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Seinen Sound kennt man. Ob Andromeda Mega Express Orchestra, Peter Fox oder ganz aktuell The Beatsteaks – überall, wo ein gedämpftes Wah Wah erschallt, hat Trompeter Richard Koch seine Finger (und Lippen) im Spiel. Jetzt legt der 38-jährige samt Quartett mit dem live und analog mittels Zwei-Spur-Tape auf Röhrenbandmaschine aufgenommenen und ebenso live abgemischten Wald sein Debüt unter eigenem Namen vor.

Richard Koch Quartett Wald Cover

Und das orientiert sich an den Vintageklängen Duke Ellingtons, genauer: an jenem mittels Plunger erzeugten Growl-Effekt, den der große Stride-Pianist durch seine Trompeter – etwa Bubber Miley und Cootie Williams –, vor allem aber mittels Posaunist Tricky Sam Nanton als „Jungle Style“ bekannt gemacht hat. Was heutzutage üblicherweise mit Gitarristen verbunden wird, die sich den Effekt mittels eines speziellen, elektrischen Pedals zu eigen machten, wurde ursprünglich auf Blasinstrumenten durch einen über die Schallöffnung gelegten Hohlkörper rein akustisch erzeugt – eine Tradition, die mit Kochs Platte ihre Fortsetzung findet. Doch lässt sein Signature-Sound schon auf dem Opener „Moped“ nicht nur die Ellington’schen Orchester wiederaufleben, sondern auch die noch ferneren Zeiten des New-Orleans-Jazz. Der wiederum war damals genau wie hier dermaßen hot, dass schon jetzt feststeht: ECM-Jazz ist dies, den nordischen Tann evozierenden Titel zum Trotz, definitiv nicht.

Auch der LoFi-Sound von „Mond“ weckt Erinnerungen an alte Schallplatten, indessen die Musik selbst experimenteller, um nicht zu sagen: mitunter schmerzgrenznah erklingt, bevor sich in letzter Minute eine wunderschöne Melodie erhebt, die alles Leid vergessen macht. Kochs Abgesang auf den jüngeren Jazz, dem nach seiner Ansicht das Melodische verloren gegangen ist, ist hier deutlich hörbar. Für den Trompeter nämlich „gehört es auch ganz klar zum Jazz, Melodien zu schreiben – schließlich entstammen die Jazz-Standards dem Musical!“ Nahezu folkloristisch dagegen kommen „Jan + Erna“ ums Eck getanzt, wobei die Trompete an einen geblasenen Kamm erinnert – was Heidenspaß für Musiker wie Hörer! Nebenbei: Die Protagonisten des Stücks gewährten Koch vor etwa fünf Jahren Schreibasyl auf der westfriesischen Insel Vlieland, wo die Hälfte dieser Platte entstanden ist. Die andere stammt aus einer neueren Phase, die mit Kochs erster Vaterschaft zusammenfällt. Beeinflusst es die Arbeit, ein Kind zu haben? „Aber sicher“, lacht der Trompeter, „früher konnte ich zum Komponieren ausgedehnte Inselurlaube nehmen – jetzt habe ich dafür nur Timeslots von, sagen wir, zwei Stunden. Das ist aber gar nicht so schlecht – man wird gezwungen, viel fokussierter zu arbeiten!“

Richard Koch Quartett Wald

Zum Beispiel während eines Spaziergangs, mit dem uns der Trompeter in den „Wald“ entführt. Dort wabert’s gewaltig – und das gar nicht mal so düster, wie man versucht sein könnte zu meinen, sondern eher heiter bis wild, immer aber mit jenem heißen Groove, der so bezeichnend für diese Platte ist. Vordergründig zurückhaltender wird es bei „Regen“, der sich mit zart tropfendem Piano-Pling ankündigt, sich während der neun Minuten Spieldauer jedoch zu einem wahren Gewitterschauer auswachsen wird, derweil er, ungeachtet aller Free-Jazz-Abschweifungen, ein höchst einprägsames Motiv entfaltet, das noch tagelang durch die Hörerköpfe rauscht. Eine Intensität, die sich für Koch aus reiner Körperlichkeit speist, ist ihm Musik doch Ausdruck von etwas dezidiert Physischem.

Wem das der Aufregung noch nicht genug ist: Dass das mit Lea-W.-Frey- bzw. The-Notwist-Drummer Andi Haberl, Lisa-Bassenge-Bassist (und -Ehemann) Andreas Lang und Passport-Tastenmann Michael Hornek hochexplosiv besetzte Quartett auch richtig rocken kann, zeigt sich, wenn es auf „Wolpertinger“ – der es sich gleichfalls nicht nehmen lässt, mit einem ohrwurmverdächtigen Mitsing-Motiv aufzuwarten – den Grooveteppich für Gastgitarrist Ron Spielman ausrollt, der vom Deutschlandfunk Kultur nicht ohne Grund als „Musikbesessener“ tituliert wird. Nicht zuletzt dürften auch die gern mal lauten und wilden Beatsteaks ihren Anteil daran haben, die Koch zu dem Stück inspiriert haben. Wie auch immer: Die einzig wirklich stillen Töne der Platte gibt‘s auf dem Closer „Der Herbst“ zu hören – zumindest so lange, bis Hornek den Rachmaninoff gibt und es auch hier vor allem wieder eins wird: heiß. Nein, kühle Zurückhaltung ist sicherlich nicht die Stärke des Richard Koch Quartetts, kochende (nomen est eben doch omen) Spielfreude dafür umso mehr!

Richard Koch Quartett Wald Vinyl

Die sieben von Maurice Summen als „Fugen der Photosynthese“ bezeichneten Stücke der Platte werden für Käufer der Vinylausgabe via beigelegtem Downloadcode um einen Bonustrack ergänzt: The Cures „Love Song“, der schon 2004 von Adele höchst erfolgreich gecovert wurde. Tatsächlich ist Kochs sensible Interpretation, die noch aus einer Zeit mit anderer Besetzung stammt, eher ein Cover vom Adele-Cover als vom Cure-Original: „Ich mochte es damals so gern und dachte mir, die Trompete kann das auch!“, erinnert er sich. Fürwahr, sie kann. Und zwar so sehr, dass dieses Stück, dem so gar nichts Packendes, Mitreißendes, Überbordendes – dafür umso mehr etwas direkt nach der Seele Greifendes – eignet, zum nachträglichen Liebling von Wald avancieren soll. Wer es hören will, muss sich indessen beeilen, ist die mit handgefertigtem Siebdruck-Cover bestechende, bei Schnittstelle Berlin auf audiophiles Vinyl gebrachte Platte doch auf 120 Stück limitiert. Bestellen lässt es sich nicht über Amazon & Co., sondern exklusiv hier: http://www.richardkochquartett.com

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