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Soundcheck: Krell Digital Vanguard

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  1. 2 Soundcheck: Krell Digital Vanguard

Krell Vanguard Fontbeleuchtung

Ok, bevor Ihnen jetzt vor lauter Technik die Ohren klingeln, kommen wir endlich zum klanglichen Teil. Als erstes darf der Digital Vanguard ganz Vanguard sein. Will sagen: Er darf analog arbeiten. Mit meinem North Star Design Supremo als Zuspieler, bedient der Krell gleich wieder eines meiner Vorurteile. Nämlich das, dass die Amis ein ausgeprägtes Faible für den Bassbereich haben. Klar, hier kann man gut auf dicke Hose machen. Ich fühle mich provoziert, meine Musikbibliothek nach den fiesesten tiefen Tönen zu durchsuchen.

james blakeGemeine synthetische Bässe finden sich in der Coverversion des Feist-Songs „Limit to your Love“ von James Blake auf dem Album James Blake (auf Amazon anhören). Die tieffrequenten Schwingungen liegen an der Grenze dessen, was meine Valeur Audio Micropoint 4SE wiedergeben können. Ich bin gewohnt, diese Töne eher im Ansatz zu hören. Was wirklich auf der CD ist, hatten mir vor kurzen allerdings noch die Progressive Audio Extreme III mehr als eindrucksvoll vorgeführt. Und jetzt staune ich nicht schlecht, was der Vanguard hier aus meinen Lautsprechern herausholt. Da geht ja noch richtig was! Die Bässe lassen den Raum vibrieren – DAS machen meine Kompakten? Nein, die Performance der Progressive Audio erreichen sie auch mit dem Krell nicht, aber es geht schon deutlich eher in die Richtung als wenn mein Musical Fidelity die Valeur Audio ansteuert. Ist das wirklich eine Frage der Leistung? Des Dämpfungsfaktors? Oder schiebt der Vanguard bei den tiefen Tönen etwa dezent nach?

Krell Vanguard Seite

China Moses und Raphael LemonnierIch wechsele zu akustischen Instrumenten. Das Album This Ones for Dinah von China Moses und Raphael Lemonnier (auf Amazon anhören) bietet nicht nur die wunderbare Stimme von China Moses, sondern auch Kontrabass und Schlagzeug. Der Kontrabass begleitet unter anderem die Coverversion des wohl berühmtestem Songs von Dinah Washington: „What a Difference a Day Makes“. Und der Krell Vanguard inszeniert das Instrument mit eindrucksvoller Vehemenz. Mein Musical Fidelity AMS 35i, der keine Digital-Sektion besitzt und rund zwei Tausender teurer war als der Vanguard ohne Digital-Board, rettet seine Ehre, indem er die tiefen Töne noch etwas differenzierter wiedergibt. Während der Krell sagt, dass das Instrument aus Holz besteht, liefert der Musical Fidelity quasi noch Details über die Art des Holzes. Und wo Bass und Schlagzeug zusammen spielen, macht der AMS 35i noch ein bisschen klarer, ob der Ton nun vom Kontrabass oder den Drums kommt, weil er die Klangfarben noch exakter zu definieren vermag. Allerdings ist das gegenüber der puren Energie, mit der der Krell hier agiert, eher akademischer Natur.

Stravinskys Sacre du PrintempsÄhnlich geht es mir bei den Kesselpauken in Stravinskys Le Sacre du Printemps (Pierre Boulez, The Cleveland Orchestra, auf Amazon anhören). Der Musical Fidelity verrät noch ein paar mehr Details über die klangliche Textur der Pauken. Musikalisch wichtiger ist hier aber der Effekt – die Vehemenz, mit der die Pauken einsetzen. Und das tun sie über den Krell einfach brachialer. Das geht tief, hat Wucht, Kontrolle, Kraft, Dynamik, Impact. Ja, ein kleines bisschen trägt der Vanguard im Bass auf. Dabei agiert er aber grundsätzlich sehr sauber. Nix Jeans und Muskelshirt, eher Maßanzug – allerdings einer, der das breite Kreuz eindrucksvoll zur Geltung bringt.

Krell Vanguard Lautsprecheranschlüsse

Auch im Grund- und Mittenband kann der Krell seine Herkunft nicht ganz leugnen. Hier mag er es einen kleinen Tick saftiger. Und das ist gut so. Stimmen kommen wunderbar sonor, Solo-Instrumenten verleiht er eine schöne Präsenz. Ein kleiner Schuss Wärme – das ist in dem geringen Maße absolut ok, ja eigentlich genau richtig. Krell-Verstärker standen vor Jahren in dem Ruf, generell etwas unterkühlt zu klingen. Das ist beim Vanguard nicht der Fall. Ein Schmeichler ist er damit aber noch lange nicht.

