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Allen Stone – Allen Stone

März 2013 / Victoriah Szirmai

Allein der Name ist eine Verheißung: Allen Stone. Für Freunde feinsten Klassiksouls – und ich meine hier jene, die bis zu den Handgelenken in alten 7-Inches von James Brown stecken, dabei mit einem Auge eine Internet-Auktion rund um ein Sammlerstück von Otis Redding verfolgen, während sich das andere durch die Diskographie im Anhang der letzten Aretha-Franklin-Biographie zoomt – ist der Name nicht nur mit den legendären Sixties-Soulfunkern Sly & The Family Stone assoziiert, sondern auch mit der atemberaubenden Angie Stone, die mit Black Diamond 1999 erstmals wieder den Old School Vibe in das vordem erstarrte Genre brachte. Und nun also ist Allen Stone angetreten, der Welt zu zeigen, wie Soul eigentlich sein kann, sein soll.

allen stone cover cd

Denn geben wir es zu: Das Genre hat in den letzten Jahren einen herben Imageverlust hinnehmen müssen. Das Wort „Soul“ ist heutzutage weder mit der Vorstellung einer ebenso schweißtreibend-rauen wie seelenvollen Musik verknüpft, noch hat es irgendeine politische Relevanz. Vielmehr ist Soul einerseits zum modernen, auf Hochglanz polierten R&B à la Beyoncé verkommen, der sämtlichen Inhalt wie auch Tiefgang verloren hat und sich nur noch als virtuose Pose gefällt, während andererseits die Neo- beziehungsweise Retro-Soul-Welle über den wehrlosen Hörer hinwegschwappt, die zwar musikalisch zurück zu den Wurzeln führen mag, ob ihres enormen Ausmaßes samt der unvermeidlichen kommerziellen Trittbrettfahrer aber schnell beliebig und, schlimmer noch: egal zu werden droht. Das Auftauchen eines weiteren jungen Soul-Sängers löst mittlerweile jedenfalls nur noch eine Reaktion aus: „Aha, ein Soul-Sänger also. Und jetzt?“

Allen Stone, den das Soul-Virus infizierte, als ihm nach einer popmusikabstinenten Kindheit mit fünfzehn oder sechzehn sein erstes Stevie-Wonder-Album in die Hand gedrückt wurde, hält jedoch wenig von den modernen Soul-Revivalisten, die in vorgeblich originalgetreuer Sechzigerjahrekleidung mit Sechzigerjahrefrisuren und Sechzigerjahreequipment posen. Solch eine perfekt produzierte Soul-Imitation macht aus seiner Sicht keinen Sinn – ganz im Gegensatz zum Geist der damaligen Musik, den er mit seiner Band wieder auf die Bühne bringen möchte. Dass diese Absicht ein breites Publikum findet, liegt seiner Meinung nach an unserer Sehnsucht nach einer Zeit, als die Musik noch echt war, wo richtige Musiker noch richtige Songs spielten.

Die Zusammenstückelung von Sounds am Computer ist dagegen so gar nicht Allen Stones Ding, und auch vor der gängigen Praxis, Sänger im Studio die Stücke nur noch phrasenweise einsingen zu lassen, graust es ihn. Kein Wunder, dass sich hier schnell der Eindruck aufdrängt von einem, der auszog, das Wahre, das Gute und das Schöne in der Musik zu retten – ein Gefühl, das sich beim Hören seines zweiten, schlicht mit „Allen Stone“ betitelten Albums noch verstärkt.

Statt sich am Wettkampf um das originalgetreueste Retro-Gehabe zu beteiligen, liefert der 1987 in Cheweleah, Washington geborene Predigersohn mit Allen Stone ein verblüffend authentisches Album ab, das klingt, als hätten die Großmeister des Genres persönlich Pate dafür gestanden.

Selbst die kritische New York Times kann da nicht anders, als zu jubeln:„If you like Stevie Wonder – listen to Allen Stone!“ Und auch anderenorts hagelt es Vergleiche mit jenen Soul-Sängern aus der klassischen Ära, die über mehr als Junge-liebt-Mädchen-aber-Mädchen-liebt-Junge-nicht zu singen wussten: Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Bill Whiters – und immer wieder Stevie Wonder.

Schließlich ist es auch Stone darum zu tun, die etwas dunkleren Ecken seiner Zeit auszuleuchten, etwa die Abhängigkeit von virtuellen Welten oder die mit dem übermäßigen Gebrauch moderner Technologien einhergehende Beeinträchtigung realer Beziehungen. Der erhobene Zeigerfinger à la Freundeskreis, der Musik schnell unerträglich werden lässt, liegt Allen Stone allerdings fern. Er missioniert nicht, sondern besingt schlicht seinen eigenen Kampf mit den verführerischen sozialen Netzwerken, den er, wie er im Interview verrät, noch längst nicht gewonnen hat. Auch das macht diesen blondgelockten „Hippie mit Soul“, als den er sich selbst bezeichnet, so sympathisch.

