Billboard
H-E-A-R
Demnächst im Test:

Mittlerweile hat es Tradition: Pünktlich zur Sommersommerwende gibt‘s nicht nur frisch gewundene Blumenkränze, eingelegten Hering und jede Menge Schnaps, sondern auch fünf musikalische Geheimtipps aus Skandinavien – zumindest, wenn man den Mittsommertag auf dem Berlin Midsommar Festival begeht. Diesmal haben sich auf dem 2012 von der Kulturmarketinginitiative Nordic by Nature ins Leben gerufenen Festival das schwedische Post-Punk-Quartett Delagoon, seine Landsmänninnen Åsa Söderqvist aka „ShitKid“ und Singer/Songwriterin Adna, die isländischen HipHop-Aktivistinnen Cyber und last but not least das dänische Indie-Pop-Duo Blondage angekündigt.

Berlin Midsommar Festival 2017

Von Jim Avignon verzierte Kulisse

Finnische Fass-Sauna

Fünfkampf-Disziplin „Finnische Fass-Sauna“

Bevor es aber soweit ist, gibt es aber auch in diesem Jahr erst einmal wieder Blumenkränze zum Selberwinden, Spiele wie das hierzulande als „Wikingerschach“ bekannte Kubb oder den berühmt-berüchtigten Fünfkampf, zu dessen Disziplinen der Gummistiefelweitwurf zählt sowie original finnische Fass-Sauna – und das alles vor der frisch von Jim Avignon verzierten Kulisse des Urban Spree, der hier im Juli die Ausstellung „Permanent Jetlag“ zeigt. Der Nordlandreisewillige kann in einer von Finkid aufgebauten Riesenjurte passendes witterungsfestes Equipment betrachten (und später online erwerben), auch gibt‘s beim Göteborg Paper Chase wieder eine Reise in Schwedens zweitgrößte Stadt zu gewinnen, wobei die Fragen dieses Jahr noch kniffliger erscheinen als 2016. Das Festival zeigt sich angenehm wenig kommerziell, Geld ausgeben kann man einzig für Speis und Trank.

Von Finkid aufgebaute Riesenjurte

Von Finkid aufgebaute Riesenjurte

Der Hering indessen ist dieses Jahr ohne Tier (wer es genau wissen will: auf Rote-Bete-Basis), wie auch alle übrigen Speisen, hat man sich doch mit den – durchaus kritisch zu sehenden – Tierrechtlern von PETA zusammengetan, um ein komplett veganes Festival auf die Beine zu stellen. Es gibt Burritos und Tacos, „Vöner“ genannten veganen Döner, süße und herzhafte Kartoffelwaffeln, Eiskaffee mit schwedischer Hafermilch und fruchtiges Eis am Stiel. Besonders lecker: die scharfwürzigen Süßkartoffel- und Yamswurzel-Kreationen aus der African Cuisine von DeDeeDe, dem resident restaurant des Urban Spree-Geländes, wie nicht zuletzt der eine oder andere sehnsüchtig dreinblickende Midsommarhund befindet.

Maypole Dancing

Gemeinsames Maypole Dancing

Delagoon

Delagoon

Neben tier-(leid-)freiem Essen hat sich das Berlin Midsommar Festival die Ausgewogenheit der Geschlechterverhältnisse auf die Fahnen geschrieben, was sich im diesjährigen Künstlerbooking widerspiegelt, das die übliche Verteilung umkehrt. Von den fünf Acts sind drei rein weiblich, einer gemischt, einer männlich. Letzterer wird – zu Recht – gleich zu Beginn verheizt, denn neben uninspiriert-nöligem Indie-Rock mit Dark-Wave-Versatzstücken, der zunehmend psychedelisch gerät, bleibt der sichtlich derangierte Delagoon-Frontman vor allem dafür im Gedächtnis, sich lallend in der hohen Kunst der Publikumsbeleidigung zu versuchen. Berlin sei eine „okay city“, unartikuliert er übellaunig ins Mikro, er kenne weitaus „better cities“, diese hier wäre schlichtweg „overrated“. Gemessen am, wolle man es freundlich ausdrücken, zurückhaltenden Applaus der Hauptstädter wird schnell klar, dass hier lediglich eines überwertet ist: Diese im Moment so arg gehypte Band.

