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Simin Tander – Where Water Travels Home

Mai 2014 / Victoriah Szirmai

Einst, es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, und das täuscht mich, wie ich an dieser Stelle nicht ohne Stolz einräumen möchte, nur selten, einst Anfang der Achtzigerjahre also wurde das im Grunde schöne Wort „Weltmusik“ als gutgemeinter Sammelbegriff für traditionelle Musikstile rund um den Globus, ob Schamanengesang oder rituelles Getrommel, erfunden, der darauf abzielte, der ganzen Vielfalt außer-europäischer, nicht-westlicher Musikkulturen, die man, es lebe der eurozentrische Kulturbegriff, auch heute gern noch als „ethnic“ bezeichnet, eine Überschrift zu verleihen..

Simin Tander | Where Water Travels Home Cover

„Weltmusik“ in dieser Lesart hatte mit dem boethischen Konzept der musica mundana, dieser kosmischen Harmonie im Sinne eines Weltenklanges, freilich nur wenig, um nicht zu sagen: gar nichts, gemein, und so ging es ihr, wie so vielen gutgemeinten, aber eben nicht tatsächlich guten Ideen: Sie ging vor die Hunde und ward fortan übel beleumundet als Auffangbecken naiver Sozialromantiker, denen die befremdlich anmutenden Klangwelten, denen sie sich vor ihren heimischen Boxen hingaben, zwar, wenn sie ganz ehrlich mit sich waren, überhaupt nicht gefielen. Entbehrten sie doch zumeist sowohl des heimeligen Tonika-Dominant-Schemas als auch des vertraut stampfenden Viervierteltaktes. Oder, schlimmer noch, sie gefielen ihnen so sehr, dass sie, zwar mit wenig Talent, dafür aber umso mehr Idealismus gesegnet, sich ihr kunterbunt-alternatives Weltenheil herbeifidelten und -trommelten oder sich gar in exotischem Ausdruckstanz ergingen. Doch wie bei so vielen Alternativkulturen bewahrheitete sich auch im Falle der „Weltmusik“ die Beobachtung Urs Frauchingers, dass Qualität der Stolperstein und ihr Fehlen auch keine Alternative ist.

Kein Wunder, dass angesichts dieses Weltmusikbegriffs „ Wikipedia spricht hier von „Weltmusik 1.0“ – der Musikrezensent ein echtes Problem hat, wenn er seiner Hörerschaft Klänge anderer Kulturen nahebringen will, Ja, die Nutzung des Wortes „Weltmusik“ scheint mit sofortigem Lektüreabbruch geahndet zu werden. Sind die fremden Klänge auf irgendeine Weise im Jazz vertäut, kann man sich zwar mit dem nicht gar so sehr auf die panflötenselige Welt des selbstgestrickten Gutmenschentums der Weltmusikhörer rekurrierende Etikett „Word Jazz“ behelfen, wird damit der einzelnen Platte aber nur in den seltensten Fällen gerecht – der neuen von Simin Tander erst recht nicht. Where Water Travels Home ist ein Phänomen, das der Kölnerin sogar das Cover der TV-Programm-Beilage „Prisma“ (Auflage: 5 Millionen) einbrachte. Eine Seltenheit für Jazzsänger – und für solche, die ihre Musik mit traditionellem afghanischem Liedgut anreichern, ein Novum.

Simin Tander 01

Zum Auftakt von Tanders zweitem Album gibt es sanfte Klavierklänge, gefolgt vom Einsatz einer nur als „auf Anhieb eindringlich“ beschreibbaren Stimme, die so manch begeistertem Tatort-Fan vertraut sein wird, während sie andere wiederum an die Ofra Haza jener Zeit erinnern könnte, als sich diese – damals noch bar jeglicher elektronischer Postproduktion – uralter jemenitischer Volksweisen und Gebete angenommen hatte. Dass Tander mit „Yau Tar De Grewan“ gleich auf Paschtu, einer der Amtssprachen Afghanistans, in ihr polyglottes Album startet, gibt dem Ganzen einen fremdartig-schönen Reiz, wobei auch die dezent anrollende Rhythmik mit einem orientalisch-jazzigen Charme jenseits aller morgenländischen Diskobeats, die gern aus tiefergelegten Autos an Ampeln dröhnen, besticht. Als Weltmusikalbum, und hier schließt sich der Kreis zu den Eingangsbemerkungen, will die wie Mira Falk am Amsterdamer Konservatorium ausgebildete Sängerin ihre neue Platte trotz ihres zweifellos exotischen Flairs nicht betrachtet wissen. So tritt sie schon beim zweiten Stück, „Above the Ground“, den Beweis an, dass sie dazu auch vielzusehr Jazzsängerin ist – und ihre großartige Band mit Jeroen Van Vliet am Piano, Cord Heineking am Bass und Etienne Nillesen an den Drums viel zu sehr Jazz Ensemble.