Konsequenterweise schließen sich Anspruch und Wohlfühlen auf Allen Stone dann auch nicht aus. So weist das letzten Monat veröffentlichte Album schon im Opener „Sleep“ mit treibendem Gute-Laune-Motown-Sound, der klingt, als wäre dem Temptations-Hit „Psychedelic Shack“ dank der offensiven Forderung „Count sheep/drink whiskey/smoke weed“ eine James-Brown-Bridge implementiert worden, den Weg für alles Kommende, während das getragenere „Celebrate Tonight“ – das Reminiszenzen an Prince und Lenny Kravitz einerseits, die großartigen Marvin-Gaye-beeinflussten Charles & Eddie andererseits weckt – eine Vorahnung davon entstehen lässt, was den Charme der Stone’schen Platte hauptsächlich ausmachen wird: eine Wärme, die die Mundwinkel selbst des größten Griesgrams zwingend nach oben zieht. Allen Stone ist damit ein derart glücklich machendes Album gelungen, wie zuletzt nur Beady Belle mit Cricklewood Broadway: vertraut und wohlig einhüllend wie eine Tasse Honigmilch zum Abend.

Mit „What I’ve Seen“ wagt sich Stone in düstere Gefilde vor und zeigt vor allem, dass er nicht nur Happy-Go-Lucky-Soul spricht, sondern auch harten Funk:

Ob Prince’ „Dear Mr. Man“ oder Isaac Hayes’ „Hercules“ um die Ecke schaut, mag Ansichtssache sein; Fakt ist, dass dieser Track mit seinem Bootsy-Collins-Bass, seinem vollen Bläsersatz, schrägen Chor und der omnipräsenten Orgel das Mutterschiff des Funk im George Clinton’schen Sinne nach langer Zeit wieder einmal auf unserem Planeten landen lässt. Da kann sich Stone mit „Say So“ dann auch wieder eine motowneske Uptempo-Nummer im Stile von Lenkas „Two“ erlauben; und auch der Gegenentwurf, die große Sechsachtel-Ballade „The Wind“, die meiner Meinung nach der absolute Schwachpunkt des Albums ist, wird da verzeihlich. Vor allem, da ihr auf dem Fuße das Highlight von Allen Stone folgt: „Satisfaction“, das zwar mit dem gleichnamigen Rolling-Stones-Song (ha, schon wieder dieser Name!) bis auf seine ungeheure Energie nichts gemein hat, sich dafür aber von der trockenen Funk-Nummer dank vollen E-Gitarren- und Schlagzeug-Einsatzes zum wilden Headbanger entwickelt, um im freiflottierenden Finale völlig abzudrehen.

Als wäre das nicht schon genug, gibt es hier auch noch eine Ilse-Werner-Gedächtniseinlage im Kunstpfeifen. Grandios! Ebenso funky und spielfreudig kommt „Nothing To Prove“ daher, das in ein gigantisches Funksouldurcheinander ausartet und einmal mehr beweist, wie genial die Band von Allen Stone eigentlich ist.

Genial ist auch „Contact High“, eine klassische Nummer im Stile von Otis Reddings „Sitting On The Dock Of The Bay“, deren Inhalt – Stones schon angesprochener Kampf mit der Omipräsenz sozialer Netzwerke in seinem Leben – umso zeitgemäßer ist. Der Gesang wiederum erinnert hier an den jungen Jamiroquai, dem seinerseits nachgesagt wird, wie Stevie Wonder zu klingen.

So schließt sich der Referenz-Kreis, wobei ich persönlich finde, dass Allen Stone mehr noch als nach einem verschollenen Stevie-Wonder-Album klingt wie das dritte, nie herausgebrachte Album des amerikanischen Retro-Soul-Duos Charles & Eddie, das wiederum die Sechzigerjahrekombo Sam & Dave zum Vorbild hatte. Bevor man sich jetzt aber völlig in Sub- und Quer-Referenzen verliert, sei festgehalten, was ihnen allen mit Stone gemein ist: der ausgesprochen sanfte Ansatz.

Allen Stone ist, wie seine Idole, kein Shouter, sondern ein Mann der leisen Töne. Als solcher schließt er sein klassisches Zehn-Track-Album mit „Your Eyes“, das ich als „Mädchennummer“ der Scheibe bezeichnen möchte, und „Unaware“ auch extrasanft ab, wobei der Closer mit seinem Monsterbass und einem falsettierenden Stone einmal mehr an Prince erinnert und so die Referenzkette auch um die Achtziger- und Neunzigerjahre ergänzt.

Das macht Allen Stone zu einem Stück Soulgeschichte, tief verwurzelt in den Sechzigern, respektvoll gegenüber den folgenden Jahrzehnten, dank seiner Texte aber dennoch sehr von dieser Welt und aus dieser Zeit. Unabgehoben, authentisch, sympathisch. Er ist eben ein Phänomen, dieser Allen Stone, den man gar nicht anders kann als ins Herz zu schließen.

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