Tüpfelchen auf der Performance des Magnat RV-4, bereichert sie doch den nunmehr etwas leichteren tonalen Charakter des Verstärkers um eine würzige Portion Crispiness, Detailschärfe und Präsenz, ohne zu überziehen. Insgesamt spitzt sie die Tugenden des großen Magnat in positivem Sinne zu.

Vergleich Magnat RV-4 vs. RV-3

Rise AgainstDeklinieren wir dies doch einmal an zwei Musikbeispielen durch, die ich bereits beim Test des RV-3 Anfang 2014 verwendet habe. So war mir sowohl beim Punkrock-Kracher „Whereabouts Unknown“ von Rise Against (Album: Appeal to reason, auf Amazon anhören) als auch beim reichhaltig instrumentierten Live-Stück „Long Train Runnin’“ (Album: Joy and pain, auf Amazon anhören) der inzwischen verstorbenen Blueslegende Mighty Sam McClain der enorm antrittschnelle, knochentrockene, ausdifferenzierte und tief hinabreichende „Bass-Punch“ des RV-3 ans Herz gewachsen, mit dem dieser seinerzeit seinen wesentlich teureren Sparringspartner (Symphonic Line RG9 MK4) „ausboxte“. Daran hat sich nichts geändert, der Neuling punktet mit fast identischen Tugenden. Fast, weil er ein Quäntchen Tiefgang einem Plus an dynamischer Beweglichkeit opfert. Ob das wirklich ein „Opfer“ ist, muss jeder für sich entscheiden, aber in der Tat: Der RV-3 gründelte etwas tiefer und nachdrücklicher am unteren Frequenzende, der Magnat RV-4 spielt etwas schlanker, wirkt dafür dann aber agiler. Impulsattacken schleudert er gewohnt gnaden- und ansatzlos in den Hörraum, wobei seine „Uppercuts“ etwas weniger wuchtig, sondern tendenziell eher zackig ausfallen. Was sie im Zweifel noch härter macht.

Mighty-Sam-McClainEin akribisch sezierendes Frequenzskalpell oder eine akustische Lupe ist der Popeye aus dem Rheinland nach wie vor nicht, wenngleich die leichte gesamttonale Verschiebung subjektiv auch seinem Auflösungsvermögen, an dem es beim insgesamt etwas wärmer tönenden RV-3 allerdings auch schon nichts zu kritteln gab, zugutekommt. Sowohl kompressionsbedingt kritische Einspielungen als auch musikalisch komplexe Arrangements „dröselt“ der Magnat RV-4 fein auf, ohne nun jedem Einzelereignis bis in die letzte Ecke hinterher zu spüren. Das „große Ganze“ – der musikalische Fluss und exaktes Timing – sind ihm viel wichtiger. Das war schon beim Vorgänger so und ich empfinde es als positiv, dass Magnat an dieser Eigenschaft nicht „gedreht“ hat. Sein vorwiegend emotionales Gespür für die Eigenarten verschiedenster Genres, das bereits den RV-3 zu einem Allrounder im positivsten Sinne machte, hat man beibehalten. Und gekonnt verfeinert. Das trifft zum Beispiel auf die Raumabbildung zu. So hat schon der RV-3 eher realistische und niemals übertrieben große Räume aufgezogen. Der Magnat RV-4 macht das ganz genauso, rückt aber – gemessen von der Lautsprechergrundlinie – gefühlt noch einen halben Schritt auf den Hörer zu, bindet ihn noch mehr ins Geschehen ein und verstärkt damit den Eindruck, Teil der Darbietung zu sein. Das ist nicht aufdringlich übertrieben, sondern so, dass man es im Direktvergleich gerade so merkt.

