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Hotel Bossa Nova | Mongrel | Naïm Amor

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April 2009 / Victoriah Szirmai

Es gibt Tage, man ist leidlich gesund, die Sonne scheint, ein ganzes Wochenende liegt vor einem, und man hat auch schon den einen oder anderen Plan für selbiges geschmiedet … um ihn kurz darauf von einem kranken Haustier namens Hund durchkreuzt zu sehen! Sehr schön. Folglich kommt, wie des Öfteren in letzter Zeit, Plan T zur Ausführung. T wie Tierarzt. Auf dem Heimweg ergehe ich mich in wilden Spekulationen darüber, wie viele Villen am Wannsee dieser Veterinär von meinem Geld eigentlich schon gebaut hat, und warum ich! ich! ich! nicht darin flanieren darf. Stattdessen flaniere – naja, schlurfe – ich zu meinem Briefkasten und treffe dort auf einen ganzen Stapel Ungutes verheißender Schriftstücke. Fein, für spannende Lektüre ist dieses Wochenende also gesorgt. Schließlich beginnt es zu regnen, denn ein bisschen Spaß muss sein … Sagen wir mal so: Es ist nicht mein Tag.

Also kann ich auch arbeiten, die Redaktion drängelt eh schon, und Weggehen ist ja nun mal nicht. Missmutig schiebe ich den ersten der auf meiner Rezensionsliste stehenden Silberlinge in den Rechner. „Bitte jetzt nicht auch noch so fürchterliche Gute-Laune-Musik, wo alles beseelt unter der Sonne Samba tanzt“, denke ich angesichts des Covers. Und dann geschieht ein kleines Wunder. Aber dazu später mehr.

Hotel Bossa Nova / Supresa

Hotel Bossa Nova / Supresa

Werfen wir zunächst einen Blick zurück in die Zukunft: Im Jahre 2008, der Bossa Nova feierte sein 50-jähriges Jubiläum, kam in der Tat noch einmal Leben in das in den letzten Jahren totgehypte Genre, in denen jede, aber auch J-E-D-E Club-, Chillout- oder sonst wie geartete urbane Musik, die etwas auf sich hielt, mit den schon nahezu unvermeidlichen Bossa-Rhythmen angereichert wurde. Compilations wie Rio Lounge-Bossa Nova & New (2003), Bar Lounge Classics – Bossa Nova Edition (2006), Jazz Club: Bossa Nova Singers (2007), Disco meets Bossa (2008), Blue Note Plays Bossa Nova (2008) häuften sich wie Sand an der Copacabana. Die Bossa and Soundso-Reihe, die die Heroen der Pop- und Rockgeschichte – Bossa N’Stones, Bossa N’Roses, Bossa N’Ramones, Bossa N’Marley – gleichsam durch den Bossa-Wolf gedreht hat, fand reißenden Anklang wie Absatz, und natürlich machte das brasilianische Synonym für Leichtigkeit und Lebensfreude auch vor der elektronischen Sparte keinen Halt: Titel wie Entrar! Finest Brazilian Beatz (2002), brazilectro (Vol. 1-10 bei Redaktionsschluss), Brazilution, Sinners Lounge – The Latin Sessions und dergleichen mehr überschwemmten den Markt.

Nicht zuletzt eroberten „reine“ Bossa-Alben wie etwa Bebel Gilbertos großartiges Debütalbum Tanto Tempo (2000) oder die Tanto Tempo-Remixes (2004) zeitgeistgetreu Herzen und Charts, und auch Brasil-Urgestein Sergio Mendes erlebte unter Zuhilfenahme einer von den Black Eyed Peas indizierten musikalischen Frischzellenkur mit Timeless (2006) eine ungeahnte Renaissance. Selbst die deutsche Chanson-Sängerin Annett Louisan ließ die gefühlte Hälfte ihres Debütalbums Bohème (2004) mit Bossa-Rhythmen anreichern. Der Höhepunkt der Bossa-Welle war wohl mit der PopKomm 2006, die ganz im Zeichen Brasiliens stand, eindeutig erreicht, wenn nicht gar überschritten, sodass der genervte Musikfreund bald schon allenthalben stoßseufzte: „Oh toll, Überraschung, mal wieder ein Bossa, lange nicht gehört“. Meine Erwartungen an Hotel Bossa Novas Supresa kennen Sie jetzt also zur Genüge.