Im Vergleich etwa zum deutlich teureren AVM Ovation A 6.2, den ich kürzlich testen durfte, agiert der Vanguard nicht ganz so feinstofflich. War der AVM mehr Akrobat, dessen Darbietung sich eher aus den Mitten heraus entwickelte und durch eine besondere Leichtfüßigkeit gekennzeichnet war, tendiert der Krell eher in Richtung Kraftakt. Seine Performance klingt geerdet, da er das Klangbild von unten, vom Bass her aufbaut. Dadurch wirkt er nicht so quirlig wie der AVM, sondern ein wenig ruhiger, ja standfest-souveräner.

lisa bassengeDas passt zu vielerlei Musik. Der eher fette, motownmäßige Groove des Titels „All Stripped Down“ auf dem Album Canyon Songs von Lisa Bassenge (auf Amazon anhören) kommt über den Vanguard auf jeden Fall satter rüber als seinerzeit über den AVM; dafür strahlen die Bläser nicht ganz so funkelnd. Es verwundert nicht, dass der Krell auch wunderbar mit Lucinda Williams zurechtkommt. Ihr neues Album, The Ghosts of Highway 20, habe ich über den Krell Vanguard auf jeden Fall erst einmal komplett Dinu Lipatti (Bach, Mozart, Scarlatti, Schubert – EMI Classicsdurchgehört. Und hier stimmt alles. E-Gitarren und Stimme kommen ruppig-eindringlich, das Schlagzeug groovt und man möchte einfach in den Geschichten, die Frau Williams erzählt, versinken.

Auch Klassik kann man wunderbar mit dem Vanguard hören. Ganz besonders großorchestrales, wo ihm bei heftigen (forte) fortissimo-Passagen seine grobdynamischen Reserven so richtig zugutekommen. Ich gebe aber zu: „Kleinere“ Klassik, etwa das leichte, schnell-perlende Klavierspiel eines Dinu Lipatti (Bach, Mozart, Scarlatti, Schubert – EMI Classics, auf Amazon ansehen) hat mir über den AVM besser gefallen.

Krell Vanguard Siebelkos
Die Siebkondensatoren des Krell Vanguard mit insgesamt 80.000 µF Kapazität

In lebhafter Erinnerung ist mir im Hinblick auf den „kleinen“ Krell S 300i geblieben, dass man mit ihm auch gut „unaudiophile“ Aufnahmen hören konnte. Also krame ich ein bisschen in der „Schmuddelecke“ meiner Festplatte und finde Party-Sampler mit Disco-Mucke aus den 1970er bis 1990er Jahren. Und siehe da: Auch der Vanguard ist sich absolut nicht zu fein dazu, hier Party zu machen. Er haucht diesen dynamikkomprimierten Aufnahmen, die dazu ausgelegt sind, auch auf irgendeinem Ghettoblaster noch irgendwie zu klingen, mächtig Leben ein. Tolles Ding – vor allem, weil er sonst eben auf der anderen Seite auch absolut seriös und ernst „kann“.

Eva Cassidy (Album: Live at Blues Alley) Hochton? Vorhanden, und zwar im genau richtigem Maße. Wie beim Album von Lisa Bassenge schon angedeutet, hält der Vanguard hier genau das richtige Maß und übertreibt nicht. Die Höhen kommen klar und gut aufgelöst. Das Spiel der Besen-Borsten auf den Becken des Schlagzeugs im Titel „Cheek to Cheek“ von Eva Cassidy (Album: Live at Blues Alley, auf Amazon anhören) inszeniert der Vanguard eindrucksvoll – um die letzten Feinheiten mitzubekommen, muss man eben hinhören, der Krell bringt die musikalischen Informationen rüber, drängt sie einem aber nicht auf. Das ist völlig nach meinem Geschmack, weil sehr langzeithörtauglich. Auch Grenzfälle wie etwa das Album Modern Cool von Patricia Barber, das etwas sehr „scharf“ aufgenommen ist, sodass die Sibilanten schnell unangenehm zischeln, kann ich über den Krell Digital Vanguard entspannt und mit hohem Genuss hören.

