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fairaudio Musik-Rezension: Norma Winstone – Distances (Seite 2 von 2)

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  1. 2 fairaudio Musik-Rezension: Norma Winstone - Distances (Seite 2 von 2)

Gibt man diesem unpathetisch Eindringlichen viel Raum – wie auf dem Album seinen Titel gebenden Opener „Distances“ -, beginnt Winstone die Hörer unmerklich in ihrem Bann zu ziehen, sie allmählich zu hypnotisieren, bloß, nackt und verletzlich, fragend, woher ein nicht näher definiertes „Wir“ denn nun wissen könne, wohin es sich wenden solle, um schließlich zu der Erkenntnis zu kommen, dass es besser sei, eine gewisse Distanz zueinander nicht zu überschreiten, kurz: der Inbegriff eines sogenannten torch songs, eines Liedes über langsam verglühende Lieben, voll süßer Traurigkeit und schmerzvoller Schönheit, das fähig ist, die Stimmung in einem Raum völlig zu verändern.

norma winstone (© ECM)

Alle großen Sängerinnen, von Billie Holiday bis Lisett Alea haben in ihrem Repertoire einen Platz für diese ergreifenden Lieder gefunden. „Twisted Cupid“ von Slow Train Soul ist so eines. „Love is Blindness“ von Cassandra Wilson auch. Ebenso wie David Armstrongs „This Love“ mit dem ätherischen Sopran von Elizabeth Fraser. Musik, bei der man sich schlicht dazulegen und mitheulen möchte .

Und nun also „Distances“. Eine klaviergeführte Reise durch Mitternachtsschauer und morgendliche 3-Uhr-Stille, inklusive leerer Straßen, auf denen schwerelose Wanderer ihre unsteten Runden ziehen. Ein mit den komplexen Emotionen des Scheiterns gesättigter Song, dessen gebrochene Pianoakkorde noch lange im Äther nachklingen und der Erinnerungen an den von Jevetta Steele gesungenen Titeltrack des Films Out of Rosenheim „Calling you“, wachrufen. Als wäre dies der Verweigerung und Trauer nicht genug, verleiht das einfühlsame Klarinettenspiel von Klaus Gesing dem Song einen Touch tango nuevo.

Diese Tendenz setzt sich im zweiten und besonders dritten Track, „Drifter“, fort. Hier folgt dem Klavierauftakt Glauco Veniers ein Klarinetteneinsatz, wie ihn Witek Kornacki nicht beseelter hätte gestalten können, seines Zeichens Klarinettist des Trios Sureste Tango und zudem bekannt für seine intensive Auseinandersetzung mit osteuropäischer, im speziellen jiddischer Musik und deren feinem Gespür für die Klangfacetten der Klarinette. Piazolla trifft hier Osteuropa samt dem nahen Orient.

Und tatsächlich ist „Drifter“ angelehnt an den phrygisch-dominanten Modus, auch als Spanische Tonleiter, Jüdische Tonleiter, Spanisch-Phrygische Tonleiter, Freygisch oder auch Ahava Rabbah bekannt, eine heptatonische Skala mit typisch orientalischem Klang. Der Dave Liebman-Schüler Gesing aber hat nicht nur ein Faible für ungewöhnliche Modi, sondern auch für die in seltsamem Taktmaß daherkommenden komplexen Rhythmen der traditionellen ost-europäischen Musik.

Seine in unaufdringlichem 5/4 Takt stehende Komposition führte schon ein eigenständiges Leben als Instrumental, bevor sich Winstones Stimme mit einer ungewöhnlich strukturierten Melodie auf derart organische Weise einfügte, als hätten die drei Improvisateure ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan, als zusammenzuspielen. Nun spielen Venier und Gesing in der Tat schon seit über einem Jahrzehnt zusammen, doch mischt sich Winstone, deren eigene musikalische Wurzeln unüberhörbar im Chamber-Jazz zu verorten sind, dieser Kammermusikintimität so selbstverständlich dazu, als sei genau und ausschließlich sie das komplettierende Element, welches bislang gefehlt hatte. Hört man Venier und Gesing, denkt man, eine Stimme, ein Text würde diese dichte Atmosphäre nur zerstören, doch ist das Gegenteil der Fall: Erst mit Winstone entsteht hier pure Magie.