Hotel Bossa Nova

Nichtsdestotrotz gelingt es der seit etwas mehr als drei Jahren bestehenden Jazzformation aus Wiesbaden, positiv zu überraschen. Anstatt im Althergebrachten zu verharren, hat man sich nichts weniger auf die Fahnen geschrieben, als die Zukunft des Bossa Nova kreativ und weitgreifend mitzugestalten. Neben den bestens aufeinander eingespielten Musikern Alexander Sonntag (Bass), Wolfgang Stamm (Drums) und Tilmann Höhn (Gitarre) ist es vor allem die Stimme von Sängerin Liza da Costa, die den Schritt vom Easy Listening zu gehobener Unterhaltung vollzieht, in deren ganzem Wesen neben aller genre-immanenten Leichtigkeit auch stets ein wenig Melancholie mitschwingt, eine unbestimmte Sehnsucht, die der Bossa Nova mit dem Fado teilt, seinem schwermütigen Pendant aus Portugal. Da Costa, in Deutschland und Portugal aufgewachsene Tochter eines Inders und einer Portugiesin, ist die in dieser Musik beklagte mehrfache Heimatlosigkeit der Migrantin aus der eigenen Biografie ein Begriff – vermutlich geraten ihre Interpretationen nicht zuletzt deshalb so authentisch. Nirgendwo fühlte sie sich richtig zugehörig, und erst mit der Entscheidung, portugiesisch zu singen, sollte Liza da Costa, die sich bis dato dem Jazz verschrieben hatte, zu sich selbst finden. In ihren Mit-Musikern hat sie drei Weggefährten gefunden, die bereit und in der Lage sind, mit ihr den Bossa Nova, in welchem sie ihren unterschiedlichen musikalischen Werdegängen zum Trotz eine gemeinsame Residenz des Wohlgefühls gefunden haben, zu neuen Ufern führen.

Hotel Bossa Nova

Im Laufe der Zeit – und vor allem mit wachsender Konzerterfahrung – haben sich Hotel Bossa Nova darauf verlegt, mehr und mehr den feinen Verästelungen des Genres und seinen Affinitäten zu anderen musikalischen Bereichen nachzuspüren. Und tatsächlich ist Supresa mal eher Jazz-Platte, mal Tango-Schinken, mal Fado-Klage, in jedem Falle ein Album der fließenden Übergänge. Starre Genre-Schranken werden sich hier kaum finden; nahezu mühelos verknüpft das Quartett europäische und lateinamerikanische Musikkulturen, mäandert in Komposition und Interpretation von Cool Jazz zu afrikanischen Rhythmen zur Samba und zurück, und nicht zuletzt sorgen herausragende Gastmusiker wie der Flötist Harold Todd (Lenny Kravitz Band) für zusätzliche Abwechslung. Bei aller Spielfreude klingt das Ganze so souverän, gestanden und gewachsen, dass man kaum glauben mag, es hier (bis auf ein Stück) ausschließlich mit Eigenkompositionen zu tun zu haben. Das müssen schon ganz große Klanghexer sein, die sich sogar vor Vergleichen mit begnadeten Komponisten und Genre-Erneuerern wie beispielsweise einem Piazolla nicht zu scheuen brauchen – man höre sich einfach mal die prachtvolle Bossa-Suite Cancao da meia noite an! Erinnert an die Maria de Buenos Aires Suite? Eben. Das ist Poesie in Perfektion.

Hotel Bassa Nova

Fazit: Mit Supresa ist der Bossa Nova – jenseits aller elektronischen Wiederbelebungsversuche – im Hier und Jetzt angekommen. Und solange es Bands wie Hotel Bossa Nova gibt, muss er wohl auch um seine Zukunft nicht bangen. Mitwippmusik at its best! Und mein mittlerweile wieder genesener, aber tauber Hund guckt verwundert, weshalb Frauchen so zappelnd am Schreibtisch sitzt.

Plattenkritik: Hotel Bossa Nova | Mongrel | Naïm Amor

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