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Norah Jones | Shirley Bassey

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  1. 1 Norah Jones | Shirley Bassey

Februar 2010 / Victoriah Szirmai

Ach ja, da plätschert es so dahin, das neue Album der Norah Jones. Klimper, zirp, pling. Alles wollte die Musikerin diesmal, ausgehend von Vorab-Single und Album-Opener Chasing Pirates, ganz anders machen, moderner, grooviger und vor allem rockiger.

Und tatsächlich erinnert der überaus radiokompatible Eröffnungssong eher an 80er-Jahre Erwachsenen-Poprock à la Sting oder Toto als an ihre bisher leicht dahingeträllerten Souljazz-Nummern. Stuck gemahnt anfänglich sogar flüchtig an den Klassiker Under The Bridge der alternativen Funkrocker Red Hot Chilli Peppers. Also eher zupf, schrammel, bong statt Klimper & Co. Aber funktioniert das so einfach: schnipp, Haare ab, schnapp, Rockröhre an?

Norah Jones / The Fall

Norah Jones / The Fall

Wenn The Fall tatsächlich für neue Wege stehen soll, wurden diese nicht konsequent genug beschritten. Zwar klingt das auf dem traditionsreichen Jazzlabel Blue Note erschienene vierte Studioalbum der Jones weitaus weniger klavierlastig als seine Vorgänger, doch trotz des Rockproduzenten Jaquire King (Kings of Leon) und einer Handvoll „echter“ Musiker, die – wie auf der um eine Live-CD ergänzte Special Edition von The Fall zu hören – allesamt unzweifelhaft Meister ihres Faches sind, stehen hier die Synthies seltsam im Vordergrund, wodurch das Ganze zu einer gewissen Seichtigkeit verkommt. Nein, ein Rockalbum ist The Fall wirklich nicht. Vielmehr ist sein Problem ganz archetypisch für sämtliche Norah-Jones-Erzeugnisse: Sie sind irgendwo ganz nett für Zwischendurch, sprechen mit Sicherheit jeden irgendwie an, von der Schwiegermutter bis zum Teen, sind aber recht eigentlich sterbenslangweilig.

Und so lässt sich The Fall wohl am ehesten als eine Art McCafé-Rock bezeichnen – als Musik, die keinem wehtut, die gefallen will. Nun, zwar muss das erstmal nicht zwingend etwas Schlechtes sein. Allemal besser, als Musik, die bewusst nicht gefallen will. Die kann sehr schnell sehr ermüdend, nervend, anstrengend werden. Ermüdend, nervend oder anstrengend ist Norah Jones’ Musik, die alle Geschmäcker auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, nicht. Überraschungen aber, oder wenigstens ein Eckchen oder Käntchen, sucht man auf The Fall allerdings auch vergeblich. Die Kehrseite des Nicht-Anstrengend-Seins ist nun mal Seichtigkeit, um nicht zu sagen: gähnende Langeweile.

Norah Jones

Jones selbst ist sich dessen durchaus bewusst. „Mein Sound tendiert dazu, seicht zu werden“, gibt sie im Interview zu, „denn ich habe eine sehr zarte Stimme. Aus diesem Grunde wollte ich jemanden, der mich kerniger klingen lässt, ohne dass meine Musik an Schönheit verliert.“ Nun, für zart halte ich ihre Stimme nicht. Weich, ja. Aber viel zu dunkel, um zart zu sein. Und vielleicht liegt es genau an dieser unverwechselbaren Schmeichelstimme, die alle Jones-Nummer klingen lässt wie eine Endlos-Variation Norah Jonesihres Debüt-Albums Come Away With Me von 2002. Um es kurz zu machen: Auch The Fall wird wieder allen gefallen. Und nein, wir haben es hier nicht mit dem Scarlett-Johansson-Phänomen eines kollektiven Gehörverlustes zu tun, obgleich die Jones wahrhaft keineswegs weniger attraktiv ist als ihre Schauspielkollegin.

Und auch ansonsten, das sei zugestanden, jammern wir hier auf sehr hohem Niveau. Ihr großes musikalisches Talent, sei es als Sängerin, Pianistin, Gitarristin oder Komponistin – das kann und will man der Absolventin der Booker T. Washington High for the Performing and Visual Arts gar nicht absprechen. Auch ihre Texte, die auf intelligente Weise die mannigfachen Seiten der Liebe ausleuchten, heben sich wohltuend von den Ich liebe ihn er liebt mich nicht ach geh zum Teufel-Standardformulierungen ihrer Kollegen ab. Und doch, irgendetwas fehlt. Vielleicht ist es nicht nur die Neigung zum Seichten. Vielleicht ist es auch, dass sich diese Musik selbst sehr ernst zu nehmen scheint, nicht nur gefallen, sondern vor allem auch „schön sein“ will. So fragt man sich beim Cello-lastigen Light as a Feather unwillkürlich, ob man etwa bei Kate Bush oder gar Nick Cave gelandet ist. Hach, „schöne“ Musik kann ja so furchtbar ernst sein! Ansätze von Humor kann ich erst in Tell Your Mama, dem zwölften von dreizehn Songs, ausmachen. Bis dahin aber sitzt die Jones wohl jenem Irrglauben auf, den viele ihrer Geschlechtsgenossinnen teilen: Was schön und sexy ist, kann nicht komisch sein und umgekehrt. Um auf der sicheren Seite zu sein, entscheidet man sich dann lieber für „schön“ als für „lustig“. Schade. Musik sollte doch in erster Linie Spaß machen!

Norah JonesHopfen und Malz wären hier verloren, wäre da nicht der letzte Track Man of the Hour. Beim ersten flüchtigen Hören dachte ich, hm-hmm, ist ja mal ganz was Neues, so einen kleinen akustischen Jazz-Standard zum Schluss zu bringen, was will mir das wohl sagen? Habe ich doch gerade erst neulich wieder gehabt, als ich Nikka CostasCan’tneverdidnothin’ hörte, wo ein ähnlicher Song namens I Want Some Sugar In My Bowl als hidden track versteckt ist. Da merkt man doch mal, was der Jones fehlt: Nettes, Gefälliges, Wohltemperiertes, kurz: gezähmte Schönheit hier – Witz, Sex und Feuer, kurz: unbändiges Leben da. Und dann, etwa zwei Sekunden vor Schluss, ging mir auf, wie Man of the Hour zu verstehen ist. Wenn es in dem Song heißt, „’It’s him or me’ that’s what he said/But I can’t chose between a vega and a pot head/So I chose you because you’re sweet/And you give me lots of lovin’ and you eat meat …”, dann ist das erst einmal ein ganz witziger Reim. Wenn dann aber ganz zum Schluss ein gesampletes „Wuff“ eingespielt wird, wird einem klar, dass der von Jones besungene Only Man of The Hour vier Beine und ein hübsches Fell hat. Ich kann mir nicht helfen, DAS finde ich lustig. Und bin wieder halbwegs versöhnt.

Norah Jones / The Fall

Vielleicht ist genau dies das ganze Problem mit Norah Jones: Vielleicht hat ihre Musik Humor. Vielleicht irgendwo sogar Tiefe. Und man muss nur ganz genau hinhören, um beides zu finden.

Plattenkritik: Norah Jones | Shirley Bassey

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