Ab Track 4, allerspätestens aber mit Track 8, hat der Norah-Jones-Hörer mit dem Akustikmobiliar keine Chance mehr. Die ebenso eindringliche wie eingängliche Schönheit des Albumbeginns wandelt sich im weitaus schwerer verdaulichen Kontext der Musik Saties von Chamber-Jazz Songs zu Chamber-Jazz Art-Songs, ja, zu neuer Neuer Musik. Gesing, der sich selbst als passionierten Coltraneaner beschreibt, lässt seine Klarinette mal die Funktion eines Cellos, dann wieder jene eines Kontrabasses übernehmen, was die Kammermusikatmosphäre umso greifbarer macht. Wer sich auf diese Musik einlässt, wird bemerken, dass Schönheit und Kunstfertigkeit erst hier ihre wahre Vollendung finden.

Track 5, ein von Venier ursprünglich für Kenny Wheeler geschriebenes (allerdings nie mit ihm eingespieltes) Stück, verzichtet vollkommen auf Text und offenbart solcherart erst den Facettenreichtum der Stimme Winstones. Dennoch verliert sich ihre Stimme niemals in schier endlosen Solo-Improvisationen wie auf früheren, ähnlich besetzten Alben, sondern besinnt sich vielmehr auf das Gesamtbild: „Ich versuche immer etwas zum Gruppenklang beizutragen und nicht diejenige zu sein, die begleitet wird.“

Neu ist auch, dass dieses Trio auffallend songorientiert ist. Im Mittelpunkt steht der Ausdruck der lyrischen Idee, ist Winstone doch eine ebenso sensible Poetin wie Interpretin. Und doch entsteht manchmal, aller Textlastigkeit zum Trotz, aus den beiden Melodieinstrumenten Stimme und Bass-Klarinette ein neues Instrument, das sich in schwerelosen Improvisationen über Veniers stoischen Akkorden in die Höhe windet. Dies ist klanggewordener Minimalismus.

Die nächsten beiden Songs, Track 6 und 7, sind beheimatet im Friaulischen, inspiriert von den Liedern der Fischer. Anklänge an die See lässt auch der mit „Here Comes The Flood“ betitelte Track 8 zu, ursprünglich ein Art-Rock Stück aus den 1970er-Jahren, wovon jedoch nichts mehr zu spüren ist. Wie ein dahingehauchter Nebelschleier über eine morgendliche Wiese legt sich Winstones Stimme über das sanfte Soundbett, dass ihre Mitstreiter ihr bereiten. Das Gleiche gilt für Track 9.

Ganz überraschend steht zum Schluss der mit 10 Tracks sympathisch kurzen CD ein „A Song for England“ genannter freier Calypso, das wohl einzige Stück, welches so etwas wie einen ethno-jazzigen Groove aufkommen lässt und ein bisschen Sonne in ein ansonsten sehr zurückhaltendes, sehr „nordisches“ Album bringt. Steve Lake, Herausgeber des Buches Horizons Touched – The Music of ECM, schiebt diese Reserviertheit liebevoll auf das miese Wetter Nordeuropas, das während der Aufnahmen vorherrschte. Womit „A Song for England“ dann doch trefflich ins Spektrum passt, basiert es doch auf einem Text des jamaikanischen Dichters Andrew Salkey, der, geschockt von Regen, Nebel und Schnee in England einer plötzlichen Erleuchtung gleich verstand, weshalb die Engländer so merkwürdig sind: Es liegt am Wetter!

Ob dieses wirklich die Musik des Trios beeinflusst, kann der geneigte Hörer am 25. Mai beim ECM-Festival auf Schloss Elmau persönlich überprüfen. Sofern er denn vorher seine Akustikmöbel aus dem Fenster geworfen hat.

Plattenkritik: Norma Winstone | Distances

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