 

ShitKid

ShitKid

Der Missmut entlädt sich im traditionellen Maypole Dancing, das schnell wieder froh stimmt, und dann kündigt die Running Order auch schon die 24-jährige Schwedin Åsa Söderqvist an, die aktuell mit ihrem DIY-Projekt ShitKid und dessen Debütalbum „Fish“ derart für Furore sorgt, dass sie auch für Roskilde gebucht wurde. Auf der Urban Spree-Bühne ist es vor allem die Dissonanz zwischen unschuldigem Sommersonnnenwendekleidchen und ausgeprägter Mir-egal-ich-lass-das-jetzt-so-, um nicht zu sagen: Fuck You-Attitüde, kurz: zwischen Blümchen und Bierflasche, die zuerst ins Auge fällt. Und genau hiervon lebt auch der alternative Garage Noise Pop Söderqvists, wo simple Songstrukturen auf unbequeme Klänge stoßen, die schon mal zum Gitarrenmassaker ausarten, dazu eine Art Sprechgesang, die eigentlich nach einem Megaphon verlangt.

Die Schwedische LoFi-Singer/Songwriterin Adna, die sich nach eigenem Bekunden eher als Dreamer/Songwriter versteht, hat es mittlerweile ganz nach Berlin verschlagen, wo sie vor wenigen Tagen ihr drittes Album „Closure“ veröffentlichte, das boniveresk in introspektiver Düsternis gründelt. Nach so viel gepflegter Melancholie kommt Cyber, das zum Isländischen HipHop-Kollektiv Reykjavíkurdætur gehörende Rap-Duo von Salka Valsdóttir aka Bleach Pistol/Sick Roma und Jóhanna Rakel aka JuniorCheese/YNG NICK, das mit Blær Jóhannesdóttir und DJ SURA zum Quartett aufgemotzt wurde, gerade recht. Benannt nach einem Lippenstift, den die beiden Freundinnen mit sechzehn besaßen, veröffentlichten die gleichfalls Roskilde-Erprobten jetzt die 7-Track-EP „(Cyber Is) Crap“ – dabei sind sie alles andere! Nicht unbedingt jugendfrei künden die in (pofreies!) Gothic-Lack-und-Leder Gewandten von russischen Jungs oder wie man den Unbekannten, neben dem man zufällig aufwacht, schnell wieder loswird. Das ist total irre und dabei irre großartig. Ruft man sich den letztjährigen Auftritt von Thordur Ingi Jonsson alias Lord Pusswhip ins Gedächtnis, bleibt zu konstatieren: Die Reykjavíker HipHop-Szene sollte man dringend im Auge behalten!

Cyber

Cyber

Des zur Mitternacht als heimlichen Headliner angekündigten Duos Blondage hätte es da schon fast gar nicht mehr bedurft, um maximales nordisches Hörvergnügen perfekt zu machen. Ihre Stücke, die die Kopenhagener Esben Andersen und Pernille Smith-Sivertsen als „Weird Electronic Pop Music“ bezeichnen, stellen sich als gutgelaunte, sommerlich-urbane Mitsumm-Hymnen heraus, gewissermaßen als popmusikalische Entsprechung zu dänischem Design: elegant, minimalistisch, unprätentiös, dabei aber immer derart verspielt, dass man sich fragt, ob es nicht eigentlich für zu groß geratene Kinder gemacht ist. Wer will, kann jetzt noch den DJ-Sets von Justlikesnow & Foxymulder oder Lockereasy lauschen, alle anderen gehen klanggesättigt nach Hause, um festzuhalten, dass sich Berlin Midsommar zum ernstzunehmenden Musikfestival für nordländischen Pop ausgewachsen hat.

Über den Autor

Billboard
Burson