Magnat RV-4

Die Behauptung aufzustellen, dass am oberen Frequenzende jetzt noch mehr Feinheiten noch besser zu hören sind, wäre dagegen ziemlicher Quatsch. In dieser Disziplin war auch schon der RV-3 ein Meister der Gratwanderung zwischen zufriedenstellender Informationsübertragung und schrill schimmerndem Glanz, der vorgaukelt, was nicht da ist. Diesem Vorbild fühlt sich sein Nachfolger ebenfalls verpflichtet. Sicherlich gibt es Verstärker, die noch strahlender in jede Hochtonecke leuchten, ob sie dabei aber tatsächlich auch mehr verwertbare Informationen zutage fördern oder nur zum Selbstzweck Glanzlichter setzen, mag man gerne ausführlich debattieren. Fakt ist: Ich habe zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gehabt, dass der RV-4 mir etwas vorenthält. Dass die oberen und obersten Tonlagen nie – auch bei qualitativ nicht ganz so hochwertiger „Software“ – scharf, glasig oder bissig werden, ist Teil seiner klanglichen Philosophie.

Testfazit: Magnat RV-4

Magnat hat mit der Weiterentwicklung seines großen Hybridverstärkers keinen Riesenschritt, sondern eine behutsame Evolution vollzogen. Und das ist auch gut so. Die Entwickler haben die martialische Optik des RV-3 ein wenig entschärft und gegen geringen Mehrpreis ein sehr gutes Digitalboard implementiert, zudem dem zuvor schon überzeugenden Klang ein wenig mehr Feingefühl sowie einen zusätzlichen Tick Frische und Leichtfüßigkeit anerzogen.

Magnat RV-4

Insgesamt aber ist der nach wie vor ungewöhnlich gestylte Amp ein echter Allrounder im positivsten Sinne geblieben. Es gibt eigentlich keinen Musikstil, den er nicht „kann“. Souverän, kraftvoll, lässig, musikalisch, emotional – bei Bedarf mit Schmackes ohne Ende, aber eben auch ganz zart und zurückgenommen. Immer noch – oder weiterhin – ist der große Magnat für mich einer der besten Vollverstärker seiner Klasse. Einzig über einen asynchronen USB-Eingang – der in anderen Produkten des Hauses vorhanden ist – sollten seine Schöpfer noch einmal nachdenken, dann wären alle (meine) Wünsche erfüllt.

Fakten:

  • Modell: Magnat RV 4
  • Konzept: Hybrid-Vollverstärker mit Röhrenvorstufe und Transistorendstufe, inklusive DAC und Phonopre
  • Preis: 2.999 Euro
  • Analogeingänge: 4 x Hochpegel (Cinch), 2 x Phono (MM/MC), 1 x Main-In
  • Digitaleingänge: 1 x S/PDIF koaxial, 1 x TosLink, 1 x Bluetooth (aptX)
  • Analogausgänge: 2 x Cinch (Vorverstärker, Tapeschleife)
  • Maße & Gewicht: 434 x 157 x 410 mm (BxHxT), 18,5 kg
  • Leistung: 2 x 110 Watt an 8 Ohm
  • Farbe: Schwarz
  • Garantie: 2 Jahre

Vertrieb:

Magnat Audio-Produkte GmbH
Lise-Meitner-Straße 9 | 50259 Pulheim
Telefon: +49(0)2234–807-0
E-Mail: info@magnat.de
Web: www.magnat.de

Test: Magnat RV-4 | Vollverstärker

  1. 1 Gut (dr)aufgelegt?
  2. 2 Klang: Popeyes gutsituierter Bruder
  3. 3 Testfazit: Magnat RV-4

Über den Autor

Equipment

Analoge Quellen: Laufwerk: Transrotor Insigne Tonarm: Rega RB 300 Tonabnehmer: Shelter 201 (MM) Sonstiges: Tuner Sansui T-80

Digitale Quellen: CD-Player: Lua Appassionato, Yamaha CD-S 1000 Streamer: Pioneer N-50, Marantz NA 8005

Vorstufen: Phonoverstärker: Lehmann Audio Black Cube Statement

Lautsprecher: Magnat Quantum 905, Klipsch RF-82 II

Kabel: Sonstiges: LS- und NF-Kabel durchgängig in-akustik, alternativ Eagle Cable, WireWorld

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