Krell Vanguard innen

Am meisten „Amerikaner“ ist der Vanguard bei der räumlichen Abbildung. Hier mag er es einfach groß und breit. Die Grenzen des Stereodreiecks hebt er dabei ebenso locker auf wie die des Hörraums. Gerne setzt er den Hörer nah an die Bühne. Mit der Tiefe nimmt es er dabei nicht ganz so genau. Wenn man im Parkett in der ersten Reihe sitzt, hat man eben nicht so einen Überblick wie vom Rang aus. Auch zeichnet er die Umrisse der einzelnen Schallquellen nicht so klar. Er gibt zwar klar darüber Auskunft, aus welcher Richtung ein Ton kommt, die konkrete Größe und Ausdehnung der Schallquelle verschwimmt jedoch ein wenig. Eine holographische Räumlichkeit bietet er nicht. Dafür aber ganz viel packende, unmittelbare Live-Atmosphäre.

Bisher habe ich das Digital-Board des „Digital Vanguard“ schmählich ignoriert. Zu Unrecht, denn hier bietet Krell eine klanglich exzellente Lösung an. Einen digitalen Zuspieler, etwa ein CD-Laufwerk, kann man über den elektrischen (Cinch) oder den optischen (TOSLINK) S/PDIF-Eingang direkt an den Digital Vanguard anschließen. Steuert man den Vanguard übers Ethernet an, wird noch eine geeignete Steuer-Software benötigt. Das kann im Prinzip jede DNLA-fähige App sein. Krell empfiehlt den mConnect Player, den es sowohl für Apple als auch Android im jeweiligen Store gibt – wenn man mit Werbeeinblendungen leben kann, ist sie kostenlos. Die Bedienung ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, da sie sehr auf das Verwenden von Playlists ausgelegt ist. Das surfen durch die Musikbibliothek ist etwas umständlicher.

Krell Vanguard Ethernet

Sowohl über die Streaming Bridge – also über Ethernet – als auch per S/PDIF-koaxial mit Daten gefüttert, spielt der Digital Vanguard auf einem sehr hohen Niveau. Weil es mich interessiert, vergleiche ich meinen D/A-Wandler North Star Design Supremo (um 3.000 Euro) – mit dem ich sowohl per Cinch als auch per XLR analog in den Krell hineingehe – mit dem Digital-Board des Digital Vanguard.

Und ich gebe zu: Die Unterschiede überraschen mich. Unabhängig von der Auflösung der angelieferten Daten bleibt der North Star, asymmetrisch via Cinchkabel angeschlossen, unter seinem gewohnten Niveau. Die Wiedergabe klingt wenig involvierend, fast distanziert und nicht allzu detailreich. Da liefert der Krell-Wandler eine deutlich überzeugendere Vorstellung. Der Raum geht weiter auf, wird größer, Instrumente und Sänger kommen detailreich, plastisch, insgesamt deutlich authentischer rüber. Dass es noch eine Nuance besser geht, zeigt dann der Supremo, wenn er symmetrisch an den Vanguard angeschlossen ist – was während des Tests bisher auch immer der Fall war.

Emilie-Claire Barlows Album The Beat Goes OnSo verbandelt kann der Supremo in allen Bereichen massiv zulegen und schafft es damit, knapp das Digital-Board des Vanguard zu toppen. Nehmen wir Emilie-Claire Barlows Album The Beat Goes On (auf Amazon anhören), das im DSD-Format auf meinem Server liegt und was die Datenqualität betrifft, über jeden Zweifel erhaben sein sollte. Über die asymmetrischen Analogausgänge des Supremo beziehungsweise analogen Cinch-Eingänge des Krell gehört, denke ich „Nette Coverversionen, geht völlig in Ordnung“. Über das Digital Board hat sie mich: „Hey, die Frau hat ja Stimme, ihre Interpretationen klingen intensiv – mag ich hören.“ Über den symmetrisch angeschlossenen Supremo bringt mich allerdings nichts mehr vor der Anlage weg. Ich mag einfach hören, versinken, genießen bis das Album zu Ende ist. Insofern eigentlich schade, dass der Vanguard nur einen symmetrischen Eingang bietet, da er hierüber offensichtlich deutlich besser klingt. Denn an anderen Verstärkern klingt der Supremo symmetrisch oder asymmetrisch angeschlossen meist identisch.

Fernbedienung
Eine amtlich massive Fernbedienung gehört zum Lieferumfang des Krell Vanguard

Test: Krell Vanguard | Vollverstärker

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