Clever erscheint da der Rückgriff auf eine selbsterdachte Sprache bei „Behind the Curtain“, einer glockenspielgestützten Klangminiatur, die Bedeutung weitab von Sprachverständnis zu vermitteln weiß, was auf „Where Would I Fly to If I Could“ seine konsequente Fortführung findet: Die Stimme wird hier, wo es nur um Klangbögen zu gehen scheint, zum reinen Instrument, und zwar in einem Maße, dass es die Bezeichnung „Instrumental“ für dieses Stück zu rechtfertigen vermag. Auf dem für Tanders 2-jährige Nichte geschriebenen „Little Song“ bewegt sich die Vokalistin wieder traumwandlerisch sicher in den Weiten ihrer Phantasiesprache, während sie beim percussiven „Far“ gar zur Trommel wird, mal die menschliche Beatbox, mal die Scatsängerin gibt und in nahezu Stucky’scher Manier derart gurgelt, blubbert und gröhlt, dass es mich in Versuchung führt, wieder einmal das Etikett „Jazz-Jazz“ zu verleihen.

Wer den jetzt allerdings für die kommenden Stücke erwartet, wird ein weiteres Mal überrascht. Mit dem geheimnisvoll anmutenden „De Kor Arman“ wagt sich Tander, die kein Paschtu spricht, lautmalerisch an die Vertonung eines Poems ihres verstorbenen Vaters. Über fernen Klarinettentönen und collagenhaften Versatzstücken menschlicher Stimmen entspinnt sie eine betörende Zaubermelodie, bald getragen von einer unendlich behutsam einsetzenden Band, die es versteht, Tanders Kompositionen bis in ihre hintersten Seelenwinkel zu ergründen und auszufüllen. Und wieder wird deutlich, dass es hier keines Sprachverstehens bedarf, um zu begreifen.

Nicht zuletzt verleihen die leicht orientalischen Klänge diesem Album seine ganz besondere Atmosphäre, jenseits sämtlichen klischeebeladenen Kitsches aus tausendundeiner Nacht, vielmehr vergleichbar mit jenen Klangwelten, in denen sich richtig guter Jazz und traditionelle Orientalika begegnen, wie ich es beispielsweise auf der letzten jazzahead! beim Takisim Trio erleben durfte. Doch immer dann, wenn man glaubt, Where Water Travels Home erfasst, ja: durchschaut zu haben, machen uns die Sängerin und ihre Musiker einen Strich durch die Rechnung. So etwa gehen sie das afghanische Traditional „Larsha Nengrahar Ta“ als temporeiche Jazznummer an, und zwar als eine von denen, die einen mit Füßen im Offbeat tappen und rhythmisch mit dem Kopf nicken lässt, während sie mit tausendundeiner Nacht nichts zu schaffen haben will, sondern stattdessen beweist, dass sich lupenreiner Jazz durchaus nicht nur auf Englisch singen lässt – was treue Leser meiner Kolumne, denen ich die wunderbaren World-Jazz-Compilations A Little Magic In A Noisy World und More Magic In A Noisy World zwischenzeitlich immer mal wieder an Herz und Ohr lege, aber mit Sicherheit schon längst wissen. Das Spiel mit den gebrochenen Erwartungen jedenfalls beherrscht Simin Tander bravourös.

Simin Tander 02

Ausflüge ins Nordische folgen mit „Dark Woods“ und dem ebenso baumreichen „Our Silent Storm“, das noch dazu der erste Tander’sche Torch Song der Platte ist, nach dem sich der Hörer so sehr gesehnt hat und nach welchem es diese Stimme, der überhaupt gar nichts zum Kitsch geraten könnte, so sehr verlangt, bis die Spannung nach zweieinhalb Minuten aufgelöst wird und nur noch Zärtlichkeit und Sanftheit regiert, abgerundet von einem wildromantischen Pianoausklang. Der Naturthematik verhaftet bleibt Tander auch auf „Water“, einem an Aziza Mustafa Zadeh erinnernden Loop-Song. Ihre Stimme aber, die in allen Zungen, ob nun Englisch, Paschtu oder Phantastisch, immer ein wenig wie Französisch mit arabischem Akzent klingt und damit an Yasmine Hamdan erinnert, findet in Jaques Brels „Chanson des vieux Amants“ ihre Bestimmung und Erfüllung. Als hätte es Babel nie gegeben, zeigt Simin Tander einmal mehr, dass es völlig unerheblich ist, in welcher Sprache gesungen wird. Die Töne geraten ihr zu einem einzigen quadrolingualen Rauschen, dem ein über alle Sprachbarrieren erhabener allmenschlicher Ausdruck innewohnt. Das Lied der alten Liebenden verhallt in einem offenen Akkord, und von mir aus kann das Album jetzt enden – das geballte Glück, das mich beim Hören beschlichen hat, muss erst einmal dringend sacken.

Doch dann gelingt mit dem „Travelling Song“ das eigentlich Unmögliche: Egal, wie musiksatt und glückstrunken man gerade ist, Van Vliets behutsames Pianospiel und Tanders Stimme öffnen eine weitere Tür, durch die sie den Hörer sanft hindurchschieben. Time to travel on, singt Simin Tander hier und entlässt einen sanft, aber bestimmt aus ihrem Bann. Der Zauber ist aufgehoben, man fühlt sich wie nach einer Yogastunde, tiefenentspannt, aber hellwach, bereit für den Tag mit all seinen Herausforderungen, Aufgaben, Unwägbarkeiten.

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