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Klang Harbeth 30.1 (Teil II)

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  1. 3 Klang Harbeth 30.1 (Teil II)

Ich erwähnte gerade den „saftigen“ Grundtonbereich der Harbeth 30.1. Die Auswirkungen aufs Mittenband sind ein sonorer, leicht wärmerer Tonfall und dieser wunderbar körperliche Eindruck, den Stimmen und Instrumente annehmen. Auch im Bass geht es mit einer Fingerbreite mehr Volumen zur Sache.

Harbeth

Dabei wird für eine Box dieser Größe eine ziemlich ideale Mischung aus Tiefton-Substanz und Kontur gefunden. Das Kontrabasssolo im schon erwähnten Jazz-Stück „Tilldess“ fällt mit der Thiel SCS4 jedenfalls etwas zu mager aus, während es mit der Britin das rechte Volumen besitzt; die Amerikanerin konzentriert sich mehr auf die Umgreifgeräusche und diesen „Snap“, mit dem die Saite gezupft wird, nicht so sehr auf den Korpus des Instruments. Den stellt die Harbeth 30.1 überzeugender dar. Bei aller Substanz bleibt ihr Untergeschoss beweglich und schnell, die E-Bass-Tempoverschärfung bei Miles Davis‘ „Amandla“ (nach circa dreieinhalb Minuten geht’s ab!) beispielsweise wird von der Britbox mit so viel Verve, Kontur und Physis in den Raum getragen, dass es eine Freude ist. Erneut ein schneller Quervergleich mit der Thiel: Noch konturierter, straffer geht es zur Sache – aber eben auch dünner, weniger substantiell, ein bisschen „theoretisch“ halt …

Harbeth 30.1

Maximaler Bassdruck war freilich nie die Stärke der Amerikanerin – dafür steigt sie etwas tiefer als die Harbeth 30.1 in den Frequenzkeller. Zwar würde ich für Musik, die wesentlich auch von allertiefsten Tönen lebt, keine der beiden Boxen wirklich empfehlen wollen – zumindest bei gehobenem Pegel nicht, da müssen dann doch größere Lautsprecher ran –, aber alles ist relativ, und im Vergleich geht’s mit der Thiel eben ein wenig weiter runter, während die Britin mehr Druck entfaltet. Man kann bei gegebener Gehäusegröße nicht alles haben. Bei der Harbeth stehen Saft, Grip und Tiefgang im Bass in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander – sie „verhungert“ in meinem circa 30 qm großen Hörzimmer keinesfalls.

Überhaupt zeichnen Ausgeglichenheit und Kohärenz die Harbeth 30.1 aus. Das klang schon eingangs an. Gemeint ist dies allerdings nicht nur im soeben diskutierten tonalen Sinne, auch zwischen „Impulsivität“ und „Fluss“ wird beispielsweise die Balance gehalten.

Bassrefelxöffnung der Harbeth

Ausschwingvorgänge – der Kitt zwischen den Noten – werden fein nachgezeichnet, was einer geschmeidigen Vortragsart zugute kommt. Aber Impulse werden plötzlich genug ausgeteilt, damit das Ganze angenehm rhythmisch-aufgeweckt klingt und nicht, vor lauter „Geschmeidigkeit“, zum Wegdämmern. Klavieranschläge könnten noch härter, noch mehr in Close-up-Manier transportiert werden, das stimmt – aber häufiger als einem lieb ist, korrespondiert so etwas mit einem eher ätherisch-schemenhaft bleibenden Entwurf des Klangkörpers als einem soliden, glaubhaften, geerdeten. Die 30.1 hält dagegen Anschlag und Ausklang im Gleichgewicht, fokussiert nicht auf ein Teilmoment.

Harbeths Radial-Chassis

Die einzelnen Akteure auf der Bühne werden von der Harbeth 30.1 relativ groß gezeichnet, zumindest größer als über viele andere Kompaktboxen. Da auch die Dimensionen der Bühne als Ganzes recht üppig ausfallen, arrangieren sich Stimmen und Instrumente zu einem geordneten, natürlich wirkenden Ganzen, auch wenn in meinem Hörraum schon mal mehr Platz zwischen den einzelnen Musikern einer Band/eines Orchesters herrschte. Bei der Abstimmung der Harbeth 30.1 scheinen nicht so sehr Maximalwerte in den Bereichen „Tiefenstaffelung“ und „rasiermesserscharfe Abbildung“ angestrebt worden zu sein – das ist alles schon anständig, aber nicht exzeptionell –, vielmehr war ein natürlich wirkendes, organisches Ganzes das Ziel. Es klingt einfach weniger nach „Draufsicht“ auf eine hochakkurate Skizze der Musik. Vielmehr ist die Musik einfach „da“, sie passiert im Raum, statt dass durch das berühmte „Fenster zur Musik“ hindurch gehört wird (beziehungsweise werden muss). Das musikalische Geschehen spielt sich dabei auch schon mal vor der Grundlinie der Boxen ab, was involvierend, aber nie wie ein Frontalangriff wirkt – wozu besagte Üppigkeit in der Raumdarstellung ebenfalls ihr Scherflein beiträt.

Test: Harbeth 30.1 | Kompaktlautsprecher

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